Freitag, 22. Juni 2012
Der Klavierhimmel funktioniert
Skizzen aus dem Handwerksleben

Entstanden um 2000. Erstveröffentlichung 2011 in der Zeitschrift Die Brücke, Nr. 157.

Klavierhimmel + Radio Igel + Ein Muster + Polstern + Fröbel + Ein paar Streichhölzer + Teichrosen + Schraub-zwinge


§

Der Chef sieht mich an und nickt zur Kaminecke. Dort haben wir in Kopfhöhe den Wickler des Schnurzugs gesetzt. Ich löse die Schnur. Unterdessen blicken mein Chef und die Dame des Hauses gebannt zur Salondecke, wo der bis dahin gebündelte Klavierhimmel schaukelt. Nun entfaltet er sich, während ich vorsichtig Schnur nachgebe, bis er in eleganter, leicht gewellter Ausladung über dem spiegelnd schwarzen Bösendorfer-Flügel zur Ruhe kommt. Der Klavierhimmel funktioniert.

Mein Chef ebenfalls, denn er läßt sich sein Aufatmen nicht anmerken. Aus „gecrashter“ Seide genäht, scheint sich mit unserem Klavierhimmel die Haut eines Pfirsichs unter der beigen Salondecke zu kräuseln. Meinem Chef winkt ein Scheck über rund 700 Euro aus ihm. Die Dame des Hauses drückt ihr Entzücken durch einen geschmackvollen Aufschrei aus und ruft dann nach „Debbi“, um sie erneut auf den Klavierschemel zu komplementieren. Für ihre 19jährige Magerkeit trägt Tochter Deborah die Nase erstaunlich hoch. Während sie hämmernde Kadenzen aus Liszts Faust-Sonate wiederholt, schlendern wir zu dritt durch die Zimmer und Geschosse der alten Jugendstilvilla, die sich zum Lobpreis der 450 Euro, die hier ein Quadrat-meter Erde kostet, südlich von Darmstadt über der Bergstraße erhebt. Dabei halten der Chef und seine Stammkundin immer wieder inne, um ihre Ohren zu spitzen. Jedesmal nicken sie sich einverständig zu: es klingt jetzt viel gedämpfter! Das nämlich war der Zweck der Erfindung.

Ich trotte hinter den beiden her, sage mir, Einbildung sei auch eine Bildung, und lasse meine Blicke über allerlei alte Bekannte schweifen: Sofas oder Sessel, die ich eigenhändig bezog. Allerdings sind sie mit sogenannten Hussen (Häusern) bekleidet. Es handelt sich um abnehmbare und der Reinigung fähige Schonbezüge, die recht schwierig zuzuschneiden und zu nähen und entsprechend teuer sind. Hier stehen sie den eigentlichen Bezügen der vielen erlesenen Polstermöbel an Kostbarkeit kaum nach. Und da doppelt mehr hermacht, ließ die Dame des Hauses auch die Hussen noch verdoppeln. Solange die mächtigen Bäume in ihrem Bergpark draußen noch kahl sind, weisen all die Sofas und Sessel die Hussen mit der winterlichen Ausstrahlung auf. Die anderen, die fürs Empfinden der Dame des Hauses den Sommer atmen, liegen frisch gereinigt in der Wäschekammer, um ihrer Wieder-auferstehung an Ostern entgegen zu sehen.

„Laßt sie doch!“ hatte sich der Chef die Hände gerieben, als er seinen Leuten den Hussen-Auftrag erläuterte. „Davon leben wir schließlich. Am besten, ich schlage ihr demnächst auch noch Hussen für gute und für schlechte Laune vor ...“

Das war ohne Zweifel hübsch gescherzt. Jetzt finden wir uns wieder unter dem neuen Klavierhimmel ein, um unser Werkzeug zusammen zu räumen. Debbi hat sich bereits zurückgezogen. Der Deckel des Flügels steht schräg. Auf dem Couchtisch liegt das Darmstädter Echo. Zum Weihnachtsfest hatte das Blatt wie immer einen Spenden-aufruf erlassen, um ein paar arme alte Leute mit warmen Socken und einer Dauerwurst erfreuen zu können. Ich wüßte sie unter einem schönen Klavierhimmel zu bewirten. Wenn sie mal müßten, könnten sie dies, mit den Beinen baumelnd, auf dem Rand eines echten Bösendorfers tun.


Radio Igel

Bekanntlich zählt die Stille zu den gefürchtesten Zuständen der Welt. In Büros, Läden, Gast- und Werk-stätten pflegt man sich ihrer bevorzugt mit Radios zu erwehren. Da wird dem empfindsamen Polsterer sogar sein Preßlufttacker zum Schutz und Schirm. Mit der wahllosen verblödenden Dauerbeschallung haßt der Polsterer den Zwangsanschluß an jenen „lärmenden Betrieb, den sie hinterher Geschichte nennen“, wie Ernst Kreuder (1954) in seiner Odenwaldmühle schrieb.

In vielen zähen Kämpfen gelang es mir immerhin, den Lärmpegel unseres Werkstattradios deutlich zu senken. Habe ich eine längere Handnaht zu machen, hole ich mir aus der Schreinerei – wo er über der Kreissäge hängt – den Bügel mit den knallroten Plastikmuscheln an den Enden und stülpe ihn über meine Ohren. Meine Mitgesellen werfen sich vielsagende Blicke zu. Sind sie sämtlich weggerufen worden, quittiere ich dies mit einem erleichterten Hieb auf die Aus-Taste unseres Werkstatt-radios. Jetzt können mir Werkzeug und Werkstoff ihre Melodien vorsingen. Mein leicht gekrümmter, zierlicher Tapezierhammer spielt Specht. Eine zu teilende Bahn Nessel wird zur Ratsche. Während sich in der Hofkastanie die übliche Rasselbande aus Spatzen tummelt, eignet sich unser Schuster-Dreifuß als Triangel. Von einem verstorbenen Sattlermeister hieß es, er habe seinen Stiften eingeschärft, wenn draußen einer am Fenster vorbeigehe, dürfe er nicht merken, daß sich hier eine Werkstatt befinde. Taucht jedoch ein Mitgeselle wieder auf, faßt er garantiert nach 20 oder 30 Sekunden gequält schnuppernd zunächst das Werkstattradio, dann mich ins Auge: „Was liegt denn hier wieder für eine bleierne Stille in der Luft!“ – „Was hast du denn gegen Stille?“ frage ich einmal zurück. Mein Kollege erwidert maulend, das sei doch, als ob man tot sei.

Immerhin erhärtet er damit einen Befund des kanadischen Klangforschers Murray Schafer. Nach dessen Buch Klang und Krach (1977) genießt die Stille in der modernen Literatur einen ziemlich schlechten Ruf. Die meisten Figuren/Menschen empfinden sie als unangenehm oder gar bedrohlich. Die Stille haucht sie bereits mit der Leichenstarre an. Das Seitenstück der Stille ist ersichtlich die Weile oder das Verweilen. Jeder Stillstand aber kommt unter die Räder unseres hochgerüsteten Fortschritts. Werde ich selber auf Montage befohlen, werde ich vom Igel zum Hasen gemacht. Ob im Firmenwagen, beim Kunden im Wohnzimmer oder auf einer Rohbaustelle: Radio SWF 3, Regenbogen, FFH sind immer schon eher da.


Ein Muster

Verfügt ein Handwerksbetrieb zwischen Werkstatt und Büro über eine Treppe, lassen sich vorteilhafterweise von deren Kopf aus Namen oder Befehle zur ebenerdig gelegenen Werkstatt hinunterbrüllen. Wie knifflig deine Arbeit auch gerade sein mag, dein Chef kann dich jederzeit darin unterbrechen. Hieve die Schaumstoffplatten auf den Speicher, zerre den Teppich für Soundso aus dem Keller, fahre den Sprößling zum Reitplatz, überprüfe den Werkzeugkoffer, der noch im Wagen des Chefs liegt. Im Koffer sieht es aus, als habe er ihn am Abschleppseil hinterhergeschleift. Dein Chef ist viel zu teuer, um eine Zange in zwei Laschen zu stecken oder den Deckel des Schraubenfaches zu verriegeln. Für eine Meisterminute hat der Kunde ungefähr 60 Cent zu zahlen. Nimmt dich dein Chef dann als Kofferträger zum Kunden mit, bei dem es Stahlseile für Fenstervorhänge anzubringen gilt, darfst du sogar in die Rolle einer Zahnarzthelferin schlüpfen, die freilich nur geknurrtes und gebelltes Deutsch versteht. „Bohrschrauber.“ „Trägerfuß.“ „Her den Meter.“ Diese Dinge haben im Bruchteil von Sekunden in seinen blind ausgestreckten Händen zu landen, mögen sie auch längst 20 Zentimeter von ihm entfernt auf der Fensterbank liegen.

Dein Chef bellt – und du machst den Hund. In der Tat liebt es unser Chef, vom Kopf der Treppe aus zu rufen: „Mike – bei Fuß!“ Dabei setzt er stets ein Grinsen auf, das Selbst-ironie bezeugen soll. Natürlich liegt ihm nichts ferner. Seine Sache sind Selbstüberschätzung und Selbstgefällig-keit, denn Befehlsgewalt wirkt unweigerlich wie eine Potenzdroge. Zu den Lieblingsphrasen meines Chefs zählt die wegwerfende Feststellung: „Das ist überhaupt kein Problem.“ Wieso auch? Schließlich scheint sich die Welt im Maße seines Bellens oder Fingerschnipsens zu drehen. Er braucht nur sein großes Maul zu öffnen, schon springen seine Leute. Notfalls renken sie ein, was er selber in seiner mit Hektik gepaarten Grobheit verhunzt hat. Denn eine andere Sache ist es ja, an Dingen zu scheitern. Dinge sind für Beschwörungen oder Schmeicheleien so unempfänglich wie für Befehle. Es handelt sich hier um den Unterschied zwischen Politik und Natur, auf den Alain gern hinge-wiesen hat. In der Natur nimmt sich Rhetorik geradezu absurd aus, obwohl wir alle uns mit Nachsicht an Kindern ergötzen, die ihren Tretroller oder ein Gartentor beschimpfen. Mein Chef pflegt in solchen Fällen furchtbar zu fluchen und das Werkstück in die Mangel zu nehmen, als wäre es ein Pferd, das zuzureiten sei. Er ist Aktivist im Reit- und Fahrverein.

Jetzt kehrt er mit eher zufriedener Miene von einem Ausmeßtermin zurück. Bevor er mit seinem Diplomaten-köfferchen die Treppe nimmt, wirft er einen Blick in die Polsterwerkstatt und heftet ihn an das ungefähr drei Meter entfernte Sofa, das ich gerade beziehe. Die Dielen zwischen den Böcken sind von abgeschnittenen Bezugstoffetzen übersät. Ich möge ihm doch bitte – spricht er mich durchaus freundlich an – bevor ich Mittag machte, noch einen Stoffetzen ins Büro hinaufbringen, damit er ein Muster für die Gimpe habe. Und damit verschwindet er auf der Treppe. Er hätte sich bloß bücken müssen.


Polstern

Gehen Sie alle Ihnen geläufigen Handwerksberufe durch, werden Sie darunter keinen finden, der dem menschlichen Körper so nahe kommt wie der Polsterer (oder die Polsterin). Seine Hände formen etwas – sie drücken und tasten, zupfen und schieben, kneten und ziehen; seine Hände liebkosen, schrecken aber auch vor Handkanten-schlägen nicht zurück. Er ist Schneider, Masseur, Chirurg in einem.

Legt er mitunter für eine echte „Heftung“ Roßhaar auf einem Sesselrücken auf und verzupft dieses krause Haar zu prallen karoförmigen Kissen, fallen ihm in der Tat gewisse Doktorspiele ein, die sich auf Heuböden und Speichern zutrugen. Fingerspitzengefühl, Augenmaß und ein Gespür für Formen und Proportionen sollte er besitzen. Bären-kräfte wären auch nicht schlecht. Der Polsterer ist beinahe Bildhauer. Nur arbeitet er nicht am menschlichen Körper, sondern gleichsam an dessen Abdruck. Er sorgt massiv für angemessene Entsprechungen. Im Gegensatz zu unseren Kleidern und Anzügen, die im Grunde hohl sind oder Hohlheit verbrämen, handelt es sich bei unseren Polster-möbeln ebenfalls um Körper. Haben wir auf oder in diesen Möbeln Platz genommen, werden wir wohltuenden Widerstand spüren. Der Polsterer schuf ein auf uns zugeschnittenes Eigenleben.

Dabei wird seine Nähe zum Bildhauer bereits von dem Umstand angezeigt, daß beide das Objekt ihrer Begierde aufzubocken pflegen. So können sie es – statt auf Leitern herumzuturnen oder auf Knieen über Fußböden zu rutschen – mit bedächtigen Schritten umkreisen. Nur gelegentlich zieht sich der Polsterer einen Tritt herbei, um sein frischgarniertes oder weißbezogenes Sofa „durch-zusitzen“. Ohne Chef im Nacken wäre das arg gefährlich. Denn mit dem Bildhauer muß der Polsterer zu den Küstern im Tempel der Ruhe gezählt werden. Ob Schuster, Landwirt, Ingenieur – sie alle wünschen uns auf Trab. Wir sollen möglichst viele Schuhsohlen und Kalorien verbrau-chen. Der Polsterer dagegen lädt uns zu Beschaulichkeit, Muße, Schlaf ein.


Fröbel

Mit seiner Gattin hat er sich wegen der üblichen Blondinen überworfen. Diese hält sich gerade in der Küche auf, aus welcher Mozart perlt. Fröbel steht unter mir, Handy am Ohr. Ich selber kröne unsere Stehleiter aus Leichtmetall, beladen mit erlesen abgefütterten und besetzten Vor-hängen aus Seide. Mein Kollege Achim hat hier soeben eine Messingstange angebracht, für die ich ein erstklas-siges neues Billardqueue bekäme. Aber Fröbel spielt natürlich Golf. Beim Telefonieren verfolgt er aufmerksam und wohlgefällig unser Werk der Verschönerung in der Mannheimer Stadtvilla der erwähnten Blondinen, die vermutlich den silberfarbenen BMW Z 3 fährt, der draußen neben Fröbels schwarzem Audi 8 steht.

Solche Wagen beherrschen auch den Parkplatz eines Heidelberger 5-Sterne-Hotels, das zwar noch immer Fröbel gehört, aber nicht mehr von seiner Gattin geführt wird. Dafür warf ihn diese aus der gemeinsamen Wohnung. Also schlupfte Fröbel in dieser etwas schäbigen Stadtvilla unter, um deren standesgemäße Aufwertung Achim und ich seit Stunden bemüht sind. Unser Chef ist langjähriger Hausausstatter von Fröbels Luxushotel; so edel wie dort muß es nun auch hier werden. Allerdings kommt ein Unglück selten allein. Kaum sah sich Fröbel den Trümmern seiner Ehe gegenüber, nahm ihn die Wirtschaftskrise in den Würgegriff. So warten seine Lieferanten oder HandwerkerInnen vergeblich auf die Begleichung ihrer Rechnungen. Nur meinen Chef wagte Fröbel nicht zu verprellen, zehrt doch sein Hotel ein wenig auch von dessen Ruf als Dekorations-Genie. Vermutlich trifft er in seinem bulligen Offroader gleich ein, um die entscheidenden Falten zu drapieren. Dafür sah sich Fröbel plötzlich außerstande, ausgerechnet seinen niedrigsten Angestellten die Gehälter pünktlich auszuzahlen. Wie mir erst letzte Woche ein Hausbursche steckte, halten er und andere Lakaien inzwischen schon seit drei Monaten ohne Bezahlung durch. Fröbel vertröstet sie eben auf morgen; anketten tut er sie nicht.

Übrigens ist der betuchte Pinkel rein zufällig nicht nur Hotelier, sondern auch Rechtsanwalt. Somit dürfte er schon wissen, wie einer seine Schäfchen ins Trockene bringt. Er bewundert mich nach wie vor und telefoniert auch immer noch – hoffentlich nicht mit der Berufs-genossenschaft. Denn vor lauter Seidenvorhängen, die mich raschelnd umwehen, bin ich ja kaum noch zu sehen. Das gilt bestimmt als fahrlässig. Wie leicht könnte ich ausgleiten, von der Leiter stürzen, Fröbel ins Parkett seiner Geliebten rammen! Meinen Chef gleich mit.


Ein paar Streichhölzer

Die Mission beginnt, wie sie enden wird: mit Flüchen. Denn die Ratschen greifen nicht. Alle Verschraubungen sind eingerostet. Auch mit der Sprühdose lassen sie sich nicht erweichen.

Der Chef rennt wieder weg, um eine große Flex zu besorgen, eine Art Handkreissäge für Metall. Damit werden wir die verschraubten Halterungen kurzerhand abtrennen. Aber was heißt hier wir? Als sie da ist, über-nehme ich die Flex freiwillig, weil ich der einzige Brillen-träger der Belegschaft bin. Eine Schutzbrille gegen die Funken war in der Eile nicht aufzutreiben. Ungefähr 40 Halterungen dürften es sein. Während ich sie von der Stehleiter aus in Angriff nehme, folgen mir Achim und der Chef auf den Fuß, um die Querträger und Pfosten abzuschlagen. Es handelt sich um das Stahlgerüst eines großen Wintergartens, der nicht mehr erwünscht ist. Zwar sind wir Raumausstatter & Restauratoren, keine Abbruch-arbeiter, aber das Grundstück gehört dem Busenfreund unseres Chefs, da drückt man schon mal ein Auge zu.

Nach der Schutzbrille zeigt sich bald ein weiteres Desiderat: an der Flex fehlt der rechtwinklig abstehende Haltegriff. Und da sie kein Fuchsschwanz ist, muß ich sie wie im Schraubstock halten. Sie ruckt und sprüht und kreischt und wiegt nach einem Dutzend Halterungen bereits 12 Kilogramm. Kaum bin ich glücklich durch, erscheint der Lkw eines Mannheimer Schrotthändlers auf dem Hof. Wie sich herausstellt, ist er pünktlich auf die Minute – im Gegensatz zu uns. Denn rund ein Drittel des Stahlskeletts ist noch abzuschlagen. Zudem verkündet der Lkw-Fahrer nach einem kurzen Blick auf die Querträger, die nähme er nicht mit. „Die sind mindestens drei Meter zu lang. Meint ihr, ich wollte beim Abbiegen die Bürgersteige abmähen?“

Offenbar ist die Frage der erforderlichen Länge des Transportfahrzeuges nicht mit dem Schrotthändler erörtert worden. Doch dessen Fahrer läßt Milde walten. Er habe noch einen anderen Kunden in unserer Gegend. Er nickt auf die Träger und knurrt: „In einer Dreiviertel-stunde bin ich zurück, dann habt ihr die Dinger zerlegt!“

Während er seinen Laster zurücksetzt, faßt der Chef zunächst die Flex, dann mich ins Auge. Ich winke mit einer Verwünschung ab. Immerhin ist die Flex noch warm, wie ich beim Einschalten feststelle. Während der Chef und Achim die restlichen Träger und Pfosten abschlagen, gehen mir rasch die neuen Probleme auf. Es sind keine Böcke, Kisten, Stühle vorhanden, um die Träger – an vier Punkten – sicher aufzubocken. Ich kann sie nur auf ein Mäuerchen stützen. So habe ich wie ein Luchs aufzupassen, daß mir die Hälften der zertrennten Träger nicht die Schienbeine halbieren. Ohnehin scheint die routierende Trennscheibe es zu lieben, sich in der handhohen Schnittstelle des Trägers zu verkanten. Ich halte sie krampfhaft fest – nur nicht an dem vermißten Griff. Nach 20 Minuten bin ich bereits gerädert. Meine Arme drohen schlicht zu versagen. Mein Hemd ist klatschnaß. Habe ich Glück, wird mir die Sache bloß einen „Hexenschuß“ eintragen.

Kaum will ich nach Ablösung brüllen, eröffnet mir der Chef, er müsse jetzt mit Achim dringend zum Kunden Soundso. Immerhin hat er die großartige Idee, ich könne ja den Schrottfahrer bitten, mich vor unserer Firma abzu-setzen. Ein Krankenwagen wäre mir lieber. Als der Schrottfahrer eintrifft, habe ich noch vier Träger zu zertrennen. Doch jetzt platzt mir der Kragen. Ich fluche, schalte die Flex aus und belle, ich rührte keinen Finger mehr.

Der Schrottfahrer erfaßt die Lage auf einen Blick. Er ist ein barmherziger Samariter und ein schlauer Kopf. Er nimmt mir die Flex ab und nickt auf die Trägerhälften, die einen mindestens kniehohen Stapel bilden: „Na los, mach schon! Schmeiß die Dinger auf den Wagen – bis du fertig bist, habe ich die paar Streichhölzer durchgesägt.“ Darauf geht er zum Führerhaus seines Lkws, um sich durch das heruntergekurbelte Seitenfenster einen Gegenstand vom Armaturenbrett zu angeln. Wie ich wütend erkenne, handelt es sich um eine Sonnenbrille. Die hätte natürlich auch der Chef im Wagen gehabt. Sie hätte ihm, notfalls auch Achim, beim Flexen gut gestanden.


Teichrosen

Als Raumausstattermeister, Restaurator, Schmeichler ein As, hat mein Chef den entsprechenden zahlungskräftigen Kundenkreis. Die Bergstraße ist dafür das geeignete Pflaster. In jeder zweiten Villa sitzt ein hohes Tier. Als die 17jährige Tochter eines Merck-Managers (Pharmazie), die bei klarem Wetter die Türme des Wormser Doms hätte zählen können (fünf), vom Grufti-Ruf ereilt wurde, schwärzte sie eigenhändig ihre Zimmerwände, fand aber erst Ruhe, als wir auch die Heizkörper umlackierten und schwarze Innenjalousien anbrachten. Die Fensterscheiben zu streichen, wäre lohnkostengünstiger gewesen. Ein Dr. Soundso, der nach Feierabend bevorzugt in einem von mir restaurierten Napoleon-III-Armlehnstuhl aus Nußbaum sitzt, ist der Vizepräsident der Frankfurter Bundeszentral-bank, wohnt allerdings im Grünen. Da heißt es sich vorher stets kämmen, wegen der Überwachungskameras.

Der Erfindungsreichtum meines Chefs erweist sich gleichermaßen verblüffend am Werkstück wie auf Kundenfang. Jetzt hat er mit Maler P. eine gemeinsame „Vernissage“ auf dessen verwunschenem Mühlengrund-stück ausgeheckt. So karren wir am gewählten Juni-wochenende mit unseren Lieferwagen Antiquitäten und Dekorationen im Wert von rund 100.000 Euro in den Odenwald, um damit des Malers Bachufer, Kräutergarten, Hofpflaster, Scheune zu verzieren. Während sich ein zebraartig bezogenes „Hirschsofa“ vom Bootssteg aus auf die gelben Teichrosen zu stürzen droht, schaukeln in den Eschen bunte Kissen und Tapetenbahnen wie Papageien. Unter der Hoflinde demonstriert Geselle R. die „Pikierung“ eines Stuhlpolsters mit Roßhaar. Die an der Landstraße aufgefädelten Limousinen der steinreichen Kunden lassen gerade noch die Lokalpresse vorbei.

Der eher stümpernde Maler entpuppt sich als begnadeter Tenor, in dessen Atelier das Klavier nicht zufällig auf dem Podest steht. Mit betörendem Silberklang zieht er die Müllerinnen oder Monde aus dem Schubert. Alle Rotkehlchen werden vor Neid ganz gelb. Unsere Chefin schlägt ihre Augen dankbar zum Abendhimmel, weil Gott an diesem Tag nicht eine Träne der Rührung vergoß. Er segnete ausgefallene Geschäftsideen schon immer.


Schraubzwinge

Betrüblicherweise wird dieses bekannte Befestigungsmittel namens Schraubzwinge ab ungefähr 70 Zentimeter Länge unbeherrschbar, sofern man allein ist und lediglich zwei Hände hat. So springt sie zum Beispiel von einem zu verleimenden Armlehnstuhl (mitsamt den gekerbten Andruckklötzen) 27 mal wieder ab. Beim 28. mal wirft man sie daher wutentbrannt auf die Dielen des Werk-stattbodens, von wo aus sie freilich zurückspringt. Hat man Glück, durchschlägt sie einem nicht das Schienbein, sondern verpaßt einem nur einen Denkzettel in Form eines Blutergusses. Ich gestehe, ich hätte sie umbringen können! Oder sie mich. Was wir die Tücke der Objekte nennen, kennt bekanntlich keine Grenzen.

Psychologisch geschulte LeserInnen werden freilich argwöhnen, mein Strafbegehren habe gar nicht der Schraubzwinge gegolten. Vielmehr hätte ich diese wahl-weise nach Chef, Vater Staat, Mutter Natur, dem System, der Geworfenheit in die Welt oder nach meiner Geliebten geschmissen, die mich kürzlich verlassen hat. Dieser treulosen Beißzange wollte ich's wohl mit der Schraub-zwinge zeigen!

Nun, es dürfte im Grunde egal sein. Ob sich nämlich unser Zorn gegen harmlose Gebrauchsgegenstände oder gegen durchtriebene Angehörige, Hunde, Vorgesetzte richtet: er gilt stets einer Verweigerung. Sowohl die Schraubzwinge wie die abtrünnige Geliebte verweigern ihren Gebrauch. Auch der Politiker, der in durchaus bejahendem Zeitgeist einen Erlebnispark einweiht, ergrimmt mich durch ein „Nein!“ – mir wäre die Erhaltung eines Sumpfes, in dem sich Ringelnattern und Regenpfeifer tummeln, lieber gewesen. Der Zorn raucht stets aus dem Schlund eines Ichs. Das möchte die Welt so und so haben, doch leider ist die Welt nicht so.

Hier wird man natürlich einwenden, dies sei kindisch. Das ist nicht falsch. Ich bin imstande, abspringende Schraub-zwingen oder zusammengebackene Briketts auf der einen und Kinderstuben oder Bundeskabinette auf der anderen Seite mit der gleichen Inbrunst zu verfluchen, weil sie die gleiche Zumutung darstellen. Sie werden mir vorgesetzt; ich bin von ihnen abhängig; ich kann sie kaum beein-flussen. Meine Ohnmacht und Kränkung ist in allen Fällen die gleiche. Sogar das Vermögen, beispielsweise Allmacht, Unverwundbarkeit, Freiheit zu denken, wurde mir aufgezwungen. Nur die Freiheit selber enthielt man mir leider vor.



Siehe auch
Kapitel „Schöne Ehe“ (Handarbeit) und „Zollstock“ (Maße) in Öl fürs Herz, im Beitrag nach der Mitte
Kapitel „Die Rose“ (Handarbeit) in Klappe zu, im Beitrag nach der Mitte
Kapitel „Motorsense“ (Handarbeit) in Trotz & Töne, in der 1. Hälfte des Beitrags
ABC-Kapitel Innenarchitektur
Übergänge im Handwerk
Not als Tugend im Handwerk
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