Samstag, 23. Juni 2012
Mindesthohn
Erstveröffentlichung 2008 im Monatsblatt Contraste


2008 erfreute uns der Kabarettist Dietrich Kittner durch die Botschaft, die Bundesregierung habe sich endlich zur Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns für Spitzen-managerInnen durchgerungen. Sie denke an acht Millionen Euro jährlich. Führungskräfte bei Volkswagen, Siemens, Deutscher Bank drohten allerdings schon mit Streik; sie möchten mindestens 60 Millionen. So weit der altkommunistische Haudegen – und ich bin nicht sicher, ob er nicht zu weit schlug. Denn durch seine Erläute-rungen macht er ja im Grunde auch die sattsam bekannten gewerkschaftlichen Raufereien des Arbeiters um einen größeren Anteil vom kapitalistischen Kuchen lächerlich. Zumindest wirft er die Begierden beider Seiten in einen Topf – und da gehören sie auch hin. Des Kapitalisten Mahnung, wir säßen alle in einem Boot, war immer richtig. Wir fahren auf dem Mehr und denken ausschließlich in Seemeilen. Jeder im Boot will mehr Geld, um mehr von dem lebensgefährlichen Schund und Schrott genießen zu können, den man gemeinsam produziert. Die Aktien steigen und die Wälder fallen.

Legionen von Reformisten müßten schon deshalb auf den Mond geschossen werden, weil sie sich nicht mehr an der einträglichen Rüstungsproduktion stoßen, die unsere Weltwirtschaft prägt. Jammern sie aber über die Schließung einer Fabrik für Autos oder Airbusse, Mobil-telefone oder Überwachungskameras; trachten sie – plötzlich mit staatlicher Kohle – Großbäckereien und Gänsemastfarmen zu retten; preisen sie einen Kahlschlag namens Golfplatz, weil er neue Arbeitsplätze für beinahe kugelförmige RasenmähtraktorenfahrerInnen schafft – ist das etwa weniger schlimm? Auch hier wird nur aufge-rüstet. Wie sich der Dicke gegen sein Verschwinden wappnet, so der golfende Porschefahrer gegen den Streß des Konkurrenzkampfes. Beide steuern absolut über-flüssige Dreckschleudern. Wenn jener ungleich weniger Geld verdient als dieser, rüttelt es nicht am Wesen der kapitalistischen Warenproduktion. Ausschließlich am Profit orientiert, ist sie außerstande, für etwas anderes als Entwertung zu sorgen – der Rohstoffe, der Arbeitszeit, der Natur, des Menschen, ja sogar des Geldes. Die immer wiederkehrenden Inflationen zeigen, daß es dem Kapital um nichts geht. Es betreibt Vernichtung.

Selbst George Orwell wäre auf dem Mond gelandet, hätte er nur nicht viel zu früh ins Gras beißen müssen (1950 mit 46). In Wigan Pier verherrlicht er die Schufterei des Bergmanns, die unser aller Alltag trage. Im Essay Leviathan verkündet er, die Überwindung der Armut und die Befreiung der Arbeiterklasse erfordere nicht weniger, sondern immer mehr Industrialisierung – mit schönen Grüßen von Lenin, Trotzki, Stalin. Politik nennt er die Wahl zwischen zwei Übeln; für das kleinere hätten wir uns zu entscheiden. In seiner Schrift vom Einhorn schlägt er für die nächstbessere britische Gesellschaft neben der Verstaatlichung von Schwerindustrie und Boden vor, die Einkommensdifferenz zwischen Reich und Arm auf maximal 10:1 zu begrenzen. Sind demnächst Lafontaine oder Wagenknecht auf dem Kanzlerthron zu bewundern, werde ich ihnen folglich vorschlagen, für ihre Legislatur-periode nur noch 30 statt 80 Prozent Rassismus zuzulassen.

Kurz, das reformistische Bestreben ist hoffnungslos dem quantitativen Denken verhaftet. In wirtschaftlichen Fragen drückt sich dieses gleichermaßen in der Haben-Mentalität wie im Schachern oder Schlagen um den Preis aus – die Ware Arbeitskraft eingeschlossen. Nebenbei sind diese potemkinschen „Kämpfe“ nicht nur ungemein kostspielig, sondern auch – für mein Empfinden – ungemein entwür-digend. Man feilscht um längst AbsehBares; veranstaltet Possen um nichts. Alle humanen Fragen – etwa nach dem Sinn von Produkten, Einrichtungen, Lebensweisen – werden aus dem Verhandlungssaal verbannt. Dafür sind umso mehr Stühle für Presse und Fernsehen frei. Verheißen uns die Reformisten – nach Schema des obigen Beispiels – statt 80 nur noch 50 Prozent Fortschritt, dann 30, 20 und so weiter, handelt es sich gleichfalls nur um Augenwischerei. Dynamische Einrichtungen lassen sich durch quantitative Korrekturen weder begrenzen noch aufhalten. Sie bleiben ihrer Dynamik treu. Sie finden jede Umgehungsstraße, jede Hintertür, jeden Steuertrick. Sie unterlaufen jeden Schlagbaum. Haben sich Öl und Erdgas erschöpft, werden sie sämtliche deutsche Bodenwellen mit Windrädern spicken und jede neue Autobahn gleich mit Solarzellen pflastern. Versiegt das Wasser, tränken sie ihre Mastbullen mit Bio-Sprit.

Jeder Mensch ahnt inzwischen, mit unserer Lebensweise können wir diesen Planeten nur verderben – doch kein Schwein sieht sich veranlaßt, sie zu ändern. Diese Lösung wäre gar zu radikal und damit unbequem. Stattdessen lobt man, wie Orwell am Schluß seines Einhorns, den „Kom-promiß“. Mit seiner Lebensfrist schloß der Brite wahr-scheinlich auch einen, starb doch Eileen O’Shaughnessy, Orwells erste Frau, schon mit 39.



Zum Thema Geld siehe auch
>Tausch
>Wert(schöpfung)
Georg Simmel
Kapitel Tausendgüldenkraut, am Schluß des Beitrages
Zinsen: ABC-Kapitel Brot
°
°