Samstag, 23. Juni 2012
Mathematiker unter sich
Von dem Wahl-Briten Srinivasa Ramanujan aus dem südindischen Bundesstaat Tamil Nadu haben Sie mög-licherweise noch nie gehört, obwohl er in seiner Heimat ein Star ist. Er hatte das Licht der Welt 1887 in einer verarmten Brahmanen-Familie erblickt, scheint die Welt jedoch sofort durch Kästchen-Papier wahrgenommen zu haben. In der Schule soll er in sämtlichen Fächern außer Mathematik eine Niete gewesen sein, sodaß es nicht Wunder nimmt, wenn er unter seinen Mitschülern als Langweiler galt. Sie konnten eben den mathematischen Aus- und Höhenflügen des „Wunderkindes“ nicht im geringsten folgen. Dafür verpaßt Ramanujan (sprich „Rah-mah-nu-dschän“) den Schulabschluß. 1909 wird der gläubige Hindu in einem eher fragwürdigen Versuch, ihn von seiner Besessenheit zu heilen, mit der 10jährigen Janaki verheiratet, die er nie zuvor gesehen hat. Zwar kann der junge Mann gelegentlich schon Beiträge zur Problem-Mathematik in Zeitschriften veröffentlichen, doch seine Armut helfen sie nicht beheben. 1912 ergattert er einen Job in der Hafenverwaltung von Madras, der ihm außer Geld Spielraum für seine Knobeleien gewährt. Daneben bemüht er sich um Kontakte in der weiten mathematischen Welt.

Nach einigen Abweisungen zieht er in Gestalt des briti-schen Professors Godefrey Harold Hardy (1877–1947), den aus den eingereichten Formeln sofort Ramanujans Genie anspringt, das vermeintlich große Los. Hardy holt ihn 1914 nach Cambridge und verschafft ihm ein Stipendium. Nun findet der indische Strohwitwer (der seine erst 15jährige Gattin lieber zu Hause ließ) einerseits rasch enorme Anerkennung in der Fachwelt, andererseits setzen ihm Probleme der Arbeitsorganisation, das naßkalte Klima und Heimweh zu. An Tuberkulose erkrankt, ist auch die Kriegsernährung nicht zu seiner Gesundung angetan. 1919, nach Kriegsende, krank nach Indien zurückgekehrt, stirbt Ramanujan schon ein Jahr darauf mit 32 Jahren. Seine Witwe S. Janaki Ammal Ramanujan wird dagegen geschlagene 95 Jahre alt. Gemeinsame Kinder sind in meinen Quellen nicht erwähnt. Ramanujan, der nun große Sohn des indischen Kontinents, erscheint wiederholt auf Briefmarken. Er findet Eingang in diverse Kunst- oder Schundwerke. Seit 2011 gilt Ramanujans Geburtstag in Indien offiziell als Nationaler Tag der Mathematik. Alle paar Jahre geht die Meldung durch die Medien, der Mathematiker Soundso habe nun auch das von Ramanujan hinterlassene mathematische Problem XYZ überprüft und Ramanujans Lösung für stichhaltig befunden.

Möglicherweise begreifen Nicht-Fachidioten, wie man sie heute zuweilen schimpft, nicht ganz, was das indische Genie der Welt eigentlich geschenkt habe. Folgt man Ernst Horst (FAZ 1993), bereicherte er sie auf dem Gebiet der „reinen Mathematik, die nur des freien Laufs der Phanta-sie bedarf, um gewaltige Denkgebäude aus dem Nichts zu schaffen“, und die natürlicherweise, unter ihren Betrei-bern, „ganz spezifische Persönlichkeiten“ hervorbringe. Welche, sagt Horst leider nicht.

Der heutige Freiburger Professor Stefan Kebekus, geboren 1970, bricht 1997 auf der Webseite seiner damaligen Universität in Bayreuth eine Lanze für die Mathematik im allgemeinen, ohne Ramanujan auch nur zu erwähnen: „Differential- und Integralrechnung wird an den Schulen gelehrt, weil sie Grundlage sämtlicher Natur- und Ingenieurwissenschaften ist und zum Verständnis vieler anderer Wissenschaften benötigt wird.“ Wie sich versteht, zehren auch die Computer von Rechenkünsten. Mathematisch hoch aufgerüstet, steuern sie beispielsweise U-Bahn- oder Telefon-Netze, Kraftwerke und viele allermodernste medizinische Geräte, etwa der Computer-tomographie. Das ist ein bildgebendes Verfahren der Diagnostik, bei dem der mutmaßlich Kranke zwecks Bestrahlung in eine Röhre gesteckt wird, bei der man unwillkürlich an Genf denkt. All diese Errungenschaften besitzen nämlich ungefähr die Kragenweite der gleichfalls von Kebekus angeführten riesigen Teilchenbeschleuniger unserer spielfreudigen AtomphysikerInnen, vor allem hinsichtlich ihrer Heilkraft und ihrer gesellschaftlichen Unverzichtbarkeit. Vermutlich darf man sich den Hinweis, durch Jahrtausende hinweg hätten unsere Vorfahren Häuser, Brücken, ja sogar gotische Dome ohne Zurhilfe-nahme jeder höheren Mathematik gebaut, zumindest an den Universitäten von Bayreuth und Freiburg nicht erlauben. Man wird erbost zu hören bekommen, sie seien aber unfähig gewesen, Flugbahnen von Mondraketen oder auch nur von Drohnen zu berechnen.

Schwieriger sei freilich die „nicht-angewandte“, also jene „reine“ Mathematik zu rechtfertigen, räumt Kebekus immerhin ein, beispielsweise die viele hundert Jahre lange Beschäftigung zahlreicher genialer Gehirne mit dem Problem der Quadratur des Kreises oder der Fermatschen Vermutung. Im Gegensatz zu Ramanujans Mentor Hardy, der noch meinte, für diese zahlentheoretischen Spielereien gäbe es keinerlei Anwendung, verweist Kebekus jedoch auf die Verschlüsselungen in der Nachrichtentechnik, die eben aus dieser Ecke gekommen seien. Eine frohe Botschaft also für unsere Geheimdienste: es ist nicht nur ein müßiges teures Spiel, das sie treiben. Forscher- und LehrerInnen wie Kebekus sprechen sich deshalb dafür aus, jene Unterscheidung zwischen reiner und angewandter Mathematik fallen zu lassen. Aber um Gotteswillen nicht die Mathematik selbst! Oder gar die Spionage.

Zu solchen „Mischlingen“, wie sie Kebekus im Auge hat, zählte wahrscheinlich auch schon ein berühmter deutscher Vorläufer und Leidensgenosse Ramanujans, der Göttinger Professor Bernhard Riemann, der 1866 bei einem vergeblichen Kuraufenthalt in Italien gleichfalls der Tuberkulose erlag. Riemann kam auf 39. Er soll sowohl wichtige Beiträge zur Zahlentheorie wie zur oben hervor-gehobenen Differential- und Integralrechnung beigesteuert haben. Nach ihm sind zahlreiche mathematische Struktu-ren benannt, darunter auch eine Riemannsche Vermu-tung. Vielleicht wären es noch mehr geworden, hätte seine Göttinger Haushälterin, wie es heißt, nach seinem Ableben nicht unverzüglich einige Papierstöße von des Professors Schreibtisch in des Professors Kachelofen verlagert, weil sie auf diese Weise endlich einmal unbehindert Staub wischen konnte. Auch Sie dürfen die Ärmel aufkrempeln, gilt doch Riemanns Vermutung nach wie vor als unbewiesen.



Zum Quantitativen Denken siehe auch
>Größe
>Wert(schöpfung), Tausch
>Zählen
Opfer aufrechnen: VerbrecherInnen, gegen Ende
Mengen- und Waffendenken in Kapitel 12 von Fort Lashermink
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