Samstag, 23. Juni 2012
Runde Geburtstage
Für die Bedeutung, die wir „runden“ Zahlen beimessen, kann nicht ein vernünftiger Grund angeführt werden. Habe ich mit 29 die Frau meines Lebens getroffen, müßte mir die entsprechende Jahreszahl eigentlich ungleich wichtiger sein als mein 30. Geburtstag. Der 60. Geburtstag kann bei dem einen ins Siechtum, bei dem anderen in rege Reisetätigkeit fallen. Ist jener erst 59, steht ihm das Siechtum gleichwohl schon auf der Stirn – das eine Jahr macht den Kohl auch nicht mehr fett.

Es regt mich seit Jahrzehnten auf, daß man sich in den Medien immer gerade dann an eine angeblich bedeutende Leiche erinnert, wenn sie ihren 100. Geburts- oder Todestag hat. Wäre sie den Lohnschreibern wirklich wichtig, dächten sie auch mal zwischendurch an sie und ließen uns an ihrer Freude über dieses jähe Gedenken teilnehmen. Solche Erinnerungen kommen einem normalerweise nicht nach dem Kalender, vielmehr weil man gerade für sie empfänglich ist. Befasse ich mich beispielsweise 2009 wegen meinem Projekt Konräteslust und der Rätefrage mit dem Kronstädter Aufstand vom 18. März 1921, läge es nahe, gleich einen Zeitungsartikel über ihn zu schreiben, obwohl der zeitliche Abstand zu ihm gerade ungünstig ist: 88 Jahre. Für Geldbeträge, EinwohnerInnenzahlen, Erdbebenopfer gilt das gleiche. Der Sprung vom Opfer Nr. 4.999 bis zum Opfer Nr. 5.000 ist bestimmt kein qualitativer. Selbst die Null, die im Bereich der Temperatur (gemessen nach Celsius) den Gefrierpunkt von Wasser bezeichnet, ist eine willkürliche Setzung.

Ich gebe zu, in einer schwachen Winterstunde mit dem Gedanken gespielt zu haben, wenigstens meinen 60. Geburtstag mit einem kleinen Fest zu begehen, zumal ich gerade zu etwas Geld gekommen war. Aber warum gerade den? Ich übergehe meinen Geburtstag seit Jahrzehnten. Diese Gewohnheit wird zufällige HörerInnen meines Zwergliedes herzliches beileid (mp3, 915 KB) kaum verblüffen. Seit mindestens 20 Jahren gibt es gottseidank auch keinen Mitmenschen mehr, der mich mit der Nase auf das betrübliche Datum stieße. Als ich im Frühjahr 2000 erstmals den Olgashof besuchte, reiste ich an meinem 50. Geburtstag an – ich verschwieg es. Selbst in der Puppenfabrikkommune gelang es mir, meinen Geburtstag zu verheimlichen, obwohl ich mich damit dem Ritual der Kommune entzog, dem Geburtstagskind ein festliches Frühstück zu bereiten. Mit all dem will ich nicht behaupten, meinen eigenen Geburtstag bereits „vergessen“ zu haben. Aber es knüpfen sich keinerlei feierliche Gefühle an ihn. Er verleitet mich auch nicht zu sentimentalen Erinnerungen. Als Schriftsteller rufe ich die feierlichen Gefühle und die sentimentalen Erinnerungen dann auf, wenn ich sie brauche.

Ginge es nur mit den Ängsten auch so souverän! Sie kommen leider, wann und wie's ihnen paßt. Da schließt du arglos den Briefkasten auf – wumm! springt dir ein Briefkuvert von der Rentenanstalt ins Gesicht. Für den Bewilligungsbescheid wäre es noch viel zu früh. Also wollen sie was von dir. Sie haben eine verdächtige Lücke entdeckt – gleich wirst du in größte Beweisnot stürzen! Zum Glück war es nicht so schlimm.

Eine hübsche Geburtstagsfeier erlebte ich bald nach dem „Mauerfall“ in Berlin. Ein Journalist aus der linken Szene, den ich gar nicht kannte, wurde 50. Er hatte rund 30 Freunde und Freundinnen unter der Bedingung eingeladen, jeweils noch einen ihm fremden Menschen mitzubringen. Auf diese Weise füllte er einen gemieteten Reisebus. Da es Winter war, fuhren wir im Dunkeln. Wir konnten nur ahnen, daß es in die ehemalige DDR ging: er hatte den Ort der Feier nicht verraten. Nach mindestens einer Stunde hielten wir vor einem Dorfgasthof mit großem Saalanbau. Dieser wurde von einem ebenfalls großen Kachelofen erwärmt, den die Wirtsleute emsig befeuerten. Der Saal wirkte wie aus den Zeiten des Gothaer Programms. Schwarze Dielen, vergilbte Tapeten, billige Kronleuchter. Die Tische waren hufeisenförmig zur Bühne hin angeordnet, die einen fadenscheinigen Plüschvorhang aufwies, aus der jederzeit Lenin treten konnte – um Trotzki zu fragen Was willst du mit dem Dolche, sprich? Ein gesonderter Tisch ächzte unter den Geschenken, die die Gäste mitgebracht hatten. Unter-dessen trugen die Wirtsleute und ihre vielen Verwandten neben den Briketts (für den Ofen) ununterbrochen die Speisen und Getränke auf. Später gab es ein buntes Programm, vom Gedichtvortrag über Dia- und Mode-Show bis zu einer volkstümlichen russischen Tanz- und Musikgruppe, die die rauchgeschwängerte Saalluft zum Kochen brachte. Ich stand damals kurz vor meiner Flucht in die Heimat, war also schlechtester Verfassung. Darauf konnte der „runde“ Geburtstag keine Rücksicht nehmen. Ich behalf mich mit dem Wodka, den mir mein Einlader unablässig nachschenkte. Wir mußten den Reisebus ja nicht zurückfahren. Bekanntschaften machte ich nicht. Selbst von dem Journalisten wußte ich anderntags nicht mehr als vorher.

Ich sagte, es läge nahe, einen Artikel über den Kronstädter Aufstand zu verfassen. Aber wäre das wirklich noch nötig? Vermutlich gibt es doch schon ein paar hundert gute Artikel über diesen Gegenstand. Statt nun davon einen am Jubiläumstag ins Blatt zu rücken, bürdet der Redaktions-leiter einem Mitarbeiter die Mühsal erneut auf – und seinem Blatt die Honorarkosten. Zöge man alle doppelt und zwanzigfach geschriebenen Beiträge über diverse Jubiläumsanlässe aus den Zeitungen, wären diese nur halb so dick. Zöge man sie aus dem Internet, bräche es zusam-men. Selbstverständlich sind neuangefertigte Artikel über Heinrich von Kleist oder die Erfindung der Brotschneide-maschine gerechtfertigt, wenn der Verfasser eine persön-liche Auseinandersetzung und Sichtweise zu bieten hat – aber gerade das findet nur in Ausnahmen statt. 90 Prozent von all dem Geschriebenen, das uns Tag für Tag in den Ohren gellt, wäre überflüssig. Es wird für Geld, Aufsehen, Kampf- oder Beichtzwecke geschrieben. Fielen diese 90 Prozent weg, hätten wir viele tausend freie Hände für Brotbacken, Straßenpflastern oder Kartoffellesen. Doch damit bin ich schon wieder beim Herbst, der laut Kalender noch gar nicht dran ist.



Zum Thema Zählen siehe auch
>Quantitatives Denken
Kapitel Das Zählen, in der 2. Hälfte des Beitrags
Kapitel Schürzenjagd, in der 2. Hälfte des Beitrags
Kapitel Kleine Gegenstände, in der 2. Hälfte des Beitrags
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