Samstag, 23. Juni 2012
Philosophie des Geldes
Ein dickes Buch mit diesem Titel, erstmals veröffentlicht 1900, trug dem Berliner Soziologen Georg Simmel ungleich mehr Ruhm als Geld ein. Davon hatte er sowieso genug: Vater Ewald war Gründer und Mitinhaber der Schokoladenfabrik Felix & Sarotti. Aber gerade diesen Umstand – beim Forschen, Lehren und Schreiben nicht auf Honorar angewiesen zu sein – beklagt der betuchte Sprößling, bleibe ihm dadurch doch ein wichtiger Grad-messer für seine schöpferische Leistung vorenthalten. Ihm fehle, heißt es auf Seite 332 des Wälzers, „jene wohltätige Ableitung und Tröstung durch den Gedanken, wenigstens im wirtschaftlichen Sinne das Seinige getan und die Anerkennung dafür empfangen zu haben; er sieht sich vor ein: Alles oder Nichts – gestellt und muß über sich selbst nach einem Gesetzbuch richten, das keine mildernden Umstände kennt.“

Schweigen wir von Schund, der Anerkennung in fünf- oder siebenstelliger Höhe bringt, weil der Bedarf für ihn da ist. Auch dann sind Milde und Strenge noch immer ähnlich relativ wie das Geld. Zwar sehen wir uns alle demselben Mehrwertsteuersatz unterworfen, aber wir sind nicht alle Milliardäre. Im Oktober 2009 sind es (offiziell) nur 99 von uns Deutschen. In der „Volksrepublik“ China dagegen schon 130, wobei die Dunkelziffer recht hoch sein soll. Mit anderen Worten: wie die Mehrwertsteuer, trifft mich auch Simmels furchtbare Prosa mehr als sie den üblichen Doktoranden treffen dürfte. Da hat Simmel beim Richten seiner selbst viel Nachsicht geübt. Ausgefuchste Leser-Innen werden sich allerdings den Löwenanteil seiner hölzernen und zudem langatmigen Untersuchung ersparen, weil einem der Wurm, der in ihr sitzt, schon auf den ersten Seiten begegnet, wenn mich nicht alles täuscht. „Wert“ sei so wenig erklärbar wie „Sein“, verkündet Simmel da. Er stellt sie als gleichrangige, unhinterfragbare Grundtatsachen des Lebens hin.

In Wahrheit ist die Bewertung der Versuch der Orientie-rung im Sein. Die Bewertung soll uns dazu dienen, das Sein zu ermöglichen oder zu verbessern. Ich möchte herausfinden und entscheiden, was mir zu-, was mir abträglich ist. Somit hat Bewertung von vornherein subjektiven Charakter. Simmel dagegen erhebt „den Wert“ zur natürlichen oder gottgewollten Grundkategorie. Nur auf dieser Basis läßt er subjektive Unterschiede in der Wertung gelten. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn er von Anbeginn unbeirrt auf den Tausch zusteuert; er setzt ihn immer schon voraus. Als „die Wirtschaft“ setzt er übrigens auch den Kapitalismus schon immer voraus. Das ganze quantitative Denken der Moderne wird von ihm um keinen Deut in Frage gestellt.

Selbstverständlich kann „Wert“ nur durch Vergleich ermittelt werden. Es sind aber nicht nur (subjektiv) unterschiedliche, sondern auch andere Orientierungs-versuche im Sein denkbar, als mit Hilfe von Vergleich und Tausch. So kann ich mich beispielsweise in einer Horde von Neandertalern oder in einer postmodernen anarchi-stischen Kommune anerkannt und wohl genug fühlen, um dieser Krücken, die sich früher oder später unweigerlich gegen den anderen erheben, nicht zu bedürfen. Die Krücken pochen auf die Ermittlung, wer oder was mehr Wert habe; sie heißen Aufrechnung, Wettbewerb, Krieg. In friedlichen Gemeinschaften haben die Dinge und Personen aus sich selber heraus Wert. Entsprechend werden sie geachtet.

Ansonsten reitet Simmel 600 Seiten lang auf seiner Grundformel „Geld als absolute Relativität“ herum. Dieses Zentralgestirn steht natürlich auch über der Eigentums-, Klassen-, Machtfrage, sodaß sie unter den Tisch fallen kann. Simmel mag seinem Gestirn ein paar soziologische und psychologische Beobachtungen abgewinnen, die inzwischen zum Gemeingut geworden sind, etwa hinsicht-lich der entwertenden, zynischen Auswirkung der Geld-wirtschaft auf den menschlichen Verkehr im allgemeinen. Doch ein guter Schriftsteller hätte diese Beobachtungen in einem Bruchteil des Wälzers gegeben. Um ein Korn von seiner Krawatte aufzupicken, holt Simmel bis an die stuckverzierte Zimmerdecke seiner großzügigen Wohnung im Berliner Westend aus. Prompt wird dann das Korn von der wuchernden Darlegung erstickt.

Wenn Adorno in seiner Minima Moralia (1951) befindet, Simmels Schriften krankten allesamt „an der Unverein-barkeit ihrer aparten Gegenstände mit der peinlich luziden Behandlung“, kann ich ihm nur bedingt zustimmen. Simmels „Durchsichtigkeit“ hat mit Klarheit nichts zu tun. Unanschaulichkeit, wo man bei ihm hinguckt. Die Begriffe so abstrakt wie möglich. Aber um Gottes willen keine Korinthe übersehen, die auf den Parkettfußboden gefallen ist! Was er betreibt, ist nervtötende Pfennigfuchserei, nicht Philosophie. Und wer hätte es gedacht: sein Schmäher Adorno ist ihm erstaunlich verwandt. Auch Adorno drückt sich so abstrakt wie möglich aus, erschlägt uns mit Begriffen und Fremdworten, befleißigt der gestelzten Wendungen sich und dreht die Dinge oder Beziehungen um und um, bis er uns eine „Entdeckung“ präsentieren kann – die natürlich umwerfend sein soll ...

Wie sich versteht, hätte ich den Verdacht, in der Minima Moralia betreibe einer in hochgestochenster Weise Haarspalterei oder Spiegelfechterei, vor 20 Jahren kaum auszusprechen gewagt. Gewiß bin ich in nahezu sämtlichen moralischen/sozialpolitischen Fragen Adornos Meinung – aber wie viel einfacher und umstandsloser ließe sich die sagen! Im Vergleich zu seinem Aufbauschen ist Adornos Ertrag dürftig. Warum macht der elitäre Geißler aller Herrschaft das? Wen will er mit seiner Prosa einschüch-tern? Alle SchülerInnen, die ihm dereinst den Thron des tiefsten und damit größten kritischen Denkers streitig machen könnten? Eine Herkulesarbeit! Stößt er doch in seiner Minima Moralia schon zum Auftakt* ins gleiche Klagehorn wie der gescholtene Simmel: die sozial privilegierten Groß- oder Tiefdenker hätten es besonders schwer. Sie müssen einen Sturm um ihre Einsichten entfesseln, wo erdverbundenen schlichten Menschen ein kräftiges Pusten reicht.

* Im Stück „Für Marcel Proust“, in der Suhrkamp-Ausgabe von 1983 auf Seite 15
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