Montag, 25. Juni 2012
Keine Zeit
In Ernst Kreuders Gesellschaft vom Dachboden (1946) kommt der Ich-Erzähler bei einem Trödler vorbei, der etliche Pendeluhren feilzubieten hat. Doch keine von ihnen tickt. Wie der Trödler erläutert, hat er sie alle angehalten, weil sie sonst zu viel Zeit verbrauchen würden. Sie fräßen so unerbittlich Zeit wie sie tickten.

Ein treffendes Bild! Pferde fressen Hafer, Autos Benzin – und durch unsere Uhren wird die Zeit genauso knapper wie das Erdöl durch unsere gefräßige Maschinerie. Gegen 1600, also am Beginn unserer sogenannten Neuzeit, kam es plötzlich auf Viertelstunden an: sie wurden jetzt von den Kirchtürmen herabgeläutet. Bei den Stechuhren in unseren Fabriken geht es bereits um Minuten. Für Fußgänger, die eine „belebte“ Straße zu überqueren trachten, können bereits Sekunden entscheidend sein. Geben wir Stechuhr bei unserer Suchmaschine ein, möchten wir gefälligst nicht „ewig“ auf die Suchergebnisse warten müssen – kein Problem: Der betreffende IT-Riese serviert 36.500 Treffer in 0,38 Sekunden (Oktober 2009). Der Stromverbrauch, unter dem jede einzelne Suchanfrage in Blitzesschnelle durch ein ungefähr stadtviertelgroßes Rechenzentrum gejagt wird, ist gewaltig. Das heißt, Computer fressen Zeit und Energie. Erkundigten wir uns nach den drei am meisten zu hörenden oder lesenden Floskeln der Post-moderne, bekämen wir nach kein Problem vermutlich keine Zeit und dann alles klar. Die Zeit ist eben knapper geworden. Man hat sie nur noch selten.

Aus ihrer Knappheit ergibt sich logisch die Folgerung, knausrig mit der Zeit umzugehen. Mein Chef pflegte in seinem für Handwerksmeister typischen breitmäuligen und hochbeinigen Geländewagen ausschließlich durch das Hessische Ried oder den Odenwald zu jagen. Auf der Durchgangsstraße unterwegs, zwang uns einmal eine rote Ampel an einer Straßenkreuzung einer sonst verschlafen wirkenden Odenwaldortschaft zum Halt. Ich stutzte und deutete von meinem lebensgefährlichen Beifahrersitz aus wortlos auf einen gegenüber liegenden Hausgiebel, an dem in verschlungenen Lettern zu lesen stand: Gott schuf die Zeit / von Eile hat er nichts gesagt. Doch dafür hatte mein Chef nur ein überlegenes Grinsen übrig. Für ein kurzes Gedenken an einen zurückliegenden Krankenhaus-aufenthalt und einen sechsmonatigen Führerscheinentzug fehlte ihm dann die Gehirnkapazität, weil die Ampel grün wurde und er sich im Weiterjagen überzeugende Ausreden für den Kunden überlegen mußte. Das Schlimmste dabei ist, daß sich diese Rasenden nie an der guten Aussicht stören, sie könnten auch andere mit ins Unglück reißen, ob MitfahrerInnen oder „gegnerische“ Verkehrsteilnehmer-Innen. Meinem mitfahrenden Gesellen Bott kostete die Wut darüber seinen Arbeitsplatz.

Bei seinen Kunden nicht überfällig zu sein, kam bei meinem Chef selten vor. Das heißt, umgekehrt unterstellte er seinen Kunden, sie hätten durchaus viel Zeit. Diesem Blickwinkel hat sich kürzlich Franz Schandl in der Brücke 145 unter dem Titel Bitte warten! gewidmet. Der öster-reichische Publizist lacht die Leute aus, die neulich noch DDR-Warteschlangen verhöhnten. Heute warten wir alle schon professionell. Behörden, Banken, Bahnchef Mehdorn und Legionen von Ärzten haben nämlich herausbekommen, daß sich ihre Unternehmen sehr einfach „rationalisieren“ lassen, indem sie Personal- und Servicekosten durch Erhöhung der Kundenwartezeiten verringern. Der Kunde steht oder sitzt die Einsparung ab. Er darf das auch durchaus gern in der Warteschleife seines eigenen Telefons tun, röchelnd. Deshalb – so Schandl – gingen unsere Besorgungen in der Postmoderne zwar schneller, dauerten aber länger. „Rationalisierung ist beschlagnahmte Zeit. Und niemandem kann man eine Abrechnung schicken für diese nicht ungeschickte Entwendung.“

Die Bosse selber gestatten sich selten ein Ausspannen. Ganz im Gegenteil, als Hobby mußte sich mein eben erwähnter Chef ausgerechnet Springreiten erwählen, um auch in seiner Freizeit möglichst viele Hürden vor Augen zu haben. Kreuders Dachboden-Leute predigen den Müßiggang. Dieses Wort ist erst im Zuge der Industriali-sierung zum Schimpfwort geworden. Kreuders „Helden“ widmen sich vor allem dem Spötteln und Philosophieren sowie der Schatzsuche. Das sind Aktivitäten, die mein Chef zu recht zwecklos nennen würde.

Zu den schönsten Erzählungen Friedrich Georg Jüngers zählt Die Pfauen – diese Vögel hält ein Greis, der im Park seines Herrenhauses verdämmert und schließlich friedlich stirbt, während ringsum Geschütze donnern, Brände lodern und Menschen flüchten. Möglicherweise hat er sein müßiges Leben noch nicht einmal auf Kosten seiner Untergebenen geführt. Er war bestimmt ein gütiger Guts-besitzer. Das erweist sich zuletzt auch an der halbwüch-sigen Gärtnerstochter Therese, der er eine Schmuckscha-tulle mitgibt. Er selber, vom treuen Diener Anton in Decken gehüllt, bleibt in seinem Korbsessel unter den hohen Eichen des Gutsparks sitzen. Er hängt Erinne-rungen nach; indische und ostpreußische Gärten vermi-schen sich. Angst oder Sorgen kennt er nicht mehr. „Die winzigen Kinder, die in Steckkissen von ihren Müttern fortgebracht oder auf Wagen fortgerollt wurden, konnten sich nicht sicherer fühlen als er. Sie taten es aus Unwis-senheit, er aus Wissen.“ Der treue Anton, kaum weniger betagt als sein entschlafener Herr, verhält sich so mutig wie konsequent: ehe die Panzer einrollen, schließt er sich auf dem Dachboden des Herrenhauses ein und steckt es in Brand.

Für den Fall, die Welt geht nicht so schnell unter wie sie sich inzwischen dreht, habe ich einmal vorgeschlagen, den nächsten Abschnitt der Geschichte – da wir Altertum / Mittelalter / Neuzeit schon hätten – Brandneuzeit zu nennen. Vielleicht verdichtet sich unser Planet in dieser vierten Epoche wieder zur Urknallerbse, während er noch für ein paar Jahrhunderte lodert. In meinen bisherigen sechs Lebensjahrzehnten hat sich das kulturelle Tempo geradezu sprunghaft erhöht. Kaum sind die ersten elektronischen Rechenmaschinen auf dem Markt, werden ihnen Computer nachgeschoben, die sich in Handtaschen und Handys unterbringen lassen. Wir erfreuen uns der Aufmerksamkeit von Videokameras, die kleiner als Orwells Augäpfel sind. Daran sehen wir, der menschliche Gigan-tismus geht mit einer atemberaubenden Verkleinerungs-kunst einher.

Am kleinsten ist zuletzt vermutlich der Mensch – nach Einschätzung des US-Paläontologen Stephen Jay Gould werden uns die Bakterien und Insekten „todsicher“ überleben. Schon jetzt sehen wir unsere Moden auf allen erdenklichen Gebieten von Eintagsfliegen beherrscht. Was sich ohne aufgeprägtes Verfallsdatum zu zeigen wagt, gilt bereits als anrüchig. Daß schneller leben zugleich schneller sterben heißt, geht in die mit Tumoren vollgestopften Hirne meiner Zeitgenossen nicht hinein. Oder wünschen sie gerade das? Ich bin inzwischen geneigt, Freuds fragwürdigen Todestrieb für eine anthropologische Konstante zu halten. Kaum kann sich ein Dreikäsehoch auf seinen Beinen halten, ist er schon auf die Feststellung erpicht, wer am schnellsten bis zur nächsten Hausecke gerannt ist – kein Stolpern und Auf-die-Nase-Fallen kann ihn von diesen Wettbewerben abbringen. Ein gesunder Menschenverstand müßte es ja eigentlich für lächerlich erachten, wenn sich einer damit brüstet, eine schwierige Aufgabe eine paar Sekunden rascher als seine Konkur-renten erledigt zu haben. Aber ich fürchte, der Men-schenverstand war noch nie gesund. Bekanntlich ist unser Primatengehirn vor der Ära des Faustkeils geradezu explodiert. Daher der Durchmarsch bis zur Brandneuzeit.

Hält der Siegeszug der Zeit an, müssen Mensch und Planet weichen, weil jene nur auf Kosten des Raumes siegen kann. Im Jagen verflüssigt und verflüchtigt sich der Raum. Ein sprechendes Beispiel lieferte der britische Bomberpilot Andy Green im September 1997, als er in der Wüste von Nevada mit seinem düsengetriebenen Rennwagen Thrust SSC im Rahmen etlicher Versuche einen neuen Geschwin-digkeitsrekord für Landfahrzeuge aufstellte: mit 1.228 Stundenkilometern und Mach 1,016 – womit er schneller als der Schall gefahren war. Anschaulicher ausgedrückt, fuhr Green mit einem Auto in einer Stunde durch die Wüste, die sich zwischen Basel und Kopenhagen erstreckt. Sein Kerosin-Verbrauch pro Sekunde: 16 Liter. Ausge-rechnet vom Wochenblatt Die Zeit nach seinen Motiven befragt, verwies der Bomberpilot auf Lindberghs Atlantiküberquerung. „Der hatte keine dringende Verabredung auf der anderen Seite des Atlantiks. Er hatte nicht mal Post an Bord. Er flog, um zu beweisen, daß man es tun kann. Aus dem gleichen Grund haben wir die Schallmauer durchbrochen ...“ Hier haben wir das Credo aller Technokraten. An ihm orientieren sich heute schon 14jährige, die einen Mitschüler erstechen: aha – es geht! Verglüht unser Heimatplanet, werden die auf den Mond geflüchteten Technokraten ebenfalls befriedigt feststellen, es sei gegangen.

Bekanntlich ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten die Gerade, womit es auch nur logisch ist, die Deckung, Verschmelzung und Explosion der beiden Punkte anzustreben, denn kürzer geht es dann nicht mehr. Damit stoßen wir auf zwei Mythen, die unseren soge-nannten Fortschritt tragen: Teleologie und Theologie. Ich erlaube mir, zunächst meinen Kriminalkommissar Köfel sprechen zu lassen, der mit seinem Kollegen Luckenwalde auf der Galopprennbahn am Boxberg (bei Gotha) weilt. „An der Startmaschine trotzte nach wie vor ein Fuchs, der allerdings eher einem Windhund glich. Bei den kleinen edlen Rennern mit den seidigen Fellen konnte man jede Ader und jede Rippe zählen. Köfel fragte sich, ob ein Pferd in freier Wildbahn wie der Teufel über drei Kilometer preschen würde, nur um sich beklatschen zu lassen, den Tierarzt aufzusuchen, für 150.000 Euro den Besitzer zu wechseln. Von Springpferden wußte er mit Sicherheit, daß sie aus freien Stücken niemals über Teppichstangen oder Friedhofsmauern setzen würden. Vielleicht drehte auch ein Dakota-Mustang bei der Büffeljagd ziemlich auf, aber bestimmt nicht schnurgerade. Die Gerade war auch in diesem Oval auf dem Boxberg gegeben. Geschwindigkeits-wahn und Zielstrebigkeit gehörten untrennbar zusammen. Warum sollte sich einer ohne Ziel verausgaben – sich krankrennen für nichts? Das Ziel des unausrottbaren Fortschrittsdenkens im allgemeinen war es, in der Schöpfung, die man nicht selber in Gang setzen durfte, wenigstens die Nase vorn zu haben. Macht euch die Erde untertan.“

Ich denke, hier hat Köfel den theologischen Kern der zielstrebigen Veranstaltung namens Fortschritt erwischt. Er ist ein Minderwertigkeitskomplex. Scham und Schande setzen uns zu, weil uns die Selbsterschaffung verwehrt war. Wir fanden uns und das Universum bereits vor. Nicht voraussetzungslos zu sein, empfinden wir offenbar als äußerst demütigend; es kratzt an unserer Souveränietät; wir sind nur relativ. So halten wir uns dadurch schadlos, daß wir nach und nach all das zu machen trachten, was sich als machbar erweist. Wir müssen unsere Schöpferkraft unter Beweis stellen. Unser größter Triumph kann dann natürlich nur unsere Selbstausrottung sein. Als weiteres Motiv für seine Rekordjagd in der Wüste von Nevada führte Green der Zeit gegenüber an, er und sein Team wollten „die ersten sein, die mit einem Bodenfahrzeug Überschall fahren“. Ergo wird es demnächst heißen: zwar haben wir die Welt nicht erschaffen, aber wir werden sie zumindest als erste wieder beseitigt haben.

Vielleicht ist Kommissar Köfel auch der richtige Mann für die Frage, warum die meisten unserer Zeitgenossen noch immer so wenig beunruhigt vom sich offensichtlich poten-zierenden Sog des Niedergangs seien. „Falsch!“ erwidert Köfel. „Es ist eben nicht offensichtlich.“ – „Wieso?“ – „Die Tageszeitungen sind schuld. Ginge es mit rechten Dingen zu, müßten sie ja längst stündlich erscheinen. In ihrer täglichen Erscheinungsweise liegt die gleiche Täuschung, die uns auch von unseren Uhren und Kalendern bereitet wird. Sie gaukeln vor, am Tempo des Lebens und der Weltgeschichte habe sich nichts geändert. Unser tägliches Sichabhetzen ist in die vertrauten Raster der Zeit eingebettet wie der Kriegsberichterstatter in Bushs oder Obamas Truppen. Unsere Krankheiten – zu Symptomen des Stresses verharmlost – führen wir auf falsche Ernährung oder falsche Ärzte zurück. Das Herze flattert uns, das Handy tobt, doch solange des morgens die Zeitung im Kasten steckt, unsere Digitaluhr verläßlich Sekunden schiebt und das Geschichtsrad seit Urgedenken an jeder Jahreswende den gleichen Zahn zuzulegen scheint, kann die Lage noch nicht besonders besorgnis-erregend sein.“

Darauf einen Dujardin ..!

Zur Erklärung: Ich hatte vor einigen Jahren dem Chefredakteur der Tageszeitung Junge Welt vorgeschlagen, diesen Beitrag in der Sylvester-Ausgabe zu bringen. Wie erwartet, hustete er mir was – ohne sich selbstverständlich zu einer Stellungnahme herbei zu lassen. Dazu hatte er keine Zeit.



Zum Thema Beschleunigung siehe auch
>Neuigkeit: Verfallsdatum überschritten
>Wert(schöpfung): incl. Kapitel Uhren
Die Top Ekas (Band 16) über uhren (pdf, 16 KB)
Kapitel Zeit frißt Raum, am Beitragsschluß
Absatz über das Rad der Geschichte, in der Beitragsmitte
Zwerglied gottes langsamkeit (mp3, 1.109 KB)
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