Samstag, 23. Juni 2012
Von Knoten und Klumpen
Erstveröffentlichung 2005 in der von Jürgen Engler herausgegebenen Anthologie Small talk im holozän



Als ich mir kürzlich die Schuhe zuband, geriet ich über ein Phänomen ins Grübeln, dem sich womöglich noch nie ein Essayist gewidmet hat: Ich meine den Knoten. Bei unsren Schnürsenkeln tritt er zumeist mit zwei Schleifen auf. Als Polsterer sind mir auch Zugknoten, Doppelbohne, Weber-knoten geläufig. Doch selbst wenn Sie lediglich zwei oder drei Krawattenknoten beherrschen sollten, werden Sie bereits nach flüchtiger Durchmusterung unseres Alltags zugeben, daß der Knoten zu den genialen Erfindungen der Menschheit zählt.

Ersparen Sie sich den Griff zu Ihrem umfangreichen Nachschlagewerk: Es wird Ihnen weder den Erfinder noch die Geschichte des Knotens enthüllen. Handelt es sich bei dem Wort Entwicklungsgeschichte nicht bereits um eine Tautologie? Stellt eine Entwicklung das Gegenteil einer Verwicklung dar? Jedenfalls hat der Knoten etwas mit Verknüpfung zu tun. Und Dinge, die lediglich miteinander verknüpft sind, lassen sich leicht wieder lösen. Das Gegen-teil der Verknüpfung stellt die Verklumpung dar. Das Verklumpen ist die Lieblingsbeschäftigung der Moderne. Zu diesen Thesen kam ich, als ich auf meine Schnürsenkel starrte. Nun will ich hoffen, das letzte Verdikt falle nicht auf mich selber zurück.

Suchen wir ein Museum auf, das rekonstruierte Szenen aus der Jungsteinzeit zu bieten hat, springen uns die Knoten geradezu ins Gesicht. Nur mit Hilfe zweier Knoten kann eine Sehne die Enden einer biegsamen Rute so wirksam verbinden, daß sich mit der auf diese Weise geschaffenen Waffe todbringende Pfeile aussenden lassen. Baumstämme werden an Tauen fortgeschleift. Sprossen sind mit Holmen zu Leitern, Sparren mit Balken zu Dachstühlen verzurrt. Das Prinzip des Verzurrens scheint so verbreitet wie alt zu sein. Schon Feuerstein und Speerschaft, später Schneide und Axtstiel waren auf diese Weise verbunden.

Allerdings zeigen die Äxte mehr. Durch ein Loch im Kopf der Schneide wird der Axtstiel gesteckt, worauf die beiden zusätzlich miteinander verzurrt werden. Vielleicht hatte man das Prinzip des Ineinandersteckens bereits ange-wandt, als an den Knoten noch gar nicht zu denken war? Man hatte Höhlen gegraben, Schächte ausgehoben, Pfähle eingerammt. Betrachten wir erneut das Germanische Langhaus aus der Jungsteinzeit, ist auch das Ineinander-stecken allgegenwärtig. Balken werden ausgekehlt, damit sie miteinander verzahnt werden können. Löcher in den Hauswänden nehmen tragende Balken auf. In Gestalt von Fenstern und Türen ermöglichen sie es sogar dem Drinnen und dem Draußen, sich miteinander zu verbinden. Im Grunde wurden wir, das läßt sich nicht länger übersehen, nach dieser Weise des Ineinandersteckens bereits gezeugt. Allerdings gilt sie in Sachen Vermehrung inzwischen als veraltet.

Mustern wir die Tür des Germanischen Langhauses, stehen wir vor einem frühen Wunder des Ineinander-steckens. Die Tür wurde aus einem Brett von Handgelenk-stärke und Schulterbreite gewonnen. Da sich dieses Brett schlecht mit der Wand verknoten ließ, verfielen unsere Urahnen darauf, in der Senkrechten zwei Zapfen stehen zu lassen, damit sich die Tür in den entsprechenden Vertiefungen von Boden- und Deckenbalken drehen konnte. Statt sie anzunageln, lagerten sie ihre Tür. Was sich hier sogleich mitdreht, sind Töpferscheiben, Wagenräder, Windmühlen. All diese Beweglichkeit verdankt sich dem Prinzip des Ineinandersteckens. Und auch von allen ineinandergesteckten Dingen gilt der Satz, sie seien leicht zu lösen.

Bald ließen die Langhaus-ErbauerInnen beim Zurichten der Tür einen Buckel stehen, der dann wieder ausgehöhlt wurde, sodaß sich ein dicker Knüppel zunächst durch den Buckel, schließlich ins Türpfostenloch führen ließ. Damit hatten sie einen neuen Zapfen erfunden, den sie Riegel nannten. Auch Knöpfe sind Riegel. Ich ver- oder entriegele mein Hemd. Der Reißverschluß mag eine knifflige Weiter-entwicklung darstellen, doch gerade er macht das Ineinanderstecken als Dreh- und Angelpunkt der Kultur augenfällig: Zähne schieben sich in Lücken, Zahnbuckel in Zahnmulden; die beiden Zahnreihen gleiten durch die Kanäle des Schiebers – zwei Eisenbahnzügen ähnlich, die sich, aus Osten und Westen kommend, desselben Tunnels bedienen müssen, und am Ausgang des Tunnels haben sie sich zum Nordexpreß vereinigt.

Damit droht uns allerdings eine Falle. Aus unseren Hochgeschwindigkeitszügen, die Fenster und Türen zu Antiquitäten machen, können wir kaum noch aussteigen. Wer in Frankfurt/Main gepennt hat, muß bis Kassel warten. Bald werden wir nur noch in einem Transrapid oder einem Jumbojet leben – in diese eingeschweißt wie unsere Blumensträuße und Bücher in Klarsichtfolie.

Vielleicht haben wir, was die Ent- und Verwicklungs-geschichte der Menschheit betrifft, eine erste bedeutsame Zäsur in der Befreiung des Zapfens zu sehen. Ein Schlüssel ist ja kein Riegel mehr; vielmehr ein schlüpfriger Geselle. Ich kann ihn mit mir führen, unter der Fußmatte ver-stecken oder in den nächsten Gully werfen. Der Schlüssel eifert unseren Wurfspeeren, Pfeilen, Nägeln nach; nur ist er weniger brutal. Einen Dübel aus Kunststoff möchte ich als einen Nagel auffassen, der einer Schraube als Futteral dient, womit der Nagel sozusagen verdoppelt wäre. Doch ich sehe zudem einen Strahlenkranz, der verhindern soll, daß der Dübel wieder aus der Wand fällt, die ich im Augenblick betrachte. So weist der Dübel weit über sich hinaus. Wir sehen ein großes Schiff, das etliche Flugzeuge trägt: ein Überdübel. Die Flugzeuge führen nämlich wiederum kleine Raketen mit sich, die ihrerseits noch einmal Bömbchen zu verstreuen haben. „Sie empfingen ein Überraschungsei der westlichen Tauschwertgemeinschaft.“ Denn neunzig Prozent aller Waffen werden von eben dieser in die Welt gesetzt. Auch die Waffen von Schurken-staaten, Terroristen und Bösewichtern aller Art.

Halten wir uns ans Schloß, läßt sich erstaunlicherweise noch um 1900 kein nennenswerter Fortschritt erblicken. Das sogenannte Sicherheitsschloß beruht auf dem Fallriegelprinzip, das vor mehreren tausend Jahren in Ägypten erfunden worden ist. Ein verschieden gekerbter Schlüssel drückt unterschiedlich lange Stifte gegen ihre Federung. Die Trennlinie wird frei, der Zylinder kann gedreht werden: damit schnappt der Riegel zurück, der mit ihm verbunden ist, und die Tür läßt sich öffnen.

Streng genommen handelt es sich beim „Sicherheits-schloß“ um eine Tautologie, also um einen weißen Schim-mel. Und die Tautologie, zu der die Menschheit spätestens seit 1900 in sehr starkem Maße neigt, ist ebenfalls eine Form der Verbindung. Hier liegt die Befürchtung nahe, die eingangs beklagte Tendenz zur Verklumpung werde sich in der allgemeinen Tautologisierung vollenden. Dann werden Eigennutz und Solidarität, Krieg und Frieden, Mann und Frau, Sein und Sollen, Wirklichkeit und Fiktion sich decken. Mit jeder Grenze, die fällt, jeder Unterscheidung, die hinfällig wird, rücken wir dem Nichts näher.

Zum Einbau unserer Schlösser und Schloßfallen dienen uns Schrauben. Stellen Holzschrauben oder Maschinen-schrauben (solche mit Muttern) nicht großartige Erfindungen dar – ideale Vermittlerinnen? Hätten wir bei der Schraube nicht besser Halt gemacht in unserem Fortschritt? Wir würden bis heute und bis in alle Tage in bewegter Harmonie leben, also in der besten aller Welten. Denn die Schraube verbindet schonend. Sie vermittelt, ohne festzulegen, was bedeutet, sie schafft keine Tatsachen, die neue Tatsachen erzwingen. Wenn wir wollen, hält sie die Tischplatte mit den Tischbeinen oder die Pleuelstange mit der Kurbelwelle zusammen. Wollen wir nicht, lösen wir sie.

Hier drängt sich der Übergang zum Verschmelzen auf, denn eine Pleuelstange ist keine Zaunlatte. Soweit ich sehe, begannen die Menschen bereits mit dem Verschmelzen, als sie noch verzurrten statt verschraubten. Kupfer mit Zinn, das ergab vor rund 4.000 Jahren die Bronzezeit. Hinzu kam das Verleimen, etwa bei der Papierherstellung im alten China. Selbst der Beton hat recht lange Wurzeln: Kurz nach Christi Geburt, unter Kaiser Hadrian, wird in Rom das Pantheon errichtet. Da die römischen Maurer bereits Zement einsetzen, können sie das Bauwerk mit einer Kuppel von mehr als 40 Metern Durchmesser krönen. In philosophischer Hinsicht müssen die Römer allerdings schon im Hintertreffen gewesen sein. Ein Dach – so hätte jedenfalls Diogenes in seiner Tonne geknurrt – von dem ich nicht weiß, wie ich es unter Umständen wieder abbauen könnte? Fügen wir hinzu: ein gigantischer Berg aus Gebilden, die sich gegen ihre Wiederverwertung sträuben? Neben Millionen Kartoffelkisten aus Plastik stecken in diesem Berg ein paar hundert Kernkraftwerke; Marokko baut auch noch schnell zwei.

Ich gestatte mir einen Exkurs zur Feder. Ob Spiral- oder Blattfeder, sie vermittelt ja ebenfalls. Durch Abfedern werden irgendwelche Gebilde – seien sie verzurrte, ineinandergesteckte, verschmolzene – flexibler gemacht, wodurch sich ihre Anpassungsfähigkeit, somit ihre Lebensdauer erhöht. Weiter steht noch aus, das Verkeilen einzuordnen. Im Germanischen Langhaus sorgt ein am Fuß eines Pfostens eingetriebener Keil dafür, daß der Pfosten besser gegen einen Deckenbalken drückt. Solche Keile lassen sich notfalls wieder entfernen. Das Verkeilen stellt somit eine Abart des Ineinandersteckens dar. Dies wird im Grunde auch von zwei Menschen unterstrichen, die sich gar zu heftig lieben. An ihnen sehen wir das Verklammern als weitere Unterart. Ob Heft- und Wäscheklammer oder Schraubzwinge und Schraubstock: es handelt sich um Weisen des Ineinandersteckens. Was nur verklammert ist, läßt sich durchaus wieder lösen.

Solange das Verknoten oder Ineinanderstecken von Gliedmaßen oder Organen noch populär ist, kommen wir kaum umhin, unseren Körper – ein Bündel aus Sinnen, Säften, Leidenschaften – für die Quelle unserer Verbin-dungsweisen zu halten, das Verschmelzen eingeschlossen. Der Drang zum Verzurren, Verklammern, Durchdringen, ja selbst zur Auflösung steckt im menschlichen Leib. Ihm eifert unser Geist bloß nach. Dabei schlägt er offensichtlich über die Stränge. In der Natur nämlich zeigt sich all das Beschriebene bestenfalls andeutungsweise; ein Fuchsbau ist kein Bergwerk.

Wer vom Verbinden handelt, muß auch vom Trennen sprechen. Nicht immer wird durch eine Trennung etwas rückgängig gemacht. Bei sämtlichen verzurrten oder ineinandergesteckten Gebilden ist dies jedoch der Fall; sie können verhältnismäßig einfach wieder in ihre Bestand-teile zerlegt werden – etwa der Handwagen, den mein Großvater Heinrich zu seinem Schrebergarten zog, oder seine aus Holz errichtete Gartenlaube. Bei einer Garten-mauer wird es bereits kritisch. Sie ist kaum unbeschadet „rückgängig“ zu machen; wir bekämen die Backsteine mehr oder weniger verunstaltet zurück, vom betrüblichen Zustand des Mörtels ganz zu schweigen.

Selbst beim Polstern – eigentlich ein eher luftiges Geschäft – geht die Tendenz aufs Verschmelzen und Verklumpen. Charles Darwin dürfte als Fachmann für Ent- oder Verwicklung allgemein bekannt sein. Von seinen Biografen Desmond/Moore erfährt man zudem, er habe in seinem Arbeitszimmer über einen roßhaargepolsterten Armlehn-stuhl verfügt. Das waren gediegene Zeiten. Ermüdetes und verstaubtes Roßhaar kann auseinandergezupft, gesäubert, gekräuselt und wiederverwendet werden. Inzwischen wird überwiegend mit Schaumstoff gepolstert, der zudem gern verklebt wird. Ein modernes Sofa vom Fließband läßt sich nach einigen Jahren bloß wegwerfen. Ähnliches gilt für das Verhältnis von mechanischer und elektronischer Schreib-maschine oder von Hollerithmaschine und Computer.

Wird heute ein Verwaltungsgebäude aus den 60er Jahren abgerissen, sehen wir keine Kuhfüße (Nagelzieher) oder Schraubenschlüssel am Werk, vielmehr Preßlufthämmer, Trennscheiben, Schweißbrenner, Rammböcke, Bagger, Planierraupen. So tragen wir auf berserkerhafte Weise zur Aufstockung des Müllbergs bei. Neuerdings steht ihm allerdings eine gigantische Abdeckerei zur Seite, griffen wir doch in unserer Verschmelzungssucht aufs Organische über. Die Wiederverwertung der verseuchten Mastbullen schmeckt keinem mehr; aber ungleich schwieriger noch dürfte sich der Versuch gestalten, die säuselnde Tomate oder das etwas unglücklich geklonte fünfbeinige Schaf wieder rückgängig zu machen. Es wird nicht mehr zu Verteilungs-, vielmehr zu Beseitigungskämpfen kommen. Wir dürfen gespannt sein, wer eher zur Bombe greift, wir oder das Schaf mit seinem fünften Bein.

Um es in einem Satz zu sagen: Die angeblich höchste Kulturstufe, die ihre Verbindungen maßgeblich durch Verschmelzen erzielt, kann diese nur aufwendig, brutal, gleichgültig lösen. Von der Lösung einer Aufgabe ist darin natürlich nichts mehr zu entdecken. Anders dagegen, solange sich unsere Kombinationen im Rahmen des Ver-zurrens und Ineinandersteckens halten. Dann bleibt die Welt überschaubar. Nicht angenehm oder unangenehm, wohlgemerkt, sondern nur in Ordnung.

Der Grund liegt längst auf der Hand. Bei solchen kultu-rellen Gebilden wie Äxten, Langhäusern, Pferdefuhr-werken, selbst Sippen und Stämmen handelt es sich um Kombinationen, die noch in den Teilen zu erkennen sind, aus denen sie sich zusammensetzen. Ist also etwas faul, weiß ich, an welcher Stelle ich zu bohren oder auszuwech-seln habe. Beides ist bei mehr oder weniger verschmol-zenen Gebilden nicht mehr möglich. Daraus erklärt sich nebenbei, warum die Ganzheitsapostel gleich nach den Steuerberatern zu den größten Nutznießern der Moderne aufsteigen konnten; sie flankieren die sogenannte Globalisierung. Als Beispiele für verschmolzene Gebilde nenne ich zuletzt: Tornado (das Kampfflugzeug), Mikrowelle, Europäische Union, Chipkarte, Daimler-Chrysler, Aspirin – eingenommen nach einem Galaabend mit sieben Tenören, fünfzig Artisten aller verwandten Sparten und pausenlos trommelnden Videoclips. Sie sind so unerkennbar wie unbeherrschbar aufgrund ihres hohen Verklumpungsgrades.

Stellt sich noch die beflissene Frage, ob wir vielleicht den rechtzeitigen Absprung verpaßt haben. Es sieht ja alles danach aus. Nur: wer so etwas verkündet, tut es ersichtlich im Nachhinein. Der Absprung wäre gar nicht möglich gewesen. Wer unmittelbar davorsteht, erkennt – um ein harmloses Beispiel zu wählen – eine Schmelzrinne, in der blutroter Stahl fließt, nicht als historische Zäsur. Dabei sehe ich durchaus, daß dieses Beispiel auf die Bronzezeit zurückfällt. Sollte soviel an Weltgeschichte überflüssig gewesen sein?



Siehe auch
Keulenworte
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