Freitag, 22. Juni 2012
Ein nobler Preis
Eine Vorfassung erschien 2002 in der Tageszeitung Junge Welt, außerdem in meinem Buch Der Große Stockraus von 2009 enthalten


Bekanntlich läßt er in jedem Herbst, wenn die Blätter fallen, den Aktienkurs einiger Dichter und Denker emporschnellen, wodurch freilich auch der Preisstifter in aller Munde, wenn auch nur in den wenigsten Gehirnen ist. Wir werden ihn uns gleich vorknöpfen. Die Dotierung des von Alfred Nobel um 1900 gestifteten Preises steht gegenwärtig auf über 800.000 Euro je Kategorie. Ich fürchte, nur wenigen der vielen, die schon für den Nobelpreis vorgeschlagen worden sind, wäre er gar zu peinlich. Ein Arthur Koestler, dem niemand mangelhaften Ehrgeiz vorwerfen kann, hätte den Nobelpreis schon deshalb mit Handkuß genommen, weil sich dann seine einnächtige Geliebte Simone de Beauvoir und sein Intimfeind Jean Paul Sartre einträchtig schwarz geärgert hätten.

Sartre selber lehnte den Nobelpreis (1964) erfreulicher-weise ab. Laut Beauvoirs Erinnerungen scheint ihn allerdings nicht die Herkunft des Geldes bedrückt zu haben; ihm ging die politische Instrumentalisierung des Nobelpreises (im Kalten Krieg) gegen den Strich. Jeden-falls darf vermutet werden, Sartre hätte sein Preisgeld wohl kaum in ein neues Badezimmer seiner Villa gesteckt – wie Mauriac. Chruschtschow ist der Nobelpreis nie angetragen worden, obwohl er sich fast so glänzend wie Schiller als Tyrannenmörder in Szene zu setzen verstand. Trotzdem mußte er nicht auf jeglichen Westkomfort verzichten. Beauvoir in ihren Erinnerungen: „Er zeigte uns das Schwimmbad, das er sich am Meeresufer hatte einrichten lassen; es war ungeheuer groß und von einer Glaswand umgeben, die man durch einen Knopfdruck öffnen konnte: selbstgefällig führte er uns das Manöver mehrere Male vor.“

Heinrich Böll und Elias Canetti verweigerten sich 1972 und 1981 dem Nobelpreis nicht. Bei Canetti verblüfft das wenig, ist er doch möglicherweise noch eitler als Chruschtschow und Grass zusammen gewesen. Böll erweckte mit der Kohle eine grüne Stiftung, die sich später als Schmiede glühender Karrieristen entpuppte, wobei Claudia Roth der eigene Nachname zustatten kam. Otto Krätz hat neulich (2002) darauf hingewiesen, in 100 Jahren seien nur 29 Frauen, dagegen 700 Männer eines Nobelpreises für würdig befunden worden. Möge Roth sich also strecken; im Bereich des Friedens ist immer etwas zu machen. Bekanntlich wird der Nobelpreis nicht nur für Literatur vergeben. Zum Beispiel erhielt ihn 1945 (rückwirkend für 1944!) der Chemiker Otto Hahn wegen seiner Verdienste um die Kernspaltung. So weit ich weiß, hatte Hahn die Zeit von 1928 bis Kriegsende recht angenehm überstanden, nämlich als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem. Ein prominenter Instituts-Kollege von ihm war Fritz Haber gewesen, der den Nobelpreis 1918 für die Erfindung des Kunstdüngers eingesackt hatte. Weil das schon fragwürdig genug war, sah man über Habers Beteiligung an der Entwicklung des Giftgases hinweg.

Zwar nahm auch der britische Dramatiker Harold Pinter (2005) den Nobelpreis an, doch war er immerhin mutig genug, in seiner Preisrede die Verbrechen des US-Imperialismus und seiner Spießgenossen anzuprangern. Damit zum Frieden. Mit Preisträger Henry A. Kissinger wurde 1973 auf bis dahin selten dreiste Weise der Bock zum Gärtner gemacht. Christopher Hitchens kam in seinem Kissinger-Buch von 2001 aufgrund neuer Dokumente zu dem Schluß, der US-Außenminister habe den Vietnamkrieg keineswegs beenden, vielmehr in die Länge zu dehnen geholfen. Erwiesen ist, daß Kissinger als Sicherheitsberater des Präsidenten Nixon an den völkerrechtswidrigen Flächenbombardements in Laos und Kambodscha beteiligt war und zu den Drahtziehern jenes Militärputsches zählte, der unter anderem den chile-nischen General René Schneider und 1973 dessen gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende das Leben kostete. In jener Zeit sei Kissinger ohne jeden Zweifel der faktische Chef sowohl der „verdeckten“ Auslandsoperationen wie der Ausspionierung der eigenen BürgerInnen durch die CIA gewesen, läßt sich bei deren Chronisten Tim Weiner (2007) lesen. Was „Hoffnungs-träger“ Barack Obama angeht, gab er im Oktober 2007 vor Fernsehkameras das feurige Versprechen, als erstes werde er die Truppen in Afghanistan nach Hause bringen, falls er zum Präsidenten gewählt werde. Kaum gewählt, verdoppelt er sie. Auch im Einsatz der heimtückischen unbemannten Jagdflugzeuge mit dem Kosenamen Drohnen stellt er seinen Amtsvorgänger Bush weit in den Schatten. Worin läge der Unterschied zwischen Obamas und Hitlers Friedensdemagogie? In der Hautfarbe? 2009 schmeißt man ihm also den „Friedensnobelpreis“ zwischen die strahlend weißen Zähne. 2011 macht er Libyen platt. Der Iran, Syrien und einige Dutzend andere Länder, die ihm nie etwas getan haben, stehen auf der Liste. Hat schon jemand die Toten, Verkrüppelten, Vertriebenen, Durchängstigten gezählt, die dieser gemeingefährliche Hampelmann einer Handvoll multinationaler Konzerne auf dem Gewissen hat?

Auch vom Preisstifter Alfred Nobel her folgt der Kriegs-nobelpreis konsequent der Tradition. Vater Immanuel hatte sich mit Rüstungsgeschäften am Krimkrieg (1853–56) gesund gestoßen; wegen unglücklicher Kräfte-verteilung an diplomatischer Front ging er dann aber trotzdem bankrott. Sohn Alfred half aus der Patsche, indem er das Dynamit erfand. Schon einer der ersten Laborversuche, in einem Schuppen auf dem väterlichen Anwesen im Süden Stockholms im Verein mit wechselnden Mitarbeitern vorgenommen, führte zu einer mittleren Katastrophe. Am 3. September 1864 lagerten 123 Kilogramm Nitroglyzerin im Schuppen. Als der Schuppen um 10 Uhr 30 in die Luft flog, wanderten fünf Personen mit: voran Alfreds jüngster Bruder, der 20- oder 21jährige Emil Nobel, dazu der Ingenieur Hertzman, die Dienstmagd Maria, der Laufbursche Herman und der Tischler Johan Peter Nyman. Einem zeitgenössischen Reporter zufolge waren lediglich „formlose Massen von Fleisch und Knochen“ von ihnen übrig geblieben. Alfred war während dieser Explosion zufällig außer Haus gewesen. Dies alles konnte Alfred nicht daran hindern, eine Aktiengesellschaft zu gründen und für zahlreiche weitere Explosionen zu sorgen, bei denen zunächst die eigenen Fabrikgebäude oder Leute in die Luft flogen. Ab 1866 hatte auch das deutsche Volk an dieser Entwicklung teil: in Hamburg-Krümmel wurde eine Dynamitfabrik eröffnet, die nach dem Ersten Weltkrieg (rund 2.700 Beschäftigte) von der „Weltfirma“ IG Farben übernommen wurde, weil diese bereits den Zweiten Weltkrieg witterte. Allein die „eigenen“ Toten dieses hanseatischen Unternehmens hätten für die Gründung der Deutschen Kriegsgräber-fürsorge (1919) ausgereicht. Im September 1939 sind auf dem zerfurchten Gelände in Krümmel, das später noch durch ein Atomkraftwerk gekrönt wird, 3.124 Menschen beschäftigt. Als stern-Reporter Günther Schwarberg 1986 eine Geschichte über die noble Krümmelei schreibt, wird sie von seiner (in Hamburg sitzenden) Chefredaktion abgelehnt.

Alfreds Goldgrube war der Panamakanal, mit dessen Bau 1879 begonnen wurde. Er verschlang Unmengen an Dynamit – nebenbei auch ungefähr 50.000 vom Gelbfieber dahingeraffte Kanalarbeiter. Nach 10 Jahren ging die französische Baugesellschaft in Konkurs, wodurch tau-sende von Kleinanlegern ihre Ersparnisse loswurden. Otto Krätz: „Einzig Nobel war der große Gewinner.“ Der sah sich nie bemüßigt, auch nur einen Nachruf auf die Opfer seiner skrupellosen Sprengstoffproduktion zu verfassen. Sich selber bemitleidete er als einen verkannten Dichter. Offenbar brachte er niemals etwas Genießbares zu Papier – außer der Unterschrift unter jenes Testament, mit dem er Bares für geniale GeistesarbeiterInnen stiftete, um sich für alle Zeiten in deren Abglanz sonnen zu können. Wer wollte sich guten Gewissens von einem solchen Lumpen aushalten lassen?

Allerdings: 800.000 Euro – das ist schon eine schöne Stange Geld. Das bekommt unsereins, dem die Verschrot-tung des Kapitalismus am Herzen liegt, weder durch Bestseller noch durch Banküberfälle zusammen. Ich ringe mich deshalb zu dem Entschluß durch, den Preis notfalls anzunehmen. Ich stelle lediglich eine Bedingung: ich darf der Verleihung fernbleiben, bin aber bei ihr mit diesem kleinen Text vertreten.
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