Sonntag, 24. Juni 2012
Keulenworte
Sticheleien gegen den Fortschritt

Umfang 22 Druckseiten. Verschiedene Stücke sind in meinem Stockraus von 2009 enthalten


Keulenworte + Aufrechter Gang + Emporismus + Seßhaftwerdung + Vorsorge + Feuer und Fallen + Aronstab + Wache + Der edle Wilde + David & Goliath + Spechtsbrand + Bierrufer + Fundamentalismus + Vater Staat + Kriegsgründe + Arbeiterklasse + Generalstreik + Entvolkung + Istanbul + Globallisierung + Flickwerk



Keulenworte

Laut jüngster Primatenforschung entstanden die Keulenworte in dem Augenblick, als die ersten Menschen-horden in ihren öffentlichen Diskursen an die natürlichen Grenzen der Faustkeilgröße stießen. Sie machten den naheliegendsten Gemeinplatz gängig – und eilten von Sieg zu Sieg. Bei seiner enormen Bandbreite bot das Keulen-wort – etwa Berührungsängste, Sozialneid, Verschwö-rungstheorie – den riesigen Vorteil, auf die unterschied-lichsten Köpfe zugleich zu passen. Es rüttelt auch nicht an seinem Wesen, wenn es mal von links, mal von rechts geschwungen wird. Als wahrer Renner entpuppte sich Populismus; um ein Haar wäre ihm die gesamte Bevölke-rung des Neandertals zum Opfer gefallen, als afghanische Horden dort eindrangen.

Allerdings nutzen sich selbst die Keulenworte aus Eiche mit der Zeit ab. Kulturbolschewist etwa schwand vor rund 20 Jahren (nach der rotgrünen Machtergreifung) zu Kulturpessimist. Außerdem sinnt der Gegner sofort auf ein noch schrecklicheres Keulenwort. So wechselt das Kriegsglück und die Kämpfe toben. Eine von Dieter Hundt und Gerhard Schröders Katze geführte Horde ging eine Zeitlang sehr wirksam mit Besitzstandswahrung vor. Reihenweise fielen die gebrandmarkten Besitzstands-wahrerInnen auf die Kniee und rutschten im ausgedehnten Flur ihrer „Arbeitsagentur“ bis zur Tür Hartz IV. Die verheerende Antwort der Schölzel-Wagenknecht-Horde lautete: Arbeitsplatzvernichtung! Dieser Vorwurf traf selbst hartgesottene Fabrikanten von Rattengulasch-konserven so sehr ins Mark, daß sie nicht ein Fließband mehr stillzulegen wagten. Hainich, Kaufunger und Thüringer Wald wurden kräftig durchschneist für die in Eisenach gefertigten VW-Geländewagen.

Kaum im Amt, sägte Kanzlerin Sahra Wagenknecht sogar Frau Marianne Birthler ab, die so dumm gewesen war, eine Verschlankung ihrer in Stasilin ansässigen Volksbeglük-kungsbehörde vorzuschlagen, weil sie beim allgemeinen Sparen nicht hintanstehen wollte. Mit Wagenknechts Ankurbelung des Ozonlochs nahm auch die Zahl der Arbeitsplätze in Sternwarten und Hautkrebskliniken kräftig zu. Das Keulenwort Reformisten wurde verboten.


Aufrechter Gang

Die Bedeutung dieses spezifisch menschlichen Merkmals kann kaum überschätzt werden. Wahrscheinlich geht der ganze sogenannte Fortschritt auf sein Konto, Band-scheibenvorfälle und Standbilder in Grünanlagen eingeschlossen. Aufrechter Gang scheint unvermeidlich zu Hochnäsigkeit und Hochmut zu führen – der bekanntlich vor dem Fall kommt. Trifft dies zu, wird die Menschheit enden wie die New Yorker Zwillingstürme endeten.

Dabei fing es dereinst – vor ungefähr drei oder zwei Millionen Jahren – nach C. O. Lovejoy und Jost Herbig sehr gut an. Sie weisen die Theorien zurück, der Aufrechte Gang verdanke sich der Werkzeug- und Waffenherstellung oder dem Sausen durch die Savanne. Sie machen uns darauf aufmerksam, bis dahin habe der Mensch von der Hand (oder Vorderpfote) in den Mund gelebt. Durch den aufrechten Gang jedoch bekam er die Hände frei, um etwas tragen und etwas geben zu können – wohl vor allem gesammelte oder erlegte Nahrungsmittel. Das hatte bereits mit dem Schöpfen von Wasser begonnen. Für Canetti stellen die Hände die Urform von Krug und Korb dar. Günstiger als die Hände dürften zunächst Schalen aus Baumrinde oder lederne Beutel gewesen sein, in denen ein jeder etwas mit nach Hause bringen konnte. Man teilte und hielt Vorräte. Dadurch wurde die Verbundenheit gestärkt. Auch dafür bedurfte es eher sinnreicher Behälter als hinterhältiger Waffen.

Nach Lewis Mumford – und indianischer Namens-gebungssitte – könnte der Mensch als das Säugetier „Das-die-ganze-Welt-in-Behälter-steckt“ definiert werden. Begriffe, ausgehöhlte Baumstämme, Hundehütten, Stauseen, Vaterländer, Särge, Flugzeugträger in der Dimension von Kreisstädten – alles Behälter. Des Säugetiers Gigantomanie dürfte seine Gattung früher oder später wieder der Büchse „Ursuppe“ zuführen, aus dem es die Welt dereinst mit einem Knall hervorgezaubert hat.

Zwar liegen die Vorteile jenes Tragens und Gebens sozusagen auf der Hand, doch die meisten ForscherInnen übersahen es, weil es nicht ihrem auf Feindseligkeit geeichtem Weltbild entsprach. Sie stürzten sich lieber auf die Faustkeile, die erfreulicherweise nicht so schnell verrottet waren wie etwa Rindenbehälter oder Lederbeutel. Aus demselben Grund behandeln sie die Küchenabfälle unserer Früchte und Gemüse verzehrenden Urahnen so abfällig. Faustkeile, gebrochene Knochen und Kupfer-münzen, das läßt sie vor Genugtuung überkochen.

Indem sie jedoch die Rolle des Trag-Baren in der menschlichen Evolution verkannten, trugen sie zur hoffnungslosen Überlastung unseres Planeten bei. Die frühen nichtseßhaften WildbeuterInnen wären niemals so blöd gewesen, sich mit mehr Vorräten, Geräten und Spröß-lingen zu belasten als ihr Rücken tragen konnte. Ihre Welt paßte in ihre Beutel. Sie war noch tragbar. Inzwischen platzt sie aus allen Nähten.


Emporismus

Diese in sämtlichen Lagern angebetete Ideologie dürfte im Aufrechten Gang wurzeln. Die Welt stellt sich ja erheblich anders dar, wenn man sie nicht wie Schnecken und Robben oder wie ein Ochse zu bewältigen hat. Sie erhält den Zug nach oben. Der Recke hat freie Hände und sieht mehr als eine Schnecke. Er sieht sich aller anderen Kreatur überlegen. Ein Ende der Überlegenheit sieht er verständ-licherweise nicht, schiebt sich doch die Hürde „Horizont“ auf gekrümmter Erde stets hinaus.

Der Emporismus will und verheißt nicht etwa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, vielmehr Zielstrebigkeit, Fortschritt, Unsterblichkeit. An etlichen gotischen Domen wurde über mehrere Jahrhunderte hinweg gebaut. Lichtenberg machte sich schon vor rund 200 Jahren über Emporismus lustig; vertikale Schemen seien Hirnge-spinste. In F. G. Jüngers erstaunlich kenntnisreicher Untersuchung Die vollkommene Schöpfung von 1969 tauchen bereits massive Zweifel an einer auf uns Krone der Schöpfung abgezielten Auslese der Evolution auf. 20 Jahre später gibt ihr der Paläontologe Stephen Jay Gould mit seinem Buch Zufall Mensch den Rest, indem er die fesselnde Geschichte der Fossilienfundstätte Burgess Shale in den kanadischen Rocky Mountains erzählt. Danach sind wir eher ein betrübliches Überbleibsel einer zufällig untergegangenen, nie mehr erreichten faunischen Vielfalt. In seinem nächsten Buch Illusion Fortschritt von 1996 macht Gould – neben dem Emporismus – auch unserem Neuigkeitswahn und unserem Trendsettertum den Garaus. Doch die Fortschrittsgläubigen führen unerschüttert ihr „Onto-Genie“ ins Feld: im einzelnen Lebenslauf – vom Säugling zum Weisen – liege ja ebenfalls das Empore vor. Verbitterte Greise als Gipfel der Reife.

Was mich betrifft, wären mir der Schwarzgeldzüchter Helmut Kohl als Oggersheimer Milchgroschenknirps, der Balkanzüchtiger Joschka Fischer als Frankfurter Pflastersteinewerfer lieber gewesen. Meine recht bunten Lebenserfahrungen sind wahrscheinlich breiter als Kohl; gewiß kommt man mit ihnen nie nach oben, aber in die Tiefe. Eine Krönung germanischen Reckentums stellt Greis Otto Schily dar, dem die Innere Sicherheit bereits als Betonmehl aus der Bügelfalte rieselt. Emporstrebende Großväter für das Empire; Empörung für uns.


Seßhaftwerdung

Sie war der erste GAU auf diesem Planeten. Ihr verheerender Rang wurde um 8.000 v. Chr. nur nicht als solcher erkannt, weil die damaligen Sammler & Jäger – kurz WildbeuterInnen – nicht über Nacht seßhaft wurden. Warum sie sich trotzdem vergleichsweise jäh dazu entschieden, Gurkenbeete und Küchenspülen mit gerillten Abtropfblechen anzulegen, statt weiterhin zwei Stündchen am Tage Beutel oder Keule zu schwingen und ansonsten zu faulenzen, übersteigt gesunden Menschenverstand.

Wie die Psychologen heute von Fesslungsangst sprechen, gab es damals vielleicht zu viel Fesslungslust. Die Leute lechzten nach Klötzen an ihren Beinen, und wären es selbst Geldschränke gewesen. Sie lechzten nach sozialen Konflikten, denen man nun nicht mehr aus dem Wege gehen konnte. Bis dahin hatten jeweils die Menschen zusammengelebt, die miteinander auskamen, wobei auch durchaus Gruppenwechsel üblich waren. Indem sie die ersten Claims absteckten und die ersten Stadttore errichteten, kam natürlich das in die Welt, was reaktionäre Anthropologen den WildbeuterInnen gern als „Territorial-instinkt“ andichten. Wie Jost Herbig einleuchtend zeigte, waren diese eher umgekehrt darum bemüht, durch verwandtschaftliche und freundschaftliche Verbindungen mit anderen Horden und Stämmen die Reviere für Notfälle wie Nahrungsknappheit und Wetterkatastrophen zu öffnen. Sie waren so mobil, flexibel, frei, wie es uns heutzutage wieder angeraten wird.

Sie waren frei, bis sich sogenannte Häuptlinge fanden, die sich gleich 30 Reviere auf einmal unter den Nagel rissen. Durch die Seßhaftwerdung wurde Deutschland mit Rittergütern und dem Schloß Regensburg gespickt, in dem Clanchef Albert II. von Thurn und Taxis auf 2,3 Milliarden US-Dollar sitzt. Im bolivianischen Departement Santa Cruz – das dem gewählten indigenen Staatspräsidenten Evo Morales unablässig mit Abfall droht – gehören 35 Clans 5 Millionen Hektar gutes Ackerland. In Paraguay befinden sich 77 Prozent der Anbaufläche in der Hand von einem Prozent der Bevölkerung. Dieses Prozent dürfte auch den Rekord im Pestizideinsatz halten, baut es doch hauptsächlich Soja in Monokultur an.


Vorsorge

Die Geißel der Vorsorge sitzt uns seit der Seßhaftwerdung im Nacken. Von vielen Menschen wird sie allerdings nicht erkannt, weil die Möglichkeit, für Zukunft und Notfall vorzusorgen, landläufig als segensreiche Auswirkung Freier Marktwirtschaft betrachtet wird. In Wahrheit liefen nur unsere „primitiven“ Urahnen frei im Land umher. Der moderne Mensch dagegen ist Sklave seiner selbstge-schaffenen Sachzwänge geworden, die ihn in der Tat zur Vorsorge zwingen. Bewegt er sich einmal, dann im Teufelskreis.

Hüttenbewohner Thoreau verhöhnte schon vor rund 150 Jahren Mitmenschen, die sich krank schuften, um für den Krankheitsfall etwas auf der hohen Kante zu haben. Die Panzerung mit immer fortschrittlicheren Geräten und Einrichtungen, die ihnen angeblich das Leben erleichtern, drückt sie immer tiefer in den Sumpf von Zahlungs-, Wartungs- und Vorsorgeverpflichtungen. Nur weise Fischer wie Wiecherts Ex-Kapitän zur See Thomas Orla wissen, daß sie umso weniger zu verlieren haben je weniger sie besitzen. Unsere sammelnden und jagenden Urahnen besaßen vor allem ausgefuchste Natur- und Sozialkenntnisse, die auf ihren braungebrannten Rücken nicht ein Gramm wogen. Bei ihrer spärlichen Bekleidung waren sie doch erklärte Faulpelze. Unter Ausnutzung eines unglaublich vielfältigen Nahrungsangebotes und auf die Solidarität der Gemeinschaft statt auf Vorräte vertrauend, lebten sie von der Hand in den Mund, sofern sie sich nicht dem Schlaf oder den damals beliebten Gesellschaftsspielen hingaben.

Wie Herbig erwähnt, kümmerten sich beispielsweise auch die Eingeborenen der Stämme Kung und Hadza in Zentralafrika oder der Aborigines in Australien bestenfalls drei Stunden täglich um Nahrungssuche, ehe sie von Missionaren mit Kuckucksuhren und Monokulturen beglückt wurden. Sie litten nie Hungersnot und waren nie unzufrieden – aber eben „primitiv“. Beraubte man einen modernen Menschen aller zivilisatorischen Segnungen, die er für unverzichtbar hält, stünde man vor einem nackten fetten Vollidioten.


Feuer & Fallen

Was wären wir ohne das Feuer? Wahrscheinlich wären wir kaum übers Neandertal hinausgekommen. Für Lewis Mumford hat der Wunsch Es werde Licht! die eigentliche Geschichte des Menschen eingeleitet. Dem prasselnden Holzfeuer entsprangen drei wesentliche Dinge auf einmal: Licht, Wärme, Kraft. Vor seinem Licht scheuten die durch die Nacht schnürenden Raubtiere; mit seiner Wärme wurde die Eiszeit überstanden; seine Kraft verwandelte ganze Wälder in Ackerland.

Das ökologische und nukleare Damoklesschwert, unter dem wir inzwischen zu leben haben, mahnt allerdings die Schattenseiten des Feuers an. Wahrscheinlich gibt es unter unseren zahlreichen vorteilhaften Erfindungen keine, die nicht ihren Nachteil besäße. Was ist dereinst über die Uhr, die Kreissäge, den Dosenöffner, das Auto, den Schnell-imbiß gejubelt worden! Wieviele Daumen wurden schon durch die Kreissäge gekürzt, von der Arbeitshetze, die sie ermöglicht, einmal zu schweigen! Durch einen seltsamen Mechanismus fällt uns bei einer neuen Erfindung stets ihr Glanz zuerst ins Auge – nicht die Schattenseite. Wahr-scheinlich löst dieser Mechanismus, ähnlich einer Mause-falle, in unserem Gehirnkasten den Bügel neu=besser aus. Dadurch fällt es uns wie Schuppen von den Augen – und wir sind von der Neuheit geblendet.

Der Maus dagegen bricht die zuschnappende Falle das Genick. Im Gegensatz zum Feuermachen ist die Kunst des Fallenstellens übrigens nicht auf dem Mist der Menschheit gewachsen. Viele fleischfressende Pflanzen – ich hebe hier nur die Kannenpflanzen heraus – und viele Spinnen verstehen sich darauf. Selbst die Katze kann sie für sich reklamieren: sie muß lediglich den Scharfsinn aufbringen, ein Mäuseloch als Falle zu interpretieren – und dann die Geduld, davor zu warten. Nach Mumford waren primitive Fallen, etwa Schlingen, Netze, Pferche, schon in der Steinzeit verbreitet, wahrscheinlich sogar die Gleitschlinge, das Lasso. Nur waren sie nicht so haltbar wie Faustkeile und Äxte, weshalb sie von vielen Forschern ähnlich gern vernachlässigt werden wie die frühen (materiellen und sozialen) Behälter, auf die ich schon hingewiesen habe.

Für verschiedene Pflanzen ist es sicherlich von Vorteil, wenn in ihren eingeölten kannen-, trichter- oder löffel-förmigen Blüten Insekten in Richtung des Pflanzenmagens abgleiten und durch einen reusenartigen Haarverschluß auch daran gehindert werden, sich lieber wieder zu verkrümeln. Diese Gäste haben die betreffende Pflanze zu bestäuben oder zu füttern. Für sie selber ist es also weniger vorteilhaft. Das geschickt verborgene Tellereisen beschert dem Trapper einen Fuchspelz, während es den Wald um einen vierbeinigen Krankenjäger ärmer macht. Wahrscheinlich stehen wir mit der Natur vor einem raffiniert ausgeknobelten System des gegenseitigen Fressens und Gefressenwerdens, das bei großzügiger Betrachtungsweise stets im Gleichgewicht bleibt. Nur der Mensch bildet sich ein, die Ausnahme darzustellen, die keinen Preis zu zahlen hat und deshalb alles andere überleben wird. In der Antarktis, höre ich, hat er sogar schon Meteoritenfallen aufgestellt. Da sage ich nur, Hochmut kommt vor dem Fall. Kein Planet hält unbegrenzt Meteoriten aus. Selbst die Schloßfallen in der Zarge unserer Haustüren sind nicht ausschließlich harmlos. Indem sie den Riegel aufnehmen, der nur vom Schlüsselbesitzer betätigt werden kann, wähnen sie diesen in Sicherheit. Gleichzeitig leiten sie die ärgerliche Suche nach dem Schlüssel beziehungsweise einer Gelegenheit ein, ihn zu stehlen, um ihn nachzufeilen.

Fallen sind also nicht gerade vertrauensbildend. Während Pancho Villa die Yankees in Hinterhalte tappen läßt, schickt Obama den Paschtunen in Pakistan und Afgha-nistan computergesteuerte Drohnen aus dem Hinterland. Hat er das wirklich von den Insekten gelernt? Bekanntlich arbeitet unser Bundeskriminalamt nicht nur mit Provoka-teuren in schwarzen Lederjacken, die Steine schmeißen, sondern auch im virtuellen Raum, beispielsweise mit präparierten, angeblich linksradikalen Webseiten, die es Honigtöpfe nennt. Der Mensch mag die Heimtücke bis zum letzten treiben; er bleibt stets humvorvoll.


Aronstab

An einer Koppel mitansehen zu müssen, wie die Pferde von Fliegen und Bremsen heimgesucht werden, kann einem viel Wanderlust rauben. F. G. Jünger nannte diese Schöp-fung, die jede Art von Tierquälerei einschließt, voll-kommen – ohne Ironie, denn jede Art von Komik hatte er geächtet. Die Pferde behelfen sich notdürftig durch reiß-verschlußartiges Gegeneinanderstehen; dadurch können ihre Schweife auch ihre Schädel erreichen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Meine Pferdekoppel würde ich mit Aronstäben einfassen. Am Schloßberg leuchten jetzt – im September – die knallroten Fruchtstände dieser kaum knöchelhohen Pflanze aus dem Kraut hervor. Sie blüht bereits im April mit einem hübschen eselsohrigen Sonnensegel. Die braune Keule im weißen Ohr verströmt Aasgeruch. Schier bezaubert, rutschen die Fliegen am öligen Hüllblatt hinunter, passieren eine „Reuse“ aus Sperrhaaren – und sind im Blütenkolben eingesperrt. Der vollkommene Schöpfer opfert sie, um seine unvollkommene Blüten-pflanze zu bestäuben. Kommen sie aber aufgrund der verwelkenden Reusenhaare nach einer Woche wieder frei, ist es zumindest Haft und seelische Folter gewesen.

Es wundert uns jetzt nicht mehr, wenn Moses’ Bruder Aron als Ahnherr der hebräischen Opferpriester gilt. Um dem Pharao zu imponieren und dadurch das Volk Israel aus der ägyptischen Falle loszueisen, wirkt er wahrlich opferreiche Wunder. Zunächst wirft er dem Tyrannen seinen Stab vor die Füße – als eine sich auf den Marmor-fliesen windende Schlange. Zwar gelingt es den könig-lichen Zauberern, mit ihren Stäben Gleiches zu vollbringen – doch Arons Schlange verschluckt alle gegnerischen Schlangen. Später läßt Aron das vom Nil durchflossene Land von Fröschen, Stechmücken, Heuschrecken, Hagel und dergleichen plagen. Das Wasser wird von seinem Stab in Blut verwandelt.

Wie ich der Zeitung entnehme, ist auch der stolze Tigris im Irak, nach Saddams Sturz, zum stinkenden Grab jeglicher Flora & Fauna geworden, Hunderte von Menschenleichen eingeschlossen. Befreiungswerke sind eben opferreich. In Kalifornien verbrennt Cal 5.000 Dollar – vor knapp 100 Jahren ein Haufen Geld. Wir lesen (in Jenseits von Eden), die Opferwut ergreife gern Menschen mit schlechtem Gewissen. Cal hatte sich an seinem Bruder Aron ver-sündigt, der in den Krieg floh und fiel. Ich nehme an, er fiel John Steinbecks Ironie zuliebe.


Wache

Bei der Erörterung des Gegensatzes von aufrechter und liegender Stellung des Menschen in Masse und Macht bemerkt Canetti beiläufig, es sei überhaupt nicht zu begreifen, wie unsere Urahnen es fertigbrachten, den Schlaf zu überleben und so ihrer Ausrottung zu entgehen. Selbst Höhlen mit Windfängen hätten sie ja kaum davor bewahrt, von Raubtieren oder Artgenossen aufgespürt und angefallen zu werden.

Auf den naheliegenden Schutz durch einen bewaffneten Wachdienst kommt der Großdenker erstaunlicherweise nicht. Gerade in kleinen Gruppen, ob Familie oder Horde, war die Vertrauensbasis dafür gegeben. Alain, Mumford, Herbig haben diese Art gegenseitiger Beschützung natürlich in Rechnung gestellt. Im Gegensatz zu dem Fürchter der Massen Canetti verband sich für sie der Ursprung der Menschheit mit der Kraftquelle Solidarität.

Sind wir aber erst einmal bei den Massen und ihren jeweiligen Herrschern angekommen, hagelt es selbstver-ständlich Verrat und Totschlag, da WächterInnen – alle selbsternannten Beschützer und Befreier des Volkes eingeschlossen – käuflich geworden sind. Hier grüßen die Geheimdienste, die heute die halbe Welt beherrschen. Die Notlösung des kleinen Mannes wäre vielleicht der Hund. In einer Kurzgeschichte von Kreuder läßt sich die wachhabende Dogge allerdings von den Ganoven durch einen Ring Fleischwurst bestechen.


Der edle Wilde

Er ist die Fata Morgana solcher Menschen, die die Ambivalenz aller Dinge nicht sehen oder nicht zu sehen wünschen. Skeptikern war es nie um die Behauptung zu tun, der Mensch sei von Natur aus gut. Auch Herbig unterschlägt die vielen aggressiven, eigennützigen und prahlerischen Regungen in den von ihm angeführten „primitiven“ Gemeinschaften keineswegs. Doch erschienen ihm die vielen erfolgreich wirkenden „sozialen Riegel“ vor diesen Regungen bemerkenswerter.

Die entscheidende Frage lautet ja nicht, ob der Mensch gut oder böse sei, sondern welche Seite wir zu hemmen und welche wir zu fördern wünschen. Der Mensch ist kulturell beeinflußbar, das unterscheidet ihn vom Tier. Peter Farb kennt die Gründe, die den „typischen“ Prärieindianer Nordamerikas auf den Pfad der Brutalität führten: das Pferd und das Gewehr, beides Geschenke der Weißen. Bedenken wir zudem, wie sehr das christliche Abendland vom Alten Testament geprägt worden ist, brauchen wir uns über das christliche Förderungsprogramm keine Illusionen mehr zu machen. Das Alte Testament wimmelt von Gewaltverbrechen und Schandtaten aller Art, die offenbar stets die Nachsicht Gottes fanden. Denn nie werden sie auch nur einmal angeprangert, geschweige denn mit Umgangsformen und Einrichtungen konfrontiert, die uns mehr Frieden und mehr Glück bescherten. Damit macht das Alte Testament das Schändliche unweigerlich zur Norm. Sich gegenseitig zu belügen, zu übervorteilen, zu vernichten war selbstverständlich geworden.

Die Krone setzten dem Ganzen dann vor rund 250 Jahren die Gründerväter des Kapitalismus auf – Frauen lassen sich unter ihnen beim besten Willen nicht vorstellen. Mit der Konkurrenz förderten sie Rechthaberei und Krieg. Der „freie Markt“, auf dem die Waren und damit auch die Arbeitskräfte miteinander um Gunst, Geld und Geltung wetteifern, stellt in Wahrheit ein Zuchtbecken gegen-seitigen Sichausstechens dar. Wo Ware A ist, kann Ware B nicht sein; folglich gilt es, A zu verdrängen – besser gleich umzubringen, damit sie die Arena nicht noch einmal betritt. Zumal in seinem neoliberalen Stadium nimmt der Kapitalismus den Wirkungsgrad einer gigantischen Entsolidarisierungsmaschine an. Jeder kämpft um seine Bratwurst und merkt nicht, daß er schon selber auf dem Rost liegt. Er merkt es nicht, weil Heerscharen von Moderatoren oder Moderatorinnen ihren Senf dazu geben. Die Anpassungsleistung der technischen Apparatur selber hat dabei inzwischen zu einer Gleichschaltung der Quasselköpfe geführt, die den ehemaligen Krupp-Generaldirektor Alfred Hugenberg, Pressezar der Weimarer Republik, sicherlich neidisch gemacht hätte.

Will ich jedoch das Gute fördern – beispielsweise den Frieden oder die Bescheidenheit – genügt es nicht, Nächstenliebe zu predigen, PolitikerInnen auszutauschen oder Produktionsverhältnisse zu ändern. Ich muß bei mir selber anfangen. Da ich als Kind des Kapitalismus und dazu eines lieblosen Vaters chronisch krank bin, bedarf es allerdings geeigneter Bedingungen. Allein schafft man es nicht. Als sehr geeignet haben sich mehr oder weniger anarchistisch orientierte Lebensgemeinschaften erwiesen, in denen nicht nur auf Hobelbänken, Leitern oder Gurkenbeeten, sondern auch an den Verkehrsformen gearbeitet wird. Der Drang zum Angriff etwa (oder auch umgekehrt: sich ständig rechtfertigen zu wollen) züngelt in den alltäglichsten Verrichtungen und Gesprächen.

Durch den Willen zur Verständigung und die Heran-ziehung etlicher gruppendynamischer Methoden, die in libertären Kreisen allmählich Gemeingut werden, läßt sich gegen solche Untugenden schon viel unternehmen. Dient es innerhalb der nächsten 250 Jahre nicht der Revolution, hat es zumindest einem selber genützt.


David & Goliath

Angeblich fällte der Hirtenknabe David den riesenhaften Krieger Goliath nur mit einer Zwille. Deshalb benennen sich gerne Organisationen und Projekte nach diesem Paar, die sich angeblich ihrer schwachen Mitmenschen annehmen, um sie über das Böse obsiegen zu lassen. 2002 griff auch der Titelgestalter des Spiegel nach diesem eingängigen Muster. Demnach stand der schmächtige Kanzler Gerhard Schröder dem furchterregenden Goliath George W. Bush gegenüber – wahrlich ein Witz. Goliath George wollte Hirtenknabe Gerdchen gewaltsam in böse Kriege ziehen, obwohl dieser „das Militärische“ eigentlich schon „enttabuisiert“ hatte. Daß er den Bock zum Gärtner gemacht hatte, verriet der Spiegel-Titelzeichner nur des abends seiner gähnenden Gemahlin.

Die weltweit beliebte Metapher von David & Goliath bedient auf einen Schlag mehrere Vorlieben des durch-schnittlichen Kleinen Mannes. Zunächst bestärkt sie ihn in seiner Feindseligkeit. Kampf muß sein. Krieg war schon immer. Zum Beispiel zog ein gewisser David zunächst als Bandenführer, dann als offiziell gesalbter israelitischer König seine Blutspuren durch die Wüsten des Gelobten Landes, das ihm stets zu eng war. Imperialist und Sadist David unterwarf ein Volk nach dem anderen und sparte nicht mit Praktiken, die makabererweise an gewisse Konzentrationslager erinnern. So legte er etwa, laut Lutherbibel, die BewohnerInnen der ammonitischen Stadt Rabba „unter eiserne Sägen und Zacken und eiserne Keile und verbrannte sie in Ziegelöfen.“ Offenbar fiel die spanische Inquisition nicht vom Himmel. Nach der Unterwerfung der Moabiter „brachte er zwei Teile“ von ihnen „zum Tod“, während er den dritten Teil ungeschoren ließ (2. Samuel 8, 2) – eine barmherzige Quote, gilt doch in Bushs Feldzügen hier und dort schon die Losung, gar keine Gefangenen zu machen.

Weiter bedient die Metapher den Durst nach Heldentum, den der DDR-Arbeiter so gut wie der schwäbische Hippi hat – Easy Rider. In der Tat bindet auch Marxistin Welskopf-Henrich ihrem mit Epilepsie geschlagenen Indianerknaben Byron Bighorn das biblische Märchen vom über sich hinauswachsenden David als Ansporn auf (Licht über weißen Felsen). Hinzu gesellt sich der Hang zur Revolutionsromantik, die im Hirtenknaben David geradezu sentimentale Gestalt annimmt. Das unschuldige Leben steht gegen die Rohheit auf.

Aber vor allem offenbart die Metapher unseren Hunger nach Wundern. Das Lamm soll den Wolf zu Brei hauen. Vom Himmel soll es Manna regnen. Che soll fünf bis 10 Vietnams schaffen. Der unbekannte Autor soll heute Papieraufpicker in unseren Grünanlagen, morgen mit einer Zusammenstellung seiner Ausbeute die Nummer Eins der Bestsellerlisten sein.


Spechtsbrand

Ein Tag im Herbst. Jetzt lassen sich wieder die Spechte mit den besonders langen Hälsen beobachten, Kraniche genannt. Während ihre Hälse unterwegs leicht einrosten, wie man hört, halten sie ihre Flugkeile wohlweislich schlüpfrig. Vor Waltershausen peilen sie stets den Durch-laß zwischen Ziegen- und Schloßberg an. Der jenseits winkende Inselsberg (über 900 Meter) scheint die Kraniche wie ein Verkehrspolizist gen Süden zu leiten.

Für das zivile Auge schmücken ihre Verbände – mal 50, mal 150 Schreihälse umfassend – den Himmel mit wehenden, sehr eleganten Bändern. Vielleicht werfen sie etwas Kot ab – Bomben nicht. Wäre kein Herbst, zögen sich möglicherweise blühende Mohnfelder unter ihnen hin. Ein NATO-Sprecher hat in Kabul das Verlangen von Drogenbekämpfern zurückgewiesen, sich an der Vernich-tung afghanischer Mohnfelder zu beteiligen. So müssen unsere dort trainierenden Tornados ebenfalls kein Unheil anrichten. Mit 8.200 Tonnen Opium wurde für 2007 die seit Jahrzehnten umfangreichste Ernte erwartet. Zu Heroin veredelt, wäre sie zwei Milliarden Dollar wert. Heucheln ist lukrativer als Heuen.

BrandstifterInnen treten gern in Feuerwehruniformen auf. Wohl der Abendsonne wegen scheint jetzt auch Walters-hausen zu brennen. Der Spechtsbrand von 1641 legte das halbe Städtchen in Schutt und Asche – als hätten damals Fürsten, Jägermeister, Kriegsrotten nicht schon genug verheert. Man schob ihn Mangels Beweisen den Söhnen der Kunigunda Specht in die Schuhe, die schließlich 10 Jahre vorher nicht umsonst geköpft worden sein konnte. Aufgrund ihrer gutbürgerlichen Abkunft war der „Hexe“ gnädigerweise der Scheiterhaufen erspart worden. Stadthistoriker Löffler beseufzt den „moralischen Sumpf aus Aberglauben, Dummheit, Neid, Mißgunst, Gewinn-sucht und Bosheit“, durch den man hier zu staken habe. Allein unter Herzog „Ernst der Fromme“ mußten Dutzende von Frauen an das irdische Fegefeuer glauben.

Davon unbeirrt, singt der Kunstgeschichtler Karl Scheffler in seinem Lebensrückblick (von 1946) das Lob der Mitte. Vor dem Jerusalemer Tempel Barbarei; nach der Walters-häuser Barockkirche Vermassung. Dazwischen kultiviertes Maß – Mittelalter geheißen.


Bierrufer

Im herzöglichen Waltershausen brüllte er nicht etwa vor lauter Durst nach Bier; vielmehr hatte er von Amts wegen eher umgekehrt zu verkünden, wo und zu welcher Stunde der Stoff zu haben sei. Denn gebraut wurde reihum. Das fertige Bier wurde mal im Hause des jeweiligen Brauers, mal im Ratskeller verkauft. Jeder Anlaß zum Saufen war willkommen. Der Stadtrat stand auch dabei an der Spitze. Abfischung des Mühlteichs, Aussendung der Schützen, Einweihung des Siechenhauses – hoch sollen sie leben, Prost! Weilte der Herzog höchstselbst in der Stadt, wurden laut Löffler „auf Stadtkosten Heringe gekauft, damit man dem Gast zu Ehren noch ausgiebiger schlucken konnte.“

Die beliebtesten Zechanlässe waren Gerichtsfälle. 1588 wurde Hans Wilhelm von Politei Schütz erschlagen. Bei dessen Überführung nach Coburg (zwecks Hinrichtung) wurde keine Schenke am Wege ausgelassen. Wieder daheim, tranken sich im Rathaus 30 Amtspersonen dusselig. Die Gesamtkosten dieses Gerichtsfalls betrugen gut 200 Gulden, das wären heute ungefähr 10.000 Euro. Allein die Hälfte davon ging für Alkoholika und Thüringer Klöße mit Hasenkeule drauf. Die Moralapostel soffen feurig mit. Um 1550 muß der Langenhainer Pfarrer Erasmus Rosmann ein Spitzenreiter gewesen sein, der nicht nur das Zechen, Kartenspielen und Würfeln liebte. Einmal habe er volltrunken seinem Waltershäuser Amtsbruder die Fenster eingeschlagen – Stadtchronist Sigmar Löffler sieht alles.

Als besonders anstößig habe das Volk jedoch Rosmanns Vorliebe empfunden, „auf einem Pferde die Straße beim Waltershäuser Klaustor auf und ab“ zu reiten. Amtmann Asmus von Gleichen intrigierte so lange, bis Rosmann vom Landesherren abgesetzt und sogar ausgewiesen worden war. Auf ähnliches Mißfallen stieße heute höchstens ein Mensch, der in der blinkenden Volkswagenstadt Wolfsburg mit einem aus der DDR geretteten einachsigen Lochblech-handwägelchen unter den Fenstern solcher Personalführer wie Peter Hartz und Klaus Volkert flanierte. Die Ladefläche ist genau für einen Bierkasten gut. Ihn auszurufen, wäre schon wieder ein neuer 1-Euro-Job.


Fundamentalismus

Im Oktober 2009 ist er endlich auch vom Deutschen Bauernverband zur Kenntnis genommen worden, dem schließlich das Wohl der Ackerscholle grundlegend am Herzen zu liegen hat. Präsident Gerd Sonnleitner warnt davor, Pflanzenschutzmittel generell zu verteufeln und „fundamentalistische Positionen“ einzunehmen. Eben dies tat soeben der Deutsche Imkerbund, dem vermehrt die Bienen zugrundegehen, auf seiner Jahrestagung in Passau. Das war für Sonnleitner Gift.

Mir selber warf vor Jahren die Kursbuch-Redakteurin Ingrid Karsunke vor, mit meinem Essay über Fotografie & Film Klappe zu, Affe tot die Grenzen der Kritik zu überschreiten und „ins Feld des Fundamentalismus“ zu geraten. Man soll lieber im Wasser stehen bleiben und wie ein Schilfrohr schwanken. Wer das Fernsehen „in Bausch und Bogen“ verdammt, könnte auch Verdummung, Ausbeutung, Vergewaltigungen „generell“ verteufeln. Es gibt aber gute und schlechte Vergewaltigungen, gute und schlechte Fernsehsender, gute und schlechte Autobahnen und gute und schlechte Gewehre. Daher ist Toleranz statt Konsequenz geboten. Der Wurm sitzt nie in der Sache, Einrichtung, Gewohnheit selbst.

Das betrifft auch den Menschen, weshalb es gute und schlechte Menschen gibt. Trachten die schlechten, die Grenze zum Mißbrauch zu überschreiten, halten die guten Menschen sie am Rockzipfel fest – statt „mit der Fundi-Keule zuzuschlagen“, wie es Karsunke an mir beobachtet hat. Mit dieser sanften Rockzipfel-Methode haben die guten Menschen schließlich schon die Kreuzzüge, den Kapitalismus und den ersten Atombombenabwurf zu verhindern gewußt.


Vater Staat

Das weitläufige, aber stets gut zentralisierte Gebilde namens Staat wurde vor einigen tausend Jahren erfunden, damit beschäftigungslose BürgerInnen ihrer sogenannten Elite dienen konnten. Die Elite war nämlich nicht erpicht darauf, auch noch ihre eigene Beschäftigung zu verlieren. Die bestand vor allem im Kriegführen. Dazu benötigte die Elite die Steuern und die Söhne ihrer BürgerInnen – und zwar bald in erhöhtem Maße, damit man sich den neugeschaffenen Staat überhaupt leisten konnte. Diese ganzen Befehlsstäbe, Politbanden und Bürokratenheere, für die schon der Schatten der Pyramiden nicht ausreichte, wollten ja besetzt und ernährt sein.

Zum Glück besaß der Staat auch das Monopol aufs Geld – Finanzhohheit genannt. Niemand verbot ihm, sich bis ins Astronomische hinein zu verschulden oder die Gelddruck-maschinen anzuwerfen. Dabei fiel dann auch Mildtätigkeit gegenüber den Bedürftigen der Gesellschaft ab – denn sie in Krisenzeiten (keine Kriege, keine Arbeit) einfach verhungern zu lassen, geht ja nur in Unrechtsstaaten wie der DDR. Vorher hatten sich die Leute kurzerhand aus dem Wald ernährt. Jetzt wurden sie verwaltet. Wir stehen hier vor dem entscheidenden Punkt des Geniestreichs namens Zivilisation: den Bürger entmündigen, um ihm helfen zu können. Er sollte sich nicht mehr selber helfen. Vater Staat nahm ihm großzügig alles ab. Die Politik, die Arbeit, das Geld, die Bildung, die Verantwortung, ja selbst seine Geheimnisse und noch manches andere. Ihn in mehr oder weniger kleinen, selbstgewählten Bündnissen leben und wirtschaften zu lassen, wie es ihm grad beliebt, kommt heute schon gar nicht mehr in Frage, weil die Elite ihr bevorzugtes Bündnis „Kampf dem internationalen Terrorismus“ allein nicht bilden kann. Dazu ist sie gar zu dünn besetzt.

Die Rede vom Vater Staat ist verräterischer, als die Schröders und Merkels denken. Verzweifelt unsereins regelmäßig an der Ohnmacht unterdrückter und unrecht behandelter Menschen in Nah und Fern, knüpft er selbstverständlich an seiner Kinderstube an. Unsere Väter waren die ersten, die das Recht beugten, weil sie die Auslegungshoheit und das Gewaltmonopol besaßen. Sie waren die ersten, die Fürsorglichkeit heuchelten, wenn sie Eigennutz meinten. Es war ihr Stolz, uns „anständig“ erzogen, ihre Leistung, „tüchtige“ Menschen aus uns gemacht zu haben. Sie banden uns den Klapperstorch und den Weihnachtsmann und das Märchen von der Sozialreform auf. Sie zogen dem kleinen den großen Bruder vor, denn dieser würde im Konkurrenzkampf auf dem Freien Markt die größeren Chancen haben. Sie regierten die Familie mit Zuckerbrot und Peitsche. Sie versorgten uns um den Preis, ihnen zeitlebens dankbar sein zu müssen. Bleiben wir diese Dankbarkeit schuldig, versorgen sie uns gern mit Schuldgefühlen.

Man begreift jetzt, warum auch Julia D. Ramos Sánchez Vater Staat hochhält. Sie ist die Landwirtschaftsministerin des sozialistischen Boliviens, wie ich im Januar 2010 der Jungen Welt entnehme. Nach der Wiederwahl ihres Staatspräsidenten Evo Morales ist sie entschlossen, dem Volk auch in Zukunft die Mühen der Selbstorganisation und der Unabhängigkeit zu ersparen. Stattdessen möchte sie, neben dem Kampf gegen Korruption und Ungleichheit, Morales' Wohlfahrtspolitik vorantreiben. „Den Staat verstehe ich als Vater. Er muß für alle Sorge tragen, daß sie gut essen, gut leben, daß sie glücklich sind wie in einer glücklichen Familie.“


Kriegsgründe

Vielleicht kommen wir der schlimmsten Geißel der Menschheit näher, wenn wir Alains beiläufige Behauptung aus seinen Göttern, der Krieg beruhe fast ganz auf Worten, mit meiner Behauptung vermählen, erst mit unserer verfehlten Seßhaftwerdung vor ungefähr 10.000 Jahren hätten sich nennenswerte Grenzprobleme und damit Kriege ergeben.

Über in rauhen Mengen verbreitete Wildfrüchte und Wildtiere läßt sich unter verstreuten Nomadenhorden schwerlich nennenswert streiten. Jeder nimmt, was er braucht. Wird's einmal heikel, kann man sich gut aus dem Wege gehen. Das Eingezäunte jedoch sagt Halt! Es provoziert. Es stachelt den Ausgezäunten sofort zu der Feststellung an, für ihn sei dieser Zaun noch lange kein Halt. Er mache labile Menschen eher ungehalten. Das mindeste sei seine Versetzung um 30 Meter nach Osten. Weder der Holunderbaum, der sich über ihn neigt, noch das Wiesel, das ihn durchschlüpft, hielten sich an diesen verdammten Zaun. Wer könne sich überhaupt anmaßen, unter den ziehenden Wolken Mein von Dein zu scheiden?

Wir ahnen hier, wie sehr sich Realität und Sprache in ihrer Verschwommenheit entsprechen. Mit den Festlegungen ergeben sich unweigerlich Auslegungsprobleme. Sobald die Menschen sowohl das Desinteresse wie das Faustrecht hinter sich lassen möchten, türmt sich das Auslegungs-problem in Gestalt von Meinungen, Verträgen, Erpres-sungen, Fälschungen auf. Paul Reusch, um 1930 ein maßgeblicher Stahl- und Pressebaron, prangert die „Kriegsschuldlüge“ an; Gerhard Schröder „enttabuisiert das Militärische“; Merkel lobt ausschließlich „friedens-sichernde Maßnahmen“ aus. Doch die Redeschlachten toben, böses Blut schlägt hoch. Da jeder weiß, es wird gelogen bis sich die Balken biegen, haut man sich gegen-seitig die Fahnenstangen auf die Schädel. Nur man selber hat natürlich recht.

Der Herr möge Davids Feinde züchtigen, „denn sie haben ihr gottloses und falsches Maul wider mich aufgetan und reden wider mich mit falscher Zunge“, heißt es in Psalm 109. Ich beginne hier Musils Bemerkung zu begreifen, das Bedürfnis recht zu haben sei fast gleichbedeutend mit Menschenwürde. Meiner Einzigkeit kann lediglich ein Recht entsprechen. Dieses behaupte ich – also mich. Sich hingebend führt man keine Kriege.


Arbeiterklasse

Bolivien stöhnt unter seinen störrischen Lamas; es hätte lieber Lokomotiven. Freilich fallen die nicht vom Himmel, wie der neue Vizepräsident des Andenstaates weiß. Alvaro Garcia Linera, von Hause aus Mathematiker, dann Guerillakämpfer, hatte zuletzt im Knast Soziologie studiert. Wie 2007 einem Interview in der Jungen Welt zu entnehmen ist, schwebt ihm nun die „Modernisierung“ des Landes und damit dessen „Fortschritt“ vor – bis in den Sozialismus! Nur klafft vor diesem ein schmerzliches Desiderat.

Die Arbeiterklasse fehlt. Sie ist im Rahmen der Moderni-sierung erst zu schaffen, damit sie ihrer „Rolle als historischem Subjekt“ gerecht werden kann. Zunächst müsse es deshalb um die „gewerkschaftliche Anbindung“ der bolivianischen ZweihänderInnen gehen. Das ist mutig und zugleich modisch gesagt. Bei Bebel und Lenin ankommen und die Proleten anbinden! Bislang haben sich nur ein paar vermessene Mönche getraut, die Verkettung von Kapital & Arbeit als unheilvolle Zwangsehe zu geißeln, etwa die Mannen um Robert Kurz und Franz Schandl. Lewis Mumford spricht gar von einer Megamaschine. Die in ihr Wirbelnden pressen Rohstoffe, Zeitquanten, sich selber wie Zitronen aus. Sie alle vergöttern deshalb den hohen Organisationsgrad. Wie aus F. G. Jüngers Perfektion der Technik hervorleuchtet, pochen die Sozialisten gerade wegen der herrlichen Organisierbarkeit aufs Proletariat. Zwar kommt es inzwischen auch schon in den Hochburgen des Kapitals abhanden. Statt diese Gelegenheit jedoch beim Schopf zu ergreifen, um auch das Kapital mitsamt seinen verheerenden Produktionsstätten auf den Mond zu schießen, predigen die Lineras Fortschritt.

Leider macht dabei selbst ein Orwell mit, wenn er in Wigan Pier die vielen uns unsichtbar ernährenden Grubenarbeiter preist und noch 1948 in einem Essay behauptet, die Überwindung der Armut erfordere verstärkte Industrialisierung. Immerhin kandidierte er nie für irgendeine „Arbeiterpartei“. E. G. Seeliger definiert den Politiker erschöpfend als den Zweihänder, um dessent-willen die Politik da ist. Unser Problem liegt ganz woanders: in der Schwierigkeit herrschaftsfreier Selbst-organisation.


Generalstreik

Ob Streikverbote grundgesetzwidrig seien, gilt seit Jahrzehnten als „umstritten“. Nach einem jüngsten Arbeitsgerichtsurteil aus Nürnberg (2007) ist zumindest Lokführern das Streiken untersagt, weil es absehbar zu enormen, unzumutbaren volkswirtschaftlichen Schäden führe. Da drängt sich gewissen Fahrradfahrern die Forderung auf, auch Auto- und Straßenbau, Betriebs-stillegungen und Wahlversprechensbruch zu verbieten. Oder schleunigst die jüngst vom Stapel gelaufene Korvette Oldenburg zurückzubeordern, weil sie Richtung Kap Horn und Afghanistan 300 Kindergärten mit je 30 Plätzen zu entführen droht. Dieser „Kriegsschiff“ genannte volkswirt-schaftliche Schaden hat die SteuerzahlerInnen 300 Millionen Euro gekostet.

Wir dürfen gespannt sein, wann das Elmshorner Arbeits-gericht dem Hartz-VII-Empfänger Jupp Moderlieschen das Zufußgehen zu seinem Angelplatz verbieten wird. Dagegen ist das Recht auf Gebärstreik noch niemals ernsthaft in Gefahr gewesen, da es leider – ich muß es sagen – kaum eine Sau in Anspruch nimmt. Vom Generalstreik wage ich höchstens zu träumen, obwohl er nach Alexander Berkmans ABC des Anarchismus von 1929 die einzige Chance wäre, ein riesiges Blutvergießen zu vermeiden. Von Politikern wird der Generalstreik deshalb verständlicherweise gefürchtet. August Bebel nannte ihn 1907 in Stuttgart einen „Generalunsinn“; der Gewerk-schaftler konnte es kaum erwarten, die Schützengräben an der Somme mit Oettinger-Pils und Gesangbüchern zu versorgen. Der Generalunsinn gefährde die Existenz der Partei, war sein Hauptargument.

O heiliger Popanz! Die designierte und emanzipierte SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks möchte die Parteien-förderung um etwa 15 Prozent erhöht wissen. Das hängt mit dem Mitgliederschwund zusammen. Sei der Bürger nicht mehr zum Engagement in Parteien bereit, müsse das zumindest teilweise durch öffentliche Gelder ausgeglichen werden. Unser Ekel vor Parteien kommt uns ganz schön teuer zu stehen.


Entvolkung

In der Brücke 146 (Ende 2007) macht Franz Schandl die Heilige Kuh des Proletarischen Internationalismus madig. Der sei noch immer an Nationen fixiert, habe deshalb auch emsig zur Unterstützung „nationaler Befreiungs-bewegungen“ aufgerufen. Schandl jedoch will die Nationen nicht befreien, vielmehr abschaffen. Als Verdammer des unseligen Clandenkens hört man das ohne Zweifel gern. Nationen hegen, schüren, führen Krieg. Sie sorgen kaum anders für Aggressionen wie alle Arten von Glaubens-lehren und Großfamilien. Statt „Internationalismus“ ist für Schandl „Entvolkung“ angesagt. „In letzter Konsequenz gehören Völker nicht vermittelt“, schreibt er, „sondern zersetzt.“ Die Migration tue das Ihre; wir sollten das Unsere tun. Die Alternative zur ethnischen Abgrenzung sei nicht die Anerkennung der Völker oder Nationen, vielmehr deren Auflösung im Kommunismus.

Ich fürchte allerdings, hinter diesem forschen Auflösungsprogramm stecken – wie so oft – reichlich verschwommene Vorstellungen darüber, wie das aussehen könnte und wie es sich auswirkte. Milliarden von Mao-Ameisen will ja Schandl vermutlich nicht. Eher dürfte ihm eine Welt vorschweben, in der sich nur noch Individuen tummeln. Doch diese Vorstellung fällt nun wiederum mir schwer. Ob uns die Einsicht schmerzt oder nicht, der Mensch ist per se ein soziales Wesen. Das sehen ja auch Kommunisten so. Der Mensch sucht Bestärkung. Dann wird es aber unweigerlich wieder oder weiter zu Zusammenschlüssen, Gruppen, Abgrenzung, Aggression kommen, obwohl Nationen geächtet sind. Ich befürchte immer mehr, der Wurm sitzt nicht in den Organisations-formen des Menschen, sondern in ihm selber. Das Übel ist seine Ungeschütztheit. Bündnisse wie Ehen, Clane, Nationen, Kulturen sind ihm unverzichtbare Häuser. Wo sein Haus steht, kann nicht des anderen Haus stehen – Krieg. Nein, ich glaube immer weniger daran, die Grundwidersprüche der conditio humana ließen sich jemals lösen.

Im übrigen geht der erfreulich gute Stilist Schandl (der seine Betrachtungen zumeist aus der Sprache heraus schreibt) in seinem Aufsatz zur „Entvolkung“ merkwür-digerweise mit keinem Komma auf das Problem der Sprachen ein. Werden sie ebenfalls abgeschafft? Muß er ja, weil es sonst wie zuvor zu unterschiedlicher Auslegung, Meinungsverschiedenheit, Abgrenzung, Kampf um Definitionsmacht, Propagandafeldzügen und so weiter käme. Das wäre selbst dann der Fall, wenn sich eine Sprache – etwa Englisch – als Weltsprache durchsetzte. Denn jede Sprache ist vieldeutig. Wenn nicht, handelt es sich nicht um eine Sprache sondern um Algebra, Kalkül, Norm. Wer von „Computersprache“ spricht, bindet uns ein kariertes Zebra auf. Die sogenannten Plan- oder Kunst-sprachen dagegen – etwa Volapük, Esperanto, Ido – wollen das fliegende Pferd schaffen. Es soll gleichzeitig mit den Hufen „Ja“ oder „Nein“ scharren und mit seinem Schweif die Dimension von Hölderlin-Gedichten aufwirbeln.

Aus diesen Gründen wäre Schandls „entvolkte“ Welt wohl nur um den Preis zu haben, sie funktionierte wie ein globaler Automat. Dem nähern wir uns bereits.


Istanbul

Um 1800 hieß die türkische Metropole Islambol = vom Islam erfüllt. Damals hatte sie ungefähr 500.000 EinwohnerInnen. Dann kam die Überfüllung. Während sie 1955 rund 1,3 Millionen EinwohnerInnen aufbieten konnte, geht sie 2010 bereits über 13 Millionen. Welcher Doktor wüßte ein Rezept gegen unsere wuchernden Städte?

Vor ungefähr 8.000 Jahren lebten in Jericho 2.000, im anatolischen Catal Hüyük 6.000 Menschen – die ideale Spanne, würde ich sagen. Sie wird heute noch von Städtchen wie Amöneburg, Loburg, Treffurt hochgehalten. Diese dürfen ja durchaus ebenfalls historisches Interesse und Sehenswürdigkeit beanspruchen, obwohl sie Ritter Hartmut Mehdorn natürlich längst ihrer Bahnhöfe beraubte. Um 1500 hatte die „Wunderstadt“ Antwerpen schon 120.000, Tenochtitlán, das „Venedig der Azteken“, sogar 200.000 EinwohnerInnen. Ähnliches gilt für Paris, das von Montaigne als in jeder Hinsicht „groß“ gepriesen wird. Das war vielleicht etwas blauäugig, doch verdanken wir dieser Passage aus seinen Essays das unvaterländische Bekenntnis, der heimatliche Himmel sei ihm nicht notwendig der blauste.

Moloche wie Mumbai (18 bis 20 Millionen), Peking, Mexiko City, Tokio bemühen sich bereits um die Verdopplung der istanbulischen Zeugungs- und Zuzugsleistung. Städte saugen ihr Umland aus; dann verschlingen sie es, um dafür Slums auszukotzen. Laut Fernand Braudel erkannte dies bereits J. J. Rousseau, ohne uns das Gegenmittel zu verraten. Städte sind ideale Opfer für Seuchen, Brände, Raketenbeschuß. Ein „menschliches Versagen“ – und Millionen Menschen sind in Mitleidenschaft gezogen. Städte züchten Unmoral, Zynismus, Verbrechen. Was wären ein Al Capone ohne Chicago, ein Werner Gladow ohne Berlin gewesen? Allerdings tun es Mafiosi heutzutage nicht mehr ohne Sattelschlepper oder Helikopter, während sich Gladow (um 1950) einmal eines Fluchtfahrrads bediente – von dem ihm prompt die Kette absprang.

Promovierungswütigen sei als Thema vorgeschlagen: „Warum zog es vorbildliche Schriftsteller wie Montaigne, Thoreau, Orwell, Zuckmayer, F. G. Jünger in kleine Ortschaften oder Wäre Thomas Mann in München je zu retten gewesen?“ Winken hier Gesetzmäßigkeiten? Buchverträge? Literaturpreise?


Globallisierung

Hier ist die Kunst gemeint, Angehörige einer bestimmten Primatensorte in einer Anzahl auf dem Planeten Erde zu ballen die ausreicht, diesen am Ende in ein sogenanntes Schwarzes Loch zu verwandeln. Diese Kunst wurde entschieden von dem biblischen Wort „seid fruchtbar und mehret euch und macht euch die Erde untertan“ gefördert, doch bedurfte es nach Chr. noch weiterer Anläufe, um sie vollendet zu beherrschen – die furchtbare Kunst wie die fruchtbare Erde.

Vor Chr. hatten wir geradezu eine Durststrecke zu bewältigen. Von zwei Millionen Jahren v.Chr. bis 10.000 Jahren v.Chr. gelang dem Menschen – von 0,5 Millionen zu 5 Millionen Exemplaren – lediglich eine Verzehn-fachung der Erdbevölkerung. Dagegen hat sie sich bis zur gegenwärtigen Anzahl von 6,8 Milliarden (2009) mehr als vertausendfacht. Um 1800 überschritten wir – mit Hilfe medizinischer Wunder und kapitalistisch betriebener Maschinen – die Milliardengrenze. Was sich in den folgenden gut 200 Jahren ereignete, wird wegen des jähen Anstiegs der grafischen Kurve auch gern Bevölkerungs-explosion genannt.

Von unseren 6,8 Milliarden Menschen leben 55 Prozent in Städten; dort wiederum eine Milliarde Menschen in Slums. In Industriestaaten liegt die Verstädterungsquote schon oft bei 70 Prozent. Auch in diesem Punkt gedenkt China mit Riesenschritten aufzuholen, wie im Dezember 2009 gemeldet wird. Die Regierungspläne sehen vor, die Quote von derzeit knapp 50 auf 65 Prozent im Jahr 2050 zu steigern. Dann werden acht Städte mehr als 10 und zwei Städte mehr als 20 Millionen EinwohnerInnen haben. Dies alles werde den Konsum und damit „die Wirtschaft“ nachhaltig stärken. Damit die arbeitende Bevölkerung der Riesenstädte auch flexibel genug bleibt, müssen zwangsläufig die Verkehrsverbindungen beschleunigt werden: zwischen den chinesischen Städten Wuhan und Kanton verkehrt neuerdings der schnellste Zug der Welt – Spitzengeschwindigkeit 394 Stundenkilometer. Das Bevölkerungswachstum hinkt noch leicht hinterher: für 2050 erwartet die UNO eine Erdbevölkerung von 9,2 Milliarden Menschen.

Die furchtbare Fruchtbarkeit des Menschen ist umso verblüffender als auch die modernsten Dezimierungen nicht gegen sie ankommen. Man denke nur an die beiden Weltkriege, Gemetzel wie in Algerien, Korea, Vietnam, hausgemachte Springfluten und Wirbelstürme, ganz davon zu schweigen, daß Tag für Tag 100.000 Menschen an Hunger oder an dessen Folgen sterben – darunter „alle fünf Sekunden ein Kind unter 10 Jahren“, wie der Schweizer Diplomat Jean Ziegler in seinem Buch Der Hass auf den Westen von 2008 mitteilt. Im Gegenteil scheint die Verelendung der erb- und erfolglosen Massen der Welt die Fruchtbarkeit zu erhöhen. Während Verhütungsmittel unbekannt, unerschwinglich oder unerreichbar sind, sollen viele Kinder die Versorgung der Familie sicherstellen. Wenn so der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird, reiben sich natürlich die Damen und Herren die Hände, die ihre T-Shirts und Turnschuhe just von Kindern anfertigen lassen. Die Maßlosigkeit des Profitstrebens deckt sich mit der Maßlosigkeit männlicher Potenz.


Flickwerk

In der instandgesetzten Waltershäuser Hauptstraße sind erfreulicherweise wieder Bäume gepflanzt worden. Die alten hohen Bäume hatten sogar den Zweiten Weltkrieg überlebt. Aber dann wurden sie bei Nacht und Nebel von den lieben Waltershäusern abgesäbelt, weil keine Kohlen mehr zu stehlen waren. Wer damals Belange einer „grünen Lunge“ verteidigt hätte, wäre in die Klapsmühle gewandert. Von der Sorge ums Schicksal der Menschheit können nur der Papst und die hauptberuflichen Propheten des Klimawandels leben.

Vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges war selbst Karl Scheffler überrascht worden, obwohl er ihn erwartet hatte. Er kommentiert, leider sei das reine Denken doch etwas anderes als das empirische Erleben; die Gedanken an das Ganze und die Erfordernisse des Tages stimmten selten zusammen. Schlimmer noch, sage ich. Sie verprügeln sich regelmäßig – und was siegt, hat die andere Seite entkräftet. Daher die gleiche Flickschusterei in persönlichen Werdegängen, Familien, Ministerien, linken Kommunen, Bürgermeisterämtern. Während sie das wuchtige bunte Granitpflaster der Bebelstraße herausreißen, um sie zu asphaltieren, brechen sie den Asphalt am Klaustor auf, um wieder zu pflastern – mit kleinen grauen Granitsteinen. Das Bebelpflaster dagegen wird in riesigen Lastwagen nach Bayern gekarrt. Unterdessen tippeln abgerissene PfandflaschenanglerInnen durchs Städtchen, die weder von grauen noch von bunten Pflastersteinen satt werden. Lösen wir aber konkrete Fälle, bleibt es bei den verkru-steten Strukturen; brechen wir diese auf, fallen jene herein.

Wie es aussieht, funktioniert das gern beschworene Getriebe der Dialektik von Reform & Revolution nur auf Papier wie geschmiert. Der zeitliche Verlauf unserer Maßnahmen streut unaufhörlich Sand hinein. Es sind zu viele Faktoren im Spiel, die sich ins Gehege kommen. Schalte ich die unerwünschten Faktoren aus (weil ich die Macht dazu habe), nimmt meine Lösung die Form einer Dampfwalze an. Oder die Form einer Flutwelle. 1181 belagert der Magdeburger Erzbischof Wichmann die erst 30 Jahre zuvor gegründete Stadt Haldensleben, weil sie sich als unliebsame Konkurrenz herausgestellt hat. Der Heilige Geist gibt ihm die Idee ein, die Ohre zu stauen und die Stadt dadurch unter Wasser zu setzen. Wichmann siegt und läßt sie schleifen. 1215 fällt sie aber dem Bistum Magdeburg zu, weshalb sie in den folgenden Jahren von Wiechmann beziehungsweise seinen Untertanen wieder aufgebaut wird. Aus solchen blutigen Schildbürger-streichen ist die gesamte Weltgeschichte gemacht. In Handwerksbetrieben oder linken Kommunen kennt man sie auch, nur einige Nummern kleiner.

Koestler wies gern auf die Kluft zwischen Technik und Ethik hin: zum Mars fliegen, ohne die Dauerprügelei in Palästina in den Griff zu kriegen. Die Auswirkungen unserer Taten beißen sich mit unserem Unvermögen, Taten zu bewältigen. Wir handeln blind. Die Hochseil-artistin fährt auf dem Seil Motorrad, stürzt aber von einer Liebestragödie in die andere. Der Arzt päppelt den alten, vom Schlag getroffenen Edmund wieder auf, wodurch er dem Sohn schadet, der von seinem Alten seit Jahrzehnten tyrannisiert wird. Die Widersprüche sind zu zahlreich. Der Wahnsinn regiert. Da könnte man sicherlich auch über meinen „Fundamentalismus“ den Kopf schütteln, der gar zu billig sei, weil er sich nie zu bewähren, womöglich also zu entlarven habe. Weder die russische Revolution noch ein hiesiges Kommunleben finden in einem Universitäts-labor statt; Verwässerung oder Verdunstung schöner Grundsätze dürften unvermeidlich sein. Ich halte sie lediglich hoch.



Siehe auch
>Neuigkeit
>Beschleunigung: Keine Zeit
Von Knoten und Klumpen
Kritik an Engels: Kapitel 29
Henryk Sienkiewicz' Ode auf den F. (im Wilden Westen)
Fortschritt in der Bildenden Kunst
... in der Kunst allgemein incl. Lyrik, Abschnitt Fingerhut
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