Samstag, 23. Juni 2012
Von Würgern und Sängern
Eine kleine Ornithologik


Entstanden um 2000. Umfang 14 Druckseiten.



Wer Kafka liest, wird noch nicht einmal einem Spatzen begegnen. Das gleiche gilt für Bäume oder Bäche. Kommt mal ein Zirkuspferd vor, ist es schon viel. Den von Steinen ummauerten Menschenzirkus behandelt er – und seine Prosa ist auch so kalt wie Stein. In seinem Roman Das Schloß ist dieser Menschenzirkus derart vollgestopft, daß keiner mehr durchblickt, die LeserInnen eingeschlossen. Bei Kafka gibt es kein Mitleid, weil dies aus der Erde kommt. Ungeerdete Menschen sind unbarmherzige Egoisten. Kafka war einer; man lasse sich von seiner Verzagtheit nicht täuschen.

Bei allen ernst zu nehmenden Schriftstellern ist die Prosa in Natur gebettet. Dabei haben sie oft ihre Vorlieben = Schwächen, durch die sie noch einmal menschlicher wer-den. Hölderlin ist in Bäume, D. H. Lawrence in Blumen, Orwell in Schmetterlinge, Haushofer in Haustiere, F. G. Jünger in Gewässer, Welskopf-Henrich in die Prärie, Gernhardt in Vögel vernarrt gewesen. Dessen Vorliebe teile auch ich. Als ich neulich bei einem Feldgehölz zwischen Metebach und Friedrichswerth den Raubwürger entdeckte, war ich berauscht wie von Met. Ich fuhr – mit dem Fahrrad – mehrmals hin um sicher zu gehen, daß es sich um einen Brutplatz handelte. Die Strecke beträgt hin und zurück 26 Kilometer. In ganz Thüringen soll es nur noch 120 Brutpaare des so hoffähig wirkenden Schurken geben. Deutlich größer als eine Amsel, hat der Raubwürger zum Schwarz noch Grau und Weiß zu bieten. Komischerweise wird er zu den Singvögeln gezählt. Vom Aussehen her hätte er ohne Zweifel das Zeug zum Opernauftritt, nicht jedoch von seinem „Gesang“ her. Es handelt sich um das Geschwätz eines Kettenrauchers. Jede Unke singt besser. Vom Kuckuck, der ihm gar nicht so unähnlich sieht, trennen ihn saharagroße Wüsten. Sie trennen uns auch bald vom Kuckuck, wird er doch in unseren entwässerten Auen immer spärlicher ausgemacht. Mit dem Kuckucksruf weichen Bezauberung und Ergriffenheit.

Bedenkt man es etwas gründlicher, ist die Naturver-bundenheit so vieler SchriftstellerInnen eher seltsam. Von Hause aus sind sie doch stets auf Ordnung erpicht, während zum Beispiel das Vogelreich einem Tollhaus gleicht. Der kunterbunte Buchfink bringt die immergleiche öde Leier – er wirft sie vom Baum herab und verlangt abschließend selbstgefällig nach einem „Gewürzbier“ oder auch „Würzgebier“. Kaum ein Vogel ist so unscheinbar gefärbt wie der winzige Fitis, doch seine abfallende Wehklage zerreißt uns das Herz. Dabei hat sie um ein Haar die Struktur des Buchfinkenschlages. Für alle von blinden Systematikern und tauben Musiklehrern irregeleiteten Laien beläuft sich Vogelgesang auf Amsel, Drossel, Fink und Star. Schon der Star ist freilich eher ein Schwätzer und Knirscher. Würgt sich gar der Hausrotschwanz bei seinem Liedvortrag ein röchelndes Rasseln ab, könnte man in der Tat Lust bekommen, diese Drossel zu erdrosseln. Der Grauspecht zieht eine klangvolle Klage vor, die jeden Finkenschwarm blaß werden läßt. Dafür pflegt der mächtige „Singvogel“ Kolkrabe, dem Christen eine Vorliebe für Lammfleisch angedichtet haben, wie eine dänische Dogge zu bellen, während er durch die Senke zu seinem Horst auf den Eichen rudert. Plötzlich entzückt er uns allerdings durch Glockenklang, weil er die Kirche nicht im Dorf gelassen hat. Der als „Schnepfe“ verunglimpfte und entsprechend fast ausgerottete Große Brachvogel singt betörend. Sein anschwellender Flötenruf rollt aus den Maulwurfsgängen, kitzelt das hohe Riedgras, verschwebt mit dem Duft des Mädesüß über den Deichen, wo der dornige Hauhechel die Schafe als die erbärmlichsten Rufer des Tierreiches piekt. Ob Schwarzspecht, Krickente, Turteltaube, die vielfältige Klangfülle im Vogelreich ist verblüffend. Barbara von Wulffen hält es deshalb in ihrem Buch Von Nachtigallen und Grasmücken (2001) für absurd zu glauben, dieser ganze Aufwand sei nur für die gegenseitige Benachrichtigung und Identifizierung gut. Für sie singen die Vögel in erster Linie, „um Lebensfreude auszudrücken“.

Das glaube, wer gern frömmelt. Nach meinen Beobach-tungen haben Vögel im allgemeinen ein überwiegend gehetztes Dasein zu führen; ganz bestimmt aber alle „Singvögel“ erheblich mehr als Geier oder Adler. Wer David Attenboroughs in jeder Hinsicht großartigen Wälzer The Life of Birds (deutsch 1999) studiert, könnte sogar argwöhnen, mit der Natur überhaupt vor einem militärisch-industriellen Komplex des möglichst durchtriebenen gegenseitigen Auffressens zu stehen. Unser Schlag hat ja ebenfalls seine Lieder, Opern, Märsche – eben Schlager. Nur an der Marschordnung fehlt es im Vogelreich. Der farbenfrohe Kleinspecht ist ein Zwerg, von dem der Turmfalke 20 Exemplare auf einmal verspeisen könnte. Doch beider triumphale „Kikiki“-Reihen lassen sich selbst von vielen Ornithologen nur anhand der Lautstärke unterscheiden. Für den Laien singen sie völlig gleich. Schluchzt am hellichten Tage ein Gebüsch, bückt sich der Laie, um vielleicht ein verirrtes Kind aufzulesen. Aber es war die Nachtigall. Dafür schreckt er um Mitter-nacht auf, weil in Nachbars Schuppen der Hahn kräht.

Kurz und schlecht, von so etwas wie Logik, System, Ordnung ist in der Natur kein Schimmer zu entdecken. Die sogenannte Sumpfschafgarbe blüht edler als eine Margerite; in unseren Wäldern mischen sich die Laub- und Nadelbäume nach Belieben. Die Natur stellt ein Chaos dar. Vielleicht ist sie dem geplagten Schriftsteller deshalb eine willkommene Erholung. In seinen Texten muß immer alles stimmen; in der Natur stimmt nichts. In ihr folgt noch nicht einmal das Fressen und Gefressenwerden harmo-nischen Regeln. Um 1800 fürchtet Lichtenberg, die Welt verdanke sich einem Dilettanten. „Warum sollte es nicht Stufen von Geistern bis zu Gott hinauf geben und unsere Welt das Werk von einem sein können, der die Sache noch nicht recht verstand, ein Versuch? Ich meine unser Sonnensystem oder unser ganzer Nebelstern, der mit der Milchstraße aufhört. Vielleicht sind die Nebelsterne, die Herschel gesehen hat, nichts als eingelieferte Probestücke oder solche, an denen noch gearbeitet wird ...“


Pechvögel

Man begreift zu wenig, daß ein Vorteil nie ohne einen Nachteil zu haben ist. Die Vögel demonstrieren es uns. Zu kurz gekommen, wie sein Name sagt, schnappt sich der Zwergspecht (Kleinspecht) frech eine rote Mütze. Nun fällt er jeder Zwergspechtin auf – freilich auch dem Sperber, der ihn mit Genuß verspeist. Was den einen Zwergspecht zur Fortpflanzung führt, befördert den anderen Zwerg-specht ins Jenseits. Die Goldammer gibt beim Singen stets die leuchtende Spitze von Gebüschen, Apfelbäumen, Zaunpfosten ab. Auf diese Weise markiert und verteidigt sie ihre Reviergrenzen. Doch sie könnte beim Singen aussehen wie Aschenputtel, es erginge ihr trotzdem wie dem Zwergspecht, weil der Sperber beim Spähen auch seine Ohren zu spitzen pflegt. „Wie wie wie hab ich dich – liiieb!“ vernahm der Sperber. Der herzergreifende Ohrwurm wird bestimmt noch aus seiner Kloake klingen, wie ein Darmausgang unter Ornithologen heißt.

Nicht besser steht es mit den sogenannten Alarmrufen der Vögel, die oft zweierlei bewirken: Nachwuchs oder Nachbarschaft sind gewarnt; der Rufer selbst hat sich verraten. Ohnehin fragt man sich, wie der Bussard auf nur eine Maus kommen will, wenn er sämtliche Mäuse einer Gemarkung durch sein schrilles Miauen in ihre Löcher fegt. Auch die Schärfe der Vogelaugen hat ihren Preis. Ein Mensch mit Starenaugen hätte tennisballgroße Augen. Somit zahlt der Vogel als Preis ein Gesicht. Er besteht nur aus Augen, die mangels Umfeld völlig ausdruckslos sind. Die Gesichtslosigkeit erschwert natürlich die gegenseitige Identifizierung. Darauf werden wir zurückkommen.

Was hat es mit dem vielbewunderten Flugvermögen der Vögel auf sich? Beobachten Sie das Braunkehlchen, das gern auf Weidezäunen ansitzt: jeder jähe Ausfall kostet ihm ungefähr die Fliege, die es dabei erbeutet, wobei es zuweilen auch Fehltreffer hat. Ähnlich bezweifle ich, der Gewinn an Wärme und Nahrung, der Mönchsgrasmücken wie Störche nach Süden ziehen läßt, wiege die damit verbundenen Verluste an Muße, Kraft, Leben auf. Bekanntlich gaben die Vögel für ihre Flügel ihre Arme daran. Unter diesem Opfer leidet auch ihr Liebesleben. Die Goldammer mag ihren Prinzen finden; umarmen kann sie ihn nicht. Alle Vierbeiner können sich fell- oder hautnäher lieben als die gefiederten Geschöpfe. Zu allem Unglück haben sich die Vögel auch noch die Hälfte des Tages der Pflege ihres gepriesenen Gefieders zu widmen, was die Witwe Hertha Griesbrei allerdings prima findet. Sie ist schon etwas kurzsichtig. Sie sieht ein niedliches Feder-bällchen mit großen Babyaugen. Es wienert unverdrossen an dem schmucken, roten Fleck auf seiner Brust und singt dazu perlend. Spitzt Frau Griesbrei entzückt die Lippen, knickst es auch noch artig. Dann fliegt es wieder hurtig durch Haselnußstrauch und Jägerzaun. Daß Frau Griesbrei vom Rotkehlchen ständig nur beargwöhnt, bedroht und geflohen werden muß, würde sie niemals vermuten.

In dieser Einfalt stehen ihr allerdings Scharen von „Dichtern“ keinen Deut nach. Das kühnste Stück leistet sich Walter Muschg, der in der Manesse-Anthologie Vögel in der Weltliteratur (1986) mit einem Essay vertreten ist. Er feiert die Vögel als Lüftetrinker, Ferneüberwinder, Zusammenschauer. Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Ihren großen Augen ist die Welt in äußerst beschränktem Ausschnitt gegeben; das übrige beläuft sich auf beängstigende Schatten. Von Beschaulichkeit und Muße keine Spur. Ein Vogel jagt oder stochert von früh bis spät nach Futter, wobei er ständig auf der Hut sein muß, nicht seinerseits von einem jener Schatten aufgeklaubt und vertilgt zu werden. Seine Chance, das erste Lebensjahr zu überstehen, ist gering. Daher hockt das Rotkehlchen alle paar Monate auf fünf Eiern, von denen sich dreie Marder oder Eule holen. Bei den Bodenbrütern kommen die Schatten namens Traktor hinzu. Es ist eine feine Sache, das Lüftetrinken der Vögel zu rühmen, während man in einer Mansardenstube neben einer dampfenden Kaffee-tasse sitzt. Hohltauben, Trauerschnäpper, Steinkäuze sind zur Brut auf Höhlen angewiesen, die leider in dem Maße verschwinden, wie der Mensch sich aufbläht. Der Fischotter – oft Arm in Arm mit einer Fischotterin – ringelt sich behaglich in seinem Bau ein; Vögel müssen stehend oder hockend schlafen. Das menschliche Herz schlägt im Ruhezustand etwa 70 mal in der Minute. Das Rotkehlchen dagegen wird 570 mal pro Minute im Schlaf erschüttert, ohne daß der Marder etwas dazutäte.

„Was ist das Dasein der wenigen Überlebenden denn anderes als ein gehetztes Hin- und Herschwirren zwischen Begehren und Angst?“ schreibt Alain in seinem Buch Lebensalter und Anschauung von 1927. Allerdings folgert er aus dieser Feststellung, die Vögel empfänden ihre Getriebenheit gar nicht, eben wegen des Übermaßes an Angst und Begehren. Das ist ein rettender Gedanke. Die Vögel sind dieser Zustand, weil ihnen ersichtlich jedes Eingedenken versagt ist, das sie darüber erhöbe. Insofern könnten wir von einem beneidenswerten Schlaf sprechen, den ein Vogel lebenslänglich abhält, obwohl er nur aus Aufruhr besteht. Damit dürfen wir auch in die Ode von Walter Muschg einstimmen. „Kummerlos schlägt ihr Flügel Gehorsam; die Verworrenheit, in die wir getaucht sind, geht wie ein Schattenstrom unter ihnen hin.“


The Hawk

Während ich in meinem Fernglas einen Habicht verfolge, sinke ich rücklings unaufhaltsam in eine Brombeerhecke ohne die Dornen zu verfluchen. Der kompakte Greifvogel schraubt sich immer höher in den klaren Himmel, wobei er mal nach links, mal nach rechts ausweicht. Es dauert Minuten, bis er in meinem Glas nicht mehr zu sehen ist. Was will er dort oben? Beute schlagen? Das ist nicht seine Art; er jagt in Bodennähe. Nach dem Süden segeln? Derzeit kaum. Er hat für seine Brut zu sorgen. Außerdem hängen ihm zu viele Treibstoffschwaden und Pulverdämpfe über dem Irak. Wiche er zum Niger-Delta aus, fände er vor lauter brennenden Erdgasfackeln (Firma Shell) keinen Ast zum landen mehr.

Fast bin ich geneigt zu glauben, der Habicht habe sich nur aus Lebenslust in den Himmel emporgeschraubt. Sein Hunger war gestillt, der Aufwind günstig – da ging er ein bißchen segeln. Wie schon erwähnt, herrscht dieser hedonistische Zug für die ornithologisch bewanderte Schriftstellerin Barbara von Wulffen auch im Gesang der Vögel vor. Tatsächlich ist es oft nur mit der Brechstange möglich, den Vogelgesang auf seine längst erforschte „Funktion“ zu stutzen – etwa darauf, ein Weibchen anzulocken oder einen Störenfried zu vertreiben. Dazu schwingt zuviel Übermut oder Selbstvergessenheit mit. Da mag es sogar statthaft sein, einem Schmetterlinge vertilgenden Kuckuck eine „Unschuld des Tötens“ zu bescheinigen. Wulffen reklamiert sie auch für uns, wenn sie in ihrem Buch von 2001 ihre befremdliche Liebe zu Ekstase und Ritual der Jagd bekennt, Sondersprache eingeschlossen. Bei ihrer Verehrung für Ernst Jünger ist das vielleicht kein Wunder. 1941–44 hält sich dieser – wie beispielsweise auch seine Zunftgenossen Beauvoir, Camus, Sartre – in Frankreich auf, allerdings nicht als Wider-standskämpfer. Wie es einem feschen Besatzungsoffizier zukommt, legt sich der verheiratete Hauptmann Ernst Jünger mit der Pariser Kinderärztin Sophie Ravoux eine Geliebte zu. Später wird sie als „Spinnen-Frau“ in einigen Texten Jüngers erwähnt. „Zeugung und Tötung werden zu simultanen Vorgängen: etwa in der Umarmung von Spinnen-Frau und Tiger-Mann ...“

Einen Weltkrieg früher verbringt die kompromißlose Antimilitaristin Rosa Luxemburg einen nicht eben guten Teil des Jahres 1917 als Häftling in der Posener Festung Wronke. Am 23. Juni schreibt sie an Hans Diefenbach, es sei ihr hier erstmals in ihrem Leben ein Rotkehlchen begegnet. Sein süßes Lied habe wie eine verschleierte, traumverlorene Erinnerung auf sie gewirkt. Für eine ornithologische Laiin ist das eine äußerst exakte Beschreibung. Luxemburg fährt fort: „Es wurde mir heute von diesem kleinen zarten Lied auf der Mauer, das wohl nicht länger als eine halbe Minute gedauert hat, so weich, so mild in der Brust. Ich bereute sofort alles Böse, was ich je einem Menschen zugefügt habe, und alle schroffen Gedanken und Gefühle, und ich beschloß wieder einmal, gut zu sein, einfach gut um jeden Preis: Das ist besser als 'recht haben' und über jede kleine Kränkung Buch führen.“

Anderthalb Jahre später wurde sie abgeknallt und ersäuft wie ein Luchs.


Über die Entstehung der Arten

Als Darwin herausfand, der Mensch stamme unmittelbar von der Amsel ab, versäumte er es seine entscheidenden Beobachtungen mitzuteilen. Hier sind sie. Zunächst verkündet sich im höheren Tierreich niemand auch nur annähernd so häufig und verbissen wie der Stamm der Singvögel. Wir können den Mitteilungsdrang also nur von ihnen haben. Mögen sie auch im Winter spärlicher als zur Brutzeit singen oder rufen, so muß doch bedacht werden, jeder Vogel, der in einer verschneiten Lärche anhaltend jammert oder meckert, müßte seiner Inbrunst nach eine Ziege sein. Er ist aber nur ein mickriger Buntspecht.

Was die Brutzeit angeht, trägt etwa die Mönchsgrasmücke ihren schmissigen, alles andere als entsagungsvollen Gassenhauer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang 700 bis 1.000 mal vor. Das zwingt uns geradezu die Annahme auf, ein Singvogel werde nur geboren um sich totzusingen. Tatsächlich beläuft sich die statistische Lebenserwartung auf zwei Jahre. Greifvögel oder Störche bringen es zuweilen auf 30. Man muß einmal die pulsierende Kehle eines solchen winzigen Schreihalses gesehen haben. Dazu sträubt er vielleicht die Scheitel-federn. Jedes Schnabelrecken müßte ihm das Genick brechen. Der Winzling ist nicht Grasmücke oder Gelbspötter, vielmehr ein Gewitter. Warum zerbirst er nicht nach spätestens 20 Minuten? Muß es ihm nicht die Innereien durcheinander schütteln, daß ihm Herz, Gedärm, Syrinx aus dem Schnabel springen? Muß ihm nicht zumindest schlecht werden? Stellen Sie sich einen Placido Domingo vor, der ununterbrochen radschlägt, während er sich zwischen jeder Arie ein Gehacktes-brötchen einschiebt. Denn die Nahrungszufuhr geht bei den Vögeln problemlos mit dem Sichverkünden einher.

Dummerweise ist Domingo gerade heute verhindert. Er läßt sich als unpäßlich entschuldigen und verzichtet einmal auf die – in DM – 50.000 Eier pro Abend. Stattdessen widmet er sich heute abend der Unterrichtung seiner Dohle Brünnhilde. Denn kein Tier ist der menschlichen Sprache so nahe gekommen wie der Vogel. Ich erwähnte bereits den Buchfink, der zum Abschluß seiner schmet-ternden Kaskade mit Nachdruck ein „Gewürzbier“ zu verlangen pflegt. Manchmal fügt er stattdessen auch „Siredio“ an, was nach einer Rundfunkwerbung für einen Ersatzkaffee klingt. Die Singdrossel ruft nach „Philipp“ oder „Lilo“; zuweilen schimpft sie uns unverhohlen „Kühedieb!“. Die Amsel mag die geborene Querflötistin sein, die Silben scheinen ihr trotzdem geradezu auf der Zunge zu liegen, was immer sie ausplaudert oder hervorpeitscht. Wahrscheinlich blieb sie nur durch Zufall – der ihr etwa einen weichen Gaumen vorenthielt – dem sprachlosen Rufen verhaftet, wobei sie immerhin schon kleine Terzen und übermäßige Quinten beherrscht.

William Henry Hudsons Roman Das Vogelmädchen ist ein langatmiges Rührstück, das sich locker als Nackenrolle auf der Couch im zuständigen Lektorat bei Klettcotta eignen würde. In der erwähnten Manesse-Anthologie jedoch wartet Hudson mit zwei glänzend geschriebenen Essays auf. Hudson findet es merkwürdig, daß der Mensch keinen eigenen Ruf entwickelte, obwohl er doch so lange in der Wildnis zu bestehen hatte. Das ist in der Tat merkwürdig. Mit Alains Lebensalter läßt sich aber eine Erklärung dafür finden, wenn auch kein Trost. Der Mensch sah sich genötigt, die Nacht zu bezwingen. Im Neandertal war es vor allem finster. Davon wußte auch Gluck ein Lied zu singen, wie ich noch zeigen werde. Katzen, Kobolde, oft furchterregend brüllende Schatten schlichen im fahlen Mondlicht umher, von den flatternden Fledermäusen oder Eulen ganz zu schweigen. Um sich ihrer zu erwehren, mußte man sich verständigen. Wider das Dunkel helfen weder Abzeichen (Rotkehlchen) noch Auf-ihn-mit-Gebrüll! Man mußte vielmehr tuscheln, flüstern, sich besprechen. So enthielt sich der Mensch des Rufens und entwickelte stattdessen die Sprache, die ihm die bereits von Walter Muschg beklagte heillose Verwirrung eingebracht hat.

Bekanntlich ist dieser Zustand genauso grausam wie lächerlich. Um ihn aushalten zu können, mußte der Mensch mit der Sprache auch ein Reimbedürfnis entwickeln. Es gipfelte sich in der Musik auf. Von der stets versagenden Formel A = A erregt (eine Amsel ist eine Amsel; AS ist manchmal GIS), fügte er auf Herz Schmerz und fand das kleine c im eingestrichenen c' wieder. So kam er vom Identitätsprinzip zur Oktave. Die tragische Seite der Angelegenheit wird von der Amsel verkörpert, die für dies alles kein Patent anmelden konnte, weil die kapitalistisch orientierte Bürokratie noch nicht erfunden worden war. Nach John Burroughs bedienten sich schon die Minnesänger gern bei Amselmotiven. Komponisten wie Gluck, Beethoven, Wagner taten es ihnen nach. Heute bedient sich, nach jüngstem Zeitungsbericht, die Amsel umgekehrt bei der aus dem Handy schmachtenden Elise.


Das Lied des Pirols

Zu einer segensreichen Unternehmung gerann dem Schriftsteller Horst Lange eine Prosaarbeit, die er 1938, kurz nach Erscheinen seines vielbeachteten Romans Schwarze Weide, in Angriff nahm. Er brach sie nach dem Eingangskapitel ab. Dadurch wurde uns ohne Zweifel eine Menge an Langatmigkeit und Pedanterie erspart. Allein im Eingangskapitel, das von der schätzungsweise sechs-stündigen Eisenbahnanfahrt zweier Knaben erzählt, verschlingt der Autor für ein Minimum an Handlung mehr als 100 Seiten. Es wurde nach dem Krieg separat als Romanfragment unter dem Titel Das Lied des Pirols veröffentlicht. Die Brüder sind zur Sommerfrische bei den Großeltern auf dem Lande unterwegs. Erzähler ist der empfindsame ältere Knabe Berthold, der die Eindrücke, die er von den zufälligen Mitreisenden empfängt, wie Wechselbäder im kosmischen Maßstab durchlebt. Allerdings gibt es auch ein komisches Ereignis, das für einen Bruchteil der Durststrecken entschädigen kann.

Als Unteroffizier Urban, unterwegs zur Front, umsteigen muß, schenkt er Berthold seine Querflöte. Urban steht in heimlicher Liebe zu Bertholds Mutter: Klavierspielerin und Gattin eines rauhbeinigen Hauptmanns, der Bertholds „zu Träumen neigende Weichheit“ als einen „offensichtlichen Charakterfehler“ nimmt, der „nicht streng genug gerügt“ werden könne. Urban gibt das freundliche Gegenbild ab. Was die Querflöte angeht, ahnte er vielleicht, sie nach dem Krieg nicht mehr zu benötigen. Lange teilt in einer Nachbemerkung mit, er habe damals für Berthold die Laufbahn eines Musikers vorgesehen. Der Knabe wird die Flöte des „inzwischen gefallenen Unteroffiziers Urban“ meistern. Durch diese Berufswahl wird es ihm vielleicht gelingen, den bedrohlichen Wirrwarr „der äußeren Welt“ mit Hilfe der „gesetzmäßigen Ordnung“ der Kunstwerke zu bannen. Lange selbst hat die Querflöte sehr wahrscheinlich nicht gut gekannt. Er spielte Ziehharmonika. Die Querflöte läßt er ausdrücklich mit etwas schiefgelegtem Kopf anblasen, was ihm jeder Flötenlehrer ankreiden würde: Kopf und Rohr haben einen rechten Winkel zu bilden. Außerdem wird Urbans Flöte nach dem Zerlegen und vorm Zurückstecken ins Futteral nie geputzt, obwohl sie im Laufe der 120 Seiten mehrmals angeblasen wird. Das Ausputzen soll vor allem die Klappenpolster, weiter das Holz oder Metall des Flötenrohres vor Feuchtigkeit schützen.

Allerdings ist man geneigt, dieses Versäumnis zumindest dem alten Zugschaffner nachzusehen. Er hat dem schlummernden Knaben die Flöte entwendet, um ihr gekonnt die schönsten Töne zu entlocken. Nach einem „sehnsüchtigen, klagenden Lied, das wie nackte, weiche Mädchenarme war, die sich vergeblich ins Leere ausstreckten“, führt er jäh einen „komischen Kranichtanz“ auf. So kommt es jedenfalls dem erwachten Berthold vor. Zu einer packenden, mit vielen Trillern und eiligen Läufen durchsetzten Melodie, beginnt der Eisenbahner mit den Füßen zu stampfen, schraubt sich hinab und schnellt wieder hoch; „schließlich drehte er sich um sich selbst, in einer Art von Raserei, welche die steifen, gichtbrüchigen Glieder und Gelenke ihre Schmerzen vergessen ließ.“ Ein Flötenlehrer wäre ob solchen Tumults bestürzt gewesen. Berthold dagegen lacht und klatscht dazu. Somit verläuft die Zugfahrt nicht gänzlich im Tunnel seiner inneren Monologe.

Diese schließen auch Größenphantasien ein, wie sie LeserInnen der Schwarzen Weide bereits am Lehrerssohn Haubold beobachten konnten, der dem dortigen Ich-Erzähler offensichtlich als Spiegel dient. Der im Zug hockende Berthold vernimmt aus entferntem Pappelhain das kurze, aber ergreifende Lied des Pirols. Es schleicht sich in seine Träume ein, als er einschlummert. Darin wird der gelb und schwarz gefärbte, scheue Vogel mit den roten Augen von anderen Vögeln gehänselt, weil er sein etwas verschnupft wirkendes Lied schon gar nicht mehr aus der Kehle bringt. Zu allem Unglück will ihm auch noch ein alter Mann an den Kragen, um ihn seinen beiden hungrigen Adlern zum Fraß vorzuwerfen. „Da aber wuchs der Pirol plötzlich und wurde größer als die Adler. Das Gelb glomm auf, blendend wie die unverhüllte Sonne, das Schwarze fiel von ihm ab, und das Lied quoll breit, sieghaft und schmetternd aus ihm heraus und sammelte alle Stimmen, die je und je auf der dunklen Erde erklungen waren, zu einem mächtigen Lobgesang, der immer mehr anschwoll ...“


Ihren Ausweis bitte

Der nüchterne „Dichter“ nimmt das Vogelreich als Betrieb, nicht als Musentempel. Soll dieser Betrieb funktionieren, kommen die Vögel nicht umhin, ständig ihre Beziehungen zu klären. Neben anderen Signalen – Kleid, Gebärden, Verhalten überhaupt – bedienen sie sich dabei ihrer Stimme. Jubelnd, drucksend, krächzend, pfeifend, surrend bedeuten sie einander zum Beispiel: Dieser Platz gehört mir ... Ich möchte mich mit dir paaren ... Achtung, Baum-falke im Anflug! ... Was soll dieser lärmende Kasten?

Das letzte münzte allerdings ein Rotkehlchen auf ein Rudel Ornithologen. Schon lange nämlich hatte diese der Ver-dacht beschlichen, mit ihren unablässigen und ausgefeilten Verkündigungen trieben die Vögel einen enormen Raubbau an der Luft, der durchaus zu vermeiden wäre. Nun wurde der Beweis erbracht. Das Rotkehlchen beherrscht als Art mindestens 1.300 Gesangsmotive, als Individuum immerhin noch 200 bis 400. Durch Beschal-lungsexperimente ergab sich jedoch, daß es der Funktion seines Singens – etwa ein Weibchen anzulocken oder einen Nebenbuhler zu verscheuchen – schon mit einem Bruchteil der aufgewandten Mühe genügen könnte. Oder besser: mit dem Gerippe seines Gesangs, denn alle Rotkehlchen sprechen auf dieselbe nackte Struktur an. Sie liegt im stets gleichen Aufbau der Strophe. Der Lautsprecher kann elektronisch verzerrte oder Mundharmonika-Klänge von sich geben: wahrt er darin die Struktur, nimmt ihn das Rotkehlchen als Rotkehlchen und singt oder flattert ihn an. Demnach wäre all das Samtene, Perlende, Glissierende, das Frau Griesbrei und dem nichtnüchternen „Dichter“ zu Herzen geht, bloß ein überflüssiges Fleisch am Gerippe des Rotkehlchens. Ist das nicht niederschmetternd?

Nun ja, wir verdanken der Wissenschaft Schlimmeres, zum Beispiel Fußgängerzonen, Teilchenbeschleuniger, Vogelgrippeimpfungen. Ich will noch den Rotschulter-stärling anführen, der ebenfalls beschallt wurde. „Kon-ka-rih“ soll er rufen, was mich vermutlich betören würde. Der Vogel lebt nicht bei uns. Doch die Ornithologen machten nur „Rih“ und der Rotschulterstärling war hinreichend alarmiert. Sie bewiesen, daß sich alle Rotschulterstärlinge ihr „Kon-ka“ sparen könnten. Ist das nicht erstaunlich? Immerhin schlüge eine solche Einsparung mit zwei Dritteln zu Buche. Ist es also ein luxuriöser, parasitärer Ohrwurm, den die Vögel zu mästen haben, indem sie nahezu pausenlos Käfer oder Körner in sich hinein stopfen?

Hier bietet sich ein anderer „funktionaler“ Grund an, auf den uns die Ornithologen allerdings nicht gerade stoßen. Wir fragen uns ja längst, wie es ein Vogel nur bewerkstellige, unter seinesgleichen nach Nebenbuhlern, Belanglosen, Gefährten zu verlesen, was sicherlich unabdingbar ist. Ohne Bannung der Verwechslungsgefahr käme es niemals zu einer erfolgreichen Brut. Zudem werden von etlichen Vogelarten – darunter Brachvogel und Kolkrabe – Dauerehen geführt; die PartnerInnen müssen sich also immer wiederfinden. Auch für die Rang- und Hackordnungen, wie sie etwa unter den Dohlen herrschen, ist individuelles Erkennen erforderlich.

Den Ornithologen scheint die Ausweisnot wenig Kopfschmerzen zu bereiten. In den rund 3.000 Druck-seiten, die ich in dieser Hinsicht durchforstet habe, widmen sich bestenfalls 100 Zeilen dieser Frage, wobei sie selbst im Standardwerk Ornithologie (Ausgabe 1990) von Bezzel/Prinzinger keineswegs als Problem begriffen wird. Sie ist aber eins. Die Vögel haben keine Gesichter, pflegen weder zum Frisör noch zum Schneider zu gehen, und die unverwechselbare Gangart, die wir etwa von Fury oder Charlie Chaplin kennen, ist ihnen auch nicht gegeben. Für Nuancen in den Gerüchen sind sie noch unempfänglicher als der Mensch. Nun wissen wir aber auch, die Goldammer, die den windschiefen Apfelbaum in der 37. Landstraßenbiegung zu ihrer Hauptsingwarte erkor, pflegt weder mit ihrem Führerschein noch mit ihrer Visitenkarte zu winken. Sondern? Mit ihrem Ohrwürmchen. „Durch feine Variationen in Tonhöhe, Rythmus und Reportoire kann ein Vogel auch seine Identität bekanntgeben“, heißt es beiläufig in einem Buch der Vogelwelt von 1973. Robert Burton und Gerhard Thielcke äußern sich ähnlich.

Dieser Bescheid müßte verblüffen. Selbst ein Vogel-liebhaber wird bei den Gesangsdarbietungen etwa sämtlicher hessischer Goldammern kaum mehr als die Unterschiede im „Dialekt“ bemerken. Nordhessische Goldammern bringen ihr abschließendes „liiieb“ stets nach unten, während es in Südhessen zuweilen auch nach oben gesungen wird. Immerhin ist aus der Literatur zu erfahren, die Vögel seien zwar ungefähr im gleichen Schwingungs-bereich empfänglich wie der Mensch, doch könnten sie sozusagen schneller hören. Ihr Auflösungsvermögen ist besser. So nehmen sie Nuancen und Zwischentöne wahr, für die wir kein Ohr haben. Ich vermute auch, sie verfolgen die Kundgaben ihrer Artgenossen konzentrierter, weil sie darauf angewiesen sind. Die Menschen können sich wahl- oder situationsweise an Name, Klangfarbe, Gesicht, Krawatte, Silhouette identifizieren; für die Vögel haben wir alles außer der Stimme ausgeschlossen.

Mag also die eine Goldammer vermittels eines Hörrohres imstande sein, das Liebesgestammel der anderen Goldammer zu beurteilen. Die Gartengrasmücke dagegen dürfte kaum ohne Tonbandgerät auskommen. Bei ihren „Strophen“ handelt es sich nämlich um ein nicht selten über Minuten anhaltendes Geprassel von Tönen, das freilich einer herrlichen Altstimme entspringt. Somit müssen Vögel in akustischer Hinsicht über eine äußerst rasche Auffassungsgabe und ein gewaltiges Gedächtnis verfügen. Dies alles ist ziemlich unglaubhaft. Vollends schüttele ich den Kopf, wenn ich die Mauersegler ums Haus gellen oder den verrückten Girlitz auf der Fernseh-antenne raspeln höre. Dieser gelbliche Giftzwerg bringt ein wahnsinnig schnelles Gewetz, um vielleicht doch noch als Quasselstrippe Nr. 1 ins humane Guinness Buch der Rekorde zu kommen.

Eigentlich hat es schon der Zipdöpp schwer genug. Dieser kleine, unscheinbare Vogel, der offiziell (und zungenbre-cherisch) „Zilpzalp“ heißt, läßt sich im Vorgarten so gut wie im finsteren Tann antreffen. Seine Zips und Döpps reiht er nicht selten über 12 oder 30 Silben, nur offenbar in jedem individuellen Falle anders. Einmal vernahm ich mit Verblüffung einen Zipdöpp, der hin und wieder anstelle eines „Zips“ einen dreiteiligen Wirbel „Zipzipzip“ schlug, ohne aus dem Metrum zu kommen. Diesen Triolen-Zipdöpp werde ich jedenfalls wiedererkennen. Hunde-freunden sei die ganze Art ans Herz gelegt. Die Ohren gespitzt, werden sie in den kurzen Gesangspausen öfter ein verhaltenes Knurren hören, das ähnlich brüchig und wund klingt wie das Gesangsstück. Manche Autoren geben es mit „terrt terrt“ wieder. Pflege ich Zipdöpp als Sänger gern Dengler zu nennen, dann als Knurrer Terrier. Gewisse Schwarzspechte, die sich vor den Nachstellungen ganzer Rudel aus beringungswütigen Ornithologen oder Ordens-verleihern fürchten, sollen ihn in ihren Revierwäldern gern als Wachhund beschäftigen. Schlägt er an, ruft der Schwarzspecht aus seiner Höhle im Buchenstamm mit ein paar Takten aus Glucks Oper Orfeo (Furienchor) zurück: „Wer ist der Sterbliche, der dieser Finsternis zu nahen sich erkühnt?“


Dover

Wer die Vögel liebt, wird es in vielen Fällen nicht übers Herz bringen, sie bei den Namen zu nennen, die ihnen die Nomenklautoren verordneten. Diese klauten ja oft im Volksmund, der die Weisheit bekanntlich nicht mit Löffeln gegessen hat. Die Bachstelze ist zum Zwecke des Brütens und Nahrungserwerbs keineswegs auf Gewässer angewiesen. Anders die Gebirgsstelze, die stets am Wasser anzutreffen ist, aber keineswegs nur im Gebirge. Was sich unsere Urahnen bei dem gemeinsamen Familiennamen Stelzen dachten, bleibt schleierhaft. Stelze meinte im Althochdeutschen Pfahl, Stütze, Holzbein, Krücke. Wer jemals eine taubenartig nickende, schwanzwippende, zierliche Stelze tippeln sah, kann jene Krücke nur gegen die Nomenklautoren schwingen.

Die Familie der Grasschmiegen ist zu Grasmücken verkommen, dabei schmiegen oder schlüpfen diese begabten Musikanten bis heute durch Riedgras und Gebüsch. Treffe ich freilich eine sogenannte Gartengras-mücke, dann zumeist im Wald. Dort kann ich sie knötern hören. Nenne ich sie Knöterin, habe ich zwar eine Parallele zur Löwin geschaffen, doch wer da knötert oder jubelt, ist zumeist der Mann. Es geht vielleicht noch an, die Meisen auf den Nenner der Schwächlichen, Winzigen zu bringen. Dann aber ist es am bequemsten und blödsten, sie nach Sumpf-, Weiden-, Tannen-, Blau- und Pepitameise zu unterscheiden. Dieses Muster findet nahezu durchgängig Verwendung. Willkürliche und oft unwesentliche Merkmale, die Habitat (Lebensraum), Kleid, Stimme, Gestalt, Ernährungsweise betreffen, werden zum Naturell einer Art aufgeblasen. Selbst vorm Einsatz des Zollstocks schreckt man nicht zurück. Was würde wohl ein Architekt, der 1,70 mißt, davon halten, allerorten als Herr Mittel-architekt begrüßt zu werden? Ich habe den sogenannten Mittelspecht behelfsmäßig Bartlosenquäker getauft.

Wie wertvoll eigentümliche und drastische Vogelnamen sind, zeigt uns der Wendehals, der um 1990 zu politischen Unehren kam. Als Wendehälse wurden jene ostdeutschen Kommunisten beschimpft, die mit dem Fall der Mauer eilfertig ihr Fähnchen umfärbten, weil der Wind nun auf Kapitalismus stand. Was die westdeutschen Christdemo-kraten unter Führung ihrer verblüffend beleibten Sauerkohlmeise angeht, konnten wir den Ziegenmelker leider nicht verwerten. Die brave Ziege DDR wurde ja durchaus um ihre Milch erleichtert, denn Ungeziefer hatten wir selber – wie einmal unser reaktionärster einheimischer Vogel feststellte, Franz Joseph Strauß. Der Ziegenmelker verdankt seinen Namen der angeblichen Vorliebe, den Ziegen das Ungeziefer vom Euter zu lesen. Während mir der Bartlosenquäker etwa am Kühkopf in der Stockstädter Altrheinschlaufe begegnet ist, kenne ich den Ziegenmelker nur aus der gehobenen Literatur: er schnurrt am Waldensee auf dem Hüttendach des Eigenbrötlers Henry D. Thoreau.

Wie zum Hohn, sind unter den Ornithologen, die an den letzten Belanglosigkeiten hängen, neuerdings Artennamen verpönt, die sie für unmoralisch halten. Sie sagen, die betreffenden Arten würden durch ihren hergebrachten Namen verleumdet. So wurde aus dem Fischreiher der Graureiher, aus dem Raubwürger der Grauwürger, und damit nicht alles grau werde, tauften sie den Neuntöter – der jeweils neun Insekten vorratsweise auf seine Dornenzweige zu spießen pflegt – in Rotrückenwürger um. Stehen Sie also bitte auf, nehmen Sie Büchners Woyzeck aus Ihrem Schrank und streichen Sie den Neuntöter. Sie können ja sagen, Sie hätten es im Rahmen der Rechtschreibreform getan.

Wie sich fast von selbst verstehen dürfte, gilt mein Zorn nicht nur der ornithologischen Nomenklatur. Jene Wald- und Wiesenstufung findet sich auch bei den Pflanzen-namen; sie findet sich in der gesamten Naturkunde. Dabei liegt bereits der Gruppierung nach Familien, Klassen, Ordnungen eine Blindheit für Bande, Klüfte und Merk-würdigkeiten zugrunde, der Friedrich Georg Jünger schon vor 1970 mit seiner unglaublich kenntnisreichen Medita-tion Die vollkommene Schöpfung auf die Scheuklappen schlug. So offenbart sich der ehrfurchtslose Schwachsinn unsrer Systeme. Ob Hecken-, Pfingst-, Hunds-, Gürtel-rosen; ob Buch-, Darwin-, Schmutzfinken – wir werfen sie in einen Topf. Wir zwingen den Specht zum Pilz, indem wir diesen Spechttintling nennen; wir scheren Heu-, See-, Spring- und Steckenpferde über einen Kamm. Um hier auszuscheren, müßte man in dem britischen Küsten-städtchen Dover wohnen. „Von diesem, wie viele sagen, unbeträchtlichen Ort aus“ seien alle Bezeichnungen leicht aus den Angeln zu heben, behauptet Ilse Aichinger in ihrem Buch Schlechte Wörter.

Wäre es streng untersagt, Individuen, Anwandlungen, Lebensarten, Dinge, Zeiträume, Orte bei der Benennung aufeinander zu beziehen, erhielten wir neben lauter Einmaligkeiten natürlich eine ungeheure Namensvielfalt. Wer eine Ahnung von dieser Vielfalt bekommen möchte, braucht sich nur einmal besuchsweise unter das Volk der als „Lappen“ verunglimpften Samen zu mischen, das allein für Schneearten 300 verschiedene Ausdrücke hat.

Allerdings ginge mit der üppig wuchernden Sprache eine globale Unmöglichkeit der Verständigung einher, um die es auch so schon schlecht genug steht. Vielleicht bestünde Heilungsaussicht, wenn der Mensch nur noch sänge, wie der vor-postmoderne, des Englischen noch nicht mächtige Chinese. Der Pirol heißt in China Pflaume, nämlich li, läßt sich bei der Erzählerin Xiao Hong lernen. Li ist ein sogenanntes Homonym; Fachleute meinen damit gleich-geschriebene (oder -gesungene) Worte unterschiedlicher Bedeutung. Der Pirol selber zieht den (gelben) Pflaumen knallrote Kirschen vor, jedenfalls bei uns. In Ernst Wiecherts letztem Roman Missa sine Nomine (Messe ohne Namen) ruft er denn auch im Kirschbaum vorm Schloß. Jede Melodie klinge ein wenig anders als die vorausge-gangene. Der heimlich lebende, rotäugige Vogel gebe sich eine rührende Mühe. Man erzähle, im Paradies hätte er am schönsten von allen Vögeln gesungen. „Aber nach der Austreibung hätte er das Lied vergessen, und nun versuche er immer von neuem es wiederzufinden.“



Siehe auch
Einige Vogelportraits in Vor der Natur
Zwerglied saengen voegel (mp3, 861 KB)
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