Freitag, 22. Juni 2012
Rudis Restekiste
Erstveröffentlichung 2006 in Nr. 141 der Zeitschrift Die Brücke, außerdem in meinem Buch Der Große Stockraus von 2009 enthalten


Wer dem vielbemühten Begründer der sogenannten Anthroposophie Rudolf Steiner auf den Zahn fühlen will, läuft Gefahr, sich am Berg seiner Bücher die Zähne auszubeißen. Gegen Steiner geht selbst ein Georg Simmel noch als Dichter durch. Steiner schreibt äußerst unan-schaulich, umständlich, hölzern. Von so etwas wie Sprach-gefühl ist Steiner so weit entfernt wie der Andromedanebel von der Erde. Die Entfernung beträgt ungefähr 2,5 Millio-nen Lichtjahre, wobei bereits ein Lichtjahr 9,46 Billionen Kilometer mißt. Bei Galaxien wie unserer Milchstraße oder dem ihr benachbarten Andromedanebel handelt es sich bekanntlich um riesige Sternhaufen. Steiner liebt kosmische Dimensionen, die Substantivierung und allerlei Wortungetüme, die uns wie Wagners Drache das Hirn aus dem Schädel blasen. Im ganzen ist Steiners Wortschatz auffallend und schmerzlich dürftig. Möglicherweise hat er diese Armut aus dem „vollen Seelenleben“ bezogen, das er sich öfter bescheinigt.

Der Kern seiner Lehre ist im Nu umrissen. Selber Idealist, reserviert Steiner den Materialismus – wenn auch getreu der in beiden Lagern beliebten Fortschrittsidee als Höherentwicklung – für die Mineralien, Pflanzen, Tiere. Nur das Wesen des Menschen wird durch das Denken ausgemacht. Konsequent genug ins Übersinnliche vorgetrieben, schließt dieses Denken das einzelne Ich mit dem Hegelschen Weltgeist, dem Kosmos und dem Strom aller vergangenen und kommenden Zeiten kurz. „So hat sich der physische Erdenplanet herausentwickelt aus einem geistigen Weltwesen“, ist aus Steiners Buch Die Geheimwissenschaft im Umriß von 1910 zu erfahren. Der Mensch gilt ausdrücklich als Krone der Schöpfung. Allerdings wird der einzelne Mensch – verblüffenderweise auch der Planet Erde, wie Steiner weiß – mehr oder weniger oft wiedergeboren. Auch hierin geht es von Nieder nach Höher. Hinken Sie beispielsweise von Kind auf, brauchen Sie nicht zu verzweifeln; Sie müssen nur ein wenig Geduld haben. Am Ende winkt die Vollkommenheit. Um diese aus der peinlichen Nähe solcher bekannten Phänomene wie Gott, Heiliger Geist, Nirwana zu rücken, mußte Steiner ungefähr 150 Bücher schreiben. So lenkt er auch von seiner engen Verwandtschaft mit Leuten wie Platon, Schopenhauer, Ludwig Klages ab.

Klages – 10 Jahre jünger als Steiner – verlegt das Über-sinnliche in unsere „Seele“, während er den „Geist“ der materialistischen Teufelei zeiht. Vielleicht gingen um 1900 so viele Kosmogonen und Priester um, weil die kommuni-stischen Gespenster zu handfest zu werden drohten. Immerhin hält Steiner bei allem Versteckspiel Jesus Christus hoch. Deshalb heißt die erbauliche Abteilung der Anthroposophen nicht Waldorf-, vielmehr Christen-gemeinde. Pädagogik und biodynamische Landwirtschaft, Salbenzubereitung und Geldinstitute unter dem Zeichen eines Mannes zu betreiben, der sich bereitwillig an ein Kreuz nageln ließ – da braucht es viel Kredit. Gewiß haben wir in Steiner weder den ersten noch den letzten Denker, der aus Furcht vor der Freiheit (Erich Fromm 1947) zum Glauben zurückkehrt. Doch nicht jeder ist so schlau, seiner religiösen oder mystischen Wegweisung den Anstrich von Rationalität, Naturwissenschaft, Beweisbarkeit zu geben. Damit fußt sie nicht mehr auf Wünschen oder Bekennt-nissen, sondern auf „Tatsachen“. Der Glaube wird laborfähig.

So mancher Chemiestudent wäre allerdings von der Dreistigkeit erstaunt, mit welcher Steiner ein ums andere Mal Phänomene, die er soeben vermutet oder behauptet hat, nach wenigen Absätzen (und Ablenkungen) als bewiesen hinstellt. Vielleicht würde er sogar von Steiners Neigung zur Roßtäuscherei sprechen. Dabei gefällt sich Steiner in der Rolle des geduldigen Onkels, der nicht nachläßt, den fehlgeleiteten Kindern gut zuzureden; den anderen Kindern schmeichelt er gern, indem er sie unablässig der „Vorurteilslosigkeit“ für fähig hält. Der onkelhafte Tonfall ist wichtig um zu unterstreichen, daß Steiner nur „scheinbar abstrakt“ spricht. Das „Nebulose“ gewisser Mystiker verurteilt er entschieden. Er haßt Phantasten. Er nämlich spricht aus „vollem seelischen Leben“, aus „gesunder Seelenverfassung“ oder „gesundem Sinn“. Er spricht wahr, weil er sich „unbefangener Seelen-beobachtung“ befleißigt. Das Wort unbefangen kommt in jedem fünften Satz vor; es meint auch Unverdorbenheit, wodurch es sowohl Steiner wie seine LeserInnen adelt.

Solche stinkenden Beteuerungen machen Steiners Tatsachen und Beweise aus. Da wundert es einen kaum, wenn die Ausdrücke „gemäß der Naturforschung“ und „wissenschaftlich“ zu Steiners Lieblingswörtern zählen. Lassen wir ihren namensgebenden Pleonasmus einmal unberücksichtigt, ist an Steiners Anthroposophie („Menschenweisheit“) gar nichts neu. Siegfried Kracauer weist schon 1921 (in der Frankfurter Zeitung) auf die „Synkretismen“ dieser Lehre hin – es handle sich um ein Gemenge aus allen möglichen Religionen und Mysterien, Aberglauben und Weisheiten. Eine Bekannte von mir, die in ihrer Kommune mit einer Waldorflehrerin zusammen leben muß, sprach einmal von einem verworrenen Schwarzalbenreich, das sie an Richard Wagners pompö-sen Ring erinnere. Möglicherweise sei Steiner der einzige Mensch, der in den unzugänglichen dunklen Gefilden, die er vor uns ausbreitet, einigermaßen durchblickte. Nun ja, das könnte immerhin erklären, warum er sich die unge-heure Mühe ihres Erschaffens machte – um selber als Lichtgestalt dazustehen.

Die Bücher von Colin Wilson (1985) und Christoph Lindenberg (1992) sind nicht dazu angetan, diesen Verdacht zu entkräften. Für ein sorgfältiges Urteil liefern sie allerdings entschieden zu wenig Material. Beide Autoren sympathisieren mit der Lichtgestalt. So unter-nehmen sie auch beide keinen ernsthaften Versuch, die Lehre Steiners mit dem Menschen Steiner zu konfron-tieren. Insbesondere von Steiners Kindheit erfährt man so gut wie nichts – jedenfalls nichts Triftiges. Wenn Linden-berg Steiners Mutter „schweigsam“ nennt, ist es schon viel. Beziehung zum Vater? Der Bahnbeamte spornt Rudi zum Lernen an. Dies bei Wien in ländlicher Idylle. Wer jemals als Dorfpimpf leidenschaftlich gern gehänselt worden ist, kann hier eigentlich nur Unheil wittern. Wilson rückt immerhin – über seine Darstellung verstreut – mit einigen Charakterzügen Rudolf Steiners heraus. Steiner könne seine Gefühle nicht zeigen. Sinnenfeindlich. Man habe den Eindruck, er könne nicht aufhören zu denken; er denkt pausenlos. Ein Umstand übrigens, der dem erwähnten Ludwig Klages quälende Schlaflosigkeit bescherte. Mit der Realität habe Steiner enorme Schwierigkeiten. Er spaltet sie ab; Weltflucht. Als er zum Führer der Bewegung wird, errichtet er „eine Mauer der Distanz“ um sich. Seine erste Frau ist erheblich älter als er; Mutter. Seine zweite Frau – Marie von Sivers – erklärt es zu Steiners Aufgabe, „geistiger Führer der Menschheit“ zu sein. Wie wir wissen, stellte sich Steiner dieser Aufgabe. Denn zwar war er klein, schmächtig und schüchtern, aber sehr ehrgeizig, wie Wilson immerhin ebenfalls erwähnt.

Bleibt noch das berüchtigte „Charisma“, das Steiner immer wieder bescheinigt worden ist. Auch von Stefan Zweig zum Beispiel, der ihm um 1900 in Berlin begegnete, wie er in seinem Lebensrückblick Die Welt von gestern mitteilt. Seine Schilderung findet sich auch im Anhang von Lindenbergs Buch; allerdings geht Lindenberg lieber nicht so weit, Stefan Zweigs Resümee gleichfalls zu zitieren. Es lautet: „Ich maße mir kein Urteil über die Anthroposophie an, denn mir ist bis heute nicht deutlich klar, was sie will und bedeutet; ich glaube sogar, daß im Wesentlichen ihre verführende Wirkung nicht an eine Idee, sondern an Rudolf Steiners faszinierende Person gebunden war.“ Leider sind Unterwerfungs- und Verehrungssucht in sämtlichen ideologischen Lagern verbreitet. So etwas wie Charisma hatten oder hätten schließlich auch Leute wie Ludwig Klages, Hitler und Stalin, John F. Kennedy, Joschka Fischer oder die sozialistische Prinzessin Sahra Wagenknecht zu bieten. Sie sind Überredungskünstler-Innen. Bedürftig, wie sie offenbar sind, beschwören sie uns, ihnen Glauben zu schenken – ihnen zumindest einen kleinen Vertrauensvorschuß zu gewähren. Auch nach längerem Nachdenken fällt mir nicht ein Führer ein, der kein Scharlatan und kein Neurotiker gewesen wäre. Selbst unter den Philosophen lassen sich selten gefestigte, nämlich weder nach innen noch nach außen betrügerische Exemplare finden.

Fromm weist in seiner erwähnten Untersuchung darauf hin, für eine trotzige, lebensfeindliche Grundhaltung sei in nicht wenigen Fällen verdrängte Feindseligkeit gegen den eigenen Vater verantwortlich. Im Falle des galligen Arthur Schopenhauers mit seiner schwärzlichen Lehre mag es eher die eigensüchtige Mutter gewesen sein. Sigmund Freud hatte kurzerhand von einer starken Anziehungskraft zwischen persönlichen Ängsten und einer „pessimistischen Auffassung der Dinge“ gesprochen. Mir macht nämlich niemand weis, die Anthroposophie oder irgendwelche anderen Heilslehren, esoterischen Schulen, „spirituellen“ Strömungen faßten die Dinge positiv auf; dann bedürfte es ja ihrer obskuren Jenseitigkeit nicht.

Reiten linke KritikerInnen gern auf einigen rassistischen oder gar faschistischen Äußerungen Steiners herum, halte ich es für überflüssig. Die irrationale, autoritätsgläubige und gleichmacherische Wirkung seiner Lehre genügt für die Empfehlung, um jede Waldorfschule einen möglichst großen Bogen zu machen. Ehemalige SchülerInnen und andere Autoren haben diese Wirkung ausführlich beschrieben; ich nenne nur Elisabeth Voß (im Kommune-buch, Göttingen 1998), Guido und Michael Grandt (1999), Sybille-Christin Jacob/Detlef Drewes 2001. Danach werden in diesen so praktisch, so handwerklich ausge-richteten Schulen gehorsame Gliederpuppen geschnitzt. Wen wundert es, wenn die Waldorfschulen staatlich subventioniert und von mindestens jedem zweiten Bundespräsidenten gelobt werden? Gauck wird es natürlich auch wieder tun. Marionetten zu Marionetten.
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