Montag, 25. Juni 2012
Frauenlos
Umfang 18 Druckseiten. Einige Stücke sind in meinem Stockraus von 2009 enthalten. Das Auftaktstück findet sich zudem fast wortgleich schon in meinem Bott-Buch, Kapitel VII, Abschnitt 7.


Stefan Zweig + Grüne Bananen + Gestern nacht ließ ich dich sterben (Zweig II) + London + Mackay + Ein Fahrrad für alle Fälle + Die Häßliche (Ernst Wiechert) + Löwinnen + Schürzenjagd + Das kleine Feuer (Untergrundkämpfer-innen)



Stefan Zweig

Bei der Lektüre von Stefan Zweigs Lebensrückblick Die Welt von gestern, erschienen 1942, muß man zu dem Eindruck kommen, Frauen hätten im Leben dieses berühmten Schriftstellers kaum eine Rolle gespielt. Bis Seite 330 (der Fischer-Taschenbuch-Ausgabe von 1970) ist es sogar so gut wie frauenlos. Dann verblüfft uns der Autor durch einige völlig unvermittelte Erwähnungen, die ihn als Gatten und Familienvater erscheinen lassen. So kommt „meine Frau“ ausgerechnet zum zweiten Mal in einer Passage vor, in der sich der Autor der Kunst des Weglas-sens widmet (367). Auf Seite 442 erwähnt er gar „meine Familie“, die an der Salzburger Villa als ihrer Heimat hänge, womit er wohl seine beiden Stieftöchter einbezieht. Auf einer der letzten Seiten schließlich (491) erfahren wir von Zweigs Absicht, „eine zweite Ehe zu schließen“ – nachdem er von der ersten nichts verlauten ließ.

Das ist alles. Beider Frauen Namen bleiben ungenannt. Ob ihm diese Frauen gar etwas bedeuteten, vielleicht mehr als nur Beiwerk oder Zutat, können wir lediglich mutmaßen. Ich finde, für einen Lebensrückblick ist das ein ziemlich starkes Stück. Die Unterschlagung gewinnt durch zwei Aspekte noch an Gewicht. Zum einen sind die Frauen in Zweigs Erzählungen oft das Schwungrad oder der Pferdefuß des Ganzen. Dort spielen sie durchaus eine bedeutende Rolle. Zweig verstand es auch, sich in sie einzufühlen; er litt mit ihnen und kannte ihren Stolz. Zum anderen preist er in seinem Lebensrückblick, den er von allen Frauengeschichten sauber hält, über etliche Seiten hinweg die um 1900 eingeleitete Emanzipation der Frau. Er schildert die Lockerungen im patriarchalen Sittenkäfig farbig und geradezu mitreißend. Graue Theorie! Wann immer er von einem Umschwung in seinem Leben berichtet, lesen wir „Ich entschloß mich“ – oder derglei-chen – zu dem und dem. Erörterungen, die dem vielleicht vorausgegangen wären, kommen nicht vor. Frauen hatten auf seine Entscheidungen offenbar nie einen Einfluß.

„Aber so wollte die Gesellschaft von damals das junge Mädchen, töricht und unbelehrt, wohlerzogen und ahnungslos, neugierig und schamhaft, unsicher und unpraktisch, und durch diese lebensfremde Erziehung von vornherein bestimmt, in der Ehe dann willenlos vom Manne geformt und geführt zu werden ...“

So Stefan Zweig auf Seite 99. Übrigens starb er im Erschei-nungsjahr des Buches, das er in seinem brasilianischen Exil vollendet hatte, durch Selbstmord – „gefolgt“ von Charlotte Altmann, wie die Nachschlagewerke meistens formeln. Das war jene angekündigte zweite Ehefrau, die 26 Jahre jünger war als Zweig. Damit behielt er die Führung bis zuletzt.


Grüne Bananen

Über meine Ehefrau C. nachdenkend, kann ich mir auf meine Unbestechlichkeit nicht mehr so viel einbilden wie vorher. Und das mir Maoist! Ich hatte C. um 1970 in Westberlin kennengelernt, wo sie eine Fachschule besuchte. Wie sich herausstellte, war sie just in Bochum in proletarischem Elternhause aufgewachsen. Dort wirkte ich neuerdings im „Zentralbüro“ der maoistischen Sekte mit. Diesen Zufall hielten wir selbstverständlich für Fügung. Doch wie nun über Todesstreifen hinweg Stelldicheins organisieren?

Günstigerweise gehörte C. unserem jungen Westberliner „Landesverband“ an, der bitter meiner Unterstützung oder Überwachung bedurfte. Immerhin war ich der oberste Org-Leiter des Vereins. So nutzte ich die von der antikommunistischen Regierung Brandt subventionierte Fluglinie Düsseldorf/Berlin-Tempelhof aus und fiel C. fast alle zwei Wochen von der Gangway aus in die Arme. Die Tickets zahlte „die Partei“. Ohne meine libidinösen Inspektionsbegehren wäre ich sicherlich nur halb so oft geflogen – wie sich nach einigen Monaten zeigte, nachdem meine Geliebte ins Ruhrgebiet umgezogen war.

Vielleicht empfinden Sie es als zu hart, wenn ich Brandt einen „Antikommunisten“ nenne. Er wird ja noch heute ähnlich wie Kennedy als Engelsgestalt gehandelt; diese kriegt nie Berufsverbot. Sagen wir also, er war proamerikanisch eingestellt, wie schon seine Vorgänger Erhard und Kiesinger. Auf seiner ersten Pressekonferenz als Kanzler am 29. November 1969 vom Korrespondenten der New York Times gefragt, ob er sich zum Massaker in My Lai/Vietnam – das gerade bekannt geworden war – äußern wolle, antwortete er: „Nein.“ Aufmerksame LeserInnen von Tim Weiners CIA-Geschichte (2007) wird diese „Solidarität“ (Gerhard Schröder) mit den Hütern des Weltfriedens freilich nicht verblüffen. Auf Seite 400 der deutschen Ausgabe (2008) behauptet Kenner Weiner, zu den vielen europäischen Empfängern von CIA-Knete hätte damals auch Brandt gezählt. Der Löwenanteil von mindestens 65 Millionen Kalter-Kriegs-Dollars ging nach Italien, wo sich die „freien“ Wahlen überschlugen.

Das soll nicht heißen, schon Brandt sei aus selbstloser Bündnistreue Gast diverser gutgeschmierter Zipfelkon-ferenzen gewesen, wie später die Mannen um Schröders Gewerkschaftsbosse auf ihren vielen Betriebsausflügen. Kürzlich las ich von einem taz-Ei aus ca. 1988. Das Trio Höge-Vogel-Droste hatte zum Internationalen Frauentag eine um ein Bild von Monke gerankte bunte Seite entworfen; es zeigte „eine große Möse“, in der eine Chiquita-Banane steckte. Etliche tazlerinnen liefen Sturm und brachten es auf drei Tage Streik. Und der Geschichte Doppelmoral? Klaus Theuerkauf: „Zur gleichen Zeit wurde eine Kurzgeschichte unsrer Freundin Anette Berr, in der sie mit einer Gurke masturbiert, als Frauenkunst gefeiert.“ Welche Welten trennen doch Grün und Gelb!

Eine ähnlich hübsche Geschichte trug sich rund 15 Jahre später in einer anarchistischen Kommune zu. Bei ihr bewarb sich ein Mann, dem woanders Kindesmißbrauch vorgeworfen worden war. Er schilderte die Angelegenheit und betonte, er habe ein reines Gewissen. Die Kommune fand in der Tat, es sei nichts daran, und nahm ihn auf. Sie vertraute ihm. Nach Jahren gedeihlichen Zusammenlebens (mit Kindern) bewarb sich eine Frau. Während ihrer Probezeit grub sie – ob aus Gerüchten oder den Akten – jenen Vorwurf des Kindesmißbrauchs aus. Sie war schockiert und erklärte, mit diesem Mann könne sie nicht unter einem Dach leben. Sie sei nämlich in ihrer Kindheit selber von ihrem Vater mißbraucht worden. Da der Genosse seine Unbescholtenheit nicht nachweisen könne, fehle die Vertrauensbasis. Der Genosse erschrak – und erlaubte sich nach einigen vergeblichen Schlichtungs-versuchen Dritter die Frage, ob die Genossin ihrerseits jenen Mißbrauch durch ihren Vater beweisen könne. Sie war empört! Etliche andere Frauen aus der Kommune waren ebenfalls empört. Wie er dazu käme, dem Opfer eines schändlichen Mißbrauchs nicht zu glauben!

Man könnte einwenden, Doppelmoral sei nur menschlich, weil sie bereits in der paarweisen Anlage unserer Füße, Lungenflügel, Ohrläppchen, Gehirnhälften und so weiter vorgezeichnet sei. Das ist richtig. Für Erich Kästner verknüpfte sie sich 1945 im Zillertal sogar unmittelbar mit den Händen. Wie er beobachtete, vermieden die einge-rückten US-Besatzungssoldaten konsequent „shakehands“ mit dem einheimischen Braunvolk, selbst wenn sie selber Schwarze waren. Dagegen hatten sie keine Bedenken, mit dem einen oder anderen blonden tiroler Mädel ins Heu zu gehen.


Gestern nacht ließ ich dich sterben

Unter diesem Titel schrieb und sang ich um 1980 ein Lied für Trotz & Träume. Auch der Sänger träumte: er empfange die Hiobsbotschaft vom Tod seiner Geliebten, wälze sich darauf in Verzweiflung und wanke schließlich wie ein Wrack, freilich ein gut sichtbar beflaggtes, durch die Straßen seines Kiezes. Jetzt konnten alle sehen, wie viel sie ihm bedeudet hatte.

Wie wenig originell das Hauptmotiv des Liedes war, wurde mir erst einige Jahre später klar, als ich es in Stefan Zweigs Geschichte in der Dämmerung wiederfand. Allerdings gibt es einen Unterschied in der Rollenverteilung. Bei Zweig opfert sich die männliche Seite selber. Es ist ein 15jähriger Knabe, der sich auf seinem Krankenlager in einem schottischen Schloß an der Vorstellung weidet, die von ihm Verehrte, Unerreichbare fände ihn eines schönen Tages zerschmettert am Fuße des Schloßturms wieder. „Und er sieht, wie sie niederbricht mit einem Schrei; er hört diesen gellenden Schrei in seinen Ohren, sieht dann ihre Verzweiflung, ihren Kummer, sieht sie ein ganzes verstörtes Leben lang in schwarzem Kleid düster und ernst gehen, ein leises Zucken um die Lippen, wenn die Leute sie fragen nach ihrem Schmerz.“

Um einem Mißverständnis vorzubeugen: in beiden Fällen kann es sich schwerlich um den Racheakt eines Verschmähten gehandelt haben. Der Knabe blickte bereits auf drei nächtliche wollüstige Stelldicheins mit dem Objekt seiner Begierde zurück, ehe ihn ein Beinbruch lahmlegte. Und was mich betrifft, ließ mich die Adressatin des Liedes keineswegs darben. Die Möglichkeit, ich hätte sie im Traum für eine Verweigerung mit dem Tod bestraft, kann wohl ausgeschlossen werden. Doch in beiden Fällen ist sicherlich Erpressung im Spiel. Dabei mag es sich in meinem Fall „lediglich“ um Egoismus und die verbreitete Sehnsucht gehandelt haben, die Dinge (Beziehungen) zu vereinfachen. Eine tote Geliebte kann mir nicht mehr weglaufen. Als Leiche habe ich sie ganz. Ihr Tod befreit mich von der zermürbenden Halbherzigkeit meiner angeblichen Hingabe. Ich lebte nämlich keineswegs monogam – D. allerdings auch nicht. Mit dieser heillosen Verworrenheit, die jede feurige und einsatzreiche Liebesbeziehung mit sich bringt, hat es jetzt ein Ende. Jetzt stelle ich einen einzigartigen Trauerfall dar.

Was den Knaben aus dem Schloß angeht, tischt uns Zweig nicht mehr als eine magere Erklärung aus dem Dunstkreis des ritterlichen Heldentodes auf. Der Gedanke, um der geliebten Margot willen den Schmerz erlitten zu haben, hätte ihm „ein sehr romantisches und fast überschweng-liches Selbstgefühl“ verliehen. Zweig bezieht das zunächst auf des Knaben Beinbruch, gleitet dann aber in den hier behandelten Opfertod aus des Knaben Tagträumen. Dessen geheimnisvolle Geliebte war bei der dritten Begegnung ins Schloß entwichen. Ein Fenster leuchtet auf. Um Klarheit zu bekommen, klettert der Knabe auf einen unweit des Fensters stehenden Baum, stürzt aber vorzeitig ab, weil ein Ast bricht. Ich vermute stark, sein Opfertod im Tagtraum ist ein Versuch, die Geliebte an sich zu binden. Jetzt muß sie die unermeßliche Liebe des Selbstmörders zur Kenntnis nehmen. Ein Leben lang wird sie sich nun mit ihm beschäftigen müssen, durch ihren Schmerz – an dem womöglich Schuldgefühl beteiligt ist. Hätten wir damit nicht alle wesentlichen grausamen und eigensüch-tigen Züge der weltweit beliebten Veranstaltung Liebe versammelt?

Etwas fehlt noch. Im Grunde wird Zweigs Erzählung erst interessant durch eine originelle heikle Verwechslung, wie sie sonst eher von Lustspielen erwartet wird. Die Geliebte aus den wollüstigen Begegnungen im nächtlichen Schloßpark hat zunächst keinen Namen. Sie kommt stumm über den Knaben. Er befindet sich gleichsam im Auge des Taifuns und kann die geheimnisvolle Beglückerin nicht identifizieren. Doch hat er bei der zweiten Begegnung den Geistesblitz, ein an ihrem Handgelenk baumelndes markantes Medaillon an seinen Arm zu pressen, sodaß er einen Abdruck davon zurückbehält. Am Tage nun späht er bei Tische an den Schloßdamen nach diesem Schmuck-stück aus. Da ist es! Es baumelt an Margots Handgelenk. Endlich hat seine große Liebe einen Namen. Als er jedoch in der dritten Nacht – wie erwartet unter den dunklen Bäumen wieder heiß von seiner Fee umarmt – inbrünstig diesen Namen Margot! ausstößt, fährt es wie ein Schlag durch ihren Körper. Sie entzieht sich ihm und flieht.

Macht er am Tage Annäherungsversuche, reagiert Margot kühl oder gar zurechtweisend. Margots Schwester Elisabeth scheint sein Werben mit Kummer zu verfolgen. Am Krankenlager des Knaben klärt sich das „ungeheuer-liche Mißverständnis“ schließlich auf. Das Medaillon baumelt auch am Handgelenk der scheuen Elisabeth. Ein Onkel schenkte es beiden Schwestern in Duplikaten. Des Knaben Beglückerin und Verehrerin ist in Wahrheit Elisabeth gewesen. Jetzt stellt die Ärmste traurig und bitter fest: „Du liebst ja doch nur Margot!“ Und so ist es. Zu tief habe sich ihm in Verbindung mit dem sinnlichen Bündel, das nächtens über ihn kam, der Name Margot ins Gedächtnis eingebrannt, schreibt Zweig. So nimmt der Knabe das Bild Margots als die große Liebe seines Lebens mit, denn er reist bald ab. Sie erfüllt ihn jetzt – obwohl nur als Schimäre. Die kühle Margot hat er ja niemals auch nur mit dem kleinen Finger berührt.

Damit führt uns der Autor – ob mit Absicht oder nicht – ohne Zweifel die enorme Rolle der menschlichen Einbil-dungskraft vor Augen. Doch was er sonst noch sagt, bleibt kraus. Er versichert uns am Ende, für den Rest seines Lebens habe sich der Knabe in Entsagung geübt. Zu heftig sei jenes frühe Erlebnis in ihm lebendig geblieben, um je wieder zu welken. „Er ist einer jener Menschen geworden, die kein Verhältnis mehr zur Liebe und zu den Frauen finden können; denn ihn, der in einer Sekunde seines Lebens beide Empfindungen, die der Liebe und des Geliebtwerdens, so voll vereinigt hatte, drängte keine Sehnsucht mehr, zu suchen, was ihm so früh schon in seine zitternden ängstlich nachgebenden Knabenhände gefallen war ...“

Das riecht nicht nur nach patriarchaler Grammatik (Menschen=Männer). Vielmehr sucht uns Küchenlogiker Zweig eine schlechte Ernte durch einen wundervollen Sommer zu erklären, in dem es weder an Regen noch an Sonne mangelte. Mit dieser Doppelung oder Spaltung hätten wir auch schon die nächste Ungereimtheit. Regen (die Liebe zu Margot) und Sonne (das Geliebtsein durch Elisabeth) waren ja für den Knaben, ganz im Gegensatz zu Zweigs Behauptung, keineswegs „vereinigt“; vielmehr verließ der Knabe das Schloß mit allen Chancen auf eine Frühinvalidenrente wegen Schizophrenie.

Aber ich gehe noch weit über den romantischen Ritter Zweig hinaus. Der Knabe hatte die Frauen, zu denen er nie mehr ein Verhältnis finden konnte, selbstverständlich als absolut austauschbar erfahren. Ob wir Feuerwerken diesen Namen oder jenen Namen geben, sie sind Hitze, Schall und Rauch. Dafür jedoch waren dem Knaben – ein über viele Länder reisender „korrekter stiller Engländer“ ist er geworden – die Frauen künftig zu schade.


London

Mein einziger Besuch auf der britischen Insel fand in einem Winter der frühen 70er Jahre statt. Damals streikten dort ein paar tausend Bergarbeiter. Da ich mit der Tochter eines echten Ruhrpottkumpels zusammen-lebte, lag es nahe, mich zu schicken. Außerdem war ich nicht irgendwer. Ich kam als hoher Gesandter der KPD/ML (Rote Fahne), an die sich heute vermutlich noch nicht einmal der Verfassungsschutz erinnern kann. Ich sollte den streikenden miners eine Grußadresse des westdeutschen Proletariats überbringen und unmittelbare Eindrücke von ihrem großartigen Kampf sammeln, die dann meine Genossen Gerd G. und Richard C. für die Parteipresse aufbereiten würden. Sie waren die Polit- und Agitprop-Leiter des Vereins, während ich, wie schon erwähnt, das Amt des Org-Leiters bekleidete.

Auf der besagten Reise begleitete mich eine Bochumer Studentin, die ich einmal Irene nennen will. Sie reiste als Dolmetscherin mit, da ich nur mangelhaft Englisch sprach. Irene arbeitete im Archiv des „Zentralbüros“. Damit stand sie natürlich weit unter mir. Ob ich ihr aber deshalb in einem fort mit mürrischer Rechthaberei zusetzte? Einer, der sich im Einklang mit seiner hohen Position befunden hätte, hätte das wohl kaum nötig gehabt. Vielleicht spürte ich bereits meine Überforderung, die ich mir erst Monate später eingestand. Meister im Phrasendreschen und Bleistiftanspitzen zu sein, prädestiniert einen Mann noch nicht unbedingt zum Org-Leiter. Vielleicht setzte mir Irene durch ihre doppelte Eigenschaft zu, Intelektuelle und Frau zu sein. Dabei war sie nur ehrenamtlich im ZB tätig! Mehr als drei Berufsrevolutionäre konnte sich unsere Partei nicht leisten.

Man glaube aber nicht, wir hätten auf Kosten des Fußvolks – das ja ohnehin nur schütter vorhanden war – in Saus und Braus gelebt wie die Joschka Fischers oder Oskar Lafontaines. Die Askese durchzieht mein Leben. In einem heruntergekommenen Geschäftshaus, das unweit des Bochumer Hauptbahnhofs in der Bongardstraße lag, hatten wir eine düstere Zimmerflucht im 1. Stock angemietet. Unser Mobiliar stammte vom Sperrmüll. Das einzige, was in diesen schäbigen Zimmern und dem tunnelartigen Flur leuchtete, waren die Stalin- und Maoplakate. An so etwas wie feste Gehälter oder auch nur Taschengelder war im ZB nicht zu denken. Herrschte in der Parteikasse absolute Ebbe, pflegte ich meine Mittags-pause einzuleiten, indem ich mir zwei oder drei Exemplare der jüngsten Ausgabe unseres Theoretischen Organs Bolschewik unter den Arm klemmte. Hatte ich auf der Bongard- oder Kortumstraße glücklich eins davon an den Mann oder an eine barmherzige Rentnerin gebracht, war ich um stolze vier Mark reicher. Die setzte ich in der Im-bißstube am Nordring in Bratwurst und Kartoffelsalat um.

In London wurden wir von Genossen unserer „Bruder-partei“ verköstigt und beherbergt. Sie begleiteten mich und Irene auch beim Ausflug in den Raum Birmingham/Man-chester, wo die miners ihre picketing-lines (Streikposten-ketten) aufgezogen hatten. Natürlich handelte es sich um einen Kampf für mehr Möpse und sichere Arbeitsplätze – wenn schon Ausbeutung, dann bitte mit Garantie. Von Umsturz wollten die Jungs nichts wissen. Das focht freilich die Bruderpartei und den Genossen Vorsitzenden Reg Birch nicht an. Sie lasen das Umsturzbegehren der Massen kurzerhand aus den Kaffeetassen der fröstelnden Streikposten.

Wie sich versteht, nutzte ich meine Anwesenheit in London dazu, ein „herzliches“ Gespräch mit dem Genossen Vorsitzenden zu führen. Irene übersetzte. Aber was? Daran kann ich mich so wenig erinnern wie an die Erscheinung und das Auftreten Reg Birchs, der damals zwischen 50 und 60 gewesen sein dürfte. Noch nicht einmal das Zimmer, in dem wir die üblichen Phrasen austauschten, bekomme ich in meinen Blick. Vielleicht ist das kein Wunder, denn wie mir erheblich später dämmerte, geht es unter Fanatikern nie um das Anwesende. Ob Birch noch lebt? Ob er möglicherweise darüber staunt, daß sich am 15. Februar 2003 rund anderthalb Millionen Menschen in London gegen den Krieg versammelten, ohne so etwas wie eine Parteilinie vorweisen zu können? Blairs blood – not oil!

Im Gegensatz zum Ort des herzlichen Meinungsaus-tausches zwischen den Genossen Reg Birch und Henner Stahl – so mein zärtlicher Deckname – steht mir das winzige Hinterhofzimmer, in dem Irene und ich nächtigen durften oder mußten, noch sehr genau vor Augen. Das einzige Fenster war quergeteilt. Um es zu öffnen, mußte man die obere Hälfte über die untere schieben. Es war ewig nicht geputzt worden. Das einzige Bett – immerhin 1,40 breit – war von gestapelten Kartons umzingelt, die Unmengen von Zeitungen, Flugblättern, Broschüren dergleichen enthielten. Von der Zimmerdecke baumelte eine 40-Watt-Glühbirne. Mühsam entkleidet, rollten wir uns jeweils in eine muffige Wolldecke ein und kehrten einander die Rücken zu. Von all den Strapazen unserer grotesken Mission erschöpft, fielen wir auch alsbald in Schlaf.

Doch man hat es womöglich schon geahnt: mitten in der Nacht erwachten wir – gleichsam wie auf ein Kommando. Vermutlich war das Kommando aus unseren zuckenden Fortpflanzungsmuskeln gekommen. Wir fielen überein-ander her. Es war ein durchaus eindrucksvolles Erlebnis – zumal wir am nächsten Morgen und auch später noch so taten, als habe es nie stattgefunden. Man kennt ja Leute, die verfahren mit ihrer gesamten linksradikalen Vergangenheit so.


Mackay

Verstreute Bemerkungen machten mich auf John Henry Mackays Buch Die Anarchisten von 1891 neugierig. Welches böse Erwachen, als ich an Weihnachten die ersten Seiten las! Dieses furchtbar geschriebene Buch gibt sich als Roman, wird aber von seinem Autor als Kulturgemälde bezeichnet. In Wahrheit geht ihm alles Bildhafte ab. Es ist ein drittklassiger Meinungsmarkt. In endlosen Gesprächen oder Vorträgen seiner angeblichen Protagonisten versucht Mackay, den von ihm bevorzugten „individualistischen“ vom „kommunistischen“ Anarchismus abzugrenzen. Die Weitschweifigkeit dieser Unternehmung fördert er nach Kräften durch viel zu lange und verschachtelte Sätze. Dramaturgische Fertigkeiten wurden dem Gymnasiasten, Verlagsbuchhändler, Philosophiestudenten Mackay noch nicht einmal ansatzweise mitgegeben. So bringt er die Biografien seiner beiden Hauptfiguren Auban und Trupp, statt sie zu streuen, auf der Hälfte des Werkes in zwei Blöcken, die wie ein typisch deutscher Dezember auf unser Gemüt drücken. Anflüge von Komik sind seltener als Hornissen in der Antarktis. Bei einer Demonstration durch London, bei der die Erwerbslosen mehr gegähnt als geschrien haben dürften, schwingt sich Mackay zu einem kleinen, krampfhaften Scherz auf: durch einen Faustschlag von hinten her wird einem stutzerhaften Schmäher der Zylinder über Augen und Ohren getrieben. Das Gefühls-leben seiner Helden beläuft sich auf sozialpolitische Leidenschaften. Die Liebe kommt bestenfalls als Fußnote vor. So wird eine kurzzeitige Ehe Aubans mit einer Frau erwähnt, die ihm wegstarb. Laut Auskunft der Lexika soll Mackay allerdings pädophile Neigungen besessen und darüber später auch noch kämpferisch geschrieben haben. Sein Vater starb bereits ein Jahr nach Mackays Geburt. Man darf vermuten, der Sohn war recht gebeutelt. In den Gemütszustand der Verlage, die sich durch einen Nachdruck von Mackays Werk empfahlen, versetze ich mich lieber nicht. Es waren schon mehrere, zuletzt der Forum Verlag Leipzig.

Wir erleben Mackays Helden im Alter zwischen 20 und 30. Wie kann er da die Liebe aussparen? In dieser Lebens-phase stellte für mich ein jeder Tag ohne Geliebte einen verlorenen Tag dar. Hätte ich es nicht gerade hinge-schrieben, würde ich es selber nicht glauben. Wie kann man so fanatisch um das andere Geschlecht kreisen (falls man nicht schwul ist)? Jetzt sitze ich schon seit über 10 Jahren auf dem Trockenen und habe mich immer noch nicht umgebracht. Noch einmal 10 Jahre, und meine Haut ist trockener als das Papier, auf dem meine Bücher gedruckt werden. In der sinnlichen Berührung liege ein Trost, bemerkt F. G. Jünger in seinem nachgelassenen Roman Heinrich March fast erschöpfend. Die besten Bücher und Sätze können ihn nicht bieten. Vor rund fünf Jahren mußte ich aus diskursiven Gründen auf eine bestimmte Frau verzichten, die mich sehr anzog: eine begnadete Sängerin, aber leider auch eine überzeugte Anthroposophin. Kürzlich durfte ich mich noch einmal geschmeichelt fühlen, als ich spürte, daß eine neue Kommunardin aus der Puppenfabrik ein Auge auf mich geworfen hatte. Über das Wesen dieser Frau Mitte 30 könnte ich mich nur rühmend äußern – nur bringt sie mich leider nicht in Wallung. Als ich mir das eingestand, war ich zerknirscht und beschimpfte mich und verfluchte den uralten Dualismus Leib/Seele.

Was muß das in einem Menschen anrichten, wenn er schon über 10 Jahre lang keinen körperlichen Kontakt mehr zu seinen Mitmenschen hat, Kinder eingeschlossen? Muß er nicht verhärten? Gut – man hat das Kissen, das auch mein Bekannter Roland bei seinem Herzanfall knüllte; man fährt mit der Hand über ein gehobeltes Kiefernbrett; schreitet tüchtig aus; formt mit Zwerchfell und Lippen den Querflötenton; trinkt Sonne oder Schnee mit manchen Poren ... Ergo lebt man keineswegs rein geistig. Aber die entscheidende Strahlung fehlt. Sollte es die altmodische Herzenswärme sein? Die Nacktscanner, die sie jetzt an den Flughäfen aufstellen wollen, werden es uns nicht verraten. Stückpreis 150.000 Dollar. Nichts ist zu teuer, wenn es den Prozeß unserer Entwürdigung und Entrechtung sicherer zu machen gilt. Die Herzenswärme findet sich dann auf Seiten der HerstellerInnen wieder. Die ansteigende rote Kurve ihrer Gewinnerwartung durch-blutet ihr Herz gut wie nie.

Allein die Tatsache, daß man als heterosexueller Mann gemeinhin nicht von anderen Männern angezogen wird, ist ein Grund, die Welt als verfehlte Einrichtung abzulehnen. Was dadurch an potentiellen Strahlungsquellen wegfällt! Mit der Vernunft ist es gar nicht zu begreifen, einen Mann, mit dem ich mich gut verstehe, nicht auch umarmen zu wollen. Aber man will nicht. Es wäre mir inzwischen sogar fast zuwider. Das war in meiner Kommunezeit anders – doch diese zärtlichen Gesten blieben stets oberflächlich und unverbindlich. Entsprechend verkamen sie bald zum Automatismus. Noch anders war es einmal in Westberlin um 1980 gewesen. In einem Kreuzberger Hallenbad, wo ich regelmäßig zu duschen pflegte, erwärmte sich ein nackter Mann für mich, der offensichtlich ähnlich klug wie wohlgestaltet war. G. hielt sich als Übersetzer von englischen Krimis über Wasser. Ich ging mit ihm nach Hause. Ich hatte keine Schwierigkeiten, seinen sinnlichen Mund zu küssen und mich an seinen kräftigen Brustkorb zu schmiegen. Doch meine Leidenschaft entfachen zu lassen, blieb mir verwehrt. Ich tat zunächst als ob, denn „schwule Sachen machen“ gehörte damals in unseren Spontikreisen zum guten Ton. Dann ließen wir unsere Beziehung binnen weniger Wochen einschlafen. Vorwürfe wurden nicht ausgeteilt.


Ein Fahrrad für alle Fälle

Die ächtungswürdige Formel von den Männern der Feder hat Zuwachs bekommen. Nun haben wir auch die Formel von den Männern in Uniform, also von denen an den Gewehren, zu meiden, dürfen sich doch unsere „Streit-kräfte“ seit Oktober 2000 ganz grundgesetzlich auch mit Soldatinnen stärken. Wie die interessante Webseite soldatenglück.de schon im Juli 2008 mit Hilfe einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr (dem natürlich blind vertraut werden kann) zu verkünden weiß, werde durch die wachsende Zahl von Frauen als Soldatinnen in den Streitkräften „die Akzeptanz der Bundeswehr in der Gesellschaft gefördert“. Ja, darin dürfte auch der Zweck der grundgesetzändernden Übung gelegen haben.

Allerding scheint die Sache mit der Gleichberechtigung ein zweischneidiges Schwert zu sein, um in der Fachsprache zu bleiben. In den einen Fällen wird sie brutal eingeführt, in anderen dagegen nicht minder brutal verweigert. Moritz wäre neulich aufgrund eines solchen Boykotts um ein Haar um eine neue Uhr gebracht worden. Er betrat in dem Nest, in dem seine Kommune lebt, das einzige Schmuckgeschäft und erkundigte sich nach der billigsten nichtdigitalen Armbanduhr. Während die Inhaberin Moritz' gezielter Frage und seiner etwas schmucklosen Kleidung nachhing, suchte sie an einem Drehständer eine Herrenuhr für 18 Euro heraus. „Und was ist mit dieser da?“ wies Moritz auf eine Uhr, an der nur 13 Euro stand. „Das ist eine Damenarmbanduhr“, erklärte ihm die Inhaberin wie einem Siebenschläfer, der kaum die Nacht vom Tag unterscheiden kann. „Macht nichts“, sagte Moritz, „die nehme ich!“ – „Aber meinen Sie nicht, es wäre etwas unpassend?“ – „Nein. Ich trage sie ohnehin nie am Arm. Am liebsten hätte ich eine unsichtbare Uhr.“ – „Ah-ja“, erwiderte sie, „ganz wie Sie wünschen.“

Sie kassierte und ärgerte sich noch abends vorm Spiegel, als sie nach ihren Kontaktlinsen fischte, über die 5 Euro große Umsatzeinbuße. Hätte Moritz einen Regenschirm, ein Fahrrad oder Jeanshosen verlangt, wäre er wahr-scheinlich nicht angeeckt. Da herrscht schon beinahe Freizügigkeit. In meiner Jugend (um 1960) kam es für einen Knaben nicht in Frage, sich auf einem Fahrrad „ohne Stange“, einem Damenrad also, blicken zu lassen. Es hätte Hohn und Schande gehagelt. In der Jugend des Walters-häuser Stadtchronisten Sigmar Löffler, vor dem Ersten Weltkrieg, wäre es nebenbei sogar peinlich gewesen, als Angehöriger des männlichen Geschlechts überhaupt eine Armbanduhr zu tragen – einerlei, ob eine dürre oder eine fette. Armbanduhren galten grundsätzlich als weibisch. Der wilhelminische Herr hatte auf seinem Bauch jene goldene Uhrkette vorzuweisen, an der in den Kolonien die farbigen Träger liefen. Er trug Taschenuhr.

Heute fährt vermutlich sogar ein hohes Tier wie Ex-Kriegsminister Rudolf Scharping ein stangenloses Kampffahrrad mit Teleskop-Federung und Autopilot für schlappe 2.000 Euro. Rechtzeitig vorgesorgt, wäre sein Urlaubssturz vom Rad, der vor einigen Jahren viel Staub aufwirbelte, sicherlich glimpflicher abgegangen. So aber taugte er nicht mehr zum Armeechef. Nun muß er sich von seiner zweiten Gattin Kristina Gräfin Pilati von Thassul zu Daxberg, geb. Paul, tyrannisieren lassen und darf nur hin und wieder noch „Public Private Partnership“ betreiben. Auch berät er das Beteiligungskapitalunternehmen Cerberus, das Firmen einkassiert, um mehr als 5 Euro Gewinn aus ihnen zu schlagen. Brockhaus meint, in der griechischen Mythologie sei Cerberus der Höllenhund. Er wedele jeden in die Unterwelt Eintretenden freundlich an, lasse aber niemanden mehr heraus gelangen. Er werde meist dreiköpfig und mit Schlangenschweif dargestellt. Der Zynismus unsrer Geschäftswelt und unsrer PolitikerInnen, die die Menschenrechte der albanischen Mafia verteidigen, ist zuweilen atemberaubend.

Das Geschlecht des Höllenhundes läßt die Abbildung im Brockhaus offen. Dagegen scheint mir bei der Geschlechts-zuweisung an die Waren in der postmodernen Marken-Mythologie reichlich viel Willkür zu herrschen. Die Damenuhr muß niedlicher als die Herrenuhr sein, obwohl wir mit der ersten Kanzlerin der germanischen Regie-rungsgeschichte Angela Merkel eine Dame am Ruder haben, die auf sämtlichen Weltmeeren nicht mehr lange fackelt, sobald sich im Nebel eine Bedrohung unserer Heimat abzeichnet. Eine Schwester im Geiste von Merkel heißt Tzipi Livni, wie ich im Kapitel „Palästina“ dieses Beitrags (vor der Mitte) zeige. Auch der Damenschuh darf sich um Himmels willen nicht allein durch seine Größe von einem Herrenschuh unterscheiden, denn in diesem Falle könnten die betreffenden Schuhfabriken zusammengelegt werden, wodurch auf einen Schlag viele Tausend bequeme Arbeitsplätze vernichtet wären.

Gott sei Dank liegen die Dinge im Autoverkehr gerechter. Ob Dame oder Herr, ein Porsche ist immer gleichgroß und gleichteuer – und der Mensch am Steuer immer gleich tot.


Die Häßliche

Zu den eindrucksvollsten Novellen Ernst Wiecherts zählt Die Häßliche. Bei wohlgeratenem Wuchs ist Agathe durch unschöne Gesichtszüge zum Mauerblümchen verurteilt worden. Sie wird Krankenschwester. Sie hat einen jungen, stattlichen Hauptmann zu pflegen, der erblindet von der Front ins Lazarett kam. Sein Vertrauen wird durch ihre Bestätigung bestärkt, es heiße in der Tat, sie habe ein schönes Gesicht. Das übrige von ihr spürt er ja. Jetzt fürchtet sie nur noch Enthüllung seitens Dritter. Schließ-lich kommt der Tag der Entlassung; sie geht mit in sein Haus und wird seine Geliebte. Sie leben zurückgezogen am Stadtrand – aber lusterfüllt.

Bis dem Hauptmann eine Operation empfohlen wird! Es bestünde Hoffnung, die Sehkraft zurück zu erlangen. Er entschließt sich dazu – und Agathe stürzt in Furcht und Schrecken. Er kehrt mit einer Augenbinde zurück, die im abgedunkelten Zimmer von Tag zu Tag verdünnt werden soll. Sie tauscht die Birne in der Stehlampe aus und schneidet das Gummiband der Augenbinde an. Unter dem Vorwand, es fester knüpfen zu wollen, läßt sie es zerreißen. Dadurch wird der Hauptmann von dem unzulässig grellen Lampenlicht geblendet. Ein Aufschrei, und er ist wieder blind. Statt Argwohn zu schöpfen, sucht er das Vergessen im Schoß seiner Geliebten. Deren Gewissen rast. Nach drei Tagen schreibt sie alles auf und verabschiedet sich von der Welt. Schon wieder ein Selbstmord.

Soweit ich mich erinnere, hat Wiechert Agathes Not über-zeugend gemalt, obwohl oder weil er hier auf das Pathos verzichtet, das sich oft bei ihm findet. Anders als bei Stefan Zweigs Brief einer Unbekannten wird unser Mitleid auch nicht durch die Unterwürfigkeit und Erniedrigung getrübt, die jene Namenlose einem renommierten Schriftsteller entgegenbringt, dem sie einmal eine Nacht versüßte. Agathe geht weder sentimental noch berechnend vor. Ihre Untat wird verständlich angesichts des Umstands, daß die willkürliche Aussaat von Schönheit und Häßlichkeit auf Erden durch nichts zu rechtfertigen ist.

Gleichwohl ist ihr Selbstmord konsequent. Schließlich trägt der Geliebte weder die Schuld an ihrer Benachteili-gung noch an ihrer Liebe zu ihm. Eher sind die „himm-lischen Mächte“ gewisser Anthroposophinnen schuld, aber an die kommt sie nicht ran.


Löwinnen

Der Löwe ist das Sternzeichen (23. Juli bis 23. August) starker Frauen, von denen drei meinen Lebensweg prägten: C. heiratete mich zu früh, D. setzte sich rechtzeitig wieder von mir ab, meine Mutter Hannelore hielt sich auch ohne Männer tapfer.

Löwinnen zeichnen sich vor allem durch Mut, Aufrich-tigkeit, Sinn für Komik und Mitgefühl für die Belange des Geliebten wie der Gesellschaft aus. Von diesen hervorra-genden Eigenschaften war so gut wie nichts mehr vorhan-den, wenn ich meine Mutter in ihren letzten Lebensjahren im Altenheim besuchte. Sie wurde 83. Sie war von einigen chronischen Krankheiten und zunehmender Altersdemenz zerrüttet. Sie hatte immer gern gelacht – jetzt blickte ich schon fast in ihre Totenmaske. Ein Leben lang umtriebig, hockte sie wie die Versteinerung ihrer stetig geschrumpf-ten Träume im Rollstuhl. Im Haus Rübezahl bei Kassel ein kleines Wohnheim für behinderte Menschen eröffnen zu dürfen, zählte zu diesen Träumen. Davon berichte ich anderswo. Vielleicht hätte sie sich glücklicher schätzen können, wenn ihr das Schicksal von Hanns Cibulkas Jugendliebe Eva widerfahren wäre. In seinem schmalen Buch Am Brückenwehr von 1994 geht der 75jährige Autor dieser Jugendliebe meisterhaft nach. Das Mädchen aus der Kleinstadt Jägerndorf am Fuße des Altvatergebirges will baden, obwohl die Schwarze Oppa bereits ein reißendes Hochwasser führt und Eva um die Tücken ihres Flusses weiß. Sie wurde nie wiedergesehen. Absichtserklärungen, ein Leichnam, Zeugen – nichts dergleichen. Cibulkas Jugendliebe bleibt schmerzlich offen.

Ähnlich ergeht es in einem Roman F. G. Jüngers Johanna, der späteren Gattin des Chemikers Heinrich March. Als verwöhntes Mädchen in ein Genfer Pensionat eingesperrt, wird sie von William aus London zu einer halbherzigen Entführung überredet. Der feurige Bursche fährt mit dem Zug schon voraus nach Genua. Doch Johanna schreckt in letzter Sekunde zurück und packt ihr Köfferchen wieder aus. Sie sieht ihn nie wieder. Ihre spätere Ehe mit Heinrich March gestaltet sich leider beträchtlich weniger tief als ihr kurzes Genfer Glück. Auch meine Mutter Hannelore hatte ihre unerfüllte Jugendliebe. Als 17jährige kam sie in den ersten Kriegsjahren auf ein Rittergut an der ostpreu-ßischen Rominte, um Hauswirtschaft zu erlernen. Fotos zeigten mir jede Menge fröhlicher junger Leute und Herden rassiger Trakehnerpferde. Ein Eleve (angehender Land- oder Forstwirt) warf ein Auge auf Hannelore, nahm sie sogar zur Entenjagd mit. Nur nicht mit in den Krieg; er fiel. Seine Mutter wurde von meiner Mutter noch besucht, als diese um 60 war und jene in Toronto/Kanada lebte. Wir haben hier eine befremdliche Anhänglichkeit, die meinen anderen Löwinnen nicht eignet. Am konsequen-testen verhält sich C., meine frühere Ehefrau. Als ich ihr neulich per Email an ihre Dienstadresse meine Idee mitteilte, alte maoistische Kampfgefährten nach ihren damaligen Motiven und ihrem anschließenden Werdegang zu befragen, gab sie keinen Mucks von sich.

Welches Glück, daß wir keine Kinder hatten! Im Zug nach Eisenach sitze ich neben einem jungen Paar mit zwei niedlichen Kindern. Alle vier wirken unbeschwert und erfreulich. Die Eltern sind kaum 20. Plötzlich kippt die Stimmung um. Als Anlaß dient eine Schelte der Mutter und der Einspruch des Vaters. Gift spritzt durchs Abteil. Man wagt die abgegriffenen Beschuldigungen kaum hinzuschreiben. „Du bist wie deine Mutter!“ – „Verpiß dich, ich kann dich nicht mehr sehen!“ Die zartgebaute Mädchenfrau erweist sich als echte Beißzange; sie biß auch immer ihre Lippe. Der Typ des Burschen tritt abends in Einkaufspassagen rudelweise auf. Schließlich wechselt die fauchende Mutter mit dem einen Kind die Waggons, während das andere heulend bei dem zerknirschten Pappi sitzen bleibt. Mir wird fast übel. Welches Diktat von unbewältigten Mitgiften und jähen Launen! Und das zur selben Stunde Millionen Male in Europa. Durchs Zug-fenster sehe ich die vierköpfige Familie in Wutha immer-hin ohne Platzwunden wieder auf dem Bahnsteig versam-melt. Mann und Frau stemmen sich mit zusammenge-preßten Lippen gegen je eine Kinderwagenlenkstange, um ihr Schicksal noch ein paar Monate, Jahre, Jahrzehnte vor sich herzuschieben. Den Kindern winken Gosse, Knast, Kommune.


Schürzenjagd

Um 1980 mit Trotz & Träume auf Tour, heimste ich meine größten Erfolge nicht als Sänger sondern als Schürzenjäger ein. Meine Mitstreiter verhehlten nicht ihre Bewunderung für meine Fähigkeit, durchschnittlich bei jedem zweiten Auftritt eine begehrenswerte junge Frau zu erobern. Es wurde geradezu zur Sucht. Wäre der Mahagoni-Hals meiner Gitarre nicht zu kostbar gewesen, hätte ich ihn am liebsten mit jenen Kerben versehen, die im Wilden Westen die Gewehrkolben zierten.

Offenbar hatte ich großen Nachholbedarf. In meiner frühen Jugend war ich eher verklemmt gewesen. Jetzt schmeichelten mir die Erfolge und hoben mit meinem primären Geschlechtsorgan mein Selbstwertgefühl. Allerdings hielt dieser Effekt nie lange an. Unruhe, Hader, sogar ein Gefühl der Leere rumorten in mir, obwohl ich doch so viel „Liebe“ in mich sog. Die entsprechenden Launen hatten dann wieder meine Mitstreiter oder andere Freunde auszubaden. Vielleicht war es zu einfach, wenn ich Jahre später in einem Rückgriff auf die marxistische Wertkritik das quantitative Denken für meinen unleid-lichen Zustand verantwortlich machte. Es ist ja in unsrer Epoche so verbreitet und alles beherrschend wie das Geld. Statt uns zu erfüllen, macht uns die Jagd nach dem Mehr maßlos. Der vom quantitativen Denken durchtränkte Mensch gleicht einem Faß ohne Boden. Erfüllung dagegen ist auf echten Widerstand angewiesen. Der aber ist eine Frage von Qualitäten. Sie können natürlich genauso in Mängeln wie in Vorzügen bestehen. Sich auf Personen mit ihren Eigenarten, Geschichten, Brüchen einzulassen, hätte mich wahrscheinlich überfordert. So dienten mir meine Geliebten in der Regel bloß als Durchgang. Sie waren eher Funktionen als Personen.

Wer sein Erfolgsdenken an Zählbares hängt, wird nirgends landen, weil es ihn ins Unendliche führt. Von daher hätte der Kapitalismus alle Chancen, älter als Noah oder Methusalem zu werden, die es nur auf 950 und 969 Jahre brachten. Ein Schlenker zum Sport liegt hier nahe. In meinem Fall hatte die Liebe die Leichtathletik abgelöst. Wenn ich mich recht erinnere, lief ich die 100 Meter als 16jähriger bereits in 11,9 oder gar 11,7. Das ist rund 40 Jahre her. Um zu begreifen, daß ich von Natur aus eher dem Schnecken- als dem Raketenwesen angepaßt war, benötigte ich mindestens 75 Prozent dieses Zeitraums. Allerdings unterstreicht das nur die These von meiner natürlichen Veranlagung zur Langsamkeit.

Inzwischen stellt sich mir oft die Frage, warum der Mensch dem Verweilen das Rastlose vorzieht. Wovor läuft er weg? Für etliche kluge WissenschaftlerInnen aus unterschied-lichsten Sparten, darunter der Biochemiker und Essayist Erwin Chargaff, lautet die Antwort: vorm Tod. Zumal dem männlichen Geschlecht scheint die Angst vorm Verfall im Nacken zu sitzen; zumindest die Angst, nicht mehr „aktuell“ zu sein. Daher die seltsame Angewohnheit vieler Männer, immer neue Automodelle, Sprinterschuhe oder Weiber wie am Fließband zu verschleißen. Dadurch werden auch sie selber neuer.

Dieser Mechanismus greift ersichtlich umso besser, je jünger die eroberten Frauen sind. Deshalb legen sich insbesondere erfolgreiche Künstler und Politiker im Zuge ihres Ergrauens schmucke weibliche Jungbrunnen zu. Der damals 69jährige SPD-„Hoffnungsträger“ Franz Münte-fering erregt seit Frühjahr 2009 mit einer Geliebten/Gattin Aufsehen, die 40 Jahre jünger ist als er: Michelle geb. Schumann. Zugegeben, mein Polsterer und Zeitungszustel-ler Bott war nicht erfolgreich, verfuhr aber leider nicht anders. Auch der Fall des kaum bekannten Schriftstellers Werner Helwig (1905–85) legt die Vermutung nahe, am Geld und am Ruhm allein könne die Anziehungskraft so vieler Greise nicht immer liegen. Helwig hatte weder dies noch das. Gleichwohl gelang es dem Außenseiter, sich 1981 – in zweiter Ehe – mit Gerda Heimes eine 37 Jahre jüngere Frau zu angeln. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß sie aufgrund des literarischen Schaffens Helwigs von einer Rente zehren kann, die das von Müntefering mitdurchge-peitschte Hartz IV übersteigt.

Vielleicht schlittern Frauen wie Gerda aus durchaus unter-schiedlichen, im Einzelfall jedoch häufig „vermischten Motiven“ in solche Ehen. Leider verraten sie diese Gründe selten, falls sich überhaupt jemand danach erkundigt. Was Frau Müntefering angeht, verweise ich auf die Auskünfte der bekannten vertrauenerweckenden Blätter, etwa der Bunten vom 25. Mai 2012.


Das kleine Feuer

Hätte mir C. geantwortet, hätte ich ihr vielleicht von der zierlichen, dunkelhaarigen Person erzählt, die uns vor rund 40 Jahren mehr oder weniger verkuppelte: Katharina de Fries. Die verhinderte Bankräuberin müßte heute über 75 sein, falls sie noch lebt. Damals saß sie neben ihrer Freundin I. vorübergehend in der Westberliner Landeslei-tung unsrer „Partei“. Ich glaube, sie waren die einzigen Parteigenossinnen überhaupt, die höhere Funktionen bekleideten. C. gehörte damals nur einer „Zelle“ an.

Wie schon angedeutet, hatte ich C. bei einer Inspektion der Landesleitung kennengelernt. Sie endete in C.s Bett. C. hatte ein großes, helles Zimmer in einer WG mit Blick auf den Moabiter Knast. Katharina war begeistert von der Liebschaft, die sie gestiftet hatte, indem sie mich zielstre-big in eben dieser WG einquartiert hatte. Katharina besaß die Gabe sich zu freuen. Sie wohnte mit dem fürsorglichen A., ihrem zweiten Ehemann, und ihrer ersten Tochter in Schöneberg Nähe Bayerischer Platz. Dort war ich immer gern zu Gast – und sogar offiziell gemeldet, nachdem ich in dritter Instanz als Wehrdienstverweigerer durchgefallen war. Wer damals den Westberliner „Behelfsmäßigen Personalausweis“ besaß, konnte nicht eingezogen werden.

Katharina hatte eine schwierige Kindheit, Luftalarm eingeschlossen, und eine furchtbare erste Ehe hinter sich. Vietnamkrieg und Benno Ohnesorg machten sie zur Linksradikalen. Ihr Scheitern in der Partei erlebte ich nur noch von fern. Das Zentralbüro hatte mich inzwischen zähneknirschend in die unteren Ebenen entlassen, da ich mich überfordert fühlte. Vermutlich setzte mein Nachfol-ger, der gestrenge Genosse Gustav, Katharina besonders heftig zu – wegen „Individualismus“ und „mangelhafter Disziplin“. Schließlich verfaßte sie „ein Pamphlet über das Mißtrauen und die Unterdrückung in den eigenen Reihen“ und trat aus. Das dürfte 1971/72 gewesen sein.

Ich zitiere aus Ulrike Edschmids einfühlsam geschrie-benem Buch Frau mit Waffe von 1996, das etwa zur Hälfte Katharina, zur anderen Astrid Proll porträtiert. Astrid bezahlte ihre abgehobene Untergrundarbeit später in einigen „Hochsicherheitstrakten“ mit der berüchtigten Weißen Folter, für die bis heute, soweit ich weiß, niemand zur Rechenschaft gezogen worden ist. Gegen das, was sie durchmachte, sind meine „Qualen“ Kinderkram. Katharina ging nicht zur RAF. Damit wäre sie nur vom Regen in die Traufe gekommen, wie Edschmid zutreffend bemerkt: Zentralismus, Geheimniskrämerei, Weltfremdheit hier wie dort. Stattdessen bewegte sich Katharina in der West-berliner Spontiszene, arbeitete mit Trebegängern und Knastbrüdern, machte Straßentheater, schrieb Hörspiele, setzte sich mit anderen für die RAF-Gefangenen ein. Von einem Geliebten bekam sie eine zweite Tochter. Dies alles verschlang ungleich mehr Geld als es einbrachte. So entschlossen sie und ein guter Freund sich 1980 zu einem mit Pistolen-Attrappen durchgeführten Banküberfall – er mißglückte.

Ihrem Prozeß entzog sie sich durch eine Flucht nach Frankreich. Inzwischen hatte ihr das BKA noch einige „terroristische Straftaten“ angedichtet und ein Ausliefe-rungsverfahren in Gang gesetzt. Katharina verbrachte viele Monate unter erniedrigenden Bedingungen im Knast, während eine recht breite Front von Unterstützern um sie kämpfte. Neben A. zählten dazu auch viele Einheimische des Landstriches in der Normandie, wo sie sich niederge-lassen hatte und ihr Töchterchen zur Schule ging. Dort blieb sie, nachdem das Auslieferungsersuchen von einer beherzten Richterin abgeschmettert worden war. Das dürfte 1987/88 gewesen sein.

Sie ernährt sich seitdem von der Sanierung und Vermitt-lung alter Bauernhäuser. Edschmid schreibt, ein Freund habe Katharina einmal bescheinigt, ein mutiger Mensch zu sein – aber es fehle ihr an Tapferkeit. Damit meinte er die Fähigkeit, „ein kleines Leben zu leben, sich zu beugen und dabei ein Mensch zu bleiben. So geht es ihr jetzt darum, ihr Geld zu verdienen, nicht auf heroisch versponnene Art, sondern ganz normal in einem Alltag, in dem sie früh aufsteht und einer Arbeit nachgeht. Immer hatte sie den großen Ausweg gesucht, aber die Zeit, in der sie jetzt lebt, ist nicht die Zeit der großen Geste. Es ist die Zeit, das kleine Feuer zu bewahren und darauf zu achten, daß es nicht erlischt.“

Dieser Gedanke taucht auch in Edschmids Text über Astrid Proll auf, der womöglich die beste Darstellung der RAF ist, die wir haben. Proll ist mit Baader und Ensslin in Italien unterwegs. In einer „konspirativen“ leeren Neubauwoh-nung schmachtend, geht ihr auf, „wie sehr sich das Leben aus den kleinen selbstverständlichen Dingen speist, die einfach nur geschehen, und wie arm es wird, wenn man nur noch einer großen Linie folgt.“

Angesichts einer Bekannten, die wie ein Schluck Wasser aussieht, dachte ich kürzlich genau das gleiche. Sorgen um die beiden Kinder, die von unterschiedlichen Vätern stammen, Sorgen in der Basisgruppe, Sorgen um die Arbeitsstelle – und zur Krönung bricht sich der Ältere in der Schule den Arm so unglücklich, daß er verkrüppelt bleiben wird. Sie jedoch lächelt tapfer und läßt sich nicht unterkriegen, während du deinen hochfliegenden Plänen nachjammerst oder die Sterblichkeit verfluchst!, dachte ich gerührt und beschämt. Aber dann sagte ich mir auch, die Trennscheibe zur Unterwerfung sei hier hauchdünn. Und wo bleibt die Empörung, während man Mensch bleiben soll? Frißt sie nicht unterirdisch weiter – oder in den Eingeweiden? Wollte ich mich der „tapferen“ Lebensweise befleißigen, dürfte ich in diesem Städtchen zum Beispiel so gut wie keinen Laden mehr betreten, weil überall die Bild-Zeitung ausliegt. Derzeit gefällt es ihr, den Bürger mit Schreckensmeldungen über die hartnäckigen atomaren Pläne des „Irren von Teheran“ zu bombardieren.*

Täuscht mich mein Erinnerungsvermögen nicht, haben diese VolksbildnerInnen vor knapp 10 Jahren mit genau denselben Worten gegen den „Irren von Bagdad“ gehetzt. Tötet Saddam! hieß es sogar in Riesenlettern.** Fällt das keinem mehr auf? Müßte man ein Land, in dem sich seit Jahrzehnten über 10 Millionen Menschen Tag für Tag begierig in Springers Schmutz suhlen, nicht fluchtartig verlassen? Die Blätter anzuzünden, hat ja offensichtlich nicht gereicht. Müßte man nicht den Chefredakteur erschießen? Die Regierung, die so etwas zuläßt? Benjamin Netanjahu oder Barak Obama, die um keinen Preis die Bombe hergeben wollen? Auch der Mexikaner Carlos Slim Helu bietet sich gerade an. In der jüngsten Forbes-Liste der Reichsten dieser Welt steht er mit 53,5 Milliarden Dollar wieder auf Platz eins, während sich das mexika-nische Volk im Würgegriff von Armut, Drogenbossen und korrupten Gesetzeshütern befindet. Helus Aufstieg begann 1990, als ihm Präsident Salinas für einen Apfel und ein Ei die staatliche Telefongesellschaft Telmex zuschanzte. „Privatisierung“ heißt das in geschminkter Sprache. Geht sie schief, folgen die staatlichen „Rettungspakete“, die unser deutsches Vaterland auch in Mutti Merkels Rucksack weiß.

Selbstverständlich ändert man nichts zum Guten, wenn man einen starken Mann wie Schleyer oder den Chefre-dakteur eines führenden Revolverblattes erschießt. Ich billige solche Bluttaten auch nicht, wie ich eingedenk des Stichwortes Mescalero ausdrücklich erklären möchte. Es geht hier allein um die Warte des Täters oder der Täterin. Wie könnten sie – in bleierner Zeit – ihre Selbstachtung bewahren? Für wen sollten sie denn, zumal mit 60, jenes Feuerchen hüten, von dem Edschmid spricht? Die bleiernen Zeiten geben sich seit Hölderlin die Türklinke des Vaterlands in die Hand. Wer will es da einem Ohnmächtigen verdenken, wenn er zu seinem Abtritt von dieser verfehlten Welt noch die eine oder andere prominente Charaktermaske mit hinüber nimmt. Oder einen ihrer Schergen, wie es Alfred Anderschs Pfarrer Helander in Sansibar hält. In manchen müden Augen erscheint so etwas ebenfalls als Tapferkeit. Denn so etwas macht ein Mensch nicht über Nacht. Er erleidet es über Jahre. Er hütet das Feuerchen.

* Die ag.friedensforschung zitiert dazu eine Schlagzeilen-Auflistung Knut Mellenthins in der Jungen Welt vom 31. Dezember 2011
** Laut FAZ vom 20. März 2003 war Bild geschickt genug, den Aufruf in Gänsefüßchen zu setzen und im Beitext als (angeblichen) Einsatz-befehl des US-Präsidenten Bush auszugeben; eine Quelle habe das Blatt nicht angeführt.




Siehe auch
den ganzen Band 14
glueck der frauen (mp3, 2.525 KB) (Platte Schneeschippen)
Kreuders Sockel-Frauen: Kapitel II
Liselotte Welskopf-Henrich, im Beitrag ab der Mitte
Frauen im Snooker, vorletztes Kapitel
Liebespaare vor der Wand, Kapitel Yorckbrücken
Sadistin Hillary Clinton, bei Schwarberg, letzter Absatz
Clara Immerwahr
Klemperers Frauen
Liebesleben auf der Schweinsblaseninsel
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