Samstag, 23. Juni 2012
Völkisches
Umfang 20 Druckseiten

Volker von Alzey + Dolchstoßlegende + Kosevölker + Johannes Trautloft + Der kurze Sommer der Anarchie (Spanien) + Ferdinand Porsche + Peter Hartz + Großver-räter + Friedrich Flick + Hitler-Stalin-Pakt + Nachtrag zum Pakt + Fred Schwarz + Waltrude Schleyer


Volker von Alzey

Nach Gerüchten, die möglicherweise falsch sind, geht das Völkische auf den Ritter und Spielmann Volker von Alzey aus dem Nibelungenlied zurück. So ist es eben mit den Volksmündern, Volksschulen, Volksküchen, Volksemp-fängern, von Volksvertretungen nicht zu schweigen: kein vernunftbegabtes Wesen sollte ihnen über den Weg trauen.

Im revolutionären Paris hieß die Volksvertretung Konvent. Dieser hatte überall sogenannte Kommissare, so etwa in Nantes Jean-Baptiste Carrier, der im Winter 1793/94 ungefähr 16.000 Menschen hinrichten ließ. Auch im roten Osten wirkten eine Zeitlang die Jede-Menge-Privilegien-Genossen für des Volkes Wohl. Die Gefürchtesten hießen Volkskommissare. Obwohl sie vorsichtshalber in reservierten Salonwaggons durch ihr Machtgebiet oder zur ZK-Sitzung nach Moskau reisten, liefen sie stets Gefahr, wie Zar Alexander II. zu enden, der am 1. März 1881 von einer gewissen Narodnaja Wolja in die Luft gesprengt worden war: von der „Partei des Volkswillens“ also. Genossinnen wie Petra Pau oder Sahra Volkswagenknecht ziehen angesichts solcher Gefährdung lieber der Vopo wieder die Schupo und dem Wartburg ein gepanzertes Geländefahrzeug von Volkswagen vor. Wagenknecht neulich in der Jungen Welt: „VW kann nicht seine ganze Produktion in Europa stilllegen und den europäischen Markt von Indien aus beliefern“ – mit diesem Vorwurf endete das Interview. Von Sozialismus nicht ein Hauch. Sie möchte eine gesunde, PS-starke deutsche Volkswagen-wirtschaft. Ihre Parteifreunde aus Hessen dagegen möchten eine gesunde, PS-starke deutsche Opelwirtschaft, weshalb sie Ende November 2008 im Landtag für die 300 Millionen Euro gestimmt haben, die Ministerpräsident Roland Koch nach Rüsselsheim zu schieben gedenkt.

Bei solcher Konkurrenz sind kräftige Niederschläge in- und außerhalb unvermeidlich. In der Eisenacher Waldorfschule wird schon trainiert; dort geben sich auch „Kommunekinder“ leidenschaftlich dem Völkerball hin. Bei diesem Fest auf zwei benachbarten Feldern schießen zwei Mannschaften mit einer Lederkugel aufeinander. Das Volk, das zuerst ausgemerzt worden ist, darf noch einen Helden in die Arena schicken, der drei Unsterblichkeits-punkte hat. So jedenfalls um 1960 in der CVJM-Jungschar. Da wissen manche Populationen nur noch den Ausweg der Völkerwanderung. Der Schauspieler und Sänger Jerry Wolff, dem die DDR-Bevölkerung den Hit Die Rose war rot verdankt, sinniert in seinen Erinnerungen, 1933 seien in Deutschland offenbar alle guten BürgerInnen ausgewandert, um dem Einlaß begehrenden Volksstamm der Nazis Platz zu machen. 12 Jahre später habe noch einmal das Gleiche stattgefunden, nur umgekehrt.

1938 bemerkte Bertolt Brecht in einem berühmten Aufsatz, wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung und statt Boden Landbesitz sage, unterstütze schon viele Lügen nicht. Er nehme den Wörtern ihre „faule Mystik“. In einer Bevölkerung fänden sich durchaus verschiedene, oft entgegengesetzte Interessen. „Diejenigen, welche die Gewinne aus dem Boden ziehen, sind nicht jene, die aus ihm Getreide ziehen, und der Schollengeruch des Bodens ist an den Börsen unbekannt.“


Dolchstoßlegende

Manche Märchen sind länger als Abrahams Bart. Bekannt-lich war der Alte entschlossen, einer feindlichen Groß-macht zuliebe sein Söhnchen Isaak auf dem Altar zu schlachten, doch dann ließ es die „Gott“ genannte Groß-macht bei der Bereitschaft Abrahams bewenden und sandte ihm ersatzweise einen Widder zum opfern. Den erstach der Alte hinterrücks.

Im engeren Sinne bahnte sich die Legende möglicherweise 1907 im Rahmen der sogenannten Hottentottenwahl an, als sich etliche SPD-PolitikerInnen dagegen aussprachen, das Gemetzel der kaiserlichen „Schutztruppen“ in Süd-afrika durch neuerliche Geldspritzen zu verlängern. Damit stießen sie unseren segensreich wirkenden Generälen und Admirälen aus der Sippe von Trotha kaltblütig einen Dolch in den Rücken. Jenen hatte, wie sich versteht, der Feind gut geschmiert.

Obwohl sich die Feinde eines Vaterlandes, Clans oder einer linken Kommune nur allzugern ganzer Fünfter Kolonnen bedienen, waren 1914 von den sozialdemokratischen Nest-beschmutzern nur noch Otto Rühle und Karl Liebknecht übriggeblieben, die im Reichstag bei der Abstimmung über die Kriegskredite nicht umfielen. Jusochef Gerhard Schröder soll eine Zeitlang erwogen haben, sich für die sozialdemokratische Ermöglichung des Ersten Weltkrieges zu „entschuldigen“, zog dann aber den bombigen Kurs auf Kanzlerstuhl und Belgrad vor. Rühle und vor allem Liebknecht wurden damals mit allem Schmutz beworfen, den die Reichstagsabgeordneten und Kabinettsmitglieder unter ihren Westen fanden.

1918 – ein demographisches Wunder nach dieser Schlächterei! – hatte die Fünfte Kolonne in Deutschland schon wieder Bataillonsstärke. So empfand es jedenfalls das erzvaterländische Lager, das nun die „Dolchstoß-legende“ gebar. Der Feind hatte uns nur besiegen können, weil ihm unsere Weicheier ihre Hosenlätze geöffnet hatten. Offenbar findet der Feind immer ein Hintertürchen, weil wir ihm doch ziemlich ähnlich sind. Wird neuerdings dem „Verein für die Übernahme insolventer Regierungs-verantwortung“ um Gysi, Lafontaine und Frau Wagen-knecht eine Fünfte-Kolonnen-Bildung angedichtet, kann ich nur lachen. Diese Komödianten führen bestenfalls eine lausige Nagelfeile im Gewande.


Kosevölker

Sie sind das Gegenteil von Schurkenvölkern. Sie dürfen jederzeit unabhängige Staaten gründen, weil von ihnen kein Ungehorsam zu erwarten ist. Das süßeste Kosevolk in Europa schuf neulich den Zwergstaat Kosovo. Er ist so niedlich, daß die in ihm gelegene US-Militärbasis Bondsteel fast nicht in ihn hineingepaßt hätte. Doch nach einem Machtwort albanischer Mafiabosse rückten die Kosovonen noch enger zusammen; sie könnten sich jetzt beinahe gegenseitig die Pistolen aus den Schulterhalftern ziehen.

Vielleicht werden ein paar Tausend gen Nahost geschickt, um den Israelis unter die Arme zu greifen. Obwohl mit Depots für Atomwaffen, völkerrechtswidrig angelegten Siedlungen und ignorierten UNO-Resolutionen reich gesegnet, ist es Israel nämlich noch immer nicht gelungen, die Palästinenser zum Auszug nach Ägypten zu bewegen. Gottes Kosevolk Israel ist zu groß, um in Palästina auch noch arabische Palästinenser beherbergen zu können – obwohl es 1948 schon mindestens 700.000 von ihnen zum Zwecke der einseitig vorgenommenen Staatsgründung vertrieben und dazu noch ein paar Hundert von ihnen getötet hatte.

In Spanien liegt die Sache etwas anders. In den Pyrenäen wäre für die Basken durchaus Platz, doch mangelt es ihnen an Banken, um den Fürstentümern Andorra oder Liechtenstein nachzueifern. Nach den ungeschriebenen Gesetzen des Kapitals dürfen sich nur solche Völker die Freiheit und Unabhängigkeit auf ihre Fahnen schreiben, die in ihren Banken auch jederzeit Schließfächer für Steuerflüchtlinge freimachen können. Somit: Free Tibet! ja; Free Flandern! nein.

Vertrackter ist die Lage in bestimmten Winkeln des Kaukasus. Während beispielsweise von Tbilissi aus gesehen ein Schurkenvolk in Südossetien lebt, handelt es sich von Moskau aus gesehen um ein Kosevolk – ein wichtiger Widerspruch, da er einen klaren Kriegsgrund abgibt. Zwar hatten sich die Südosseten nach der Auflösung der UdSSR schon von Georgien verabschiedet, bevor dieses seine Unabhängigkeit erklärte, sodaß streng genommen gar keine Sezession vorliegt. Doch damals hatten die in Tbilissi kungelnden Chefs geschlafen. Pochen die Südosseten nun auf Eigenständigkeit, kann es schlecht geduldet werden, weil Georgien selber derart viele nationale Gruppen in seinem Schoße beherbergt, daß die eigentlichen Georgier glatt in die Minderheit abglitten, wenn sie jene sämtlich offiziell anerkennen würden. Dann müßten sie nach Guantanamo umsiedeln, das ja nach Obamas Wahl ankündigungsgemäß geräumt worden ist.


Johannes Trautloft

Er wurde 1912 bei Weimar in Thüringen geboren. Am 19. November 1936 hält er sich mit Kameraden in den Pyrenäen auf. Obwohl es schneit, versagen sich unsere Jungs eine Schneeballschlacht, denn „heute haben wir Besseres vor“, wie Leutnant Trautlofts 1940 veröffent-lichtem Tagebuch zu entnehmen ist. Heute geht es mit 23 Bombern und 24 Jägern gegen Madrid.

Der Materialaufwand ist angebracht; „Kühnheit und Jagdkunst allein schaffen’s nicht.“ Morgen stehen uns gegen Belgrad, Kabul oder Tripolis auch Computer zur Verfügung. Trautloft bescheinigt den „sausenden“ Bomben „ungeheuere Wirkung“, er sieht „ganze Häuserblocks in sich zusammenstürzen“. Interbrigadist Alfred Kantorowicz aus dem republikanischen Lager ergänzt ihn in seinem Spanischen Tagebuch etwas später (6. Januar 1937) um das Detail, auf dem Rückweg hätten die tieffliegenden deutschen Jäger mit ihren Bordgewehren auf Frauen und Kinder gefeuert, die in den Vorstädten vor Lebensmittel-läden Schlange standen. Göring schwärmt schließlich in Nürnberg, der Legion-Condor-Einsatz für Franco sei ein ausgezeichnetes Training für Mensch und Material gewesen. Mensch Trautloft wird nicht etwa aufgeknüpft oder mit 20 Stockhieben bedacht; er wird Brigadegeneral und Luftwaffeninspekteur der Bundeswehr.

Am Pfingstsonntag 1999 war er nicht mehr dabei. NATO-Kampfflugzeuge zerbomben die in militärischer Hinsicht bedeutungslose Morava-Brücke im serbischen Städtchen Vavarin und hinterlassen dabei 10 Tote – darunter etliche Kinder – und 17 Schwerverletzte. Die Klage einiger Überlebender gegen unseren damals von der Schröder-Fischer-Scharping-Bande beherrschten Staatsapparat weist unser Bundesgerichtshof 2006 ab. Regierungsanwalt Krämer hält den Zivilisten vor, „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen zu sein. Was haben sie auch auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt zu suchen! Der lag gleich neben der Brücke.

Merkels Mannen haben sich jetzt mehr auf Afghanistan & Afrika verlegt – genauer, sie verlegen Soldaten dahin. Obwohl ich schon die 60 überschritten habe, bezweifelt Gregor, mir könne nichts mehr geschehen. Wenn sie wegen der vielen freien Arbeitsplätze (in Afghanistan & Afrika) dauernd das Rentenalter rausschöben, drohe mir noch mit 70 eine Ziehung zur Lebenslotterie.


Der kurze Sommer der Anarchie

Wie Schröder/Scharpings Tornados 1999 in Jugoslawien, mischten sich auch Hitlers und Mussolinis Bomber nicht etwa in Spanien ein, als es „rot“ zu werden drohte. Sie halfen nur ein bißchen. Deshalb war es nur konsequent, wenn sich auch Frankreich und England und all die anderen schönen demokratischen Nationen nicht in Spanien einmischten. 1938 hätte es der Begriff „Nichtein-mischungspolitik“ sicherlich zum „Wort des Jahres“ bringen können. Jene Nationen halfen nur ein bißchen – natürlich unter der Hand.

Sie halfen den Franco-Truppen durch Waffenlieferungen und dämmten auf der anderen Seite die Ströme flüchtender spanischer „Anarchisten, Kommunisten, Mörder, GewaltverbrecherInnen“ tüchtig ein. Unsereins hätte eher gedacht, diese wären in allen Ehren in Paris empfangen worden, während man Ribbentrop schnur-stracks in das Konzentrationslager Argelès oder Saint-Cyprien befördert hätte, doch leider kam es genau umgekehrt. Bald darauf besetzte Ribbentrops Chef Hitler Prag. Da durfte man sich schon wieder nicht einmischen. So begegnet uns hier mit der Heuchelei zum wiederholten Male auch die Doppelmoral. Im Sommer 1936 hatten spanische Diplomaten die Pariser Regierung beschworen, der Volksfront Flugzeuge zu liefern – vergeblich. Vier Jahre später stehen die Nazis vor Paris. Arbeitsminister De Monzie bekniet seinen russischen Besucher Ilja Ehrenburg: „Gebt uns Flugzeuge!“ Es ist widerlich.

Ehrenburgs Schilderungen aus Spanien gehören zu den eindringlichsten Kapiteln seiner Memoiren. Nimmt man noch die von Julián Gorkin, Koestler, Orwell und Gustav Regler hinzu, stellt sich der Spanienkrieg als eine der größten Tragödien der Neuzeit dar. Sind die Augen nicht zu feucht, darf er auch getrost als Brennglas auf die Welt in ihrem Widerspruch dienen. Für Ehrenburg tobte in Spanien „der Kampf zwischen Freiheit und Knechtschaft, Menschlichkeit und Bestialität, Selbstzufriedenheit und Selbstaufopferung.“ Er tobte auch inmitten der jeweiligen Lager. Es mag Klassen und Klasseninteressen geben, doch vor allem gibt es das Gute und das Böse.


Ferdinand Porsche

Für Brockhaus ein Kraftwagenkonstrukteur, der ab 1934 den Volkswagen und sogar Windkraftanlagen und Panzer entwarf und baute. Näheres können sich argwöhnische Köpfe durch die Mitteilung zusammenreimen, bis 1945 habe er das Volkswagenwerk geleitet. Die Stadt Wolfsburg, bis dahin „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ genannt, wird nicht erwähnt. Vielleicht fand das Ganze schon virtuell statt.

Dafür gewährt uns das Nachschlagewerk (Band 17 von 1992) ein Porträtfoto des schnauzbärtigen und lachenden Mannes, der seine Kraft durch Freude (KdF) nur für den Kreis seiner Familie auszustrahlen scheint. Wer hätte auch 1938/39, als das Wolfsburger Volkswagen-Werk unter der Regie des designierten „Wehrwirtschaftsführers“ Porsche aus dem Boden gestampft wurde, ahnen können, daß der Welt ein Krieg mit gewaltigen Transportproblemen ins Haus stand? Schwiegersohn Anton Piech, inzwischen anstelle des erholungsbedürftigen Porsche zum „Betriebsführer“ aufgerückt, befahl im April 1945 dem Wolfsburger „Volkssturm“, der ihm ebenfalls unterstand, zum Abwehrkampf Richtung Elbe aufzubrechen. Er selber zog es allerdings vor, unter Mitnahme „der wichtigsten Geschäftsbücher“ nebst „10,5 Millionen Reichsmark“ nach Österreich abzutauchen*, wo er Porsche zu seiner gesunden Gesichtsfarbe beglückwünschen konnte. Der Clan besaß in Zell am See ein Anwesen.

Die einzigen, die Porsche nach Kriegsende zu behelligen wagten, waren die Franzosen. Sie nahmen ihm übel, sich solcher Einrichtungen wie Zwangsarbeits- und Konzentrationslagern bedient und Peugeot-Maschinen gestohlen zu haben. Aber er wand sich schon 1948 mit einem glatten Freispruch heraus. Die Ampel stand wieder auf Grün. Für kritische BeobachterInnen wie Hartmut Hohnsbein stellten jene in die Alpen geretteten Millionen einen „soliden Grundstock für den unaufhaltsamen Aufstieg der Familien Porsche/Piech nach dem Kriege“ dar, der bis in unsere Tage anhalte.

Inzwischen hat der von Wolfgang Porsche geführte Clan sogar die traditionsreiche Firma Volkswagen zur Tochtergesellschaft seiner Holding Porsche SE degradiert. Diese hält bei Europas größtem Automobilhersteller seit 2009 das beherrschende Aktienpaket. 2015 stand es bereits auf Höhe 52,2 Prozent. Bedeutender Wegbahner dieser Entwicklung: Ex-Jusochef und Ex-Volksvertreter Gerhard Schröder.

* Hans Leyendecker, „In Feindschaft eng verbunden“, Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010


Peter Hartz

Als ihm 2006 plötzlich Untreue und Begünstigung vorge-worfen wurde, war ich schockiert. Ich nahm nämlich an, im Falle seiner Verurteilung hätte ich die ganzen Bezüge zurückzuzahlen, die er mir via Arbeitsagentur zugeschanzt hatte. Da der Ex-Volkswagen-Personalchef nach einem Deal mit dem Staatsanwalt aber nur symbolisch bestraft wurde, ging dieser Kelch an mir vorbei. Deutschland darf weiter prek-arisiert werden. Um 1933 hatte die Anbahnung der Zwangsarbeit ja auch ihre Vorstufen.

Trotzdem hat der Ruf des Erfinders der Stufe Hartz IV gewiß gelitten. Ich frage mich zuweilen, ob die ehrgeizigen Mitglieder unsrer Elite nie befürchten, sie könnten womöglich mit furchtbarem Gestank im Gedächtnis der Menschheit haften bleiben. Oder sie könnten so symbo-lisch bestraft werden wie Friedrich Flick, der in breiten linken Kreisen als Symbol des zynischen Großkapitalisten herzuhalten hat. Für unsereins werden selbst Sozialdemo-kraten wie Gustav Noske, Friedrich Ebert, Wolfgang Clement auf ewig nichts anderes als der Bluthund, der machtgeile Keiler, der Bundeskammerjäger gewesen sein. Clements Ministerium hielt es für angebracht, die „Bevölkerung“ vor den „Parasiten“ am Hartz-IV-Käse zu warnen. Bisse man da nicht besser als namenloser Zeitgenosse ins Gras?

Man vielleicht, doch nicht der Herrenmensch. Für 18 Prozent werden jene Leute ohnehin Lichtgestalten oder vorbildliche VolksbetrügerInnen bleiben, von denen eine Menge zu lernen ist. Für weitere 80 Prozent werden sie immerhin „umstritten“ bleiben – und der Umstrittene bleibt naturgemäß wichtig. Nach 1600 ging der Lübecker Buchdrucker Johann Ballhorn durch ein unzureichendes Buch in unsere Wörterbücher ein, das er noch nicht einmal selber geschrieben hatte. Der Schriftsteller Martin Walser war also gut beraten, wenn er sich neulich (1998) dagegen verwahrte, Deutschlands Schuld an einigen Millionen Juden, Zigeunern, Schwulen, Russen, „Assis“ und dergleichen noch immer als Moralkeule zu handhaben. Heute spricht man schon mehr von ihm als von den Millionen Ermordeten. Und wenn Nazi-Marinerichter Hans Filbinger – später noch schwäbischer Landesvater, ehe er 2007 verschied – etliche faule Eier an den Sarg bekommt, weiß die Oettinger-Brut: „Er hat etwas bewirkt!“


Großverräter

Im deutschsprachigen Raum dürften die ersten Anwärter-Innen auf diesen Titel die Sozialdemokraten sein. Von der Ermöglichung des Ersten Weltkrieges über die Erdros-selung der revolutionären Bestrebungen um 1920, die Ermöglichung der Spaltung des Nachkriegsdeutschlands und die Verabschiedung der Notstandsgesetze im Jahr 1968 reißt die Kette ihrer Schandtaten bis heute nicht ab. Das jüngste Glied ist ein Schandwort des brandenbur-gischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, der im November 2009 eine Regierung mit der PDA (Partei der Anmaßung) bildet. Die PDA hieß früher PDS. Die Einbindung dieser „linken“ Partei sei wichtig und richtig, denn der damalige SPD-Chef Kurt Schumacher habe um 1950 nichts anderes hinsichtlich der rechten Kräfte empfohlen, wobei insbesondere – so Schumacher – den ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS „der Weg zu Lebensaussicht und Staatsbürgertum frei zu machen“ sei.

In der Tat erhob sich die „neue“ BRD-Elite damals zu un-gefähr 50 Prozent aus dem vertrauten alten faschistischen Kader. Die unverschämte Gleichsetzung der „DDR-Diktatur“ mit dem auf Weltunterjochung versessenen Regime des Faschismus sind wir inzwischen gewohnt. Den Zweck der Übung nennt der damalige Bundesjustizmi-nister Klaus Kinkel am 23. September 1991 vorm Deutschen Richtertag: „Ich baue auf die deutsche Justiz. Es muß gelingen, das DDR-Regime zu delegitimieren.“ Diese Justiz hatte sich auch schon in den 50er Jahren bewährt, als a lá McCarthy zur Jagd auf Kommunisten geblasen worden war. Auf der Grundlage eines 1951 eigens zu diesem Zwecke erlassenen „Strafrechtsänderungs-gesetzes“ wurden bei allen Oberlandesgerichten und beim Bundesgerichtshof grundgesetzwidrige Sonderstrafkam-mern geschaffen. Die SPD hatte für dieses Gesetz gestimmt. Es kam zu mindestens 200.000 staatsanwalt-lichen Ermittlungsverfahren und – je nach Quelle – 6.000 bis 10.000 Verurteilungen. Wie der spätere Bundesinnen-minister Werner Maihofer von der FDP im November 1963 bemerkte, seien solche Zahlen geeignet, „einem Polizei-staat alle Ehre zu machen“. Entschädigungsansprüche wegen ihrer Qualen im „Dritten Reich“ wurden den Sündern aberkannt. Natürlich verloren sie auch ihre Arbeitsplätze, ihr Ansehen und so weiter. Es waren im Grunde stets Gesinnungsprozesse. Der „politische Kampf“ gegen den Kommunismus wurde juristisch geführt, saß man doch am Hebel des Staatsapparates – wobei er oft genug unter Federführung solcher Nazirichter geführt wurde, unter denen die Betreffenden schon vorher zu leiden hatten. So wurde auch jene antikommunistische Waffe „Strafrechtsänderungsgesetz“ maßgeblich von einem Ministerialdirigenten geschmiedet, der bereits ein Regime früher als Regierungsrat im faschistischen Justizministe-rium prägend an der Schaffung einer politischen Sonder-gesetzgebung beteiligt gewesen war: Josef Schafheutle. Rund 80 Prozent der Beschäftigten unseres „neuen“ Bundesgerichtshofes waren schon unter Hitler tätig gewe-sen. In der JVA Wolfenbüttel konnten die eingesperrten Kommunisten auf die ehemalige Hinrichtungsstätte der Nazi-Justiz blicken. Versuche, die Verurteilten zu rehabi-litieren, werden im Bundestag bis heute abgeschmettert.

Das Einprügeln auf die DDR ist wichtiger. Sprach ich eben noch von der Gleichsetzung Faschismus=SED-Diktatur, habe ich mich einer fahrlässigen Untertreibung schuldig gemacht. Wie Ulrich Sander im März 2011 in Ossietzky erwähnt, gibt es im schwäbischen Ludwigsburg nach wie vor eine Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Sie habe derzeit 19 Mitarbeiter, eingeschlossen Kraftfahrer und Reinigungskräfte. 1965, 20 Jahre nach dem Ende des Faschismus also, habe sie noch 121 MitarbeiterInnen gezählt. Die berüchtigte Berliner Stasi-Unterlagen-Behörde dagegen verfüge derzeit, 20 Jahre nach dem Ende der DDR, über 1.687 MitarbeiterInnen. Demnach war das Unrecht in der DDR, ich habe es ausgerechnet, 14 mal größer als das Unrecht unter Hitler.

Mit diesem Schlenker komme ich auf das bislang ausge-sparte Jahr 1933 zurück. Laut Bernt Engelmann (Einig gegen Recht und Freiheit, 1975) gab es selbst nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler Ende Januar – den vor allem die sozialdemokratische Politik des Kleineren Übels nach oben gebracht hatte – in der Bevölkerung noch eine große Bereitschaft zum Widerstand. Zumal die Aktiven der Linksparteien, voran der KPD, erwarteten Generalstreik und vereinten bewaffneten Widerstand. Die KPD-Führung rief den Generalstreik auch aus. Doch SPD und Gewerkschaften beschworen den legalen Weg und schlugen Bündnisangebote aus. Auf dieser Linie lag dann auch ihr würdevolles Nein zum sogenannten Ermächti-gungsgesetz am 23. März – nachdem die Nazis 81 gewählte KPD-Abgeordnete aus der Kroll-Oper verjagt hatten. Schon die Teilnahme an der Abstimmungsposse bekundet für Engelmann, die SPD habe den Vorgang für verfas-sungsgemäß erachtet. Im übrigen sei deren Pochen auf den legalen Weg natürlich schon immer ein Witz gewesen. Selbst nach Karl Dietrich Brachers Auflösung der Weima-rer Republik waren es „durchaus unverantwortliche, außerverfassungsmäßige Exponenten politischer und wirtschaftspolitischer Bestrebungen und Illusionen, die Hitler die Macht in die Hände spielten.“ Wie Brecht so oft betonte: alles diente der Rettung der Eigentumsverhält-nisse – und nicht etwa des Rechtsstaates. SPD und andere ließen das ungesetzliche und unmoralische Treiben zu, weil sie Maden im Speck waren. Als dann einige sozial-demokratische Maden in den Gestapo-Kellern zerquetscht wurden, war es für die Reue zu spät.

Es ist nur zu verständlich, wenn die Maden den Speck alias „Vaterland“, in dem sie sitzen, stets so verteidigen und ihm zu Größe und größtmöglicher Wohlfahrt verhelfen, wie sie es bereits 1914 demonstrierten. Am 3. April 1938 begrüßt der österreichische Staatskanzler und Sozialdemokrat Karl Renner in einem Interview mit dem Neuen Wiener Tagblatt „die große geschichtliche Tat des Wieder-zusammenführens der deutschen Nation“, mithin den berüchtigten „Anschluß“ Österreichs an Deutschland. Zwar billige er nicht die Methoden dieses Wiederzusammen-führens, jedoch das Ergebnis, das er „als wahrhafte Genugtuung für die Demütigungen von 1918 und 1919, für St-Germain und Versailles“, erachte. Diese Genugtuung kostete unter anderem ein paar tausend österreichischen Juden das Leben oder die Gesundheit. Rund 50 Jahre später, als „die Mauer fiel“, gab es dann an den Methoden der Wiederzusammenführung, Treuhand eingeschlossen, nichts mehr zu meckern.

Allerdings können wir auch die Kommunisten nicht ungeschoren lassen. Nach der Biografie über Münzenberg aus der Feder von dessen Gefährtin Babette Gross (1967) lag das einzig Beständige der KPD während der gesamten Weimarer Jahre in ihrem Zickzack-Kurs – und dieser war den interessegeleiteten Befehlen der Moskauer Komintern unterworfen. Um 1932 zählte es leider nicht mehr zu Stalins Interesse, den Machtantritt der Faschisten zu verhindern. So war es bei kommunistisch dominierten Massenkundgebungen in vielen Städten und Verjagung der Nazis aus Arbeitervierteln geblieben. Nun konnten die Nazis im Propagandafeldzug für die zum 5. März 1933 angesetzten Neuwahlen auf den Staatsapparat sowie weitere Millionen Reichsmark aus Industriekreisen bauen. Sie flankierten die Propaganda mit zunehmendem Terror gegen links. Doch selbst nach drei Wochen erhob sich kein organisierter Widerstand. Babette Gross: „Wir alle fühlten uns mitschuldig an dieser Katastrophe. Alle Aufrufe der Partei zum Kampf gegen die Faschisten hatten sich als hohle Phrasen enthüllt. Als es schließlich zur entschei-denden Auseinandersetzung kam, hatte man den Nationalsozialisten kampflos das Feld überlassen.“ Dies wunderte und grämte sogar Goebbels, der einen „aufflammenden bolschewistischen Revolutionsversuch“ nur zu gern als Legitimation der eigenen Diktatur gehabt hätte. Auch eine Durchsuchung des Karl-Liebknecht-Hauses, damals Parteizentrale der KPD, am 23. Februar brachte den vermißten Vorwand nicht. Es lag bereits verwaist; die Funktionäre waren abgetaucht. So ließen die Nazis „die Kommune“ am 27. Februar den Reichstag anstecken. Es folgten Massenverhaftungen und gesteigerte Hetze. Trotzdem errangen sie bei den Wahlen am 5. März mit knapp 44 Prozent nicht die absolute Mehrheit im Reichstag. Der Geist des Widerstands war also immer noch verbreitet, blieb freilich nach wie vor ungespornt. Folglich kam Hitler zu seinem „Ermächtigungsgesetz“.

Die Darstellung von Engelmann und Gross wird nahezu übereinstimmend von den Erinnerungen der Zeitzeugen Arthur Koestler, Gustav Regler und Sebastian Haffner unterstrichen. Sie sprechen geradezu mit Abscheu von dem „Verrat“, den damals durchgängig sämtliche selbsternannten ArbeiterführerInnen geübt hätten. Zitat Koestler: „Unsere Worte waren für die Massen wertlos geworden wie Inflationsgeld. Wir verloren die Schlacht gegen Hitler, ehe sie begonnen hatte. Nach dem 20. Juli 1932 war es mit Ausnahme von uns jedermann klar, daß die KPD, die stärkste kommunistische Partei in Europa, ein kastrierter Riese war, dessen Prahlerei und Großmäuligkeit nur dazu diente, den Verlust seiner Mannhaftigkeit zu verbergen.“ Zitat Regler: „Unfähig, die Arbeitermillionen wie eine Schutzmauer um sich zu legen, im tiefsten von ihrer Niederlage schon überzeugt, hatten Thälmann und sein Zentralkomitee, hatten Redakteur Johannes R. Becher und seine Unterschreiber die Rou-leaus ihrer Schreibtische heruntergerollt, abgeschlossen und 'sich nach Haus gemacht'. Einige waren sogar gleich in illegale Quartiere gegangen. / Die Parteiflugblätter, die am nächsten Tag gedruckt wurden, sprachen von dem 'kläglichen Scheitern der Naziprovokation' und riefen wieder zur revolutionären Tat auf, dabei jedoch 'terro-ristischen Akt' verdammend. Nie hat eine dramatische soziale Lage dümmere Häuptlinge auf der Seite der Unterdrückten gesehen.“ Den Vogel schießt der Liberal-konservative Haffner ab: „Es gab nicht ein Beispiel von Verteidigungsenergie, Mannhaftigkeit, Haltung. Es gab nur Panik, Flucht und Überläuferei. Millionen waren im März 1933 noch kampfbereit. Sie fanden sich über Nacht führerlos, waffenlos und verraten.“

Nichts anderes geht aus Geheimnis und Gewalt von Georg K. Glaser hervor, der ja ebenfalls Zeitzeuge war, wenn er sich auch das Recht herausnahm, statt Memoiren einen autobiografisch geprägten Roman zu schreiben. Sein Ich-Erzähler heißt zu allem Unglück auch noch Haueisen. Im Sommer 1932 warten Haueisen und sein Wormser Genosse Reitinger „zitternd vor Kampfeslust auf den Befehl zum Losschlagen“. Erstmals liegt die Verbrüderung der kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiter-massen in der Luft. Aber sie warten vergebens. Als Haueisen dann noch in Berlin den berühmten Verkehrs-arbeiterstreik vom November des Jahres und im Januar den Nazi-Aufmarsch vorm Karl-Liebknecht-Haus (der KPD) miterleben muß, stürzt er in abgrundtiefe Enttäuschung. Der Aufmarsch bleibt völlig unbehelligt, und jener Streik in der befremdlichen Einheitsfront roter und brauner Gewerkschaften war erst ein kleiner Vorgeschmack auf den sogenannten Hitler-Stalin-Pakt. Im Rahmen dieses Streiks konnte man, Wikipedia zufolge, auf der Rednertribüne Joseph Goebbels Schulter an Schulter mit einem gewissen Walter Ulbricht sehen.

In Wolfgang Leonhards Buch über den Schock des Hitler-Stalin-Paktes, erschienen 1989, wird auch die im Frühjahr 1933 erfolgte „Desillusionierung“ des späteren Schrift-stellers und Mitbegründers der Gruppe 47 Hans Werner Richter gestreift. Der 25jährige Berliner Buchhändler-gehilfe, Sohn eines Usedomer Fischers, war damals ein kampfbereiter kommunistischer Aktivist gewesen. Jedoch: „Nichts rührte sich, nichts geschah, kein Streik, kein Generalstreik, kein Aufruf zum Straßenkampf – nichts.“ Zum Verständnis dieser Stillhaltetaktik verweist Richter unter anderem auf den Gesichtspunkt der mechanisti-schen, fortschritts- und heilsgläubigen kommunistischen Geschichtsauffassung. Danach mußte der Sozialismus ohnehin notwendig eintreffen und aufblühen, weil der Kapitalismus bereits verfaulte. So erklärten die Kommu-nisten den Triumph der NSDAP zu einer vorübergehenden „kurzen Episode, die schon bald ihnen zugute kommen müsse.“ Bekanntlich gestaltete sich die Episode 12 Jahre kurz. Was den vielen Untertauchenden, darunter Richter, in jenem Frühjahr von der kommunistischen Vollmun-digkeit blieb, war „die Solidarität der Flucht“, nicht des Kampfes.

Waren die Nazis am 5. März noch in der Minderheit gewesen, hätten sie drei Wochen später wahrscheinlich wirklich die Mehrheit gehabt. Zu Hunderttausenden traten jetzt plötzlich die „Märzgefallenen“ zu den Nazis über: vor allem aus Angst, aber auch vor Ekel und Rachedurst. Die „moralische Wesensschwäche“ des damaligen Deutsch-lands werde sich in Zukunft bitter rächen, fürchtet Haffner. Wo andere Nationen wie Frankreich Kraftquellen in ihren revolutionären Akten hätten, bleibe den Deutschen nur die Erinnerung an Schande, Feigheit und Schwäche. Selbst die jüngste „Wende“ (das Umfallen von 1989/90) gibt ihm recht. Haffner spricht den Deutschen gerade ab, was ihnen die Nazis andichteten: Rasse.

Wahrscheinlich kommen wir nicht umhin, den sozialdemokratischen und kommunistischen Spitzen-funktionären einen dritten Großverräter beizugesellen: „das Volk“. Offenbar war es von Führern abhängig wie Blinde von ihrem ausgebildeten Schäferhund. Lief der eine Hund weg, fütterte man den nächsten. So sieht es auch Berndt W. Wessling in seiner Ossietzky-Biografie von 1989. Nach dem großen Unglück (des Dolchstoßes und des Schwarzen Freitags) warten die Massen ergeben auf die versprochene Linderung ihrer Not. Sie glauben an jene „Erlösung“ des deutschen Volkes durch Hitler, von der zum Beispiel der künftige Landesleiter der Reichsschrift-tumkammer in Köln, Heinz Steguweit, am 27. Januar in der Deutschen Presse schreibt. Genauso unverholen droht die Rechtspresse übrigens damit, „Galionsfiguren des Weltjudentums“ wie Ossietzky und Tucholsky nach erfolgreicher Machtübernahme „ans Messer zu liefern“ (Paul Heimbrecht in Fridericus Nr.2/33). Schwer zu fassen, daß die Massen auch das – neben der „Erlösung“ – auf sich zukommen ließen. Aber sie glauben eben nur zu gern. Da er nicht exponiert ist, glaubt der Kleine Mann, er werde schon die Lücke finden, durch die es ein Entkom-men gibt, und sei es, indem er sich in der Lücke versteckt, um hinfort als Laus zu leben.

Das Entscheidende, Demoralisierende ist die Angst. Wer nicht an seine Kraft oder wenigstens an Wiedergeburt glaubt, hat kaum das Zeug dazu, den Hans Beimler zu geben. In Rowohlts Literaturmagazin Nr.7 von 1977 zeigt sich der Schriftsteller Alfred Andersch davon überzeugt, im Januar 1933 hätte die KPD den Bürgerkrieg auslösen müssen. Bei entsprechender Vorbereitung hätte sie ihn wahrscheinlich auch gewonnen. Einer Volksfront aus KPD und SPD wäre die Sympathie eines Teils der Reichswehr sicher gewesen. Der Bürgerkrieg hätte der Welt einen Krieg und die KZs erspart. Doch die Partei ließ sich wie eine Herde Schafe in die braunen Pferche treiben. Aktivist Andersch saß vorübergehend in Dachau, von wo Hans Beimler flüchtete und nach Spanien ging. Drei Jahre später fiel Beimler als führender Interbrigadist in Madrid. „Wenn ihm noch einige Sekunden des Bewußtseins vergönnt waren, ehe er starb, muß er gedacht haben: aber da wär's doch eigentlich besser gewesen, in Berlin zu fallen.“


Friedrich Flick

Dieser Friedrich starb friedlich 1972. Bis dahin war der Diplom-Kaufmann aus dem Siegerland reichster Deut-scher vor dem Ersten Weltkrieg, Wehrwirtschaftsführer, verurteilter Kriegsverbrecher und reichster Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen. Vermutlich in Anerken-nung seines Geschicks, trotz seiner lächerlich geringen Gefängnisstrafe von sieben Jahren schon nach knapp drei Jahren, nämlich im August 1950, wieder aus dem Bau zu kommen, ist Fuchs Flick im Jahr 1963 das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband verliehen worden.

Geboren worden war er in der späteren Stadt Kreuztal, wo es deshalb bis zu einem Ratsbeschluß vom November 2008 ein Friedrich-Flick-Gymnasium gab. Dagegen lehnte es der Rat der oberpfälzischen Stadt Maxhütte-Haidhof am 12. Juni 2009 mit 24 zu 0 Stimmen ab, an der dortigen Friedrich-Flick-Straße zu rütteln. Das ist Demokratie. Am linken Flußufer ist eine Massentaufe schädlich, am rechten nützlich.

Man stelle sich vor, die mit Luftschutzbunkern und Ruinen vertrauten EinwohnerInnen der Fuldametropole Kassel wollten ihr Goethe-Gymnasium in Ulrike-Meinhof-Schule umbenennen – Verteidigungsminister Jung würde sofort einen Kabinettsbeschluß zur erneuten Bombardierung Kassels erwirken. Sollte es Überlebende geben, werden sie in das eilends zum Zwangsarbeitslager umfunktionierte Dr.-Friedrich-Flick-Stadion der oberpfälzischen Stadt Sulzbach-Rosenberg geschafft.


Hitler-Stalin-Pakt

Er schlug „wie eine Bombe“ ein. In der Tat, sieben Tage nach Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen Deutschland und der Sowjetunion überfällt die Wehr-macht Polen; die Rote Armee folgt auf den Fuß, nur von der anderen Seite her. Polen wird aufgerieben und zerschlagen. Die polnischen Juden dürfen ihr Testament machen.

Für abtrünnige Kommunisten wie Koestler, Regler, Münzenberg stellte der Pakt keine wirkliche Überraschung dar. Sie kannten die in allen Lagern nie verschmähte Sitte, bedenkenlos die BündnispartnerInnen zu wechseln, sofern es einem nur zum Vorteil gereicht, aus eigener Praxis. Moralische Maßstäbe kennen Parteistrategen nicht. Lenin ging voran. Den Sozialisten Valentinoff rügte er auf einer Konferenz 1904 in Genf mit dem Ausruf, einem Revolutionär sei alles erlaubt, wenn es nur der Sache der revolutionären Bewegung und den Parteiaufgaben diene. Koestler weist in Der Yogi und der Kommissar darauf hin, daß Parteistrategen auch den moralischen Mißkredit ignorieren, den ihnen ihr knallhartes Mittel-zum-Zweck-Denken einträgt. Sie regieren auch gegen die Bevölkerung oder ohne Bevölkerung, falls die Sache es erfordert.

Doch ansonsten ließ der Hitler-Stalin-Pakt 1939 zahlreiche kommunistische Welten zusammenbrechen. Victor Serge spricht sogar von einer völligen Demoralisierung der westlichen Arbeiterklassen. Wie konnte das Bollwerk des Antifaschismus mit dem faschistischen Erzfeind gemeinsame Sache machen? Wie werden aus Schurken über Nacht Kameraden, die man über den Klee lobt? Durch rasante Umfärbung. Ex-Kommunist Wolfgang Leonhard schildert dieses Verfahren sowohl in seiner bereits oben erwähnten Dokumentation über den Pakt (von 1989) wie in seinem ungleich bekannteren Buch Die Revolution entläßt ihre Kinder von 1955 aus eigenem Erleben; selbst die Geschichtsbücher wurden umge-schrieben, auf daß sich Schwarz als Weiß und der Faschist als Bruder präsentiere. Übrigens hatte das Paktieren schon vorher begonnen. Deutsch-sowjetische Wirtschaftsverträge vom August versorgten die Nazis mit Rohstoff- und Nahrungsmittellieferungen im Wert von 180 Millionen Reichsmark, die zur Kriegsvorbereitung nicht ungelegen kamen. Nebenbei opferte Stalin nicht nur das souveräne Land Polen. Zunächst lieferte er aufgrund des Vertrages rund 1.000 Antifaschisten, die im Schoße der Weltrevo-lution Schutz gesucht hatten, an die Gestapo aus.* Das wird in der Literatur gern vernachlässigt. Zu diesen Opfern zählte beispielsweise Margarete Buber-Neumann, die im KZ Ravensbrück landete und nur knapp dem Tod entrann, wie sie in ihrem Buch Als Gefangene bei Stalin und Hitler (1947) berichtet. Nachdem Polen unterworfen und aufgeteilt war, machte sich die Rote Armee gemäß den geheimen „Zusatzprotokollen“ des Vertrages über das Baltikum, die rumänischen Regionen Bessarabien und Nordbukowina sowie das finnische Karelien her.

Wie ihn Goebbels im Tagebuch als „genialen Schachzug“ feiert, rühmt auch DDR-Funktionär Albert Norden den Pakt. Die Sowjetregierung habe „tausendmal recht“ getan, auf diese Weise das Komplott der Westmächte zu vereiteln, den Krieg in die SU zu tragen. Atempause von eindrei-viertel Jahren. Die verheerenden SU-Besetzungen in Ostpolen und Baltikum dienen der „Lebensrettung eines Großteils“ der dortigen Menschen. So wird aus einem gekreuzigten ein erlöstes Volk, wenn man nur durch die richtige Brille blickt und keinen Zynismus scheut. Davon abgesehen versichert Leonhard, der damals in der SU zum Kader herangebildet wurde, das beliebte Zeitgewinn-Argument habe für zwei Jahre, bis Hitler (1941) zum Angriff gegen Moskau blies, nicht die geringste Rolle in der bolschewistischen Agitprop gespielt. Ja mehr noch, es habe von Moskau und damit der Komintern aus überhaupt keine nennenswerte Rechtfertigung des Paktes gegeben. Dieses „Meisterstück autoritärer Geheimdiplomatie“, wie die schweizer Kommunisten Clara und Paul Thalmann es nannten, wurde den lieben Vasallen kommentarlos jäh ins Maul gestopft, friß oder stirb, und entsprechend stürzten sie massenweise in die größte Erklärungsnot, zuweilen auch Gewissensqual. Dies wird bei Leonhard ausführlich dokumentiert.

Der zeitweilige Mitstreiter Ulbrichts weist auch darauf hin, der von Molotow und Ribbentrop unterzeichnete Pakt habe sich mit keinem Wort um den Weltfrieden gesorgt, der ja damals für alle Internationalisten längst auf dem Spiel stand. Der Pakt stellte einen kurzfristigen Ausgleich der Interessen der Sowjetunion und des faschistischen Deutschlands her, mehr nicht. Du bekommst halb Polen und soundso viele Tonnen an Eisenerz oder Getreide, wir bekommen dafür die andere polnische Hälfte und das Baltikum. Damit war der Weltkrieg so gut wie garantiert, hatte Polen doch mit verschiedenen Westmächten Beistandsverträge. Wobei es der Pakt dem deutschen Faschismus günstigerweise gestattete, sich ungehindert gen Westen zu werfen, da ihn ja Moskau von Sorgen im Osten entband. Einen Zweifrontenkrieg hätte sich Hitler nicht leisten können. Was kümmerte Moskau das Heil von Brüssel, Rotterdam, Paris? Allerdings bemerkt Victor Serge in seinen Erinnerungen, selbst vom russischen Standpunkt aus sei der Pakt ein „idiotischer Verrat“ gewesen – war doch klar abzusehen, „daß das Nazireich, siegreich in Europa und im Westen, sich früher oder später unvermeidlich mit seiner ganzen Macht gegen das isolierte und vor allen Demokratien kompromittierte Rußland wenden würde.“ Finnland ist übrigens das einzige überfallene Land, das sich militärisch zur Wehr setzt, und zwar nicht schlecht. Es bringt die Rote Armee in arge Bedrängnis. Sieht man einmal davon ab, daß die Sowjetunion auch hier das Völkerrecht brach, könnte man ihren verlustreichen Streich noch immer als denkbar schlechtes Training für den drohenden Abwehrkampf gegen die Hitlerarmee auffassen. Derweil fiel Hitler im Westen unbekümmert in den Beneluxstaaten und in Frankreich ein, hielt ihm doch Väterchen Stalin, wie schon gesagt, den Rücken frei. Wer verschaffte also wem eine Atempause?

Aber es ist falsch, sich auch nur anflugweise aufs Abwägen taktischer Vorteile einzulassen. Man wird immer welche finden, die zur Rechtfertigung eines Kalküls dienen können. Im Kalkül gibt es immer kleinere und größere Zahlen – ganz wie die berüchtigten Übel. Einzelne Menschen oder deren Würde zählen erst ab 10.000. Das läßt sich berechnen. Dagegen wissen wir nicht, wie sich eine prinzipientreue und humane Haltung der russischen Kommunisten und all ihrer Vasallen auf die Weltlage ausgewirkt hätte. Ich könnte mir denken: ziemlich ermutigend für die Antifaschisten und heilsam für die zerrissene Welt. In diesem Fall hätte Stalin bereits darauf verzichtet, das republikanische Spanien (1936/37) für Waffenlieferungen, die das reinste Erpressungsmittel waren, um seinen Goldschatz zu erleichtern. Davon abgesehen, daß sie ohnehin nur an kommunistisch beherrschte Truppenteile weiter geleitet wurden, kamen die Waffen immer spärlicher; dann blieben sie aus.

Welchen beträchtlichen Anteil die moskauhörigen Kom-munisten, darunter auch ein gewisser Walter Ulbricht, am Scheitern der spanischen Revolution hatten, geht aus einem 1997 veröffentlichten ausgezeichneten Aufsatz des Berliner Historikers und Journalisten Manfred Behrend hervor, gestorben 2006. Dieses Scheitern hatte auch in weltpolitischer Hinsicht verheerende Auswirkungen. Nicht der Überfall auf Polen, das Opfern des republikanischen Spaniens stellte den Auftakt zum Zweiten Weltkrieg dar. An diesem kaltblütigen Opfer hatten selbstverständlich, neben Faschismus und Bolschewismus, auch die lieben westlichen Demokratien ihren Teil, wie ich weiter oben schon gezeigt habe.

* So der Darmstädter Soziologe Helmut Dahmer in seinem Artikel „Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen“, Avanti Oktober 2009, hier bei scharflinks


Nachtrag zum Hitler-Stalin-Pakt

Dieser Begriff diene gewöhnlich der Gleichsetzung von Rot und Braun, stellte Eckart Spoo vor gut einem Jahr einleitend in einer Bemerkung fest, die in Ossietzky 5/2014 zu lesen war. „Die historischen Quellen (ich empfehle besonders die Memoiren des langjährigen Sowjetbotschafters in London, Iwan Maisky [wohl von 1967]) geben dafür wenig her. Sie zeigen im Gegenteil, wie sich die sowjetische Diplomatie um ein Anti-Hitler-Bündnis mit Frankreich und Großbritannien bemühte – vergeblich.“ Jedenfalls tat es Bock Maisky, den Spoo hier zum Gärtner macht, auf dem Papier, und der eigenen Rüge ließ Redakteur Spoo die Ankündigung einer für Ende Februar zum „Pakt“ geplanten „wissenschaftlichen“ Tagung in der Berliner FU folgen. Bislang ist Ossietzky nicht wieder auf diese Veranstaltung oder ihr Thema zurückgekommen. Dafür finde ich auf einer Webseite der Berliner „Linkspartei“ einen auf den 5. März 2014 datierten Tagungsbericht* des „Doktoranden“ Tobias Baumann, der seine Promotion in der DDR vermutlich mit summa cum laude gemacht hätte. Schon die Veranstalter-Innen der Tagung und dann Losurdos Eingangsthese von der Sowjetunion als guter Mutter der Weltrevolution nähren meinen Verdacht, hier wirken Apologeten. Alle vom Pakt angerichteten Verluste werden, bei Baumann jedenfalls, ohnehin großzügig übergangen.

Auch Milo Dor litt am Pakt. In seinen autobiografischen Fragmenten** spricht der 2005 in Wien verstorbene Schriftsteller von dem „Gewissenskonflikt“, in den ihn, den jungen damaligen serbischen Kommunisten, der Pakt „gestürzt“ habe. Da hatte das „Bollwerk des Sozialismus und des Fortschritts ..(..).. mit der finstersten Macht Europas ein Abkommen getroffen, das Hitler ermöglichte, alle seine Nachbarn nacheinander anzugreifen und sie brutal zu unterjochen.“ Nach diesem Schock, so Dor weiter, sei er „wochenlang regelrecht krank“ gewesen. Allmählich habe er sich dann von der Argumentation älterer Genossen einwickeln lassen, die von einem genialen Schachzug des großen Stalin sprachen, der die Aggression von seinem Land abgewendet und die imperialistischen Großmächte stattdessen aufeinander gehetzt habe. „Sie sollten sich nur untereinander zerfleischen, um sich dann, geschwächt, für den Weg zu dem einzig wahren Sozialis-mus zu öffnen.“ Von Polen und etlichen anderen Opfern einmal abgesehen, wurde freilich bald darauf, im Frühjahr 1941, Jugoslawien von der deutschen Wehrmacht zerfleischt. Noch standen jugoslawische Diplomaten mit der SU in aussichtsreicher Verhandlung um einen Freundschafts- und Beistandsvertrag, als unvermittelt Bomben auf Belgrad hagelten und die deutschen Truppen das ganze Land überfluteten. „Die mächtige Sowjetunion kümmerte sich einen Dreck darum, was Hitler tat, mit dem sie einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte. Sie sah tatenlos zu, wie ihr neuer präsumtiver Verbündeter überrannt wurde. Sie schien nur um ihr eigenes Schicksal besorgt zu sein und ließ Hitler schalten und walten, wie es ihm beliebte, bis er zuletzt seine mörderische Militär-maschinerie gegen sie selbst richtete.“

Die Österreicherin Ruth von Mayenburg streift den Hitler-Stalin-Pakt in ihrem bekannten Buch über das Moskauer „Absteigequartier der Weltrevolution“ hauptsächlich in seinen Auswirkungen auf Frankreich.*** Plötzlich habe die KPF, die eben noch die Kriegskredite mitbewilligt hatte, den Krieg Englands und Frankreichs gegen Hitler-Deutschland als „imperialistisch“ gebrandmarkt – während sich die Rote Armee von Osten her bereits über Polen hermachte. Aus diesem jähen Kurswechsel sei den französischen Kommunisten „schwer gutzumachender Schaden“ entstanden. Die GegnerInnen warfen ihnen Landesverrat vor, die AnhängerInnen verstanden nichts mehr, Sympathisanten liefen in Scharen davon, wobei sie zum Abschiedsgruß, statt der geballten Faust, gern den Hitlergruß entboten. Die Kommunisten selber sahen sich plötzlich geballter Verfolgung durch die Behörden ausgesetzt. Parteiführer Maurice Thorez wurde in Moskau buchstäblich versteckt gehalten, wäre doch sein offizieller Aufenthalt für Hitler ein Anlaß gewesen, Stalin einen Verstoß gegen den neuen, hübschen Freundschaftspakt anzukreiden. Dafür lieferte Moskau dem faschistischen Berlin, wie schon früher erwähnt, Hunderte von minder hochrangigen antifaschistischen Exilanten aus.

Die deutschsprachige Kommunistin Von Mayenburg blieb verschont, weil sie damals die Gattin eines linientreuen Komintern-Funktionärs war, Ernst Fischer. Gewiß versäumt sie es in ihrem merkwürdig angestrengt humorig abgefaßten Erinnerungsbuch nicht, wiederholt ihre spätere Abkehr vom „Stalinismus“ zu vermelden und zu bekräf-tigen; auf eine ehrliche, nämlich persönlich fundierte und deshalb überzeugende Selbstkritik der Autorin warten LeserInnen wie ich jedoch vergeblich. Diese Erinnerungen sind überhaupt unpersönlich geschrieben, daran rütteln auch die eingestreuten Anekdötchen aus den Gemein-schaftsküchen oder -klos des berühmten Hotels in der Gorkistraße nicht. Selbst ihr Zusammenleben mit Fischer bleibt ein völlig unausgefülltes Schema. Da verrät sie sogar über ihre Katze Mucki mehr, die sie, nach Stalingrad aus Ufa in das verwaiste Hotel zurückgekehrt, beglückt an ihren Busen drücken darf. Genau dieses schmerzliche Desiderat – eine Abwesenheit jeglicher Selbstprüfung – zeigen Milo Dors Erinnerungen nicht.

* Gab es einen Hitler-Stalin-Pakt?
** Auf dem falschen Dampfer, Wien 1988, S. 159 & 162
*** Hotel Lux, München 1978, hier 1991 (Piper), S. 265 ff



Fred Schwarz

Im Gegensatz zu beispielsweise Ernst Thälmann oder auch zu Viktor Ullmann – der sein wundervolles drittes Streich-quartett 1943 in Auschwitz kurz vor seiner Ermordung schuf – war der jüdische Junge ein unbeschriebenes Blatt, als er im November 1938 aus Wien flüchtete. Da war er 15. Es folgt ein Häftlingsschicksal, das ihn während geschlagener sieben Jahre durch etliche holländische und „großdeutsche“ Lager führt – bis das Volk Goethes und Görings endlich in die Schranken verwiesen worden ist.

Einige Monate verbringt er auch in der Nähe von Weimar, somit nicht weit von Buchenwald oder Thälmann entfernt, als kostengünstige Arbeitskraft in der Meuselwitzer Munitionsfabrik Hasag. Am gut bewachten Zaun des Lagers kann er stets ein paar von den Leuten mustern, die leider von allem nichts gewußt haben – Meuselwitzer EinwohnerInnen, mal müde, mal mit sadistischer Schaulust verfolgend, wie mit „Saujuden“ oder „Russen-schweinen“ zu verfahren ist. Schwarzens Zeugnis enthält sich jeder Gefühlsaufwallung, obwohl es auch eine anrührende Liebesgeschichte einschließt. Es bestätigt auf erschreckende Weise, daß er einem Volk in die Hände gefallen war, das zu 80 bis 90 Prozent aus Feigheit und Niedertracht bestand. Allerdings unterschlägt er auch den raren Rest nicht. Ihm selber wurde wiederholt von unerwarteten solidarischen Gesten über die Verzweiflung hinweggeholfen.

Schwarz hütet sich jedoch, sein nahezu unwahrschein-liches Durchhalten und Überleben entweder jenen Hilfestellungen oder eigenen Verdiensten – etwa seinem Charakter – zuzuschreiben. Vielmehr betont er alle paar Seiten lang: „Wieder einmal Glück gehabt.“ Es ist nur Zufällen zu verdanken, wenn er nicht krank, zusammen-geschlagen, erschossen wird. Rings um ihn geschieht eben das. Der 70jährige teilt uns dies alles in seinem 1996 erschienenen Buch Züge auf falschem Gleis erstaunlich detailreich, fesselnd und eindringlich mit. Statt sie zu privatisieren, sollte man unsere ICE-Speisewagen mit diesen 350 Druckseiten tapezieren.


Waltrude Schleyer

Bekanntlich ist die Bild-Zeitung stets für Überraschungen gut. Im Rahmen der Debatte über eine Begnadigung der letzten RAF-Gefangenen machte das beliebte Ervolksblatt 2007 mit Frau Schleyers Geständnis auf, mit ihrem seligen Hanns Martin habe sie 1939 einen SS-Obersturmführer & Kapitalverbrecher geheiratet und dann durch Jahrzehnte auch treu unterstützt. Wegen dieser Untat bitte sie Deutschland um Entschuldigung.

Ihr Gatte war schon vor 1933 überzeugter Nazi und ab 1943 führend für die „Arisierung und Germanisierung von Böhmen und Mähren“ zuständig – eine etwas ruppige Variante deutscher Rechtschreibreform, bei der nicht nur jüdische Firmenschilder und tschechische Ortsschilder verschwanden. Im Zuge eines unverhofften „Wirtschafts-wunders“ schwang sich Schleyer dann ins Cockpit von Daimler-Benz. Um 1958 war er auch vor Ort bei der Konsolidierung von Mercedes-Benz Argentinia behilflich, zu dessen Mitarbeitern zufällig ein gewisser Adolf Eichmann zählte. Argentinien hatte nach Kriegsende rund 50.000 – vom Vatikan beflügelten – Nazis als Einfallstor gedient. 1977 wurde Schleyer von einem RAF-Kommando entführt und erschossen. Von einem unhöflichen Spiegel-Redakteur einmal gefragt, ob er es bereue, daß führende deutsche Banken, Stahl- und Chemiekonzerne Hitler und den verheerendsten Krieg der Weltgeschichte finanziert hätten, soll Schleyer erwidert haben, er wisse nicht, wovon der Redakteur spreche. Heute wüßte es auch der Redakteur nicht, aber eben die geläuterte Witwe.

Der SS-Fürst Josias von Waldeck und Pyrmont, 1947 ursprünglich zu Lebenslänglich verurteilt, saß keine vier Jahre und konnte dann auch sein riesiges Vermögen wieder genießen, obwohl ihm niemand zugemutet hatte, ein Reuebekenntnis abzulegen. Goebbels-Konkurrent Otto Dietrich kam mit lächerlichen sieben Jahren davon – und wurde nach einem Jahr Haft in Landsberg „begnadigt“. Ähnlich Alfried Krupp und viele andere. Porsche bekam in Deutschland gar nichts ab. Ein Dr. Globke, engster Zuarbeiter der Schwerverbrecher Frick & Himmler, wurde passend Adenauers „rechte Hand“. Das BKA – später der schlimmen RAF auf den Fersen – ist ab 1951 maßgeblich und neuerdings sogar eingestandenermaßen (Präsident Jörg Ziercke) von Nazis aufgebaut worden.

Im Sommer 2005 stellt unser Bundesgerichtshof den Waltrude Schleyer sicherlich wohlvertrauten Gruß Ruhm und Ehre der Waffen-SS! unter Straffreiheit – ich darf ihn hier entbieten. Wer jedoch empfiehlt, den RAF-Leuten nach 18 bis 24 Jahren Haftverschonung zu gewähren, ohne ihnen Loblieder auf Kapital & Staat abzupressen, wird mit Kübeln von Jauche in der Farbe der deutschen Scholle übergossen. Im Sommer 2011 weist die Bundestags-abgeordnete Ulla Jelpke darauf hin, entgegen der offiziellen verharmlosenden Daten seien in Deutschland während der 20 Jahre seit der „Wiedervereinigung“ (1990) mindestens 140 Menschen von Neonazis und Rassisten getötet worden. Das empört keine Sau. Man stelle sich einmal die Hysterie und Hetze vor, die RAF hätte sie umgebracht!

Zu den Schleyers siehe auch die Erwähnung der Prager Villa Waiger in diesem Beitrag, kurz nach der Mitte



Siehe auch
Faschismus in Nordhessen
Martha Hadinsky u.a.
Bott zum Fall Ullrich/Bunke (Euthanasie) in Kapitel IV Abschnitt 6
Köfel zur Erfurter Fa. Topf & Söhne, Ofenbau, in Kapitel IV Abschnitt 5 Ende & 6
Kritik der Losung „F. ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen
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