Freitag, 22. Juni 2012
Öl fürs Herz
oder

Wertschöpfungsorgien


Umfang 25 Druckseiten. Auszüge erschienen 2007 in Nr. 143 der Zeitschrift Die Brücke und 2008 im Monatsblatt Contraste.



Am Fließband + Der Verbilligungsautomat + Einkom-mensschwäche + Tauschland + Leistungsgesellschaft + Schneller essen + Schlechte Gutscheine („alternatives“ Geld) + Am Seibtisch (Gustav Seibt über Robert Kurz) + Eine schöne Ehe (zw. Technik und Tauschwert) + Zollstock + Das Zählen + Versicherungen + Potlatsch + Wegwerfwut (Sammelwut) + Uhren + Die Vergeudungssucht



Am Fließband

Während meine Kollegen Zigarettenpause machen, schlendere ich durch eine benachbarte Halle. Sie ist von Fertigungsstraßen durchzogen. Offenbar Motorenbau. Hier ist die Belegschaft eher dünn gesät. Wir befinden uns bei DaimlerChrysler in Mannheim; das Werk gleicht einer Stadt in der Stadt. Es beschäftigt rund 10.000 Leute und vermutlich hundertmal so viele Maschinen. Unsere Kunden sind die zahlreichen Bürokraten der Fabrik. Hört man hinten auf, ihnen einen neuen Teppichboden unter die Füße zu legen, kann man vorne wieder anfangen. Für unseren Chef ohne Zweifel eine sichere Bank, solange er nur darüber im Bilde ist, welchem der vielen Bürokraten er gerade die Füße zu küssen hat.

Plötzlich bleibe ich gebannt stehen. Vor mir ein Automat, der Adolf Hennecke oder Arnold Schwarzenegger zu spielen scheint. Einem gravierten Schild zufolge wurde er erst vor einem Jahr gebaut, 1999. Er hat Ölspritzdüsen in die Zylinderkurbelgehäuse von wahlweise 4- oder 6-Zylindermotoren einzupressen. Sein Rythmus ist bald durchschaut. Von rechts, auf genoppten Tabletts in Reih und Glied angeordnet, kommen die Ölspritzdüsen angefahren. Ein armähnlicher Roboter greift sich nacheinander vier Düsen und setzt sie in eine jeweils im Zylinderabstand vorrückende Schubleiste. Die ruckartigen, gleichsam eckigen Bewegungen des künstlichen Arms kommen mir allerdings eher makaber als rythmisch vor. Nach Umsetzen der vierten Düse hält er abrupt inne, weil inzwischen von links her das nächste Zylinderkurbel-gehäuse eingetroffen ist. Es wird von dem übergeordneten, verdammt wuchtigen Roboter erfaßt, der entfernt an ein Gebiß erinnert. Er packt sich das Gehäuse, um es um 90 Grad nach oben zu kippen. Jetzt liegt es an der Linie der Schubleiste, die bereits vorgefahren ist. Dem Gaumen des Überroboters entwachsen so etwas Ähnliches wie vier (wahlweise sechs) Hände. Damit greift er den Satz Ölspritzdüsen, hebt ihn empor und bringt ihn genau über den Zylinderöffnungen des gekippten Gehäuses in Stellung. Jetzt senken sich sozusagen separate „Daumen“ aus des Überroboters Gaumen. Sie pressen die Ölspritz-düsen in die Zylinder. Dann fahren sie wieder hoch. Das „Gebiß“ kippt das mit Ölspritzdüsen versehene Gehäuse auf das Fließband zurück. Während Fließband und Gehäuse vor dem armähnlichen Roboter abkurven, schnappt sich dieser die nächsten vier Ölspritzdüsen vom Tablett, weil inzwischen das nächste Zylinderkurbel-gehäuse naht.

Ich reiße mich los; die Zigarettenpause meiner Kollegen habe ich ohnehin schon überzogen. Das wäre etwas für „Feudel“, unseren Stift, sage ich mir. Er hat neuerdings Liebeskummer. Ich sollte ihm diesen Automaten empfehlen. Feudel könnte sein Herz aufs Fließband legen; der Automat würde es ungerührt um 90 Grad nach oben kippen, um es mit Ölspritzdüsen zu versehen.


Der Verbilligungsautomat

Er läßt sich im Berliner Technikmuseum am Gleisdreieck bewundern. Allerdings ist er als gewaltige, blitzende Dampfmaschine getarnt, die einmal in England eine Kornmühle antrieb. Hier jedoch ist sie über etliche Treibräder und -riemen mit allerlei Zahnradmaschinen verbunden, so mit einer Drehbank gleichen Baujahrs (1860), die aus der Drechselbank hervorging. Ein Schild klärt uns auf: „Nun konnten Metallteile für Maschinen, Lokomotiven und andere Zwecke genauer, schneller und billiger als zuvor bearbeitet werden.“

Da dämmert uns, manche Leute begreifen ihre eigenen Verknüpfungen nicht. Denn: genauer und schneller gewiß – aber niemals billiger. Bereits die Dampfmaschine besteht aus zahlreichen Metallteilen, die erst einmal hergestellt sein wollen. Welcher Aufwand, solche Schwungräder, Zylinder, Flansche haargenau zu gießen, schmieden, fräsen, feilen! Und diese Metallteile finden sich nun in den benachbarten Dreh-, Bohr- oder Stanzmaschinen, von denen sie hergestellt werden können, wieder. Angesichts dieses komplexen Verzehrwerks wird die naheliegende Frage, ob das Huhn oder das Ei eher da war, ziemlich unerheblich. Dabei habe ich noch nicht von dem Aufwand gesprochen, mit dem der Rohstoff all dieser Maschinen-teile gewonnen wird. Ein Erzbergwerk ist weder ein Sandkasten noch ein vergilbtes Kalenderblatt. In jeder automatischen Tür, die sich heute wie Sesam vor uns öffnet, stecken die Verluste, die in den Bergwerken des 18. Jahrhunderts gemacht wurden. Neben viel Energie und einigen beträchtlichen Laubwäldern zählen dazu die Schinderei, das Hungern und eine Menge Tote. Diese fallen bis heute an: in China etwa kamen allein 2008 bei Unfällen 3.200 Bergleute ums Leben. Das entspricht einer Kleinstadt wie Treffurt.

Zögen wir lediglich die Verbrennungen zusammen, die Menschen bei der Stahlgewinnung erlitten, kämen wir bereits auf die Wüste Sahara. Die Opfer unserer „Mobilität“ Fuß an Kopf gereiht, könnten wir sämtliche Verkehrsadern dieses Planeten nachzeichnen – rot. Wir sollten auch die Schlachtfelder aller Zeiten abwandern, denn nach Lewis Mumford (Der Mythos der Maschine) verdanken wir den Löwenanteil unserer technischen Errungenschaften dem Krieg.


Einkommensschwäche

Es handelt sich um ein postmodernes Gebrechen, das mitunter auch jüngere Menschen befällt. Die verflossene „rotgrüne“ Bundesregierung gab deshalb Bezugsscheine für Gehwagen aus, freilich nur unter der Bedingung, der Empfänger beteuert, nicht arm zu sein.

Ältere Menschen entgehen der Einkommensschwäche nur, wenn sie im Schloß Regensburg geboren oder in einem Konzernvorstand mit einer gewissen Summe abgefunden worden sind. Die Vorstände unsrer DAX-Unternehmen bezogen 2007 im Schnitt drei Millionen Jahresgehalt brutto. Die Spitze hielt Josef Ackermann von der Deutschen Bank mit knapp 14 Millionen – sehen wir von allen Zubroten und Vorbeischmugglungen ab und sagen wir großzügig: 7 Millionen netto. Mein Bekannter M. verdient als Pferdepfleger eines Reiterhofs in voller Stelle monatlich lediglich 860 Euro netto, obwohl er gelernter und erfahrener Landwirt ist. Dafür mistet er aus, füttert, fährt Heu und Stroh ein – und ackert eben ähnlich wie Josef Ackermann. Dessen Monatsnettogehalt beträgt 583.000 Euro. Damit ist Ackermanns Tätigkeit nicht doppelt oder dreimal so viel wert als die von M., sondern 678 mal so viel.

Die Angelegenheit läßt sich auch noch anders veran-schaulichen. Mal 12 genommen, verdient Pferdepfleger M., derzeit um 50, 10.320 Euro im Jahr. Wollte er folglich auf nur ein Jahresgehalt von Josef Ackermann kommen, müßte er, nach Adam Riese, noch 678 Jahre arbeiten. Dann hätte er jene 7 Millionen beisammen. Wir können also von Glück sagen, daß unlängst der SPD-Politiker Franz Müntefering wieder reaktiviert worden ist, denn er wird sicherlich erneut für eine zügige Anhebung des Renteneintrittsalters sorgen.


Tauschland

99 von 100 Menschen, die Sinn oder Unsinn des Geldes erörtern, setzen den Tausch bereits voraus. Für den Tausch ist das Geld sicherlich nützlich, wenn nicht sogar unverzichtbar. Doch für den Tausch selber gilt dies keineswegs. In den frühen Familien, Horden, Stämmen unserer Gattung wurde mit Sicherheit nicht getauscht. In Pueblos, Klöstern, Kibbuzim finden wir statt Tausch Verteilung. Gestehen wir ihnen Autarkie zu, läßt sich das auch an heutigen anarchistischen Landkommunen oder deren regionalen Verbänden leicht zeigen. Warum sollten die Leute tauschen? Schließlich ist alles da – vom Radieschen über Ziegen und Gehölze bis zum neuen ovalen Eßtisch. Es muß nur bearbeitet, bewegt, bereitgestellt werden. Was täglich oder saisonal benötigt wird, ist bekannt oder wird vereinbart. In einer solchen gemein-schaftlichen und geschlossenen Ökonomie wäre Tausch beinahe lächerlich.

Ich bemerke nur am Rande, daß die kapitalistische Not des Tauschens und Verkaufens ungeheuerliche Kosten verursacht, die volkswirtschaftlich betrachtet einen Riesenverlust darstellen: Handel, Banken, Buchführung, Geldautomatenbau und dann noch die sogenannte Werbung für den ersten sich selbst fütternden Geldauto-maten. Hier können wir auch gleich die hochgelobte Konkurrenz ansiedeln, die jeden Landstrich beispielsweise in ein Materialschlachtfeld von 17 miteinander verfein-deten Paketzustelldiensten verwandelt. Konkurrenz züchtet neben Vergeudung und Betrug jeder Art den Krieg.

Der wesentliche Nachteil des marktwirtschaftlichen Verfahrens liegt im Tausch selber, der ein Vergleich ist. Denn dieses Vergleichen hat verheerende Folgen. Wollen wir voneinander verschiedene Güter oder Leistungen miteinander vergleichen, kommen wir ja nicht umhin, sie auf etwas zu reduzieren, das ihnen vielleicht doch – ihrer Verschiedenheit zum Trotz! – gemeinsam ist. Wie uns Ricardo, Marx und Georg Simmel erläutern, kann diese Gemeinsamkeit von etwa Eßtisch, Ziege, Text nicht in Eigenschaften wie nützlich, angenehm, schön, lebendig, dinghaft und dergleichen liegen. Denn das läßt sich nicht messen. Die Warenproduktion, die vom Tausch lebt, bedarf eines Zollstocks. Sie muß die Tische, Ziegen, Texte über einen Kamm scheren. Hier bietet sich lediglich der Umstand an, daß sie alle hergestellt, besorgt oder zugerichtet worden sind: durch „Arbeit“. Allerdings handelt es sich eigentlich um völlig verschiedene Arbeiten, weshalb auch sie noch einmal reduziert werden müssen, nämlich auf „Zeit“, also auf die berüchtigte Arbeitszeit. Im Gegensatz zu Ahornholz/Futterklee/Papier lassen sich allein diese in Eßtisch/Ziege/Text investierten Zeitquanten miteinander vergleichen. Der Zollstock heißt Stechuhr.

Beethoven und Dvorak legten allerdings wenig Wert auf die Feststellung, wer seine 5. Sinfonie schneller geschrieben habe. Und manche Versschmiede behaupten, „die Zeit“ sei die größte Worthülse aller Zeiten. Sie ist abstrakt, beliebig dehn- oder anwendbar, sinnlos. Im Grunde handelt es sich nur um ein Hirngespinst. Jedes Gut, jede Leistung, jeder Mensch haben ihre eigene Zeit. Sie sind unvergleichlich. Sie haben auch alle ihren eigenen Wert. Sie entfalten sich gemäß ihres inneren, einmaligen, kaum nachvollziehbaren Gesetzes. Sobald ihnen Tauschwert zugemessen wird, stecken sie in einer Zwangsjacke. Dann dürsten sie nur nach Geld. Von sich aus gelten sie ja nichts; nur meßbare Anerkennung zählt. Der rennen sie hinterher – getreu dem sattsam bekannten Motto, Zeit sei Geld. Allein diese Begierde nach Geld oder dieses Angewiesensein auf Geld läßt die Menschen im Kapitalismus zueinander in Beziehung treten. Damit wird „Gesellschaftlichkeit“ maßgeblich durch völlig abstrakte und letztlich lebensfeindliche Dinge oder Zwecke vermittelt.

Anders ausgedrückt, haben wir mit der kapitalistischen Warenproduktion eine Züchterin quantitativen Denkens am Hals. Das kostet mich mindestens eine halbe Stunde Arbeit ... Wenn du das wegwirfst, sind 50 Euro im Eimer ...Woanders bekäme ich viel mehr dafür ... Dieses Mehr-Denken steckt, nebenbei bemerkt, auch im „Mehrheits-prinzip“, dem ja so gut wie alle Vereine und Ideologien huldigen, vom Imkerverein bis zum Zentralkomitee der Kommunistischen Partei. Selbst mancher „gewaltfreie“ Anarchist besäße gern einen Colt, um dessen Griff mit den Kerben seiner sexuellen Eroberungen verzieren zu können. Eine andere, gleichsam „natürliche“ Wurzel des quantita-tiven Denkens dürfte freilich in der Kindheit liegen: Kleinheit als Makel, sozusagen als Unzulänglichkeit. Rennt Lieschen schneller als Mäxchen zum Hoftor der Landkommune, wo das Postauto hupt, hat sie sich schon ein Schokoladenbonbon verdient. Was ist der sehnlichste Wunsch von Pavle aus Kurt Helds Jugendbuch Die rote Zora, das in keinem linken Buchladen fehlt? Er möchte zunächst Lehrbub des dicken Bäckers Curcin, dann jedoch „der stärkste Mann von Senj“ werden. Mäxchen dagegen hat den Lokomotivführer angepeilt. Entsprechend spielt er leidenschaftlich gern Eisenbahnquartett, und zwar in der Form des Schlagabtausches zwischen zwei Leuten. Dabei kommt es ausschließlich auf das Mehr an – wer hat mehr PS, Meter, Tonnen, Wert oder sonstwas aufzubieten. Warum die Lokomotive fährt, wohin sie fährt – was dies alles soll und mit sich bringt, wird um keinen Deut erwogen. Diese Lokomotiven transportieren allein den Fetisch „Wachstum“. Sie wollen groß sein. Sie suchen Erfolg, meßbaren Erfolg, um jeden Preis.

Die Charakterstärke hat in unserer Tauschwertgemein-schaft so schlechte Karten, weil sie nicht meßbar ist. Nur ein quantitatives Denken kann „Geschwindigkeit“ zu einer Tugend erheben, von der noch die größten Idiotien geadelt werden. Auch Computer, Internetanschluß, Suchma-schinen – durch hohen Energieverbrauch, ständige Modernisierung, häufige Pannen wahrscheinlich kostspieliger als Handarbeit – gewähren uns „schnellen Zugriff“ auf dies oder das. Wir spüren nicht mehr, daß dabei die Zusammenhänge reißen. Diese „Zeit“, die dem Kapitalismus seinen unbestechlichen Gradmesser gibt, bewirkt geradezu das Gegenteil von „Wachstum“, nämlich Schrumpfung. Sie macht dumm und gemein. Rücksicht auf Tomaten, Kinder, Texte, die sich behutsam entfalten möchten, kennt sie nicht. Und auch nicht auf etwas, das ich einmal kurz und klassisch Lektüre nenne. Möglicher-weise ist die Lektüre inzwischen das einzige, das nicht für Geld zu haben ist.


Leistungsgesellschaft

Zu ihren glühendsten Verfechtern zählte mein letzter Chef. In den vier Fächern der Meisterprüfung zum Raumaus-statter hatte er vier Einsen errungen, bevor er das Geschäft seines Vaters übernahm. Leistung muß sich lohnen.

Faulpelze oder VersagerInnen werden im Niedrig-lohnbereich von Fußmatten aufgefangen. Sprungbretter wie Erbschaften, Raubzüge aller Art, Wehrwirtschafts-führerposten (Ferdinand Porsche) verwies mein Chef ins Reich abstruser Quandtentheorien. Arbeit macht frei. So routierten er und seine Gattin 100 von 168 Wochen-stunden wie Hamster im Rad, preßten im schmalen 8-Stunden-Rahmen gemietete Zitronen namens Gesellen aus und umzingelten sie mit Aufträgen, die eigentlich nur für Anthroposophen mit ihrem Glauben an Wiedergeburt zu ertragen waren. Doch der Chef schwang sich auch im fünften Fach der Meisterprüfung – Vertröstung wütender Kunden – zu Spitzenleistungen auf. „Es muß Druck da sein“, erklärte er mir einmal knapp und ungerührt.

Damit dürfte er intuitiv den ganzen Zusammenhang der modernen Wertschöpfungsmaschinerie erfaßt haben, die sich so gern, ganz Bio-Welle, mit Wachstum brüstet. Leerlauf wäre der Ruin; Beschleunigung ist besser. Der Vater will seine Rente aus der Firma ziehen, die Bank pocht auf Kreditzinsen, die Konkurrenz schläft nicht im Kostensenkungskampf. Dadurch wird „Wachstum“ erzwungen. Bankbosse und Industriekapitäne ernten allerdings am liebsten ohne zu säen. Sie kaufen gleich ganze Firmen und Konzerne mit dem einzigen Ziel, sie in kürzester Zeit auszuschlachten und den Kadaver an eine Tierverwertungsanstalt zu verhökern, die oft Staat heißt. Geißler aller Regulierung, machen sie nur Ausnahmen, wenn der Staat den Schaden hat. Er wird traditionell über Staatsaufträge, Steuererlässe, Subventionen und die dazu erforderliche Lobbyarbeit wie die sprichwörtliche Weihnachtsgans ausgenommen, doch den größten, bequemsten und am wenigsten bekannten Posten dieser nach wie vor Ursprünglichen, nämlich unverdienten Akkumulation liefert unsere horrende Staatsverschuldung. Ende 2009 steht sie auf mindestens einer Billion Euro. Der Haushaltsplan für 2010 muß dafür Zinszahlungen von 40,4 Milliarden Euro ansetzen – nach dem Sozialbudget von 147 Milliarden ist dies der zweitgrößte Ausgabeposten im Haushaltsplan. Diese Unsummen an Zinsen fließen in die Taschen unserer aufopferungsbereiten Kreditgeber = Leistungsträger = Steinreichen. Ihre Namen erfährt die sogenannte Öffentlichkeit nie. Sie stehen auch nie zur Wahl.

Gegen sie ist mein letzter Chef ein armes Würstchen. Er kann sich noch nicht einmal einen Porsche leisten. In dem im Sommer 2007 beendeten Geschäftsjahr fuhr der sechsköpfige Porsche-Vorstand 112,7 Millionen Euro ein – allein als Vorstandsgehalt! Die wären ja schön bescheuert, wenn sie die Hälfte davon nicht sofort wieder dem Staat liehen, auf daß sie sich alsbald verdoppele.


Schneller essen

So lautete nicht etwa der Wahlspruch der ersten deutschen Hamburger-Fabrik, vielmehr des jungen Wiener Chemie-studenten Erwin Chargaff, dessen Matura-Reise ihn unglücklicherweise im Sommer 1923 durch Deutschland führte. Er pflegte sich in den Restaurants mit seinem Mittagessen zu beeilen, weil sich die Inflation ihrem Höhepunkt näherte – da konnte der Preis des Menüs während des Nachtisches schon wieder deutlich gestiegen sein.

Die Restaurants hatten ohnehin unterster Klasse zu sein, weil Chargaff von Hause aus knapp bei Kasse war. Als er im Vorjahr eine väterliche Versicherungspolice von 1902 einlöst, ist sie nach 20 Jahren gerade noch den Preis einer Straßenbahnfahrkarte wert. Sogar im Haushalt der gediegenen Berliner Juristenfamilie Haffner wurde es eng. Zwar muß das Dienstmädchen noch nicht entlassen werden, aber die Ärmste hat am Ersten eines jeden Monats den Handwagen zum Großmarkt zu ziehen, gilt es doch, das Beamtengehalt des alten Haffner unverzüglich in nicht verderbliche Lebensmittel umzusetzen. Bei Hitlers kläglichem Putschversuch in München (November 1923) steht der Dollar auf einer Billion Reichsmark. Wie Stefan Zweig behauptet auch Sebastian Haffner, der Sprößling des alten Juristen, die damalige Inflation sei bereits die entscheidende Vorschule für den Faschismus gewesen. Offenbar schlug das Gefühl der Demütigung, ohnehin durch den verlorenen Krieg und die Reparationen genährt, geradezu in Flammen aus der deutschen Volksseele. Canetti weist (in Masse und Macht) zusätzlich auf Hitlers Geniestreich hin, den Volkszorn auf die Juden zu lenken – womit er bereits um 1923 begann. Bei den bekannten Vorurteilen waren die Juden für schlechte Verläufe in Gelddingen genau die richtigen Sündenböcke. Und 10 Jahre später tat man ihnen genau das Gleiche an, was man in der Inflation erlitten hatte: massenhafte Entwertung. „Zum Schluß galten sie buchstäblich als Ungeziefer, das man ungestraft in Millionen vernichten durfte.“ Man durfte sie verbrennen wie eine Billion, die keinen Dollar mehr wert ist. Canetti führt auch die Rohheit und Gefühlskälte breitester Teile des deutschen Volkes, die dies alles ja zumindest geduldet haben, wesentlich auf die Inflationzeit um 1923 zurück.

Ich weise nur der Vollständigkeit halber darauf hin, daß Inflationen oder Währungsreformen selbstverständlich auch immer ihre Gewinner haben. Eine Fabrik, 500 Hektar Wald oder auch nur ein volles Warenlager im Keller des Krämers sind dann mehr als Gold wert. Unsereins hat dem Gipfel des gegenwärtigen weltweiten crashs (Herbst 2011) vom Sockelbetrag des Peter Hartz aus ins Auge zu sehen, der auch für ZwergrentnerInnen gilt – solange die Bank ihn noch auszahlt. Eines Tages wird das Schild hinter der Panzerglastür hängen: Vorübergehend geschlossen ... bis nach dem Krieg.


Schlechte Gutscheine

Die meisten Alternativentwürfe zum kapitalistischen Wirtschaften scheuen Radikalität und Konsequenz wie die italienischen „Kommunisten“ Hammer & Sichel. So entpuppen sich diese „Alternativen“ bei näherem Hinsehen als Varianten kapitalistischen Wirtschaftens. Allin Cottrell, laut Junge Welt (5. Juli 2008) Professor für „Makroökonomie und Ökonometrie“ in Wake Forest/USA, will die allgemeinen Prioritäten – in welche Bereiche investieren wir wieviel? – durch Volksabstimmungen festgelegt wissen. Das klingt zunächst nicht übel. Die näheren Wünsche ergäben sich aus den Entscheidungen des Verbrauchers – die allerdings nicht mehr Kaufent-scheidungen heißen dürfen. So schiebt der Verbraucher, Frauen eingeschlossen, im Laden „Arbeitsgutscheine“ auf den Tisch. Als Arbeiter erhält er für jede Arbeitsstunde einen Schein – aber vielleicht hat er seine Scheine auch gefunden, geerbt oder geraubt. „In jeder Periode wird der Plan angeglichen, um mehr von den Gütern, die relativ zur Nachfrage knapp sind, und weniger von jenen zu produzieren, die nicht so beliebt sind. So haben wir eine Art ‚Markt’, aber ohne Geld und nicht vom Profit getrieben, sondern von der Bereitschaft der Menschen, Stunden ihrer eigenen Zeit für den Erwerb verschiedener Güter herzugeben.“

Auf diese Art hätten wir in der Tat den Markt beibehalten – und das Geld selbstverständlich auch. Was anderes sollte das Zahlungsmittel „Arbeitsgutschein“ darstellen? Mit der Arbeitszeit beruht es sogar auf demselben Maßstab wie unser herkömmliches Geld. Es dient dem reibungslosen Tausch wie Euro oder Dollar ihm dienen. Wer den Kapitalismus überwinden will, muß jedoch den Tausch zugunsten des Teilens und Verteilens ächten. In den Fußstapfen unserer wildbeuterischen Vorfahren beweisen Dutzende von anarchistischen Kommunen seit Jahr-zehnten, daß sich das Teilen – das nie „ökonometrisch“ ist – selbst unter ungünstigen Startbedingungen pflegen läßt. Behauptet Cottrell, seine Gutscheinwirtschaft sei nicht mehr vom Profitstreben getrieben, sitzt er reinem Wunschdenken – und eben dem quantitativen Denken auf. Tausch/Vergleich/Konkurrenz kreisen um das Mehr oder Weniger. Sie impfen uns das unablässige Bewerten ein, ob wir wollen oder nicht. Um eine gängige Metapher zu bemühen, fahren quantitatives Denken, Profitstreben und Fortschrittswahn auf derselben Schiene.

Die Alternative erfordert Umkehr. Sie verlangt den Absprung in ein Denken, das vielleicht rythmisch genannt werden könnte. Stellt Cottrell fest, das grundlegende Kriterium für die Auswahl zwischen alternativen Produk-tionsmethoden sei die Minimierung der erforderlichen Arbeitszeit, verkündet er Kapitalismus pur. In unseren Kommunen kommt es nicht auf die Dauer sondern auf den Charakter einer Arbeit an. Ist sie sinnvoll? Macht sie Freude? Cottrell scheint echt leninistisch von einer computergesteuerten Megamaschine zu träumen, die alle erwünschten Güter ohne unser Zutun auswirft. Daß sie extrem anfällig wäre und zum Machtmißbrauch geradezu einlüde, interessiert ihn nicht. Und daß sich die freigesetzten BürgerInnen dann zu Tode langweilten, findet er offenbar prima. Was sollen sie tun? Nach Florida fliegen? Am Strand Hautkrebs züchten? Den Milliarden Scharlatanenstücken, die heutzutage als Kunstwerke ausgegeben werden, noch eine Milliarde hinzufügen?

Nein, was weg muß, sind alle Trennungen. Ich nenne nur Arbeit/Freizeit, Arbeit/Urlaub, Erwerbsleben/Ruhestand, Produktionsarbeit/Sozialarbeit, Hand- und Kopfarbeit. Die Abgetrenntheit von jener Megamaschine, Staat einge-schlossen, gehört natürlich auch in diese Reihe. Cottrell setzt für seine „neue“ Planwirtschaft offenbar das übliche Staats- oder Kommunaleigentum voraus. Schon den darin Tätigen billigt er aber nur „eine gewisse demokratische Kontrolle“ über ihre Arbeitsbedingungen zu. Zur Krönung hält er „große Änderungen in unserer Art der materiellen Produktion“ für unumgänglich, wenn wir auf diesem Planeten das gegebene Jahrhundert überleben wollten – ohne über diese Änderungen auch nur ein Tönchen verlauten zu lassen. Entweder hat er keinen blassen Schimmer von ihnen, oder aber, er hütet sich vor ihnen, weil die Forderung grundlegenden Umdenkens gar zu radikal wäre und die Leute vor den Kopf stieße. Wäre sie auch zu irreal?

Jedenfalls halte ich es für illusorisch, den Kapitalismus in unseren aufgeblähten und zentralisierten Organisations-formen überwinden zu wollen. Legionen von roten oder grünen Politikern – auch in der DDR – haben längst bewiesen, wie automatisch sie sich von uns entfernen, während sie uns angeblich dienen. Übrigens haben sie sich auch von dem in den 80er Jahren beliebten Slogan small is beautiful rasend entfernt. In Hochgeschwindigkeitszügen oder 140-PS-Geländewagen. Ich gebe also zu, daß ich mir eine Überwindung des Kapitalismus im Rahmen des derzeitigen Deutschlands nicht vorstellen kann – vom Moloch Europa ganz zu schweigen. Da ich jedoch auf der anderen Seite kein Pygmäe und auch kein Mönch bin, werde ich Mittel und Wege finden müssen, wie ich hin und wieder aus meiner überschaubaren Räterepublik Hörselgau nach Kassel oder Brüssel komme. Das Pferd war über Tausende von Jahren hinweg ein hinreichendes Transport- und Arbeitsmittel. Unfälle a lá Eschede mit über 100 Toten kannte es nicht. Bedienen wir uns aber trotzdem der Schienen, weil sie nun schon einmal liegen: wer verwaltet, wartet – und beherrscht das Schienennetz, wenn es in ganz Europa nur Zwergrepubliken gibt?

Vielleicht sollte ich doch lieber zu Hause bleiben. Eigentlich läßt es sich in Hörselgau schon ziemlich gut leben. Einfuhren benötigen wir kaum. Wir machen alles selber – nur umfaßt dieses Alles nicht sonderlich viel. Zum Beispiel hegt in unserer Räterepublik kein Mensch den Wunsch, in seiner Hand oder auf dem Balkon des Nachbarn eine Videokamera zu wissen. Für die Computer in unseren 23 Internetcafes haben wir sogar eine eigene kleine Fabrik. Zu verspeisen pflegen wir nicht das, was uns über Satellitenfernsehen das Wasser im Munde zusammen laufen lassen soll, sondern nur das, was unsere Wälder, Gärten und Ställe je nach Saison gerade so hergeben. Wir brauchen keine Kiwis, die in Wahrheit nur aufgeblasene Stachelbeeren sind. Unsere Räte werden in direkter Wahl bestimmt. SchädigerInnen des Gemeinschaftslebens kommen vor ein Schiedsgericht, dessen Mitglieder zumindest teilweise ausgelost werden – eine Anregung, die ich Cottrell verdanke.

Machen wir uns nichts vor: Eine Nichttauschgesellschaft setzte neben beträchtlicher Vertrauens- und anderer Bildung Überschaubarkeit voraus. Jene „Überlebensfrage“ nach Änderung unserer Produktionsweisen schlösse also auch diese ein: Wie könnte uns die unumgängliche Verkleinerung der gesellschaftlichen Organisationsformen auf diesem Planeten gelingen? Sollte das Wunder geschehen, Frau Merkel, Herr Obama und Konzernriesen wie Bunge, Siemens, Monsanto, Exxon Mobil ermuntern uns dazu? Sollten sie bereit sein, das Rad der Geschichte auf handhabbare Ausmaße zurückzudrehen – obgleich sie gerade daran verdienen, daß es uns Arschlöcher der Welt überrollt?

Schlimmer noch, ich halte es sogar für nicht ausge-schlossen, eine Nichttauschgesellschaft wäre nirgends machbar, weil das Wertgesetz (2 Eier = 70 Cent) verdächtig an das Identitätsprinzip (A = A) erinnert. Das hieße, wir wären auf Vergleiche angewiesen, um die Dinge und uns selber überhaupt erkennen zu können. Schon erwächst daraus die Konkurrenz.


Am Seibtisch

In der renommierten Monatszeitschrift Merkur (Ausgabe März 2000) nimmt der Göttinger Literaturprofessor Gustav Seibt eine Bücherumschau zum Thema „Kapitalis-mus als Lebensform“ vor. Angeblich hat er auch das kurz zuvor erschienene Schwarzbuch Kapitalismus von Robert Kurz gelesen. Menschliche Kommunikation in gesellschaft-lichen Institutionen durch eine paradoxe Kommunikation der Waren und ihrer Preise untereinander auf einem anonymen Markt zu ersetzen, stelle für Kurz den Sündenfall des Kapitalismus dar. In einer Revolte der Basis wolle Kurz die Abstraktionen der Moderne wieder rückgängig machen – was wohl nur mit einem Zusammen-bruch aller überlokalen Strukturen einhergehen könne. „Allen Ernstes“ gedenke Kurz, den stummen Preismecha-nismus durch die bewußte Selbstverständigung der Akteure zu ersetzen. „Die wüste Materialschlacht von Kurz’ autodidaktisch zusammengeschustertem Werk ist bemerkenswert lediglich als Symptom: dafür, daß eine materialistische Fundamentalkritik am Kapitalismus offenbar nur noch um den Preis des Sektierertums zu haben ist. Daß die Anonymisierung der Wirtschafts-prozesse nicht nur Entfremdung und Ausbeutung bedeutet, sondern – ebenso wie die Arbeitsteilung – vermutlich die dauerhafteste Garantie für die individuellen Freiheiten der Moderne sein könnte, dieser Gedanke kommt Kurz nicht.“

Gediegenes Parkett unter den Füßen, dürfte Gustav Seibts Schreibtisch kaum auf ein Obdachlosenasyl, einen Fabrikhof oder gar eine Müllhalde am Rande Kalkuttas blicken. Seibt nimmt die klassische Warte des Privile-gierten und des Eurozentrierten ein. Auch solche verbreiteten Phänomene wie Arbeits- und Sozialämter, Prostitution, Massenverblödung, Humanes Bomben, Videoüberwachung sind für Seibt Phantome. Das von ihm ein paar Absätze weiter angeführte „Entsetzen Webers angesichts der seelischen Verödung in der Berufserfüllung“ ist ihm so fremd wie die Öde, die sich in der nächsten Fußgängerzone, in den Gewerbegebieten und in den Slums dieser Welt besichtigen läßt. Die Wirtschaftsprozesse sind eben zu anonym. Beeinflussungen zwischen unseren mobilen und stationären Automaten – die für das Seibtsche Freiheitsgefühl sorgen – und gewissen überseeischen Wirbelstürmen oder Hungersnöten auszumachen, scheitert am neoliberalen Nebel. Seibt hofft darauf, in einer Demokratie seien alle frei – und manche freier. Unsere Millionenerben beispielsweise haben für ihre individuelle Freiheit nicht den Preis jener „Entfremdung und Ausbeutung“ zu zahlen, die Professor Seibt recht lässig in Kauf nimmt, weil er sie ohnehin anderen aufgebürdet weiß. Zum Glück verbietet mir die Gewaltfreie Kommunikation nach der Schule Marshall Rosenbergs, dies eine Unverschämtheit zu nennen.

Kurz dagegen widmet sich all den peinlich häßlichen Zügen der „schönen Maschine“ Kapitalismus (Adam Smith) ausführlich. Damit tut er im Grunde nichts anderes, als ständig auf dem von Seibt vermißten Gedanken herumzuhacken. Nebenbei läßt Kurz keinen Zweifel daran, nicht der Geborgenheit patriarchal-feudaler Strukturen nachzutrauern, wenn er den stummen Preismechanismus, wie schon angeführt, durch Absprachen zwischen den Akteuren ersetzt haben will. So etwas wagen sich unsere versklavten seibten Gehirne, die auch gerne in Parlamentsfraktionen von „Linksparteien“ dümpeln, natürlich überhaupt nicht mehr vorzustellen. Wobei es in erster Linie tatsächlich nur aufs Vorstellen ankommt, aufs Darandenken – also nicht etwa darauf, ob dies alles „realistisch“, nämlich machbar sei. Leute wie Marx, Adorno, Kurz liefern Beschreibungen: dessen, was ist, und dessen, was wünschenswert ist. Sie sind kritische Theoretiker. Indem sie ihre Kritik konsequent zu Ende denken, setzen sie sich gern der Gefahr aus, von einem Gustav Seibt zum „Sektierer“ gestempelt zu werden, empfinden sie dies doch im Zeitalter der Vermassung und Gleichschaltung eher als Auszeichnung.

Was Wunder, wenn Seibt ein autodidaktisches, also in eigener Regie vorgenommenes Studium ebenfalls für ein Vergehen wider den Zeitgeist und die sogenannte Globalisierung halten muß. Bei so etwas kann nur Flickschusterei herauskommen. Allerdings scheint Seibt den Wälzer, den er anpinkelt, lediglich überflogen zu haben. Er könnte sonst niemals behaupten, was die realen Folgen der frühliberalen Lehren a lá Smith, Kant, Bentham gewesen sein sollen, bleibe bei Kurz noch unklarer als bei den ähnlichen Zurechnungen an die Vordenker des Kommunismus. Es bleibt nicht unklar, wie ich nach wiederholter Lektüre der 800 Seiten feststellen kann. In dieser genealogischen Aufrollung liegt gerade eine Stärke der Kurzschen Analyse. Aber womöglich hat Seibt sie durchaus verfolgt, nur überstieg sie sein Sehvermögen? Dies scheint nämlich beim Merkur Tradition zu haben. 1980 legte Wolfgang Hädecke in der Jahresschrift Scheidewege eine ausgezeichnete Betrachtung des Buches Die Perfektion der Technik von Friedrich Georg Jünger vor. Damals war es Max Bense, der Jüngers überragende Untersuchung für den Merkur besprach – indem er sie verriß. Hädecke bemerkt dazu nur, Benses Kritik stelle ein Beispiel „hochintelligenter Blindheit“ vor Jüngers Buch und den technischen Phänomenen dar.

Nebenbei empfiehlt es sich, die beiden genannten Werke von Kurz und Jünger parallel zu lesen, da sie einander ergänzen. Als Nichtmarxist unterschätzt Jünger die Entfremdung, die sich völlig unabhängig vom Grad der Technisierung und der Organisation aus der Wertform ergibt. Diese drischt der Vielfalt der Welt ihre sinnlichen Qualitäten aus, um dafür das quantitative Denken zu züchten, das heute die Welt so gut wie absolut beherrscht. Dafür unterschätzt Kurz die Entfremdung, die unabhängig von der Produktionsweise und den Eigentums-verhältnissen in jeder großangelegten Maschinerie lauert. Angenommen, Hessens Ministerpräsident Koch wirft der Autohalde namens Opel Rüsselsheim (2009) nicht nur 300 Millionen Euro in den Rachen, sondern übergibt sie irgendeiner rotgrünen Zelle zwecks Produktion von Solarmobilen – durch diesen neuen Anstrich wird dieselbe Maschinerie nicht über Nacht zu einem Streichelzoo. Warum nicht? Professor Seibt verrät uns den Grund:

Nachdem er Kurz abgefertigt hat, ist er nämlich so freundlich oder einfältig, ihm noch schnell ein paar Waffen in die Hand zu drücken. Mit Max Weber, Werner Sombart und Max Scheler – auf die sich Kurz nicht oder nur am Rande stützt – fährt er etliche lange Spalten auf, die durchweg in die Kurzsche Kerbe hauen. Wenn jene Autoren befinden, der Kapitalismus verdanke sich eher geistigen und religiösen Quellen als technischen Fortschritten oder auch als Besitzverhältnissen, so ist das ohne Zweifel bedenkenswert, ändert aber am Ergebnis nichts. Im Ergebnis nimmt die Schöne Maschine einen totalitären, selbstherrlichen Zug an, der sie unreformierbar macht. Darauf ziele die vielzitierte Rede vom „stahlharten Gehäuse“ ab, referiert Seibt. „Hat es sich genügend entwickelt und ausgedehnt, kann es irgendwann auch ohne seine geistig-religiösen Voraussetzungen existieren – in den veräußerlichten Sachzwängen eines abstrakten Wirt-schaftssystems, das einen nahezu naturgeschichtlichen Eigensinn entwickelt.“ Seibt betont sogar, es handle sich um ein System, „das sich seine Menschen immer wieder formt“. Ihn selber natürlich nicht.


Eine schöne Ehe

Vor rund 100 Jahren kam der dritte Band von Meyers Großem Konversationslexikon heraus. Danach hat es im Jahr 1903 bereits mehrere Formen der Brotschneide-maschine oder auch des Brothobels gegeben. Rund 60 Jahre später strahlte meine selige Großmutter Helene wie eine Königin, weil sie aus den Händen ihres Gatten Heinrichs zum soundsovielten Hochzeitstag eine elektrisch betriebene Brotschneidemaschine empfing. Damit hatte sich das lästige Kurbeln erübrigt. Jetzt brauchte sie bloß noch die Scheibenstärke einzustellen – und schon sah ich die Brotscheiben für eine große Familie (mein Vater hatte dem Städtchen Gudensberg das erste Rundfunk- und Fernsehgeschäft gebracht!) geradezu auf den Küchentisch flutschen. Für Kasernen können aufgrund dieser Errungenschaft in Windeseile ganze geburtenschwache Jahrgänge aufgepäppelt werden, falls uns die Afghanen überfallen.

In meinen Bott-Erzählungen kommt öfter die bei Gudensberg gelegene anarchistische Landkommune Emsmühle vor. Dort würde man sich vergeblich nach irgendeiner Form der Brotschneidemaschine umsehen. Das Gerät wird verschmäht. Zum einen lebten Kommu-narden nicht in Windeseile; zum anderen sei es ein realsozialistischer Irrglaube zu meinen, die Menschen seien gleich. Nicht nur ihre Kräfte und Begabungen, auch ihre Bedürfnisse sind verschieden. A. will daumendicke, B. hauchdünne Brotscheiben. C. bevorzugt ein Gefälle nach links, D. möchte Stufen, egal wohin. Doch mehr noch: In der Weise, wie er sich mit Hilfe eines Brotmessers eine Scheibe vom Brotlaib abschneide, verkörpere und offenbare sich die Eigenart eines Menschen. Unter Brotschneidemaschinen werde diese geopfert, wie bei Guillotinen.

Als gelernter Handwerker kann ich mich dieser Argumen-tation nur schwer verschließen. Ein Tapezierhammer wird so „subjektiv“ wie eine Spitzhacke geführt. Halten wir uns auch Kommunarden oder Kommunardinnen vor Augen, die mit Spaten, Sense, Heugabel umgehen. Immer mischt sich die Eigenart des Handhabers in die uralte Aufgabe. Es kommt hier bestenfalls zu Ähnlichkeiten – nie zu Reproduktionen. Eben das ist jedoch bei Brotschneide-maschinen, Mähdreschern und Fabriken der Fall, die solche Geräte herstellen. Sie stoßen immer das gleiche aus. Die maschinelle Produktion arbeitet exakt. Warum? Ersichtlich nur deshalb, weil ihr Normen zugrundeliegen. Sie normiert ihre Produkte und normiert damit die ganze Welt. Sie macht uns normal. Fällt einer aus der Norm, beispielsweise durch Selbststudium oder Fernseh-abstinenz, taugt er nichts. Das ist noch das mindeste! Vielleicht ist er sogar anormal oder abnorm.

Bekanntlich gingen die moderne Technik und die kapitalistische Warenproduktion vor rund 250 Jahren eine Ehe ein, die immer inniger wurde. Ich habe mich schon öfter nach dem Grund dieser großen Zuneigung gefragt. Hier drängt er sich endlich auf. Denn wie die Maschinerie auf Norm beruht, so auch die kapitalistische Warenpro-duktion. Ihr liegt der alles regelnde, freilich auch alles entsinnlichende Tauschwert zugrunde. Ohne den Tauschwert – der sich im Lauf der Jahrhunderte vom Warenkörper löst und dadurch zum Geld wird – wäre das moderne Marktgeschehen unmöglich. Das Geld – auf genormter Zeit beruhend – schert gerade so alle Dinge über einen Kamm, wie der Automat Schokoladen-osterhasen oder Tageszeitungen ausstößt. Im wesentlichen ist unsere, von Adam Smith gepriesene „Schöne Gesell-schaftsmaschine“ nichts anderes als eine Stanze. Sie konnte nur einem gnadenlos quantitativen Denken entspringen.

Demnach handelt es sich bei der Ehe zwischen moderner Technik und kapitalistischer Warenproduktion um einen Männerbund. Darin herrschen Gewalt und Gleichma-cherei. Deshalb dürfen jetzt auch Frauen Porsche fahren, „Arbeitsagenturen“ leiten, Kriege führen. Darin herrschen Gleichgültigkeit, Perfektion – Leere. Denn nach Klaus D. Frank ist das Perfekte immer auch das Tote. Das Lebendige hat und erstrebt nie Perfektion. Es überrascht uns gern – und sei es durch Fehler. Es fällt aus der Norm.


Zollstock

Die meisten HandwerkerInnen würden sich nackt fühlen, ragte ihnen nicht aus irgendeiner Tasche ein Zollstock heraus. Der Diplomatenkoffer meines letzten Chefs – ein Raumausstattermeister – hieß im Belegschaftsjargon Ausmeßkoffer. Er hatte stets drei Zollstöcke zu enthalten, weil der Chef mindestens einen davon garantiert beim Kunden liegen ließ. Damit drohte er nichts Geringeres als seine Seele zu verlieren.

Der Bodenverleger wird vielleicht einwenden, bevor er Linoleum bestelle, komme er nicht umhin, das betreffende Zimmer genau auszumessen. Das trifft sicherlich zu – solange wir Geldwirtschaft haben und Linoleum sündhaft teuer ist. Wenn nicht, täte es doch eigentlich auch ein Abmessen mit Schritt und Fuß. Was die Volkswirtschaft allein durch die Einstellung der Produktion von Zollstöcken, Bandmaßen und Laserstrahl-Meßgeräten einsparte! Da fielen ein paar Fuß Linoleumverschnitt gar nicht mehr ins Gewicht.

Das gleiche gilt selbstverständlich auch für andere Meß-geräte wie beispielsweise Waagen. In den vier zentralen Depots der thüringischen Zwergrepublik Konräteslust, wo ver- und geteilt statt verkauft wird, ist es völlig wurscht, ob einer für seine Wohngemeinschaft drei oder vier oder 3,27 Pfund braunen Rohrzucker mitnimmt. „Bummelt“ er auf seinem Fußweg zum Depot, bricht die Republik auch nicht zusammen. Wir dagegen beten die Beschleunigung und infolgedessen Uhren an. Um eine Wiese abzuschreiten, brauche ich Zeit. Da aber Zeit Geld geworden ist, nehme ich das Bandmaß oder den Laserstrahl – deren Erfindung, Entwicklung und Herstellung ihrerseits Zeit kostet. Alle antiquierten Maßeinheiten waren dem menschlichen Körper oder dessen sinnlichem Wirkungsbereich entlehnt: Tagesritt, Elle, Fuß, Zoll. Ein Zoll maß ungefähr eine Daumenbreite. Aber auch Sack, Faß, Eimer. Jeder wußte, wie schwer ein Eimer mit Wasser oder Getreidekörnern war.

Nun sehe ich durchaus ein, daß man die Höhe eines zu errichtenden Wolkenkratzers nicht in Ellen und den Bedarf an Beton nicht in Fässern angeben kann. Sehe ich aber den Wolkenkratzer ein? Ist er beherrschbar? Ist er unverzichtbar? Entsprechendes gilt für Errungenschaften der Verkleinerungskunst, etwa die Armbanduhr, das Handy oder das Speicherkärtchen im Format eines Fingernagels. Sowohl diese Miniaturen wie der Wolkenkratzer und der Genfer „Teilchenbeschleuniger“ sind Ausgeburten krankhaft quantitativen Denkens. Sie stehen und fallen mit genauster Meßkunst, während es bei den Balken und Pfosten des Germanischen Langhauses aus der Jungsteinzeit und noch der Bauernhäuser unseres Mittelalters auf ein paar Zentimeter nicht ankam. Das ließ sich ausgleichen – und wenn nicht, stürzte das Haus auch nicht ein. Es war lediglich geringfügig schief.

Das gleiche gilt für Möbel oder Leiterwagen. Heute jedoch kommt es auf Bruchteile eines Millimeters an, weil die Quantifizierung aller Produktion zur Freude der Fabrikanten und AktienbesitzerInnen die Normierung aller Produkte ermöglichte; und umgekehrt. Nur das Normierte ist wiederholbar. Nur das Normierte gestattet Massenproduktion. Nur das Normierte machte uns zu einer grauen Masse, in der ein jeder gegen jeden anderen austauschbar ist – gerade so wie die Ersatzteile der Maschinen, deren Anhängsel wir geworden sind. Nur der normierte Mensch kann nach Strich und Faden belogen und gnadenlos ausgenutzt werden. Er läuft reibungslos – mit.


Das Zählen

Es ist der einzige irdische Bereich, in dem die Menschen immer und stets problemlos zu Übereinstimmung kommen. Hebe ich meine gespreizte Hand, zweifelt niemand daran, daß sie fünf Finger besitzt. Betreibe ich, wegen der Pelze, eine Siebenschläferfarm, werde ich mich selbst mit einem Inspektor des Landwirtschafts-ministeriums (das mich subventioniert) darauf einigen können, ich hielte in meinen Käfigen derzeit 496 Tierchen, denen ich früher oder später das Fell über die Ohren zu ziehen gedenke.

Allerdings muß die Voraussetzung einer klaren Eingrenzung oder Definition der zu zählenden Objekte gegeben sein. Eine Zaunlatte ist eine Zaunlatte, das weiß jeder – somit zählen wir an Ihrem Garten 187 Latten. Auch bei dem Inspektor und mir dürfte gesichert sein, daß wir unter „Siebenschläfern“ dieselbe Tierart verstehen. Heikel wird es mitunter bei Demonstrationen. Die Anmelder-Innen und die Polizei kommen beim Zählen der Teilneh-merInnen oft zu unterschiedlichen Ergebnissen, weil AusländerInnen und Großmütter für die Polizei nicht unter die Demonstranten, vielmehr unter die Abschiebe-kandidaten der betreffenden Stadt fallen. In Stuttgart müssen besonders viele AusländerInnen und Großmütter leben, wie sich im Herbst 2010 bei den massenhaften Protesten gegen das Bahn- und Wahnprojekt S 21 zeigte: die Polizei zählte sie nie mit.

Eine Erklärung der Wurzeln des Zählens wie auch seiner Verläßlichkeit ist mir in noch keinem klugen Buch begegnet. Sollten sie als ähnlich selbstverständlich erachtet werden wie das Zählen selbst? Ich nehme an, sie stecken in unserem Körper, der sich vor einigen Hunderttausend Jahren zum aufrechten Gang entschlossen hat. Die erste Eins sind wir. Betrüblicherweise können wir uns sogar einsam fühlen, wenn wir inmitten einer Horde leben. Die Horde besteht aus 25 oder aus knapp sieben Milliarden Einzigartigen, je nach dem. Damals, als es noch eher 25 waren, fing die Sache mit der Abgrenzung und dem Mehr an. Die Freunde mußten von den Feinden unterschieden werden; die Jagd vom Ackerbau; der Krieg vom Frieden. Zählen verliest: „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“, wie es in einem bekannten Märchen heißt. Was überwiegt? stand jetzt die Frage. Welche Seite ist stärker? Nicht nur Linsen, auch Tote und Nochwehr-tüchtige können ja gezählt werden.

Wie Roger Caillois in seinem lesenswerten, gut 50 Jahre alten Klassiker über Die Spiele und die Menschen andeutet, fielen die Zahlen nicht gleich so brutal vom Himmel oder von den Pyramiden, wie sie uns im Kapitalismus zusetzen. Die ersten Pythagoräer hätten beispielsweise noch konkrete Zahlen benutzt. Diese Zahlen besaßen Form und Gestalt, etwa von Dreiecken oder Achtecken. Außerdem hätten ihre Zahlen Sequenzen gebildet, „die durch die Beziehung der drei musikalischen Hauptakkorde beherrscht wurden. Schließlich waren sie mit unterschiedlichen Kräften begabt. Die 3 entsprach der Ehe, die 4 der Gerechtigkeit, die 7 der Gelegenheit ...“ Noch heute wittern die Siebenschläfer jede Chance, eine kostenlose Unterkunft bei einem Menschen zu finden, den sie terrorisieren dürfen. Was die Zahlen verschärft, ist ihr Abstraktionsgrad. Der britische oder italienische Bomberpilot, der dem libyschen Volk die Freiheit bringt (wobei er von einer bei Stuttgart gelegenen Nato-Einsatzzentrale befehligt wird), bekommt die verbrannten oder fehlenden Gesichter der 27 Toten, die er auf dem Gewissen hat, nie zu sehen. Für ihn sind sie Statistik.

Die Unangefochtenheit des Zählens ist umso bedauer-licher, als das Zählen in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft völlig überflüssig wäre. Wird nicht mit dem Ziel produziert, zu tauschen und aufgrund dieser Transaktion einen Gewinn zu erzielen – was sollte ich da noch zählen? In einer egalitären Gesellschaft (die kein Privateigentum an Produktionsmitteln kennt) wird geteilt statt getauscht. Der Gedanke des Äquivalents (für die drei Siebenschläferpelze erwarten wir sieben Pfund Kirschen) ist ausgestorben. Selbst für die Planwirtschaft, die DDR-BürgerInnen genossen oder verwünschten, hat die egalitäre Gesellschaft keinen Bedarf. In jener waren das Zählen und das Züchtigen selbstverständlich unverzicht-bar. Wer die Pläne gestaltet und verwaltet, beherrscht die Menschen.

Die Menschen, wie sie sich unsereins erhofft, nehmen ihre Belange in die eigenen Hände und peilen „Bedarf“ über den Daumen an. Sie sind bescheiden, umsichtig, groß-zügig, hilfsbereit. Mangelt es in einem Jahr an Kirschen, geben sie sich mit Kartoffeln zufrieden. Geht der benachbarten Lebensgemeinschaft der Traktor kaputt, kommen sie entweder mit ihrem eigenen Traktor oder in Kompaniestärke angerückt, um die Kartoffellese zu gewährleisten. An wessen Tisch in der Arbeitspause Streuselkuchen gegessen wird, und wer diesen Kuchen gebacken hat, ist unwesentlich, denn allen gehört alles. Das Zählen ordnet zu. Das Zählen spaltet. Es ist die furchtbare Waffe der Eigennützigen.


Versicherungen

Von der gesetzlich vorgeschriebenen Kranken- und Rentenversicherung einmal abgesehen, besitze ich seit Jahrzehnten nicht eine Versicherung. Ich denke, ich habe viel Geld gespart. Als mich einmal ein Vermieter wegen meiner fehlenden Haftpflichtversicherung mit der Aussicht konfrontierte, meine Waschmaschine liefe aus und überschwemmte die Wohnung unter mir, versicherte ich ihm, ich ließe die laufende Waschmaschine nie aus den Augen. Zudem sei ich ja Handwerker. Zum Glück bohrte er nicht nach. Einem Bewerber, der noch nicht einmal eine Waschmaschine besitzt, hätte er wohl kaum die adrette Wohnung anvertraut. Ich wusch meine Kleider damals „in einem Aufwasch“ mit, wenn ich selber duschte. Während des Duschens in der Wanne „eingeweicht“, hatte ich sie anschließend nur noch mit kaltem Wasser durchzuspülen und auszuwringen.

Die Waschmaschine schleudert uns auch schon den Unfug der Versicherungen ins Gesicht. In der Puppenfabrik-kommune laufen in der ebenerdigen Waschküche zwei Maschinen – sollten sie einmal auslaufen, dann unmittelbar in die Kanalisation. Versicherungen zeigen untrüglich soziales Defizit an. Statt Solidarität wird das Einzelkämpfertum gefördert. Jeder brütet in seiner Wohnzelle aus, wie er sich noch geschickter, üppiger, betrügerischer absichern kann, um im Existenz- und Konkurrenzkampf die Nase vorn zu haben. Mag auch „das Risiko gestreut“ werden – Verantwortung und Lösungs-suche werden gerade nicht sozialisiert. 10 Lastschriften von Allianz, Gothaer, Aspirina – und ich bin unwiderruf-lich ans System gefesselt. Die Versicherung bewahrt den Kapitalismus vorm Einsturz.

Sie normiert uns zudem. Verblüffende Lösungen werden rar, weil sich nie Not in Tugend verwandeln läßt. Mein Bekannter Lutz hatte das Häuschen seiner verstorbenen Tante bezogen. Als das Hochwasser nach einem Unwetter bis ins Eisfach seines Kühlschranks stand, kam er auf die Idee, sich für rund 1.000 Mark einen noch fahrtüchtigen Bauwagen zuzulegen. Er baute ihn aus und verkaufte das Häuschen. Über Pfützen lacht er. Mal wohnt er am Meer, mal in den Bergen. Im Fränkischen machte er einmal einen Brauereiinhaber auf eine halb ausgehängte Lukentür aufmerksam, die jederzeit auf den Bürgersteig oder in einen Kinderwagen fallen konnte. „Dagegen sind wir versichert!“ beruhigte ihn der Mann.


Potlatsch

Während Menschen der Sorte Dagobert Duck gern auf ihren angehäuften Reichtümern thronen, bietet uns der Potlatsch eine Alternative, wenn wir keine Geizkragen, jedoch durchaus ehrgeizig sind. Es handelt sich um eine exzessive Form des Schenkens. Laut Peter Farb (Die Indianer, deutsch München 1988) wurde sie vorwiegend in den nordamerikanischen Häuptlingstümern zwischen Kalifornien und Alaska gepflogen. Parallel zum natürlichen Reichtum dieses Küstenstrichs gab es dort ein System der lückenlosen Rangordnung, das eng an die ökonomische Potenz ihrer Mitglieder gebunden war. Nur wurde die Triebfeder des Eigennutzes sozusagen auf den Kopf gestellt. Wer seinen Rang und damit sein Ansehen bewahren wollte, mußte schon im Alltag fortwährend kleine Geschenke austeilen. Selbst eine respektvolle Erwähnung seines Namens hatte er mit einem Geschenk zu erwidern. „Strauchelte ein Mann von Ansehen bei einer Zeremonie – was ihm vielleicht Spott eintragen und sein Prestige vermindern konnte – mußte er den Zuschauern Geschenke geben, um sein Ansehen wiederherzustellen.“

Diese Prestigewirtschaft gipfelte in den grandiosen Potlatschen, die von den Adeligen und zumal den Häupt-lingen von Zeit zu Zeit gegeben werden mußten. Für diese Feste einzelner Gruppen oder ganzer Häuptlingstümer wurden Berge von Vorräten angehäuft, vom Kürbis über gewebte Decken bis zum Kanu. Sie waren Wertvernich-tungsorgien. Für Farb lag der Sinn der Übung vor allem darin, den anderen zu demütigen. Der Größte war nicht, wer am meisten besaß, sondern wer am meisten herzugeben hatte. Wer zu viele Menschen hatte, durfte sie ebenfalls opfern. „Ein Gefangener konnte jederzeit getötet werden, wenn seinem Herrn der Sinn danach stand. Bei den Tlingit war es zum Beispiel Sitte, den Körper eines Gefangenen in die Grube zu legen, die man für den schweren Pfosten eines neuen Hauses aushob.“ Hier ging es nicht um Schutz oder Segnung des Hauses, sondern allein um den Beweis, der Bauherr sei reich genug, um seinen Besitz beliebig verschwenden zu können. „Nur dem Prestige zuliebe wurden hin und wieder die Leichen von Gefangenen als Rollen benutzt, über die ein zu Besuch kommender Häuptling sein Kanu an den Strand ziehen konnte.“

Jost Herbig stellt allerdings einen politökonomischen Aspekt dieses Verteilungssystems in den Vordergrund, das nebenbei gesagt in zahlreichen Varianten in allen Erdteilen verbreitet war. Trotz der Fülle in der Flora und Fauna der Pazifikküste kam es unter den Dörfern zu Schwankungen im Nahrungsangebot – und der Potlatsch half diese ausgleichen, wie Herbig 1984 in seinem Buch Im Anfang war das Wort darlegt. Durch die Verlagerung der bei Ranghohen angesammelten Überschüsse diente er sogar – zumindest eine Zeitlang – als Riegel vor der Anhäufung von Macht. Der Riegel hielt bis zum Eintreffen der ersten englischen SiedlerInnen.


Wegwerfwut

Ich war früher kein unbegabter Zeichner, kann es aber nicht mehr beweisen. Die Beweismittel wurden nämlich leider vernichtet – von mir selber. Man könnte deshalb mit Fug und Recht von meiner größeren Begabung zum Wegwerfen sprechen. Sobald ich den Eindruck haben kann, sie wahrscheinlich nie mehr zu benötigen, pflege ich mich seit Jahrzehnten von allen möglichen Dingen zu trennen, seien es Notizen, Dokumente, Bücher, Kleider, Werkzeuge, Möbel, Töpfe, Türbeschläge, Schlüssel, Fotos, Zeichnungen, ja selbst ganze Skizzenblöcke.

Ich erinnere mich an einen Block mit grünem Pappdeckel, der beispielsweise eine quicklebendige Skizze einer Ruine von Sessel enthielt, den ich in meiner Ausbildungs-werkstätte abgeschlagen hatte. Die Spiralfedern sprangen dem Betrachter förmlich ins Gesicht. Die sparsamen Striche waren mit dicker, weicher Bleistiftmine aufs Papier geworfen worden. Eine hübsche Skizze des Trafotürm-chens von Schloß Escheberg sehe ich ebenfalls noch vor mir. Ich glaube, das Türmchen vor der Einfahrt besaß oder besitzt eine Haube aus Schiefer. Das Schloß liegt bei Kassel abgeschieden in einem verwunschenen Waldwinkel mit Wiesen, Park und eigenem Bach, der einen großen Teich speist. Hier ließ ich Birtes Vater Johannes Golz aus meiner Erzählung Schotter für Conradi residieren – er war ein Malerfürst. Wegen seiner „Stürzleben“ genannten Werke könnten ihn manche LeserInnen törichterweise in die Nähe von Georg Baselitz rücken, der inzwischen (2008) genau 80 ist. Bei dessen Masche, die Figuren oder anderen Gegenstände seiner Gemälde auf den Kopf zu stellen, wäre ein Meister des Wegwerfens wie ich das ideale Modell gewesen. Im Kopfstand hält sich nichts unter den Armen und nichts in den Hosentaschen. Alles, ob Pistole, Handy, Kleingeld oder Scheckkarte, fällt dem Künstler vor die Füße. Bei der Geschwindigkeit, mit der meine Buchmanu-skripte veröffentlicht werden, brauche ich wahrscheinlich keine Klage von Baselitz zu befürchten. Dafür malt er seine Bilder umso schneller. Ihre Preise bewegen sich zwischen 200.000 und 2 Millionen Dollar.

Wie fast alles, ist auch das Phänomen der Wegwerfwut zweischneidig. Immerhin befreit sie den von ihr Befallenen von zahlreichen überflüssigen Dingen, die ihm in der Wohnung oder im Gehirn lediglich kostbaren Platz rauben würden. Bei Umzügen erspart sie ihm einen ganzen Möbelwagen. Dafür hat er eben in Kauf zu nehmen, im Not- oder Zweifelsfall nie auf die üppigen Lagerbestände der Sammelwütigen zurückgreifen zu können. Mein Bekannter Ludwig beispielsweise schmeißt nichts weg. Deshalb gleicht sein Grundstück einem Labyrinth, in dem sich jeder Fremde verirren muß, falls er nicht sowieso von einem Faß erschlagen wird, das von irgendeinem Stapel rollt. Fehlt mir dies oder das, führt mich mein erster Weg zu Ludwig. In 9 von 10 Fällen zaubert er das Gewünschte hervor. Das heißt unter Umständen, Stapel von abgelegten Zeitungen durchzublättern. Mein Wegwerftrieb läßt mich nämlich selbst ausgeschnittene Zeitungsartikel voreilig in den Ofen stecken, obwohl ich schon dutzendmale erfahren mußte, sie Tage oder Wochen später händeringend zu vermissen. Er ist ohne Zweifel krankhaft. Nebenbei führt er die beliebte „Willensfreiheit“ ad absurdum, wie jeder andere neurotische Zug.

Allerdings paßt er zu mir, deckt er sich doch mit meinem Minimalismus. Es ist die Krankheit des Freiheits- und Unabhängigkeitsdrangs. Man duldet nichts Überflüssiges, das einen nur belasten oder sonstwie behindern, zumindest jedoch ablenken kann. Folglich ist es auch die Krankheit des „deutschen Reinheitsgebotes“. Man will Klarheit, Gradlinigkeit, Eindeutigkeit. Das Paradies ist kein Irrgarten wie das Grundstück von Ludwig. Im Paradies herrschen klare und übersichtliche Verhältnisse; deshalb ist es auch stets ummauert. Wer einen Minimalisten einsperrte, weil er den amerikanischen Präsidenten, Ex-Kriegsminister Scharping oder Georg Baselitz beleidigt habe, täte ihm damit einen Gefallen. So erweist sich auch sein angeblicher Freiheitsdrang als zweischneidig.

Selbst bei Ludwig liegen die Dinge nicht eindeutig. Hat man sich vom Londoner Neurowissenschaftler Ben Seymour belehren lassen, Schmerz- und Verlusterfah-rungen würden in denselben Hirnregionen verarbeitet, wird man allen Geizigen mit Nachsicht begegnen – doch Ludwig ist das Gegenteil eines Geizkragens. Er freut sich, wenn man bei ihm fündig wird. Er gibt, ja er schenkt gern her. Damit fällt für seine Leidenschaft des Anhäufens von lauter haltbaren Dingen auch die Erklärung flach, er suche sich ein Bollwerk gegen den Feind Vergänglichkeit zu schaffen. Sondern er ist ungleich mehr als etwa ich der Hingabe verschrieben. Er verliert sich gern in der stofflichen und thematischen Vielfalt, was auch aus seiner Gesprächsführung hervorleuchtet. Was Wunder, wenn er sich nächtens leidenschaftlich gern im „weltweiten Netz“ umtreibt. Er besitzt nicht nur die erforderlichen technischen Kenntnisse, sondern auch einen modernen professionellen Bildschirm, der bald so groß ist wie der Deckel meiner Wäschetruhe. Auf ihm kann er vier oder fünf Computerprogramme gut lesbar nebeneinander stellen und somit gleichzeitig verfolgen – technisch betrachtet jedenfalls. Weniger als drei zugleich geöffnete Programme habe ich auf seinem Bildschirm noch nie gesehen. Sie laufen auch, wenn er seine Ziegen melkt oder einkaufen fährt. So beweist er auch im Stromverbrauch keinen Geiz.

Ich selber besitze nur einen Laptop, der für meine Zwecke auch völlig ausreicht. Bei meiner jüngsten Internet-Recherche stoße ich auf Untersuchungen des Berliner Psychologen Helmut Jungermann, der verschiedene Probanten zum Tauschhandel ermunterte. An der Festlegung der Preise fiel ihm auf, daß Dinge von gleichem Geldwert gleichwohl unterschiedlich bewertet wurden. Wer Ding A von einem anderen Probanten erwerben wollte, bestand stets auf einem deutlich niedrigeren Preis als in den Fällen, wo er selber Ding A zum Kauf anbot. Jungermann schloß daraus, was in unserem Besitz sei, steige allein deshalb im Wert, weil es unser Besitz sei. Es ist unser Eigenes – wie Zuckmayer so schön zitierte: „Als wär's ein Stück von mir“. Damit ist auch klar, warum die eigenen Texte immer besser sind als die von anderen Schriftstellern.


Uhren

Durch den Umzug von der Puppenfabrik in eine Holzhütte kam ich vor einigen Jahren zu einer der seltenen doppelverglasten Uhren. Mein Wecker tickte mir zu laut. Die Hütte dröhnte wie eine Bahnhofshalle. So bettete ich die batteriegetriebene Zeigeruhr zunächst in einen alten Topflappen und dann in eine Ecke meines in der Front verglasten Bücherschrankes. Vorher war ich nie auf diese Idee gekommen, obwohl ich den Schrank wie auch den Haß auf Uhrenticken schon ewig besitze. Zwischen der Seitenwand aus Eiche und Max von Boehns Kultur-geschichte Die Mode eingeklemmt, fordert mich der Wecker jetzt unaufdringlich auf, jede Not zu begrüßen, um sie in eine Tugend verwandeln zu können.

Wünsche ich ihn mitunter lautlos und unsichtbar zugleich, lehne ich kurzerhand Ernst Kreuders Gesellschaft vom Dachboden in sein Eckchen. Der kleine, magere Herr Quichow, den Ich-Erzähler Berthold beim Begräbnis einer Ringelnatter kennenlernt, läßt in einem fort den Deckel seiner goldenen Taschenuhr aufspringen, weil er unbelehrbar hofft, einmal den Anblick der Zeit zu erhaschen. Er trüge die Zeit sozusagen lieber „an sich“ an sich. Wenn 99 Prozent meiner Zeitgenossen mit einer ihnen die Blutzufuhr abschnürenden Armbanduhr durch die Gegend hasten, dürften sie sich allerdings eher in dem Wahn befinden, die Zeit „für sich“ zu haben. Jetzt führen sie ihre eigentumsrechtlich gesicherte Zeit als handschel-lenartigen Schmuck mit sich. Sie gefallen sich in der Rolle des Ticktators, während sie mal vom irrwitzigen Tempo, mal von der stumpfsinnigen Regelmäßigkeit ihres Kampfes ums Dasein zerrüttet werden. Im Mittelalter mußte sich einer noch den Hals nach der Kirchturmuhr verrenken – als diese erstmals die Viertelstunden schlug, war die schöne Neuzeit eingeläutet. Gegen 1800 war auch die Nummerierung der Häuser – die bis dahin bestenfalls Namen trugen, oft die gleichen – von der steuer- und soldatenbegierigen Obrigkeit durchgesetzt. Inzwischen ragen die Uhren allerwegen wie Polizeikellen aus den Hausfassaden, sofern sie nicht wie geöffnete Schlagbäume lauernd auf Marktplätzen und Warteinseln stehen.

Mein Gartennachbar Gregor meint, im nächsten, besseren Sozialismus würden wir den Stadtkirchturm mit Leuchtziffern versehen, um anschließend ungefähr 50.000 Waltershäuser Armband- und Wanduhren einzukassieren. Doch wohin damit? Gregor reibt sich die Hände: „Die exportieren wir nach China!“


Die Vergeudungssucht

Sie ist das Gegenteil von Geiz. Sie macht sich zunächst in der jeweils herrschenden Klasse breit, um dann auf die Beherrschten abzufärben. Dadurch steht immer eine neue herrschende Klasse Gewehr bei Fuß, die dann wieder neue Wege der Vergeudung erschließt. Das ganze nennt sich auch Fortschritt. Besonders freigiebig ist man im Schatten der Pyramiden, Tempel, Dome, Schlösser, Wolkenkratzer und Einkaufspaläste stets mit Angehörigen der eigenen Gattung gewesen. Ob sie nun dem Feind ins Messer getrieben oder auf den eigenen Altären geschlachtet wurden – man hatte sozusagen genug von ihnen.

Das oft angeführte Schuldbewußtsein ist sicherlich nur ein Aspekt des Opfers. Einen anderen sieht Alain (in Die Götter) im Stolz. Weit entfernt von Beschaulichkeit, handle es sich beim Stolz um einen gereizten, unbändigen Drang, der durch Maßlosigkeit zu herrschen suche. Wahrscheinlich wird er von dem Übermaß angegriffen, das die Natur uns zeigt – und als Zorn ist er die Antwort darauf. Denken wir nur an tosende Stürme und Flüsse, endlose Sandwüsten, Gebirgsmassive, Urwälder und das Gewimmel im Tierreich. Diese Üppigkeit demütigt uns und stachelt uns auf. „Sie entzündet in uns den Wunsch nach noch steileren Gipfeln, noch höheren Wogen, noch drückenderer Einsamkeit. Versuch es, All, ob du mich zwingst! Wir stürzen uns ins Wagnis der Besteigung, des Fluges, des Krieges, der gefahrvollen Forschung.“ Das im Ansatz rein geistige Phänomen des Stolzes – dessen Gegenspieler für Alain das Mitleid darstellt, also eine Sache des Herzens – erkläre auch ein wenig „die Hölle des alten Mexiko, wo man das Hinschlachten von Tausenden von Gefangenen zum Fest erhob. Man gefiel sich wohl in Verschwendung, die den Menschen der Sonne oder dem Vulkan gleichstellen sollte, also eine Rache aus Schwäche, aber auch aus Stärke gegenüber der Natur, und ganz etwas anderes, als wenn das Tier tötet um zu fressen und sich dann einfach aus dem Staub macht.“

Hier liegt die sogenannte Dickleibigkeit nahe, die sich ebenfalls durch die fortschrittliche Geschichte des Vergeudens zieht. So glichen bereits die chinesischen Mandarine – im Grunde nur Beamte – eher Apfelsinen; deutsche Äbte dagegen ihren Weinfässern. Der englische König Heinrich VIII., prunksüchtiger und grausamer Machthaber des späten Mittelalters, fraß sich einen derart mächtigen Wanst an, daß er zunächst nur mit Hilfe zweier Diener, zuletzt vermittels eines Flaschenzuges aus seinem Bett gehievt werden konnte. Daran sehen wir nebenbei, wer in Wahrheit stets die Macht hat: nicht der König, sondern der Glaube an ihn. Während Georg W. Bush gegen unsere bulligen Kanzler Kohl und Schröder nur ein Strich ist, hat er doch die Sorge, in Kürze den „Kampf gegen den Terrorismus“ zu verlieren, weil seine Soldaten aufgrund ihrer durch Hamburger und Cocacola aufgeschwemmten Leiber bewegungsunfähig werden. Ein Blick auf deutsche Schulhöfe läßt hier Schlimmes für den Verteidigungskampf gegen die anstürmenden afghanischen Reiterhorden befürchten. Allerdings ist unter Sozialpsychologen noch umstritten, ob Dickleibigkeit 1. stets auf Fettsucht zurück-zuführen und 2. eher dem Geiz als der Vergeudungssucht zuzuschlagen sei. Sich alle greifbaren Getränke und Speisen an Land ziehen zu müssen, anstatt sie Bedürftigen zukommen zu lassen, deutet in der Tat genauso auf Geiz wie der Zwang, sie sich einzuverleiben, um sie in Form von Ablagerungen für die Mitwelt zu blockieren.

Die Gründe, warum einer dick sein möchte, liegen auf der Hand. Der Fette signalisiert sowohl seinen Wohlstand wie seine Standhaftigkeit im täglichen Überlebenskampf – ja, letztlich seine Unüberwindlichkeit. Machte ihn die Mästung auch hilflos, so wappnete sie den feisten König Heinrich doch gegen das Verschwinden. Denn solange ein Sterblicher etwas zu verschwenden hat, verschwindet er nicht. Die Dicken führen den heldenhaften Kampf gegen den Tod – während ihre gut entlohnten Spione nach den Schlupflöchern spähen, durch die sich die Dünnen in den Untergrund retten.



Zu Wert(schöpfung) siehe auch
>Geld
>Kapitalismus
Subjektivität von Bewertung: im Kapitel Partisanenkampf
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