Montag, 25. Juni 2012
Ehre
Überarbeitet Februar 2013


In meinem Aufsatz über Liselotte Welskopf-Henrich erwähne ich den „befremdlichen Ehrenkodex der Prärie-indianer“ – dem die DDR-Autorin huldigt, weil er offen-bar „voll auf der Linie“ des Adolf-Hennecke-Sozialismus gelegen habe. Auch ihr sowjetrussischer Kollege Ilja Ehrenburg hat es, bei diesem Namen vielleicht kein Wunder, mit der Ehre. Im Zusammenhang mit dem Spanienkrieg (1936–39) führt er in seinen Erinnerungen die Bemerkung des republikanischen Kommandanten Grigorowitsch an, für uns sei „Ehre“ ein altmodischer Begriff – hier jedoch, in Spanien, brauche man bloß die erste beste Bauernhütte zu betreten: „Der Mann ist Analphabet, aber was Ehre ist – das weiß er genau. Genauso gut wie ein alter Ritter ...“

Ja, was wäre sie denn, die Ehre? Bei Ehrenburg verraten es uns weder Grigorowitsch noch der Autor selbst. Das ist schade, denn in Wahrheit steht die Ehre bis zur Stunde in aller Welt so hoch im Kurs, daß zum Zwecke ihrer Erlangung, Wahrung oder Rettung die ungeheuerlichsten Opfer in Kauf genommen werden, von Ohrfeigen über grausame „Ehrenmorde“ bis zur Verteidigung der Ehre der USA durch ganze Geschwader aus Bombern und Drohnen. Vielleicht verstand sich die Ehre für den UdSSR-Autor von selbst. Der Satz „Ich bin Spanier“ fällt in dem betreffenden Buchkapitel auf jeder zweiten Seite. Offenbar vermählt sich Männerehre gern mit Nationalstolz. Auf der Prärie ist man eben „Dakota“ gewesen, im Bezirk Erfurt Die DDR, das sind wir. So die Parole auf einem verstaubten 1.Mai-Plakat mit Rote-Fahne-schwingenden Werktätigen, das ich neulich im thüringischen Waltershausen auf einem Speicher entdeckte. Die Parole erinnerte mich peinlich an die Nazi-Losung Wir sind Deutschland, die Werbefach-leute im „rotgrünen“ wiedervereinigten Deutschland um 2000 gern wieder aufgegriffen haben. Alle stolzen Indianer oder Volksgenossen lieben ihr Territorium und verteidigen die darauf herrschende Freiheit bis zum letzten Bluts-tropfen. Allerdings waren die Franco-Faschisten nicht weniger „Spanier“ als ihre anarchistischen Feinde – und liebten die Freiheit nicht. Nur die Ehre scheint sich durch sämtliche ideologische oder nationale Lager zu ziehen. Wahrscheinlich kann sie dabei auf eine Verwechslung von National- und Besitzerstolz mit Menschenwürde bauen. Während Würde jedem Menschen von Natur aus zukommt, pflegt sich der verbreitete Stolz auf unsere Besitztümer jedoch, je nach Geburt, Lage und Gelegenheit, an durchaus sehr verschiedene, zufällige Dinge und Phänomene zu heften, wie man vielleicht zugeben wird. Näheres dazu findet sich unter Hurra!, gegen Ende des Beitrags.

Der 1994 gestorbene Schriftsteller Bernt Engelmann ist wahrscheinlich der verdienteste Autor einer deutschspra-chigen Geschichtsschreibung von unten, den wir zu bieten haben, aber selbst er sitzt in seinen Büchern dem Nebel des Patriotismus auf, den gewisse Sozialisten und Kommu-nisten hartnäckig als Rauchfahnen des Freiheitskampfes ausgeben. Auch die DDR pflegte ja sogenannte „nationale Befreiungsbewegungen“ blanko zu unterstützen, sofern sie nur fleißig die Grußadressen an Stalin oder Breschnew unterschrieben. Engelmann verbucht besonders alles, was in den Jahrzehnten um 1848 die „deutschen Einigungs-bemühungen“ befördern half, automatisch auf der „fort-schrittlichen“ Seite. Insofern war auch der erzreaktionäre Kanzler Fürst von Bismarck fortschrittlich, der die ankapitalisierten deutschen Zwergstaaten in die Marktgemeinschaft, das Dritte Reich und schließlich in die sogenannte Globalisierung führte. Der psychologische Umstand, daß bereits ein gefeierter Popanz wie „gemein-samer Sprachbesitz“ für Narzismus und Imperialismus anfällig macht, entging Engelmann genauso wie der Gesichtspunkt des Machtmißbrauchs, der durch Zentrali-sierung, Vergrößerung, Verschleierung immer besten Nährboden findet.

Kommen wir auf die Ehre zurück, die die Würde praktischerweise gleich mitmeint. Werde ich verachtet, benachteiligt, zum Abschuß freigegeben, weil ich Spanier bin, kann ich wohl zurecht das Gefühl haben, meine Würde stehe auf dem Spiel. Doch das gälte auch für anderes. Wenn es etwa hieße: weil er ein Außenseiter, weil er ein armer Schlucker, weil er ein Dünnhäuter ist. Hier fehlt es schlicht an Achtung vor dem Anderen. Er muß genauso wichtig oder unwichtig sein wie ich. Wir haben beide Würde. Soll ich ihn aber deshalb bewundern? Kann er beanspruchen, verehrt und bedient zu werden, weil er zufällig Spanier, 1,92 groß oder Entdecker von mehreren tropischen Schmetterlingsarten ist? Hätte er wenigstens den Knopf im Gehirn entdeckt, an dem man den Verehrungstrieb ausstellt! Jedenfalls rate ich davon ab, das Gefühl von der eigenen Würde an Ver- oder Entehrung zu koppeln. Vielleicht sollte das Wort Ehre der Selbstachtung vorbehalten sein. Sie könnte womöglich einmal auf dem Spiel stehen – wenn ich gegen mein Gewissen oder meine Überzeugungen verstieße. Aber auch sie sind immer noch meine. Es ist ein Teufelskreis.



Zur Ehre siehe auch
Ohrfeigen
>Clandenken
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