Sonntag, 24. Juni 2012
Schneebaden
... dank des „Klimawandels“


Umfang 18 Druckseiten. Ein Auszug zum angeblichen „Klimawandel“ erschien 2010 in Nr. 153 der Zeitschrift Die Brücke. Mehrere andere „linke“ Blätter hatten den betreffenden Beitrag (Risse im Hockeystick) verschmäht, wobei sie nicht mit fadenscheinigen Gründen oder Schweigen sparten.


Chamisso + Waldsterben + Kälte + Eiskartoffeln + Glatteis + Risse im Hockeystick + Nachruf auf die Malediven (2014)


Chamisso

Chamisso hätte dem Schnee keine Träne nachgeweint. Er versichert seinen Lesern, bei seiner 1815/18 durchge-führten Reise um die Welt sei es „nicht das Ungeschick-teste“ gewesen, sich drei heimische Winter erspart zu haben. Durfte er zuweilen bei Südseeinsulanern in deren Hütte übernachten, erinnerte ihn das Massenlager gleichwohl an das heimische Motto, auf dem Ferkelhaufen sei es immer wärmer (als im Einzelbett). Auch auf den Südseeatollen können die Nächte kalt sein.

Carl Zuckmayer hatte es um 1940 nach Vermont, USA, verschlagen. So weit, Kommunarde zu werden wie 100 Jahre vor ihm die Leute der Brook Farm in Massachusetts, ging er allerdings nicht. Er hatte, um seine Familie über Wasser halten zu können, eine kleine Gebirgsfarm gepach-tet. Im Winter stand er auch nachts zum Holznachlegen auf, sonst wären sie erfroren. Törichterweise hatte er von seiner in der Küche sprudelnden Quelle eine Leitung in ein WC mit Spülkasten abgezweigt, die ihm vermutlich eben-falls einzufrieren drohte. Zum Schreiben kam er nicht. Hatte er sich morgens einen Weg zur Scheune freige-schaufelt, ging er ins Haus zurück, zog seine Pelze aus, sprang splitternackt wieder ins Freie – und in den tiefen Schnee, um sich darin zu wälzen. Dann saß er dampfend am Ofen. Im Sommer pflegte er frühmorgens vorm Ziegenmelken in seinen Teich zu springen, der noch immer kalt genug war. Er behauptet, nie gesünder als in seiner vermonter Zeit gewesen zu sein.

Vielleicht werde ich dereinst ähnlich sprechen. In drei Wintern als Gartenhüttenbewohner hat mich nicht ein Schnupfen ereilt. Man müßte nur noch klären, ob es tatsächlich der Abhärtung zuzuschreiben ist. Es könnte auch an der Abwesenheit von Mitmenschen liegen. In Kommunen gehörten Seuchenwarnungen von rechtswegen in die Formulare des Probezeitantrags. Aber diesen hygie-nischen Fragen werde ich an anderer Stelle nachgehen.


Waldsterben

Es liegt schon ewig unter der Erde. Einst in aller Munde, stellen sich heutige Schulkinder unter „Waldsterben“ bestenfalls eine Form des Selbstmordes besonders naturverbundener Liebespaare vor. Jährlich ausgegebene Schadenbefallsmeldungen in Daumengröße wandern mit der Zeitung ins Altpapier-Recycling. Bei uns wird ja nicht halb Spanien oder Griechenland abgebrannt; ab und zu ein lodernder nordfriesischer Pappelhain, um von einem ruchbar gewordenen Vattenfall-Störfall im Kernkraftwerk abzulenken.

Wenn Kanzlerin Merkel einen gewissen Lars Göran Josefsson zu ihrem neuen „Klimaschutzbeauftragten“ ernennt, vermutet der erfrischend scharfzüngige Junge-Welt-Redakteur Rainer Balcerowiak nicht zu unrecht, zum neuen „Frauenbeauftragten“ werde sie demnächst Jack the Ripper berufen. Josefsson leitet Vattenfall. Allerdings liegt die Gute voll im Trend, weil die Rettung von Mutter Natur offensichtlich nicht mehr „in“ ist. Die Grünen haben jetzt draußen zu tun – Serbien, Sudan, Afghanistan und so weiter. Auch die Gefahr, die paschtunischen Reiterheere würden ihre afghanische Heimat an Harz, Hunsrück oder Schwarzwald verteidigen, weil Peter Struck sie am Hindu-kusch belästigt hat, wird immer geringer. Denn aus jüngster Bundesverfassungsrichtersicht (2007) dient „unser militärisches Engagement“ in dem ohnehin baum-losen Wüstenstaat weder Verteidigung noch Züchtigung – sondern „der Sicherheit vor künftigen Angriffen“. Die letzten philosophischen Waschlappen warnen umsonst vor der Aufweichung aller Grenzen: künftigen Schulkindern wird sich die Postmoderne als ein einziger globaler Gummiparagraph darstellen.

Stehen überall Wälder in Flammen, dient es ebenfalls mehr dem Schutz vor künftigen Angriffen als etwa der Baulandgewinnung. Vorbildlich wirkt man hier unterm Halbmond. Während das türkische Militär im westlichen Touristengebiet heldenhaft gegen Waldbrände vorgeht, zündet es im kurdischen Südosten die Wälder zwecks Ausräucherung von Partisanennestern selber an. Geteiltes Leid sei halbes Leid, kommentiert mein Nachbar Gregor.


Kälte

2007 hat sich ein verarmter und offenbar auch verein-samter Mann in einem Waldstück des niedersächsischen Solling auf einem Hochsitz über Wochen hinweg zu Tode gehungert. Der 58jährige Z. war früher Vertreter gewesen. Über seinen allmählichen Verfall in der aufgebockten Kabine führte er eine Art Tagebuch, das neben seinem verwesenden Leichnam gefunden wurde. Laut Junge-Welt-Korrespondent Reimar Paul berichtet er darin auch von den Schmerzen, die ihm etwa Unterzuckerung, Hautaustrocknung, Versagen innerer Organe bereiten.

Merkwürdigerweise geht Paul jedoch nicht auf die Jahreszeit dieses Selbstmordes ein. Er findet in den Wintermonaten November und Dezember statt. Selbst ohne Frostnächte muß Z. auch an der Kälte gelitten haben – zumal ohne Nahrung, die bekanntlich in unserem Leib „verbrannt“ wird. Für mich sind schon 10 Minuten Bibbern auf der Veranda furchtbar. Aber ich kann in die geheizte Hütte springen oder wenigstens in meine Stiefel, um einmal ums Viertel zu laufen. Z. konnte nicht mehr laufen.

Auf die Gefahr hin, Zyniker gescholten zu werden, geselle ich Papier zu Holz. In Wien suchte neulich ein 34jähriger Obdachloser vor der winterlichen Kälte in einem Altpa-piercontainer Schutz. Man könnte dazu sagen: besser als gar nichts. Aber dann wurde die offensichtlich in einem Sammelfahrzeug zusammengepreßte Leiche des Mannes auf dem Förderband einer Papiersortieranlage entdeckt. Das wäre etwas für Henning Mankell gewesen, der seinen stets fetter werdenden Kommissar Kurt Wallander weniger erfunden hat, um meine Verhöhnung der Willensfreiheit zu unterstützen (der schwedische Kriminalbeamte will natürlich immer abnehmen), vielmehr um sein eigenes, offenbar brennendes Interesse an Grausamkeiten beruflich tarnen zu können. Man sollte Mankells spannende Erzeugnisse nicht beim Essen lesen.

Erstaunlicherweise packen uns erzählte Schrecken und Abscheulichkeiten häufig erheblich nachhaltiger als die realen. Vielleicht blockiert bei den realen das drohende Mitgefühl den Vorgang des Einprägens. Die ArbeiterInnen am Förderband sind für ein halbes Stündchen schockiert und sitzen abends wieder neben ihrem Zentralheizungs-körper und sehen fern. Haben sie Glück, läuft gerade eine Verfilmung von Mankell. George Orwell hält sich 1927/28 in seiner ausgekühlten Londoner Wohnung bei Laune, indem er alle Minute seine steifen Finger von der Schreib-maschinentastatur hebt, um sie über einer daneben flackernden Kerze zu wärmen. So hat er am Schreibtisch auch gleich Schreiblicht. Brennstoff war nicht mehr aufzutreiben. In seiner Not hatte er den Küchenherd bereits mit dem Holzspielzeug seines Söhnchens Richard geheizt. In meiner Hütte habe ich die interessante Erfahrung gemacht: verzichte ich vormittags zunächst darauf, Geschirr oder Schreibmaterial aus Nachtschränk-chen oder Bücherschrank hervorzuholen, wird es in der Bude schneller warm. Es weht einen klirrend an, sobald man eine Schranktür öffnet.

Vielleicht wäre der „Klimawandel“ das viele Papier, auf dem er beschworen wird, tatsächlich wert – wir brauchten es nicht mehr zu verheizen. Schlage ich Pasternaks Shiwago oder die Erinnerungen von Victor Serge und Arthur Koestler auf, springt mir Väterchen Frost ins Gesicht. Im Rußland der Bürger- und Weltkriege hatte das Väterchen seine kräftigen Büttel, die Hunger, Angst, Verzweiflung hießen. Ausgemergelte StädterInnen stürzen sich auf einen zusammen gebrochenen Klepper, an den nach drei Minuten nur noch ein paar Skeletteile erinnern. Kostbare Parkettfußböden und ganze Bibliotheken werden in kümmerliche Feuerstellen geschoben. Als Koestler 1933 in Charkow versucht, sich im Freien eine Zigarette anzu-stecken, gefriert diese sofort zu einem Stock. Zentralhei-zung und Wasserversorgung in seinem Hotel liegen dauerhaft brach.

Millionen von Menschen, ganze Generationen haben unsägliches Elend durchzumachen, weil sie nicht gegen den Winter, sondern untereinander Krieg führen. Das Gut, wo sich Victor Serge um 1920 als Landkommunarde ver-suchte, lag nördlich des hungernden Petersburg/Leningrad unweit des Ladogasees. Offenbar friert dieser trotz seiner gewaltigen Ausdehnung regelmäßig zu. Gut 20 Jahre später befindet sich die Metropole im Würgegriff unserer Wehrmacht. Lkw-Konvois für die Evakuierung werden zusammengestellt. Der einzige Fluchtkorridor führt über den See. Walter Ruge – 1941 in der Sowjetunion zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt, 1954 rehabilitiert, ab 1958 in der DDR – schreibt nach Augenzeugenberichten: „Die Abstände zwischen den Autos waren genügend groß, um zu vermeiden, daß gleich mehrere von ihnen getroffen wurden. Aber die deutschen Bomber brauchten gar nicht zu treffen. Es genügte, wenn das Eis im Umfeld zerrissen, die Scholle gespalten wurde, der Lkw gnadenlos in die Tiefe, in das gespenstisch klaffende eiskalte Wasser abrutschte. Da gab es keine Rettung, nur noch Schreie und Grauen.“ So begann der Kampf des deutschen Volkes um die Krone des Vertriebenenschicksals.

Unabhängig von aller Ideologie stellen Kälte und Wärme bis heute rätselhafte Phänomene dar. Warum sollten sie für Lebewesen unbedingt wichtig, ja überhaupt notwendig sein? So kann auch niemand einleuchtend erklären, warum wir auf ungefähr 18 bis 38 Grad geeicht sind. Da mein Hüttenfußboden nur mäßig gedämmt ist, fangen meine flachen Hände bei der morgendlichen Rumpfbeuge bei derzeit drei Grad an, während es unter der Hütten-decke immerhin schon neun sind. Da hielte man seine Füße nur zu gern in den Fluß Tennessee. Im Einzugs-bereich des AKWs Browns Ferry, das er eigentlich kühlen sollte, hatte er im August 2007 stolze 32,2 Grad. Das AKW wurde abgeschaltet. Die alabamischen Klimaanlagen atmeten auf.

Jetzt haben die Yankees Winter und heizen wieder mit dem Öl, das sie mühsam aus fremdländischer Erde raubten. Ostdeutsche Braunkohle, friesischer Torf, ganze Au- und Regenwälder lindern unsre befremdliche Not, uns warm halten zu müssen. Schließlich sind auch unanfällige Existenzformen diesseits aller Temperaturen oder jenseits aller Klima-Gipfel denkbar. Für mich stellt jene „humane“ 18-38-Spanne eine Klemme dar, die ich nicht verherr-lichen kann.


Eiskartoffeln

Bei wenigen Plusgraden draußen läßt es sich in meiner Gartenhütte immer noch gut aushalten, wie ich nach drei Wintern sagen kann. Sie ist nur mäßig gedämmt und hat keine 11 Quadratmeter. Ich kann die Veranda weiterhin zur Zubereitung meiner Mahlzeiten oder zum Schuhputzen nutzen, ohne befürchten zu müssen, das Wasser aus meinem Kanister fröre mir schon im Gießstrahl ein oder die Schuhcreme sei nur mit Hammer und Meißel aus der Dose zu lösen.

Auch mein Kühlschrank steht auf der überdachten Veranda – bei klirrender Kälte zu kühl. Dann muß ich alles in der engen Hütte aufbewahren und bewerkstelligen. Mein „Kleiderschrank“ ist ein tiefes Regal an der ofen-fernen Südwand, das zum Teil über mein Bett geht. Es wird nur durch Vorhänge verschlossen. Sie halten jedoch die Ofenwärme hinreichend genug ab, um mir jedesmal den bereits erwähnten kalten Windhauch ins Gesicht zu blasen, wenn ich sie lüfte. Das unterste Fach nutze ich im strengen Winter als Kühlschrank. Zuweilen kann ich mich glücklich schätzen, wenn mir über nacht nicht die Eier einfrieren. Entschuldigen Sie bitte, ich meine die Hühner-eier in der Pappschachtel, die auf dem Wollteppich meines „Kühlschranks“ steht. Im Januar 2009 zeigt mein Verandathermometer eines morgens minus 18 Grad, während es in der Hütte plus 0,5 sind. Für Tage bleibt es bitterkalt. Noch um Mitternacht opfere ich zwei Briketts, damit mich morgens etwas Glut begrüßt, die ich leicht entfachen kann. Nach einer knappen Stunde fängt die Gemütlichkeit an; dann habe ich – trotz Lüftens der Hütte – die 10 Grad überschritten. Unter dem Bademantel trage ich zwei Hosen und zwei Pullover. Zum Glück besitze ich zwei Paar wollgefütterte Pantoffeln, die ich abwechselnd auf dem Ofen anwärme. Am härtesten betroffen sind morgens die Hände, weil alles, was man anfaßt, kalt ist. Sich mit wärmenden Fäustlingen das Gesicht zu waschen oder auch nur Tee aufzubrühen, ist mir nie gelungen.

Mit jenen 18 Minusgraden war übrigens der Rekord gebrochen, den ich 1979 auf der Langspielplatte Trotz & Träume in meinem Weihnachtslied besungen hatte. „Draußen herrschen Osramglanz und minus 17 Grad, die Kaufhauskassen jubeln in Streß-Dur“, so beginnt dieses Stück. Es dürfte der Westberliner Winter von 1977 oder 78 gewesen sein. Die Logik des Plots ist so einfach wie das Liedschema. Der mit den Zähnen klappernde Sänger verhöhnt die einstigen Sorgen seiner „alternatiefen Seele“, während ihm die Kreuzberger Hinterhöfe die letzten Briketts schon aus der Ofenzange ziehen – „kaum reingesteckt, Brikett is weg.“ Die Musik kommt mir noch heute durchaus schmissig vor. Michael Stein spielt ein zirkushaftes Saxophon dazu.

Verständlicherweise hatte ich in meinen drei Hütten-wintern einiges Lehrgeld zu zahlen. So überschätzte ich zunächst die Widerstandskraft von Kartoffeln: ich fand sie in meinem längst stillgelegten Veranda-Kühlschrank in einem Zustand vor, der reif für einen Waffenschein gewesen wäre. Sie waren steinhart. Dann machte ich den Fehler, meinen Kasten mit Flaschenbier nicht ebenfalls in die Hütte zu holen: das Getränk war trotz seines Alkohol-gehaltes eingefroren, wobei es mehrere Flaschen gesprengt hatte. Andere Flaschen trugen helle Halskrausen oder Bärte. Prompt war ich dumm genug, in einem zweiten Fehler den ruinierten Bierkasten einfach auf der Veranda sich selbst zu überlassen. Tauwetter kam – und meine Verandadielen stanken noch im April wie in der übelsten Spelunke.


Glatteis

Im Geiste des Positiven Denkens müßte ich für den Rest meines Lebens dankbar sein, daß ich mir im Sommer 2003 auf der ersten Innenbaustelle der Puppenfabrikkommune nicht den Hals, sondern nur das linke Handgelenk brach. Ich stürzte von einer fahrlässig wackligen Stehleiter und ging knapp neben einem Stapel Rigipsplatten zu Boden. Die Kante dieses kniehohen Stapels hätte bei einem Genickbruch sicherlich ebenfalls gelitten.

Vermutlich brach ich mir besagte Hand, weil ich mich törichterweise mit dem linken Arm abzustützen suchte. Stuntmen fallen bei Hechtsprüngen unversehrt, indem sie vor dem Bodenkontakt ihres Körpers in den Ellbogen einfedern; sie fangen sich ab. Meine MitstreiterInnen, die mich dem Krankenhaus in Friedrichroda zuführten, sagten mir später, ich hätte nach dem Sturz wie unter Drogen stehend gewirkt. Den linken Arm schief und steif nach hinten haltend, den Blick gesenkt, sei ich nach dem Aufrappeln in Richtung Treppenhaus gewankt. Auf besorgte Erkundigungen hätte ich nur beschwichtigendes Zeug gemurmelt und abwehrend den Kopf geschüttelt, ohne in meinem merkwürdigen Fluchtversuch inne zu halten. Es war der Schock. Ich wollte unwillkürlich vor meinem gebrochenen Handgelenk fortlaufen. Schmerzen spürte ich nur dumpf. Insofern trog jener Eindruck also nicht; mit dem jähen Sturz von der Leiter und dem Bruch war ich sozusagen geistig weggetreten.

Wie sich versteht, hätte ich diese kriminelle Leiter als Handwerker mit Gesellenbrief niemals benutzen dürfen. Aber jeder Kommunarde benutzte sie; wir hatten zu wenig Leitern. Auf einer „bürgerlichen“ Baustelle wären Polier oder Bauleiter zur Rechenschaft gezogen worden – hatten wir nicht. Informeller Bauleiter war unser Architekt L. Der gute Genosse ist ausgesprochen vielseitig begabt, nur die Sorgfalt hat er leider nicht mit Löffeln gegessen. Wo er sparen kann, spart er – etwa an Leitern. Außerdem ist er ein Reinhauer. Alles soll schnell gehen, auch wenn dadurch Raubbau an den Kräften betrieben wird. L.s Lieblingswort war Effizienz. In diesem Fall drückte sie sich in einer dreimonatigen Baupause des Genossen Henner aus, von den Folgeschäden nicht zu schweigen. Es war ein komplizierter Trümmerbruch. Zwar verhalfen mir Chirurg Friedrich Lange und die Krankengymnastik zu erfreulicher Beweglichkeit und fast vollständiger Schmerzfreiheit in der linken Hand, doch gewisse Einschränkungen sind geblie-ben. So bekomme ich auf der Gitarre vor allem die Barré-griffe nur noch unvollkommen hin. Ich muß mich dazu verrenken wie ein Tennisspieler bei einem Rückhandpaß. In einer Band wären Baß und Schlagzeug unterdessen schon drei Takte weiter. Ein „Comeback“ auf einer Bühne kann ich mir also abschminken.

Dafür gelang mir im Winter 2008/09 fast eins auf Glatteis. Daß die Straßen glatt sein würden, sagte ich mir bereits, als ich mein Fahrrad in der Frühe nicht auf Anhieb die 70 Zentimeter hohe Böschung vor meinem Gartentor hinauf bekam. Der Stichweg liegt höher als mein Garten, und die Platten der Auffahrt waren vereist. Da ich den zerfurchten und verharschten Stichweg leidlich gut bewältigen konnte, hatte ich meine innere Ermahnung schon wieder verges-sen, als ich ihn hinter mir hatte. Prompt fiel ich beim Einbiegen in die Bebelstraße auf die Fresse. Wie durch ein Wunder – so hätten bestimmt die Nachrichtenagenturen formuliert – brach ich mir nicht die rechte Hand (wegen der Abwechslung). Lediglich der rechte Ellbogen schmerzte für ein paar Tage.

Meine Unberechenbarkeit jagt mir doch immer mal wieder einen Schrecken ein. Neurasthenisch veranlagt, bin ich doch eigentlich die Vorsicht in Person. Ich bringe es fertig, bereits zugeklebte Briefe wieder zu öffnen, damit ich zum dritten Mal überprüfen kann, auch bestimmt nichts vergessen zu haben. In anderen Fällen dagegen unter-bindet irgendeine draufgängerisch gestimmte Hirnregion, die Aamodt/Wang (Welcome to your Brain, 2008) sicherlich genau kennen, das „Abfeuern“ von Neuronen der Ängstlichkeit durch irgendeine andere Region (oder „synaptische Verbindung“). Prompt laufe ich ins Messer oder aufs Glatteis, auf daß mein greiser Schützling Wilhelm womöglich ohne Morgenkaffee dastehe. Die ganze Wahrheit ist noch viel schlimmer. Wievieler „spontaner“ oder zumindest übereilter Maßnahmen habe ich mich schon erkühnt, für die ich entweder eine aufs Dach bekam oder wenig später am liebsten vor Scham im Fußboden versunken wäre oder beides. Und die Gesetzmäßigkeit, nach der ich mal vorsichtig, mal unbekümmert bin, möchte ich sehen. Es gibt sie nicht.


Risse im Hockeystick

Wer denkt noch an alle Einbrüche unterhalb der Kragen-weite Watergate? Das jüngste Ding ist schon nach wenigen Wochen Schnee von gestern. Ende November 2009 brachen KetzerInnen, die an den überall beschworenen Klimawandel nicht glauben, in den Server der Universität von East Anglia im britischen Norwich ein, wobei sie über 1.000 Mails und etliche andere Dokumente von maßgeb-lichen Klimaforschern erbeuteten, die am Climate Research Unit (CRU) dieser Hochschule arbeiten und dem UNO-Klimarat IPCC regelmäßig die wissenschaftliche Absolution erteilen. Ein russischer Server veröffentlicht die Beute. Die Hochschulleitung bestätigt den Einbruch. Die Webseite Alles Schall & Rauch (ASR) bringt Auszüge aus den Dokumenten – sie überführen die Klimareligions-führerInnen eindeutig des Betrugs. Danach sind systema-tisch Daten gefälscht worden, um eine jüngste Erwärmung des Erdklimas zu „beweisen“, die es gar nicht gibt.

CRU-Chef Phil Jones, selber in den Dokumenten belastet, dementiert ihre Echtheit nicht; vielmehr tritt er am 2. Dezember von seinem Posten zurück. Offenbar haben die HackerInnen (oder Gewährsleute) ins richtige Wespennest gestochen. Wolfgang Pomrehn, „Klimaspezialist“ diverser angeblich kritischer Blätter, giftet am 22. November in Telepolis zurück, weil ihr die Argumente ausgingen, sei „die Lobby der Dinosaurier-Industrien und ihre Fan-gemeinde“ jetzt schon auf Diebstähle angewiesen. Nicht die großen VerbergerInnen, die kleinen Wallraffs sind also die Schweine. Pomrehn rückt die nicht staatlich oder privatwirtschaftlich legitimierten DatenräuberInnen in die Nähe von Rassisten und anderen Aufhetzern. Sein einziges eigenes Argument ist fadenscheinig; selbst recherchiert hat er nichts.

Am 23. Februar 2010 wartet ASR mit einem Film auf, der die fragwürdigen Methoden des angelsächsischen „Hockey-Teams“ von Finnland aus beleuchtet. Die knapp 30minütige Dokumentation Ilmastogate des öffentlich-rechtlichen finnischen Fernsehsenders YLE vom Jahres-ende 2009 ist hier mit deutschen Untertiteln versehen. Sie stützt sich wiederholt auf den „gehackten“ Email-Verkehr der Fälscherbande, läßt aber auch zahlreiche ein- und ausheimische „seriöse“ KlimaskeptikerInnen zu Wort kommen, darunter den kanadischen Statistiker Steve McIntyre. Der Bitte der FilmemacherInnen um Auskünfte oder Gespräche schenkten weder Jones noch die CRU-Pressestelle Gehör. Das Resümee ihres Beitrags ist trotz behutsamer Formulierungen für das Hockey-Team vernichtend. Ein Dogma wurde in die Welt gesetzt und mit Zähnen und Klauen verteidigt. Auf diesem niemals korrekt abgesicherten Dogma fußt ein beträchtlicher Teil gegenwärtiger Weltpolitik.

Ich will die Argumentation der „KlimaskeptikerInnen“ kurz zusammenfassen. Es hat auf Erden schon immer Kalt- und Warmzeiten gegeben. Die Rolle des keineswegs giftigen Gases CO² beim modernen Treibhauseffekt und der möglichen Erderwärmung ist verschwindend gering. Hauptverursacher der Klimaschwankungen dürfte die unterschiedliche Aktivität der Sonne sein, auf der Tag für Tag ungeheuerliche Prozesse stattfinden. Damit verglichen stellt unser industrielles Wirken auf Erden ein Basteln im Hobbykeller dar. Die Methoden sowohl der rückwärts-gewandten wie der zeitgenössischen Temperaturmessung, beispielsweise über Baumringe und Meßstationen der CRU, sind unter Klimawissenschaftlern durchaus umstrit-ten. Ich nenne nur das Problem „urbaner Wärmeinseln“, die deutlich andere, nämlich höhere Werte als ländliche Meßstationen liefern. Für das Abschmelzen der Gletscher, gar der Polkappen gibt es so wenig handfeste Beweise wie für den Anstieg des Meeresspiegels – keine. Selbst wenn die letzteren schmölzen, könnten sie laut einem physika-lischen Grundgesetz gleichwohl niemals den Meeresspiegel anheben. Senken Sie einen Eiswürfel in Ihr fast randvolles Glas Glühwein, und Sie werden das Gesetz nach einigen Minuten bestätigt finden: das Glas läuft nicht über.

Das globale Klima selbst verhält sich leider nicht so simpel. Es stellt ein überaus komplexes Phänomen dar, das mit Computermodellen nicht erfaßbar ist. Wird von hundert Faktoren nur ein Faktor verändert, ergibt sich sofort ein anderes Gesamtbild. Für Manipulationen öffnet sich hier ein riesiges Feld. Wie die gehackten Emails belegen, war die Crew um den Briten Phil Jones und dessen Busen-freund Michael Mann aus den USA natürlich darauf bedacht, nie an Manns schon berüchtigter „Hockey-stick“-Grafik zu rütteln. Danach beschreiben die lang-fristigen Kurven irdischer Temperaturen einen Hockey-schläger, dessen „Schaufel“ just in den jüngsten Jahr-zehnten noch oben zeigt, also einen jähen Anstieg vorgaukelt.

Eigentlich hätte ich schon 1999 die Stirn runzeln müssen. Laut meinem Privatarchiv stellte damals Christian Pfister in der kleinen FAZ-Serie Jahrhundertwetter einige historische Wetterextreme vor. Die heißesten und trockensten Jahre des Jahrtausends seien 1473 und 1540 gewesen. Andererseits kamen in der Zwischenzeit grimmigste Eiswinter vor. Das Jahr 1473 schildert Pfister recht farbig. Um Basel blühten die Kirschbäume Anfang März. Das Getreide wurde Anfang Juni gemäht. „Im August wurde ein feuriger Wein gelesen. Gnadenlos brannte die Sonne. Am 30. Juni fiel für neun lange Wochen der letzte Regen. Dürre breitete sich aus. Die Brunnen versiegten, das Vieh verschmachtete, das unreife Obst fiel zu Boden. Bäume warfen schließlich ihre Blätter ab, so daß sie unbelaubt dastanden wie mitten im Winter. Böhmerwald, Thüringer Wald, Schwarzwald und andere Wälder standen in Flammen. Rauch lag in der Luft. In höchster Not wurde Ende August in Frankfurt am Main eine Prozession um Regen angesetzt. Als im Herbst das ersehnte Naß vom Himmel strömte, sproß das Gras wie im Frühjahr, die Bäume belaubten sich wieder, ja, manche blühten sogar ein zweites Mal.“

Gegen so etwas waren die letzten zwei oder drei Sommer in Deutschland Schläge ins Wasser. Im jüngsten fror ich geradezu. Noch im Juli heizte ich deshalb in meiner Gartenhütte mehrmals morgens ein. Im August gab es in Westthüringen lediglich einen wirklich drückend heißen Tag mit 33 Grad und abschließendem Gewitter. Dagegen zeigt sich der gegenwärtige Winter ausgesprochen streng. Doch das mediale Trommelfeuer der befremdlichen Ein-heitsfront aus Straße und Gipfelkonferenz, Bürgerinitiative und Staat, Arm und Reich, Frankfurter Allgemeine und Junger Welt, Graswurzlern und Ex-FDJ-Funktionärin Angela Merkel gefriert bis zur Stunde nicht, wobei die ergebnislose Posse des „Klimagipfels“ in Kopenhagen vom Dezember 2009 ein Geld verschlingt, mit dem man die angeblich vom Untergang bedrohten knapp 1.200 Inseln der Malediven hydraulisch aus dem Indischen Ozean heben könnte.

Hier drängt sich natürlich die Frage auf: wozu dieser ganze Aufwand, mit dem die „Klimalüge“ lanciert und verteidigt wird? Um den Planeten zu retten? Nein, die Profite – wie immer. Zunächst kommt die Ächtung des CO²-Ausstoßes der Atomenergiebranche zugute, die seit einigen Jahren wieder Morgenluft wittert. Laut Andreas Böhling von Greenpeace werfen die bereits bestehenden, hochsub-ventionierten und längst abgeschriebenen Reaktoren pro Tag und AKW sage und schreibe rund eine Million Euro Gewinn ab. Was Wunder, wenn die Energiebosse bei den Laufzeiten um jeden Tag kämpfen. Neue AKWs sprießen weltweit schon wieder wie Pilze – zur Freude von Siemens & Co. Weiter beschwingt jene Ächtung den lukrativen Emissionshandel, dem sich unter anderem die Ölkonzerne widmen. Auch Klimaschutzvorkämpfer Al Gore soll damit eine Menge Geld verdienen. Allein für seine flammenden Vorträge streicht er um 50.000 Dollar ein – pro Auftritt. Der geplante Boom für Elektroautos wiederum – unter Insidern Nachtspeicheröfen auf Rädern – wird selbst-verständlich den Stromgiganten zugute kommen.

Aber vergessen wir die angeblich wertfreie Wissenschaft nicht. Wer heute über den „Klimawandel“ forscht, sitzt in einer Goldgrube, denn die „Fördergelder“ prasseln genau auf ihn. Tut er es nicht, ziehen sie an ihm vorbei: Milliar-den ade. Daneben gebar die Religionsstiftung „Klima-wandel“ Hunderttausende von gut dotierten Arbeitsplätzen für KlimaschützerInnen, die sich zudem im Brennpunkt „öffentlichen Interesses“ sonnen können. Das hat beiläufig den Vorteil, uns und das Kapital der Sorge um alles Elend der Welt zu entheben, das mit drohenden Warm- oder Eiszeiten nicht das geringste zu tun hat. Dazu zählen gigantische Wasserbauprojekte in Südkorea, Türkei, Brasilien, die bereits clever als Klimaschutzmaßnahmen ausgegeben werden. Schließlich reiben sich auch die FinanzminsterInnen aller so gut wie bankrotten Staaten ihre Hände, läßt sich doch eine derart „konkrete“ Ursache des „Klimawandels“ wie der CO²-Austoß wunderbar einfach mit Steuern belegen.

Dagegen kommt ein Pomrehn wahrscheinlich kaum über sein Zeilenhonorar hinaus – was hätte er also davon, am Mythos „Klimawandel“ festzuhalten? Er bekäme sein Zeilenhonorar auch für Texte, die den Lärmschutz ankur-beln. Nur hätte er dann falsch gelegen! Der finnische Fernsehfilm krönt seine Entlarvung mit einem Jones-Zitat aus den gehackten Emails, das sinngemäß besagt, der Herr Institutsleiter wünsche sich die Klimaerwärmung brennend, damit alle Welt sehe, sie hätten recht gehabt. Hierin erblicke ich das persönliche Hauptmotiv der Hockeystick-Fetischisten. Sie und alle, die ihnen die Pucks und die Aufputschpillen hinterhertragen, müssen erbittert an der einmal eingeschlagenen Marschroute festhalten, damit sie ihr sprichwörtliches Gesicht nicht verlieren.

Ich neige immer mehr zu der Ansicht, dieses Motiv sei erheblich fundamentaler als landläufig angenommen wird. Meinungen, Moden, Trends kommen oft sehr zufällig zustande; jedenfalls entspringen sie nur selten ausschließ-lich der naheliegendsten Profitquelle. Sind sie aber erst einmal zur verbreiteten Überzeugung oder gar zur Welt-religion erhoben worden, fordern sie ihre Daseinsberech-tigung so massiv, daß auch ihre VerkündigerInnen gerne recht behielten. In Bremerhaven gibt es seit Sommer 2009 sogar ein Museum, das sich speziell dem „Klimawandel“ widmet. Das Klimahaus 8 Grad Ost hat 100 Millionen Euro gekostet. Wer wollte eine eherne Instanz wie ein Museum kleinlaut wieder schließen? Kürzlich las ich die dicke Darwin-Biografie von Desmond/Moore zum zweiten Mal. Dabei fiel mir gerade dieser Zug an dem gutbe-tuchten, verbindungsreichen Evolutions-Theoretiker aus dem 19. Jahrhundert auf: „seine Furcht vor Ablehnung und Prestigeverlust“, wie es auf Seite 620 der Rowohlt-Ausgabe heißt. Darwin kränkelte zeitlebens, und genauso lang verfolgte ihn die Angst, sich in die Nesseln zu setzen oder, schlimmer noch, als Außenseiter zu gelten. Entsprechend frohlockte er bei jedem „Beweis“, der seine Annahmen unterstützte, und grämte sich über gegen-teiliges Material.

Am 18. Februar 2010 ist die Lage des Eishockeyteams so brenzlig geworden, daß Ausputzer Pomrehn von der kommunistischen Tageszeitung Junge Welt eine halbe Seite bekommt, damit er – gegen die „Desinformations-kampagne“ von „Boulevard-Journalisten, Industrie-lobbyisten und Verschwörungstheoretikern“ – in die vermeintliche Offensive gehen kann. Offenbar läßt sich jene „Kampagne“ nicht mehr ignorieren. Nicht etwa, daß er Jones Eingeständnis erwähnte, die mittelalterlichen Warmzeiten könne es gegeben haben, während für die letzten 15 Jahre gar keine „signifikante“ Erderwärmung nachweisbar sei. Das sagte Jones laut Daily Mail vom 14. Februar in einem BBC-Interview. Oder daß er wenigstens jene „Vertrauenskrise der Klimaforschung“ erwähnte, die sich laut Spiegel vom 25. Januar seit Wochen „vertieft“. „Zunächst ging es um die unerlaubte Veröffentlichung von E-Mails aus den Archiven der University of East Anglia, die die Klimawissenschaftler in Mißkredit brachten. Jetzt gibt es Wirbel um Fehler in den offiziellen IPCC-Berichten und Verdacht auf Interessenkonflikte. Im Mittelpunkt der Krise steht der Uno-Klimarat, der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), und dessen Vorsitzender Dr. Rajendra Pachauri.“

Nichts davon bei Pomrehn. Für ihn hacken die Verschwö-rungstheoretikerInnen (vom Spiegel) auf nur einem Fehler herum, der sich in dem 1.000 Seiten starken Klimabericht des IPCC von 2007 gefunden habe: das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher betreffend. Sie hecheln die Erdober-fläche nach unsachgemäß aufgestellten Meßstationen ab und blasen „das Abzocken von Forschungsgeldern“ zum Hauptmotiv der angeblichen VerschwörerInnen auf. Im Verein mit der Global Climate Coalition aus Automobil-, Öl-, Chemie- und Kohlekonzernen versuchen sie der Öffentlichkeit systematisch weiszumachen, unter Wissen-schaftlern gebe es einen ernsthaften Streit über die Bedeutung der Treibhausgase. „Aber wie wenig an diesem angeblichen Streit dran ist, zeigt schon die Tatsache, daß Fachpublikationen, die den drohenden Klimawandel grundsätzlich in Frage stellen, mit der Lupe zu suchen sind.“

Leider gilt das auch für Fachpublikationen, die den Kapitalismus, den Afghanistankrieg oder den Segen der Privatisierung von Eisenbahnen und Wasserwerken grundsätzlich in Frage stellen. Man kann sie mit der Lupe suchen. Die Pomrehns dagegen sind klug genug, stets auf die Mehrheit zu setzen, weil sie auf diese Weise – als der Stärkere – stets im Recht bleiben. Da kann man sich nur mit Montaigne trösten, der in seinem vor gut 400 Jahren veröffentlichten Essay Von den Hinkenden die unselige Sitte beklagt, als den „besten Prüfstein der Wahrheit die Menge der Gläubigen“ zu erachten – „in einem Gewimmel, in dem die Zahl der Narren die der Weisen um ein so Vielfaches übertrifft.“


Nachtrag Juni 2013

Habe ich den Artikel Global warming stopped von David Rose in Mail Online vom 13./16. Oktober 2012 richtig verstanden, rudern die Cracks um Phil Jones weiter zurück. Allerdings hängen sie das, laut Rose, nicht an die große Glocke. Deshalb habe eine unlängst unter dem Titel Hadcrut 4 veröffentlichte Studie, die auf Daten von 3.000 Tempera-turmeßstationen zu Land und zu See basiert, bislang so gut wie kein mediales Echo gefunden. Ich fürchte, dabei ist es bis heute geblieben.

Herausgeber der Studie sind die beiden maßgeblichen britischen GralshüterInnen des Klimas, nämlich das Met Office’s Hadley Centre und das just von Professor Jones geleitete Climatic Research Unit (CRU), von dem wir vorstehend schon gehört haben. Danach hat von Anfang 1997 bis August 2012 keine Erhöhung der globalen Durch-schnittstemperaturen stattgefunden. Das heiße, so Rose, die „Pause“ in der Erwärmung dauert inzwischen genau so lang wie der Temperatur-anstieg, der zwischen 1980 bis 1996 beobachtet werden konnte. Vor diesem Zeitraum waren die Temperaturen 40 Jahre lang zurückge-gangen. Die gesamte Erwärmung auf Erden seit Beginn der wissen-schaftlichen Temperaturaufzeichnungen im Jahre 1880 bis 1997 belaufe sich auf sage und schreibe 0,75 Grad!

Ob und wie weit die jüngste Stagnation anhält, kann selbstverständlich niemand sagen. Vielleicht sind wir 2050 schon bei 0,93 Grad Erwär-mung angelangt – immer vorausgesetzt, den Messungen und Studien all dieser erlauchten Institute sei überhaupt zu trauen. Dann wäre ich 100 und kaum weniger am täglichen Brennholzsägen wie zur Zeit.



Nachruf auf die Malediven

Der jüngste Winter, der gerade ausklingt, war zumindest in Deutschland erfreulich mild. Ende Januar soll es wegen Schnee und Straßenglätte gehäuft zu Autounfällen gekommen sein. Am Thüringer Wald hatten wir ebenfalls nur im Januar Schnee, wenn ich mich recht erinnere, und dabei nie klirrenden Frost. Vielleicht klappt es ja doch noch mit dem „Klimawandel“. Selbst in Großbritannien hat man wieder Hoffnung geschöpft, obwohl es dort im Vorjahr noch kurz vor Ostern zu einem „Kälteinbruch“ einschließlich „Schneeverwehungen“ gekommen war, wie ich einer t-online-Meldung vom 24. März 2013 entnehme. Weiter weg sieht es freilich ungünstig aus. Die USA erlebten in diesem jüngsten Winter „mehrere kräftige Kälteeinbrüche“, falls Wikipedia zu trauen ist. Deutsch-landradiokultur.de behauptete am 31. Januar 2014, Kiews SchülerInnen hätten kältefrei. So konnten sie trotz „mehr als 20 Grad minus“ auf den bekannten Maidan pilgern, um die angebliche Revolution zu befeuern. „Im ganzen Land fordert der Frost Opfer. Stromausfälle werden gemeldet, Autofahrten werden zur Gefahr ...“ Sonst stellen sie keine Gefahr dar. Eine Schlagzeile der Süddeutschen.de am 4. Februar 2014 lautete: „Sotschi vor Olympia – Blauer Himmel, reichlich Schnee“. Sotschi liegt wie Jalta am Schwarzen Meer. Eine Freundin von mir hat Anfang Februar beruflich in Kaliningrad (früher: Königsberg) zu tun und teilt mir per Email mit, sie gehe dort wie auf Eiern, weil der Schnee auf den Straßen vereist sei. Doch genug der Klage! Vielmehr frage ich Sie: Darf das alles wahr sein?

Am 20. März 2000, vor genau 14 Jahren, war im britischen Independent ein Artikel von Charles Onians mit der Über-schrift Snowfalls are now just a thing of the past erschie-nen. Der Autor führte unter anderem den bekannten „Klimaexperten“ Dr. David Viner vom Klimaforschungs-institut CRU der Universität von East Anglia ins Feld. In den kommenden Jahren werde Schneefall „ein sehr seltenes aufregendes Ereignis“ werden, versicherte Viner und fügte bildkräftig und zu Herzen gehend hinzu: „Kinder werden einfach nicht mehr wissen, was Schnee ist.“

Beliebt war damals auch die Sorge um das Überleben des Urlaubsparadieses Malediven im Indischen Ozean, das KlimakatastrophenmahnerInnen wie Wolfgang Pomrehn so gern in umweltfreundlichen Maschinen anfliegen, nachdem sie sich ihren Urlaub durch flammende Artikel in „linken“ Blättern wie Contraste, Freitag, Graswurzel-revolution, Junge Welt, Neues Deutschland, Ossietzky, Scharflinks, Telepolis, WOZ redlich verdient haben. Aufgrund eines durch unseren brutalen CO²-Ausstoß bewirkten beträchtlichen Anhubs des Meeresspiegels drohten die Malediven, die im Schnitt nur einen Meter über demselben lägen (wie auch meine Lieblingsenzyklo-pädie Wikipedia jammert), noch in diesem Jahrhundert zu versinken, klagten viele MahnerInnen. Zwar schieben sie diese spezielle Sorge neuerdings nicht mehr so in den Vordergrund, aber ansonsten lassen sie, soweit ich es beobachten kann, in ihrem Kampf gegen den „Klimawandel“ nicht locker.

Bei dieser Hitze stellen Journalistinnen wie Laura Frommberg fast eine Labsal dar. Am 26. Oktober 2012 meldet sie auf der Webseite aerotelegraph.com, auf dem Baa Atoll der Malediven sei ein neuer Flughafen eröffnet worden. „Der Dharavandhoo Airport ist der neunte Flughafen für den asiatischen Staat, der aus fast 2.000 Inseln besteht. Er ist ein reiner Inlandsflughafen, der dazu beitragen soll, dass Touristen aber auch Einwohner schneller als mit dem Boot zwischen den Inseln reisen können. Zwei internationale Flughäfen gibt es bisher auf den Inseln, den Malé International Airport und den Gan International Airport.“ Von vorsorglichem Hochbau wegen gewaltiger Hochwassergefahr im ganzen Artikel kein Komma.

Solveig Michelsen warnt auf der Webseite marcopolo.de (mit copyright-Angabe mairdumont 2013) vor einigen gefährlichen Landebahnen in der Welt. „Auch Malediven-urlauber erwartete ein erstes Abenteuer, wenn der Pilot das ins Meer eingebettete Rollfeld des Malé International Airports anfliegen muss. Nach zahlreichen Erweiterungen ist die Landebahn mit 3.200 Metern nun zwar fast genauso lang wie die Insel selbst, doch sie ragt weit ins Meer hinein und gibt einem das Gefühl, auf einem Flugzeugträger zu landen.“ Auf dem beigegebenen Foto wirkt die ständig erweiterte Rollbahn allerdings nicht annähernd so hoch wie ein Flugzeugträger, ganz im Gegenteil. Nicht anders äußert sich übrigens K. Seitz am 23. April 2013 auf t-online.de.

Damit zu einem Fachmann, falls mich die „skeptische“ Webseite eike-klima-energie.eu nicht übers Ohr haut. Auf ihr findet sich ein Gespräch mit „Prof. em. Dr.“ Nils-Axel Mörner aus dem Jahr 2010. Der schwedische Ozeanograf, laut Redaktion einer der weltweit führenden Experten auf seinem Gebiet, war unter anderem von 2000 bis 2009 Leiter des Maledives Sea Level Projects. Ich empfehle seine Ausführungen. Mörner nennt die hartnäckigen Warnungen vor einem drastischen Anstieg des Meeres-spiegels und den entsprechenden Gefahren insbesondere für Inselstaaten wie Malediven, Tuvalu, Vanuatu „blanken Unsinn“ und begründet das auch. Warum sich jene Inselstaaten dann trotzdem davor ängstigten? Mörners Antwort: „In Wahrheit haben sie keine Angst vor einer künftigen Überflutung. Vielmehr haben sie Angst davor, die finanziellen Mittel zu verlieren, die sie als Entschädi-gung für die vorhergesagte Überflutung bekommen können.“

Ich muß mich zum Weiterschreiben zwingen, denn mein Überdruß am Thema allgemein, dazu an meinem schlechten Englisch im besonderen, ist groß. Wahrschein-lich könnte man mit der geistigen und finanziellen Energie, die uns der Streit ums Klima schon gekostet hat, ganz Australien innerhalb von Sekunden um drei Meter anheben, vom Hunger Afrikas einmal zu schweigen. Wie es aussieht, bin ich mit Garth Paltridge durch reinen Zufall auf einen weiteren Fachmann gestoßen. Zwar scheint er alles andere als einen Antikapitalisten zu verkörpern, dennoch wittere ich, seine Ausführungen könnten im Sinne eines Kampfes gegen den Untergang der Aufklärung durchaus von Interesse sein. Paltridge ist emeritierter Professor der University of Tasmania, wo er von 1990 bis 2002 das Institute of Antarctic and Southern Oceans Studies leitete, und Autor eines 2009 erschienenen Buches mit dem Titel The Climate Caper: Facts and Fallacies of Global Warming. Ich versuche einen Essay von ihm zusammenzufassen, der in der diesjährigen Januar-Februar-Ausgabe (2014) des australischen Magazins Quadrant zu lesen ist.

Vor rund 40 Jahren unternahm die metereologische Weltorganisation der UN die ersten Schritte zur Etablie-rung eines weltweiten Klimaprogramms. Unter anderem benannte sie auf einer Konferenz in Stockholm verschie-dene Probleme, die zunächst zu lösen seien, ehe an verläß-liche Klimaprognosen zu denken sei. Das Hauptaugenmerk galt dabei der noch unwägbaren Rolle der Wolken und der Ozeane, die beide erheblichen Einfluß auf das irdische Klima haben. An diesen Unklarheiten, so Paltridge, hat sich in den folgenden Jahren im wesentlichen nichts geändert: sie bestehen nach wie vor.

Paltridge erläutert im einzelnen, warum es schwierig, ja fahrlässig ist, in Computer-Modellen mit dem zukünftigen Verhalten der Wolken und der Ozeane zu rechnen. Wie es dann jedoch, vor diesem Hintergrund, eine Mehrheit seiner Kollegen fertigbrächte, mit der Hand auf dem Herzen zu beteuern, für die beobachtete Erwärmung auf der Erde sei mit 95prozentiger Wahrscheinlichkeit der menschlich verursachte CO²-Ausstoß verantwortlich? Diesen Einwand erläutert er ebenfalls.

Die angebliche Erwärmung selber zweifelt Paltridge offenbar nicht an, wie auch die englische Wikipedia bestätigt. Er hält sie für wahrscheinlich, obwohl sich jüngst die Berichte und Eingeständnisse über eine schon rund 15jährige „Pause“ in derselben häufen, wie er selber ein-räumt. Er macht sich lediglich über die Versuche einiger Mainstream-Kollegen lustig, die nun fehlende „Hitze“ beispielsweise in den Tiefen der Ozeane zu verstecken: diese hätten die Erwärmung „absorbiert“.

Aufgrund der Ungewißheiten und Fahrlässigkeiten in den gängigen Prognosen glaubt Paltridge jedoch, die Erwär-mung werde weitaus glimpflicher ausgehen, als jene Kol-legen uns weismachten. Er fürchtet, das „wissenschaftliche Establishment“ sei vor Jahrzehnten in die Falle getappt, das Klimaproblem um den Preis der Ignorierung der Unwägbarkeiten in der Forschungsarbeit maßlos zu dramatisieren – und nun komme sie nicht mehr heraus. Damals sprangen die WissenschaftlerInnen auf den Zug der neuen Umweltbewegung, weil sie erkannten, wie gut sich auf diese Weise Gelder locker machen und Prestige gewinnen ließe. Bald gefielen sie sich auch selber in dieser Rolle der Mahner vorm drohenden Weltuntergang, die von einer spesenträchtigen Gipfelkonferenz zur anderen gondeln und bereitwillig Interviews geben. Und sie halten an ihrem fragwürdigen Kurs aus politischen, finanziellen und moralischen Gründen fest, die Paltridge durchaus sieht: Sie gehorchen dem einmal gesetzten, jetzt hoffäh-igen „Trend“, und sie wollen ihre Gelder und ihre Gesichter nicht verlieren. Dadurch drohten sie freilich den guten Ruf „der Wissenschaft“ zu zerstören.

Paltridge fürchtet, das Engagement zur „Abschwächung der globalen Erwärmung“ könne sich als teuerster Fehler herausstellen, den sich die Wissenschaft in der bisherigen Menschheitsgeschichte jemals geleistet habe. Nach Angaben des US-Senators Everett Dirksen betrügen die Finanzmittel der weltweit tätigen Fonds gegen den Klimawandel gegenwärtig eine Milliarde Dollar pro Tag. Pro Tag!

Dabei sind, so schließt Paltridge, die Chancen sowohl auf Beweise für wie auf Beweise gegen die Annahme eines in den kommenden 100 Jahren eintretenden Klimwandels mit verheerenden Folgen aufgrund der eingangs gezeigten Meßprobleme und Ungewißheiten „praktisch Null“. Ich wiederhole: virtually nil, praktisch Null. Doch auch dieses Eingeständnis wage in seiner Zunft so gut wie niemand. Zu seiner Verwunderung seien noch nicht einmal nennens-werte kritische Stimmen zum jüngsten Report [des zumeist so genannten, selbst ernannten „Weltklimarats“] IPCC zu vernehmen. Wo sei nur die Skepsis geblieben, die angeblich den Lebensnerv jeder Wissenschaft ausmacht? Vermutlich bleibe sie aus, weil sie sich erfahrungsgemäß sehr schnell in ein Karrierehindernis verwandele.

Die kulturelle und literarische Zeitschrift Quadrant entstand 1956 in der bekannten antikommunistischen Ecke (eine Entsprechung bei uns hieß Der Monat) und hält nach wie vor den Schirm „westlicher Werte“ hoch, unter dem sie neben „Meinungsfreiheit“ gut und anspruchsvoll geschriebene Texte gedeihen sehen möchte. Der Aufsatz von Paltridge ist zumindest ketzerisch. Vor „Autoritäten“ wie ihm sollte man vielleicht seinen Hut ziehen, weil sie mutig gegen den Strom schwimmen. Man könnte aller-dings einwenden, vor einigen Jahren hätte sich Paltridge womöglich noch gehütet, den referierten Essay oder sein erwähntes Buch zu veröffentlichen – als er noch nicht pensioniert war. Jutta Ditfurth beklagte unlängst in einem Interview die in Deutschland recht neuen Existenzängste, die aus fast jedem Gewerkschaftler, Journalisten und selbst Rebellen einen Duckmäuser machen, weil er um seinen „Job“ fürchtet. Das sei um 1970 noch anders gewesen, was ich bestätigen kann. Damals konnten wir unser Maul sehr leicht aufreißen, weil wir spätestens in der übernächsten Stadt sofort wieder Arbeit fanden. Sich damals deutlich über Hartz-IV-Niveau zu ernähren, war vergleichweise kinderleicht. Schröder und Fischer wußten das zu korrigieren.

Den vielen Pomrehns dagegen müßte man den Hut des Befreiungskampfes abnehmen, um hineinscheißen zu können. Ich habe bereits früher angedeutet, wie beschä-mend es im Grunde ist, wenn sich „Linke“ (auch) in der Klimafrage auf die Seite der Mehrheit schlagen. Nach meinen Geschichtskenntnissen liegt die Mehrheit so gut wie immer schief. Sie glaubt, jedes Segelschiff, das den Horizont erreiche, müsse von der Erde fallen. Sie hält den Aderlaß für ein in zahlreichen Krankheitsfällen unver-zichtbares Heilmittel. Sie begrüßt den „Ausbruch“ des Ersten Weltkrieges, weil das von Feinden umzingelte Deutschland schon eingeschnürt zu werden droht. Sie läßt sich von selbsternannten Kunstpäpsten den Bären aufbin-den, jedes Gemälde, das sich „endlich vom Gegenstand löse“, bringe uns automatisch unverkrampften gesell-schaftlichen Zuständen näher. Es bringt uns dem Nichts näher. Aber Selbstkritik all dieser Mehrheitsidioten ist nicht zu erwarten, wie gleichfalls die Geschichte lehrt. Sollten sie demnächst am Ruder einer x-ten Reform-regierung stehen, die ganz andere als Klimasorgen hat, werden sie einen ihrer Referenten allein darauf ansetzen, alle Datenbanken nach ihren früheren Artikeln oder Interviews zu durchforsten, um dieselben „vom Gegen-stand zu lösen“ oder wenigstens salonfähig umzufrisieren.
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