Donnerstag, 21. Juni 2012
Kuhlotterie
Umfang gut 20 Druckseiten. Auszüge erschienen 2000 in Nr. 38 der Zeitschrift Zeichen & Wunder.


Alma + Milchmann (Komik) + Sarkasmus + Hofkinder + AugeneinsetzerInnen + Das Deltoid + Circus Herkules + Aglaja Veteranyi (1962–2002) + Geschwister Weisheit + Johann C. F. GutsMuths (Sport) + Springreiten + Misfit-neßcenter + Wladimir W. Smirnow + Leonid Jengibarow + Weites Feld



Alma

Der Zufall lenkt meine Wanderschuhe zum Sportplatz der TSG Hinterschwänzingen. Laute Blechmusik lockte mich an. Wie ich sehe, feiert der glorreiche Spielmannszug des Sportvereins sein 75jähriges Bestehen. Aber was im Au-genblick gespielt wird, ist mir nicht ganz klar.

Soweit sie nicht dem Bratwurst- und Bierstand oder um-liegenden Gebüschen zustreben, umlagern die Musikanten und ihre zahlreichen Gäste ein Spielfeld von doppelter Tennisplatzgröße, das mit Stäben und rotweiß schraffier-tem Plastikband abgesteckt worden ist. Die Leute schmat-zen, schwatzen, lachen, trinken sich zu, haben freilich stets ein Auge auf die Kuh. Diese strahlt wenig Begeisterung aus. Stakt sie ein paar Schritte, um den dürftigen Sport-platzrasen zu untersuchen, wirkt sie umso verstörter, wenn sie dann wieder ins Publikum äugt.

Wie mir freundlicherweise ein schon grauhaariger Einheimischer mit Goldenem Sportabzeichen am Revers erläutert, bestreitet Kuh Alma das Spiel gewissermaßen allein – ohne sich allerdings über ihre Rolle im Klaren zu sein. Die VeranstalterInnen unterteilten das Spielfeld in 200 gleich große Quadrate. Die gedachten Linien, die jederzeit durch Schnurschlag nachvollzogen werden können, sind durch Pflöcke am Spielfeldrand markiert. Zwischen diesen Pflöcken stecken kleine Tafeln mit Buchstaben oder Zahlen, die es gestatten, jedes Quadrat – wie bei einem Schachbrett – genau zu bestimmen. Gegen fünf Euro Einsatz wurden sämtliche Quadrate vor der Ziehung unter die Einheimischen gebracht. Man bediente sich dabei der Form der Verlosung, weil die äußeren Quadrate ohne Zweifel benachteiligt sind. Dort drängelt sich das Publikum. Es würde nur einen Volltreffer geben, so ist es vereinbart worden. Dabei soll der Gewinn zu gleichen Teilen an den von Alma auserwählten Quadrat-besitzer und den glorreichen Spielmannszug gehen, jeweils 500 Euro.

Ich habe Glück. Wie mir mein Gewährsmann versichert, hat sich die Ziehung dieser Kuhlotterie schon über anderthalb Stunden hingezogen, doch kaum bin ich ins Bild gesetzt worden, sprutzt der Segen. Die Leute johlen bereits, bevor er sich als Fladen auf dem siegreichen Quadrat ausgebreitet hat. Es ist P-7! Nun prasselt der Beifall. Er gilt genauso dem Glückspilz, der auf die Schultern gehoben wird, wie der schwarzweiß gefleckten Glücksfee Alma, die für mein Empfinden allerdings nicht sonderlich erleichtert wirkt. Gäbe sie heute abend saure Milch, könnte es ihr wohl keiner verübeln.

Die Möglichkeiten, sich als Zweibeiner auf vergleichsweise billigem Wege etwas Vergnügen zu verschaffen, scheinen unbegrenzt zu sein, sage ich mir, während mich die Posaunen und Piccoloflöten wieder Richtung Wald blasen. Ich schreibe eben.


Milchmann

In meiner Kindheit zählte er zu den hochangesehensten Krämern, weil er das Privileg besaß, mit Hilfe eines Schwengels statt schnödem Wasser Milch aus seiner Zapf-säule zu pumpen. Sie ergoß sich in herrlichen Schwällen in die mitgebrachten Milchkannen. Da diese Behälter mit umlegbaren Henkeln aus Blech waren, schepperten sie dabei auch recht hübsch.

Vorher, auf dem Weg durch die Straßen, dröhnten sie geradezu, lag doch nichts näher, als die paar Groschen Milchgeld in der leeren Kanne zu verstauen statt Gefahr zu laufen, sie aus den ewig löchrigen Hosentaschen zu verlieren. Die Kanne schlackerte selbstverständlich. Vielleicht wurde sie sogar in ein Glücksrad verwandelt um zu erproben, welche Fliehkraft erforderlich sei, um die Groschen auch in den Höhenlagen am Kannenboden zu halten. Pimpfe wie ich träumten freilich eher mit offenen Augen und vergaßen das Geld. Von dieser Sitte aus den 1950er Jahren leitet sich die Verhöhnung von Einfalts-pinseln mit der Metapher ab, solche wie der oder diese ließen beim Milchholen das Geld in der Kanne liegen.

Allerdings sind Milchmänner, die sich die klingende und winkende Einnahme selber mit Milch zuschütten, nur schwer vorstellbar. Auch sie hatten sich gegen den tendenziellen Fall der Profitrate zu stemmen. Hat auch der Witz ein Gesetz? Ja, er erwächst stets aus Widersprüchen. Im Kapitel „Humor und Witz“ seines Buches Der Mensch – Irrläufer der Evolution erläutert Arthur Koestler, um uns zum Lachen bringen zu können, müßten die betreffenden Situationen oder Ideen „in zwei autarken, aber unvereinbaren Bezugsrahmen oder assoziativen Kontexten“ wahrnehmbar sein. In unserem Fall: eine Milchkanne ist keine Geldbörse. Oder im Falle Leons, der in meinem Zwerglied Brettrag durch ein Astloch des Brettes späht, das er vorm Kopf hat: in einer Metapher für Dummköpfe kann kein Astloch sitzen. Schon ein billiger Ostfriesenwitz zündet allerdings mehr. „Warum haben die Ostfriesen beim Grasen immer rote Socken an? – Damit sie sich nicht in die Füße beißen.“

Hier beißen sich sozusagen zwei Ernährungsweisen, die unzulässigerweise in einen Topf geworfen werden, die von Mensch und Rind. Koestler spielt das Muster, das er fand, nicht nur an einigen Witzen durch – es scheint tatsächlich in allen Wechselfällen der Komik wirksam zu sein. Dabei kommt es nicht darauf an, ob wir uns prustend auf die Schenkel klopfen oder lediglich schmunzeln. Auch jede Erheiterung folgt nach Koestler stets demselben Muster. Es geht um eine Kluft zwischen Logik und Gefühl. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Kampf zwischen dem Schönen (Normalen) und dem Häßlichen (Unnormalen), den F. G. Jünger als maßgeblich empfand, wie ich in diesem Porträt gezeigt habe. Jede komische Situation baut zunächst Spannung auf. Doch durch jenen unvermittelten „Sprung“ in einen anderen Bezugsrahmen wird unsere Erwartung enttäuscht. Die mit ihr verbundenen Gefühle „sind plötzlich überflüssig und werden auf dem Weg des geringsten Widerstands mit Lachen freigesetzt“. Wie zahlreiche Denker vor ihm betont Koestler dabei, diese beim Lachen gelösten Emotionen enthielten immer ein aggressives Element. „Aber Aggression und Furcht sind Zwillingsphänomene.“ Deshalb lache ein Kind auch dann, wenn sich eine vermeintliche Gefahr verflüchtige. Das kläffende Hündchen hat keine bösen Absichten: es wedelt ja mit dem Schwanz.

Oft stammten die angestauten Emotionen aus unbewußten Quellen, so Koestler weiter. Neben uneingestandener Angst zum Beispiel verdrängter Sadismus, sexuelle Energie, sogar Unmut aus Langweile, wie sich in allen Schulen an jähem, brüllendem Gelächter über irgendeinen trivialen Zwischenfall zeige. Wie hieße also das Gesetz, das uns in komischen Situationen lachen läßt?

Koestler erwidert kühn, wir lachten, weil unsere Emoti-onen träger und hartnäckiger seien als unsere Vernunft-prozesse. Affekte könnten nicht mit Argumenten oder Einsichten Schritt halten. „Wenn wir unsere Stimmungen so schnell ändern könnten, wie wir von einem Einfall zum nächsten hüpfen, wären wir Gefühlsakrobaten. Da wir aber nicht dazu imstande sind, werden unsere Gedanken und Emotionen häufig voneinander getrennt. Was sich durch Lachen entlädt, sind vom Denken verlassene Gefühle. Wie wir gesehen haben, sind Emotionen wegen ihrer größeren Wucht nämlich nicht fähig, dem plötzlichen Sprung der Ideen zu einer anderen Art der Logik zu folgen; sie neigen dazu, ihren Weg in gerader Linie fortzusetzen. Ariel führt Caliban an der Nase: Der eine springt auf einen Zweig, der andere prallt an einen Baumstamm.“

Solche Unfälle, die sich dialektischen Winkelzügen verdanken, machten unseren Urahnen kaum zu schaffen, waren doch im Neandertal Gefühl und Verstand noch ins selbe Gemüt gebettet. Das soll nicht heißen, es sei damals besonders gemütlich gewesen. Im Gegenteil, die Gemüter wurden unablässig von Furcht und Schrecken gequält, wie etwa Lewis Mumford und Jost Herbig mit guten Gründen gezeigt haben. Die Emotionen unserer Urahnen ließen sich von jener geraden Linie nicht so leicht abbringen. Mit an-deren Worten, man hatte im Neandertal nichts zu lachen. Das Ventil für Lachsalven – so Koestler sinngemäß – konnte sich erst entwickeln, als die Vernunft ein gewisses Maß an Unabhängigkeit von den „blinden“ Trieben der Emotion erreicht hatte.

Dies muß auf den Atollen der Südsee spätestens 1816/17 der Fall gewesen sein, erfreut sich Weltumsegler Chamisso doch ausdrücklich am fröhlichen Wesen der dortigen InsulanerInnen. In diesem Zusammenhang schwingt er sich, in seinem Buch Reise um die Welt, sogar zur Verkün-digung eines Menschenrechtes auf, zu dessen Durchset-zung sein Kapitän Otto von Kotzebue noch nicht zur Bombe griff: das Lachen habe dort nichts Feindseliges; „Lachen ist das Recht des Menschen; jeder lacht über den anderen, König oder Mann, unbeschadet der sonstigen Verhältnisse.“


Sarkasmus

Ohne Frage ist er ein stärkerer Tobak als der in sämtlichen ideologischen Lagern geschätzte Humor, dem sogar eine spitze Feder wie Jules Renard anhing. Humor kennt die Widersprüche, stimmt versöhnlich, trägt jeden Klassen-staat und noch den Sarg. Sarkasmus dagegen öffnet den Sarg, oder jedenfalls Abgründe.

Ich erlaube mir ein Beispiel aus meinen Miniaturen Vor der Natur, das einmal Maximilian Zander hervorstrich. „Vorausgesetzt, in jedem Gewitter offenbare sich Gottes Allmacht“, heißt es im Stück Lichtenberg, „wären die Blitzableiter, die wir auf unseren Kirchen anbringen, ein Ausdruck göttlicher Selbstironie.“ Dieser Gedankenblitz dünkte Zander noch „tiefer und sarkastischer als Lichten-bergs Funke“, auf den mein Miniaturtitel anspielt. Spricht Brockhaus bei Sarkasmus von bitterem Hohn und beißendem (verletzendem) Spott, verschweigt er wohlweis-lich, daß unser Sarkasmus zwar öfter Gott, nie dagegen Genossen trifft. Er setzt nie ein armes Schwein herab, sitzt es doch sowieso schon in der Scheiße. So etwas lieben nur die Zyniker im SPD-Vorstand oder bei Bild und taz. Der Sarkasmus greift immer (selbsternannte) Götter an.

Gewiß können sich solche auch hinter Genossenlarven verstecken. Um Mitternacht bekommt Victor Serge Besuch von der GPU – Hausdurchsuchung. Bei seinen Leninüber-setzungen stutzen die Leute. „Beschlagnahmen Sie die auch?“ fragte ich ironisch. „Machen Sie keine Witze“, erwiderte der eine, „auch wir sind Leninisten.“ Vortreff-lich; wir Leninisten waren unter uns.

Ich vermute weiter, beim Sarkasmus müsse stets der Tod als der schrecklichste Gott im Spiel sein. Daher die Nähe zum Galgenhumor. 1984 verübte die IRA einen Bomben-anschlag auf das Parteitagshotel der britischen Konserva-tiven in Brighton. Industrieminister Norman Tebbit kam schwerverletzt ins Krankenhaus. Vor der Narkose nach Allergien befragt, erwiderte Tebitt: „Bomben.“


Hofkinder

Sie schleichen sich an die Sau heran, die grunzend in ihrem Mist liegt, um ihr eine verkohlte Toastbrotscheibe unters Ohr zu schieben. Ihre Zwillen für die Spatzenjagd laden sie mit den Ködeln, die es kostenlos im Hasenstall gibt. Den Hund hieven sie auf die Ziehkarre, binden ihm ein Halstuch um und fahren ihn unter Sirenengeheul zum Pferd. Das Pferd muß ihn durch eine Klobrille begutach-ten. „Doktor Sultan hat Bello für gesund erklärt!“ verkün-den sie. Ja, sicher – gegen etliche Zuckerwürfel, die sie beim Frühstück mitgehen ließen.


AugeneinsetzerInnen

In Gebieten ohne Puppenfertigung dürften sie nahezu unbekannt sein. Sie waren nicht etwa Assistenten der obduzierenden Ärzte am Waltershäuser Amtsgericht gewesen, vielmehr die wichtigsten Zulieferer der hiesigen Puppenproduktion. Für sie bestanden alle ernst zu nehmenden Lebewesen nur aus einem kugelförmigen Hohlkörper mit drei Löchern; zwei für die Augen und unten eines mit Schraubgewinde für den Anschluß des Schlundes. In ihrer gesichtsbildenden Rolle wähnten sich die AugeneinsetzerInnen als Elite des Proletariats, obwohl sie oft zu Hause schafften. Kommerzienrat Franz Rein-hardt bestach sie mit Pfennigbeträgen. Nach einer Bro-schüre des VEB biggi Waltershausen von 1986 stützten sich auch Kämmer & Reinhardt – Herzstück des späteren Kombinats – noch um 1910 beträchtlich „auf die Zuliefe-rungen aus der Heimindustrie. Viele Frauen und Kinder tressierten, nähten und formten bis tief in die Nacht.“

Kinderarbeit also – für Puppen. Heute ist dies zumindest am Thüringer Wald Vergangenheit. In die entkernte biggi-Hauptfabrik ist eine mehr oder weniger anarchistisch orientierte Kommune gezogen. Heute sind es vielleicht Turnschuhe mit Streifen, Schwarzwälder Kuckucksuhren oder hauchdünne Fähnchen mit eingewirkten Schrump-fungskomponenten für die magersüchtigen „models“ dieser Welt, die Kinder in Übersee zu fertigen haben. Nach Schätzungen der ILO aus 2006 arbeiten weltweit 191 Millionen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren für Lohn. In gewissen deutschen linken Kommunen ist es nicht ganz so schlimm. Dort tragen die Kinder fleißig Gebühren in die Eisenacher oder Schweriner Waldorfschule.


Das Deltoid

Außerhalb der Mathematik wird es auch Drachenviereck genannt. Wie ich Wikipedia entnehme (August 2010), gibt es auch noch die (konkave) Abart des Pfeilvierecks, aber das führt vielleicht fürs erste zu weit.

Alle Deltoide sind wirklich eindrucksvolle Gebilde. Zum Beispiel stehen ihre beiden Diagonalen, einerlei von welcher Form das Deltoid auch sei, stets senkrecht aufeinander – etwas klarer ausgedrückt, bilden sie stets vier rechte Winkel. Auch gilt ausnahmslos: „Eine Diago-nale halbiert die andere.“ Und dies trotz der Unformen, die bei Deltoiden möglich sind! Weiter sind die Winkel in den beiden sich gegenüber liegenden Eckpunkten B und D stets gleich groß. Dies alles nimmt man erstaunt zur Kenntnis – nur was die Deltoide sollen, verrät uns der Wikipedia-Artikel mit keinem Wort. Wo treten sie auf? Wo und wie wendet man sie an? Fehlanzeige. Die Formel zur Berech-nung des Deltoids wird angeführt – ohne auch nur anzudeuten, warum man es berechnen sollte.

Da hier auch Brockhaus nicht weiterhilft: Ziehen Sie zwischen jenen Eckpunkten B und D eine Linie, haben Sie die Querleiste eines Kinder- und Erwachsenenspielzeugs, das noch vor wenigen Jahrzehnten, man wagt es kaum zu sagen, von vielen Kindern und Vätern eigenhändig gebaut wurde: der Drachen. Die damals typische Form des aus Leichtholzleisten und buntem Pergamentpapier gebauten Drachens ähnelte also jenem Typus des Flugsauriers, den die Dreikäsehoche aus mehr oder weniger verballhornten Darwin-Ausgaben kannten. Ich glaube aber nicht, daß mein Großvater Heinrich mit Hilfe der in einem Mathe-matikbuch aufgestöberten Formel zunächst die Fläche des erwünschten Drachenvierecks berechnete, ehe er ein paar Bögen Pergamentpapier einkaufen ging. Er nahm immer gleich mehrere Bögen, weil unser Drachen doch leicht in Fetzen ging, wenn er aufgrund widriger Windverhältnisse oder unvollkommener Seilführung eine Baumkrone oder gar einen Stacheldrahtzaun streifte. In diesen Fällen wurde einfach neues Pergament auf den Rahmen gezogen. Das Bauen des Drachens war für uns Dreikäsehoche ohnehin mindestens so wichtig wie das Steigenlassen des Drachens. Hatten wir Glück, nämlich einen Kletterkünstler in der Kinderbande, konnte immerhin der vielgliedrige Schweif des Drachens aus der Baumkrone gerettet werden. Er erinnert mich zumindest im Nachhinein an Unmengen reizender Mädchenpferdezöpfe, die mit bunten Schleifen besetzt waren.

Gewiß geht es viel schneller, einen Drachen aus mit Kunstoff bespanntem Leichtmetall kurzerhand zu kaufen. Er ist auch haltbarer, das leugne ich nicht. Wahrscheinlich wird er nach 90 Minuten Flugbetrieb für den Rest des Herbstes auf den Hängeboden der Garage geschoben, weil es dem Filius auf den Nägeln brennt, die eingesparte Zeit doch lieber vor dem Computer zu verbringen, als sich auf einem von Wind bestrichenen Hügel bei der „Abtastung des Himmels“ eine Erkältung zu holen oder womöglich das Interesse einer aus Fleisch und Blut geschaffenen, pferdezöpfigen „Puppe“ zuzuziehen.

Der zuerst zitierte Ausdruck stammt aus Roger Caillois' Buch über die Spiele von 1958. Falls die LeserInnen argwöhnen, als 60jähriger unterstünde ich bereits dem ehernen Gesetz Früher war alles schöner, liegen sie falsch. Gleichwohl bin ich für eine Erziehung dankbar, die mir empfahl anzustreben, so viel wie möglich selber machen zu können, ob erfinden, bauen, reparieren. Es erhöht die Selbstständigkeit. Man ist weniger abhängig von soge-nannten Spezialisten. Es erweitert den Horizont. Von dem Hügel aus, um den der Wind pfeift, sieht man mehr als auf dem Monitor – zum Beispiel sieht man auch den etwas beschwerlichen Hin- und Rückweg zum Hügel. Der Hügel gibt Muskelkater, der Monitor Katzenjammer. Der Hügel stärkt das Selbstwertgefühl. Dadurch werden Amokläufe durch Schulgebäude überflüssig, die vier oder 12 Tote zurück lassen, den Schießwütigen selber eingeschlossen. Wenigstens das, diese vier oder 12 Toten, das hat man einmal geschafft! Oder glauben Sie, die zeitgenössischen Kinder und Jugendlichen wüßten oder spürten nicht, lediglich TastendrückerInnen zu sein?

An dem Häuschen, in dem ich dies schreibe, habe ich tatkräftig mitgebaut. Ich kenne seine Struktur, seine Stärken, seine Schwächen. Meine sogenannten Zwerg-lieder habe ich sogar völlig allein gebaut. Hören Sie freundlicherweise drachensteigen (mp3, 1.003 KB) .


Circus Herkules

Er zählt zu den „mittelgroßen“ Zirkusunternehmen, und wie mir Direktor Klaus Bachman (Mitte 50) verrät, gastiert er pro Saison (März bis November) in mindestens 70 zumeist mitteldeutschen Städten. Stammsitz ist Kassel. Rechte Hand des Chefs ist nicht Herkules mit der Keule, vielmehr der durchaus muskelbepackte, ungefähr 50 Jahre alte Rudolf Janäczek vom Prager Trio Venus. Stapft der blondmähnige Hüne über den versengten Rasenplatz, den Blick gedankenverloren vor seine Glocks geheftet, ahnt man, auf welchem brüchigen Boden die Artisten wandeln. Jederzeit drohen Sturz, Streit, Pleite.

Bachmann reist in der Regel erst zur ersten Vorstellung am Gastspielort an. Mit Hilfe von sieben Zugmaschinen ist seine rund 20köpfige Truppe imstande, einen Platzwechsel bis zu 100 Kilometer ohne Ausfalltag vorzunehmen, doch zwingt sie so manche Terminlücke zum Warten. Die meisten Artisten leben in eigenen, modernen Camping-wagen, die ihnen den üblichen Komfort, etwa Dusche und Klimaanlage, bieten. Für Wasser- und Stromanschluß sorgt der Chef. An jedem zweiten Wagen kläfft mich irgendein groteskes Hündchen an, das ich bequem in meine Umhängetasche stecken könnte.

Im Hauptzelt hat jemand Konservenmusik angeworfen. Wegen der drückenden Sommerhitze sind die Seitenwände hochgerollt. Deshalb sieht „Rudi Junior“ seine weißen Keulen auch ohne Scheinwerferlicht gut genug. Der hochgewachsene 17jährige, der gern sein langes, braunes Haar wirft, jongliert mit bis zu sieben Stück, meistens im Affentempo. Verfehlt er eine Keule, bückt er sich nicht etwa; er schlenzt sie wie ein Fußballspieler mit Spann oder Ferse in seine Hand. Manchmal schleudert er zwei oder drei Keulen bis unter die Kuppel des 4-Mast-Zeltes, um während ihrer Rückkehr Saltos zu schlagen oder Pirou-etten zu drehen. Dann fängt er sie wieder auf. Ist das Zelt ausverkauft, klatschen rund 800 Leute. Tatsächlich kann Rudi auch mit fünf schwarzweiß gefleckten Fußbällen in rasender Geschwindigkeit jonglieren. Er trainiert täglich drei oder vier Stunden, was „Rudi Senior“ – sein Vater – nicht mehr nötig hat. Mit diesem und seiner Mutter Clara bildet er das Trio Venus, das mit sogenannten Stirn-Perchen arbeitet. Meistens ist es Rudi Senior, der die mit Trittstäben versehene drei oder vier Meter lange Stange vertikal auf seinem wuchtigen Schädel balanciert. Frau oder Junior klettern hinauf, um noch allerlei Kunst-stückchen zu vollführen.

Man könnte sich natürlich fragen, ob es die Menschheit erheblich beglückt, wenn einer ihrer Angehörigen im Affentempo Keulen kreisen läßt oder auf einer schwanken-den Stirnperchenplattform von der Größe eines Frühstückstabletts in fünf Meter Höhe einen Salto schlägt. Lohnt es die Sturzbäche an Schweiß und den Abrieb der Bandscheiben, von Genickbrüchen einmal zu schweigen? Das Gleiche könnte man natürlich die Erfinder von Guillotinen, Limousinen, Schreibmaschinen fragen. Inso-fern spiegelt Zirkus lediglich die Ahnung, die Menschheit sei grundsätzlich verrückt.

Wer Klaus Bachmann sieht, will es kaum glauben. Der Herr Direktor wirkt unaufdringlich, ja fast bieder. Er war ursprünglich Bankkaufmann. Schon vor 30 Jahren (1976) begann er seinen Circus Herkules aufzubauen. Er organisiert, führt durchs Programm, zeigt Dressuren mit einigen Pferden und Exoten. Wohlweislich sitzt er auch selber im Kassenhäuschen. Seine Truppe scheint ihn zu schätzen. Er hält die vielen Gegensätze und Absonder-lichkeiten unter einem Hut. Vielleicht schlichtet er auch gelegentlich, wenn Liebeshändel drohen oder Vater und Sohn aufeinander krachen. Rudi Junior hat bereits einen eigenen Campingwagen. Die Artistengruppen haushalten getrennt, laden sich aber öfter gegenseitig ein, zu gegrillten Thüringer Bratwürsten etwa nebst Budweiser Bier. Ist nichts los, hat jeder seine Satellitenschüssel.

Stallmeister Sascha Prehn aus Lübeck, der Bachmanns Tiere betreut, ist erst 25. Wie man Stallmeister werde? Da rutsche man so rein. Schon mit 16 entflammte ihn der Zirkus. Zwei Jahre lang sammelte er als Tierpfleger in einem Zoo Erfahrung. Auch Prehn preist das vergleichs-weise ungebundene Zirkusleben, stets an der frischen Luft, Miete bleibt ihm und seiner Frau erspart. Für die Kätzchen seiner ebenfalls jungen Kollegin Carmen Zander ist er übrigens nicht verantwortlich. Die Berliner Tierlehrerin führt sie im eigenen Käfigwagen mit sich. Es handelt sich um fünf bengalische Tiger, die mit ihren sieben Monaten noch als Kinder gelten, obwohl sie schon länger sind als der gefällte Rudi Senior, falls er mal stolpern sollte. Um ihre Katzen zu nähren, muß Zander Tag für Tag 100 Kilogramm Fleisch bereit halten. Aus der Not eine Tugend machend, führt die Dompteuse mit Hilfe der Erläute-rungen des Zirkusdirektors im Manegenkäfig vor, wie sich Raubkatzen geduldig erforschen und schließlich abrichten lassen. Dabei sei es unerläßlich, ihre jeweiligen Vorlieben, Begabungen, Charaktere zu berücksichtigen. Mit den Artisten scheint es sich ähnlich zu verhalten, wie Klaus Bachmann im Gespräch andeutet. Engagiere er, habe er mit viel Fingerspitzengefühl darauf zu achten, ob die Künstler(gruppen) auch zusammenpaßten. Ein Querulant könne das ganze Betriebsklima vergiften. Außerdem verlangt er selbstverständlich Professionalität. Bewerber-Innen legen ihm Videos vor. In jedem Frühjahr bleiben nur wenige Tage am Ort des ersten Gastspiels, um die ver-schiedenen Nummern aufeinander abzustimmen. Dann steht die Show.

Keinen geringen Anteil an dieser hat das Trio Breslau, was ihm außerhalb des Zeltes kaum anzusehen ist. Die drei polnischen Musiker, nicht mehr blutjung, wirken eher wie Pantoffelhelden. Thronen sie aber an Schlagzeug, Key-board und Saxophon/Posaune einen knappen Meter über der Manege, beeindrucken sie mit ihrem perfektem Schmiß. Mit jeweils rund 800 Euro netto pro Monat fühlen sie sich offenbar auch gut bezahlt. Die Eintrittspreise liegen zwischen 7 und 14 Euro, also im Schnitt vielleicht bei 10. Bachmann sagt, um auf seine Kosten zu kommen, benötige er einen Zuschauerschnitt von 200, den er eigentlich immer überbiete. In der Saison 2005 zog Circus Herkules rund 40.000 Leute an. Bachmann betont, im Gegensatz zu Opernhäusern oder Theatertruppen bekämen deutsche Zirkusse keinerlei Subventionen.

Nach Schmalhans riecht auch die Pause. Ich wähne den beleibten Schnauzbart vom Schlagzeug zunächst bei illegalem Futterhandel zu ertappen, doch er verkauft die Tütchen für die Tierschau offiziell. Die zwei Euro Eintritt zu den Gehegen kassiert der Chef wieder eigenhändig. Am Vormittag brütet der Schlagzeuger mit entblößtem Oberkörper in seinem winzigen Campingwagen vorm Fernsehgerät neue Trommelwirbel oder alte Tanzpalast-pläne aus, während Rudi Junior die Keulen fliegen läßt. Dessen Vater, der schon seit über 30 Jahren mit stets ähnlichen Kraftakten imponiert, behauptet, durch diese Berufswahl sei ihm die Fabrik erspart worden. Bei der rasanten Rationalisierung dürfte sich dieses Problem für seinen Sohn, den „Tempo-Jongleur“, erübrigt haben. So hält er sich an seinen Keulen fest.

Dagegen tritt Clown Darek neuerdings mit einem trop-fenden Köfferchen auf. Er kräht, er müsse verreisen. Der Zirkusdirektor staunt. Während er seinem Clown das Reiseziel zu entlocken sucht, schnüffelt er neugierig, hält ein Gläschen unter die Tropfen, nimmt den ersten Schluck und schwärmt, es sei prima Wodka. Der Clown beteuert allerdings, es handle sich um reinrassigen Whisky. Schließlich springt das Köfferchen auf – und heraus hüpft eines der erwähnten Hündchen.


Aglaja Veteranyi (1962–2002)

Die rumänisch-schweizer Künstlerin stammte aus einer Zirkusartistenfamilie, Mutter Akrobatin, Vater Clown. 1967 aus dem „kommunistischen“ Rumänien geflohen, lebte Veteranyi seit 1977 mit ihrer Mutter in der Schweiz. Hier gelang es der faktischen Analphabetin, sich Deutsch beizubringen und eine Züricher Schauspielschule zu besuchen. Ab 1982 war sie sowohl als Schauspielerin wie als Schriftstellerin tätig. Sie unterrichtete auch Schauspiel. Doch als ihre wesentliche Überlebens-Waffe erwies sich das Schreiben. Zumal ihre autobiografisch geprägten Texte, in denen ihre schwere Kindheit und ihre Sprach-heimatlosigkeit zum Ausdruck kamen, wurden gelobt und mit einigen Auszeichnungen bedacht. 1999 erregte sie bei einem Wettbewerb Aufsehen mit Auszügen aus ihrem „Roman“ Warum das Kind in der Polenta kocht, der noch im selben Jahr bei einem Stuttgarter Verlag herauskam. 2001 geriet sie in eine „psychische Krise“, vielleicht auch „Psychose“, der sie offensichtlich nicht gewachsen war.

Während einige Quellen in unverschämter Allgemeinheit davon sprechen, Veteranyi habe „ihre Ängste“ nicht mehr ausgehalten (hinter welchem Selbstmord stünden keine Ängste?), wird lediglich WDR-Redakteur Ludwig Metzger in einem Filmporträt von 2003 konkreter. Danach* erlebt das kleine Mädchen die Bukarester Zirkuswelt („Staats-zirkus“!) keineswegs als romantisch, vielmehr rauh und hartherzig. Vom Betriebsklima einmal abgesehen, ist der Vater „ein finsterer Clown“, und die Mutter wird an ihren Haaren in die Zirkuskuppel gezogen, wo sie dann, aufgehängt, im Scheinwerferkegel kreist und dabei auch noch jongliert und so weiter. Das ist alles für viel Angst gut. Nach der Flucht und der Scheidung der Eltern wird es nicht unbedingt besser. Veteranyi bleibt bei der Mutter. In Spanien muß die Halbwüchsige als langhaarige, mehr oder weniger entblößte Varieté-Tänzerin auftreten. Ihr letzter Lebensgefährte N., der zunächst, in Zürich, nur ihr Schüler war, spricht im Hinblick auf die ganze Kindheit und Jugend seiner Geliebten nicht unzutreffend von „Miß-brauch“. Aber ihr Schicksal beeindrucke auch durch einen „exotischen“ Zug, räumt er ein. Endlich in der Schweiz an die Schauspielschule gelangt, kommen Veteranyis verdammten Haare endlich ab. Seitdem ist die junge, gut gebaute Künstlerin im schelmischen (dunklen) Bubilook zu sehen. Einmal hat sie, nach 20 Jahren, auch ein Wiedersehen mit ihrem Vater, der beim Münchener Zirkus Roncalli auftritt. Sie sprechen sich aus und versöhnen sich nahezu. Bald darauf stirbt der finstere Clown. Zu spät.

Veteranyis „Psychose“ setzt 2001 nach einer Sommerreise ins heimatliche Rumänien ein. Ohnehin heißer Boden, recherchiert sie dort auch noch über Friedhöfe, Totenkult und Klageweiber. N. meint, eine gewisse „Todessehnsucht“ seiner Gefährtin sei wohl unverkennbar gewesen. Jetzt „zerfällt ihr Gesicht“, statt des Herzens sitzt ihr „ein Loch“ in der Brust, sie hat Angst zu ersticken, ihre Augen werden „trocken“. Wegen ihren Panikattacken und sonstigen Qualen sucht sie zahlreiche Ärzte auf, von der Schul-medizin bis zum Wunderheiler. Mehrere sagen, ihre Beschwerden seien „psychosomatischer“ Natur, sie liege mit sich selber in Unfrieden. Derweil scheint der Wahn zuzuschlagen. So hat sie unter anderem befürchtet blind zu werden, nimmt Salbe – und zuletzt läßt ihr Augenlicht in der Tat nach. KünstlerInnen verfügen meist über eine gute Einbildungskraft. Bei alledem schwindet auch Veteranyis Hoffnung; sie unternimmt erste Selbstmordversuche. Eine in Metzgers Dokumentation abgespielte Tonbandkasette, auf dem sie von ihren Nöten spricht, ist erschütternd. In einer Februarnacht des folgenden Jahres stiehlt sich die 39jährige von der Seite ihres schlafenden Gefährten, klemmt einen Besen in die geöffnete Haustür und geht an einen nahen Steg am Zürichsee, auf dem die beiden schon oft saßen. Dort wird sie vormittags entdeckt, ertrunken im seichten Wasser liegend.

Da die frühere Zirkusartistin durchaus schwimmen konnte, ist anzunehmen, sie trug Sorge dafür, rasch unter-zugehen. So liest man beispielsweise von Entschlossenen, sich einen mit Steinen gefüllten Rucksack überzuziehen. Ob Drogen helfen, weiß ich nicht. In Veteranyis Fall hat vielleicht auch die Wassertemperatur „geholfen“. Sie beträgt im Zürichsee im Schnitt für den Monat Februar fünf Grad. Nun stelle man sich einmal die finstere Kälte vor, der sich diese verzweifelte Frau in jener Winternacht „anzuvertrauen“ hatte!

Am Film wirkt auch Veteranyis Schwester mit, eine Zirkusartistin, die vermutlich den selben Vater hatte, eben jenen, für Veteranyi „finsteren Clown“. Die Schwester brachte sich nicht um. Ich nehme an, der Vater spielte die verhängnisvollste Rolle auf Veteranyis Weg in die „Psychose“. Von ihrem späteren, schweizer Werdegang her hatte sie eigentlich keinen „klassischen“ Anlaß, sich zu ängstigen, mit ihrem Schicksal zu hadern, vor dem Leben zu flüchten. Es war ihr ja gewogen. Sie kam als Künstlerin gut an, hatte einen verständnisvollen Partner und Liebhaber, offenbar auch keine Geldsorgen. Zweifelte sie dennoch „an der Realität“, wie schon als Zirkuskind, dann eben wegen ihrer biografischen und genetischen Wurzeln – die sie offensichtlich anders als ihre Schwester erfährt und mitsichführt.

Durch eine merkwürdige Besessenheit des „finsteren Clowns“, auf seinen Urlaubsreisen mit Kind und Kegel kilometerweise (teure) „Super-8“-Schmalfilme zu drehen, wird er nicht gerade lichter. Er dreht überwiegend Horror-filme, wo er zischende Schlangen zertreten und seine Töchter aus den Klauen dunkelhäutiger, sie entführenden „Buschmänner“ retten muß. Möglicherweise hatte Vete-ranyi auch jene „Todessehnsucht“, von der N. spricht, von ihrem Erzeuger – aus Angst vor ihm. Aber wer weiß das schon. Theoretisch käme ja auch N. selber als „Unhold“ in Frage, obwohl er im Film sowohl tapfer wie souverän auftritt. KritikerInnen könnten Metzgers Film vorwerfen, zu einseitig vorzugehen, weil er keine (vergleichweise) unbefangenen Zeugen zu Wort kommen läßt und damit zum Beispiel auch nicht beleuchtet, wie glücklich oder unglücklich Veteranyi in ihrer letzten großen Liebschaft war.

Sollte N. kein Unhold gewesen sein, hatte er vermutlich viel auszuhalten, und das wahrscheinlich schon vor jenem Besuch rumänischer Friedhöfe. Ich habe den Verdacht, mit Veteranyi hätten wir im Grunde „nur“ den klassischen unbefriedeten, jederzeit von Zerfall bedrohten Künstler-typus vor uns, der alle Mühe hat, sich für ein paar Jahre oder Jahrzehnte zusammenzuhalten. Das schlösse dann viel Widersprüchlichkeit und viel Schwanken ein. Es deutet sich auch auf der erwähnten Tonbandkasette an. Bleibt solch ein Mensch ungeliebt (erfolglos), leidet er; wird er aber geliebt und gefeiert, leidet er ebenfalls: an seinen Schuldgefühlen seiner Bevorzugung wegen. Prompt grämt er sich auch dann, wenn einer seine Bedrängnis zu teilen und zu lindern versucht: weil er diesem zur Last fällt. Und es stimmt ja leider auch. Die Anstrengung, die man mit solchen Menschen hat, ist so wenig eingebildet, wie es die „Schmerzen“ sind, von denen Veteranyi auf dem Tonband spricht. Furchtbar. Aber vielleicht hat sie ja Frieden gefunden.

* Hier Himmel – Aglaja Veteranyi, rund 70 Minuten, erstmals im Oktober 2003 auf 3sat zu sehen


Geschwister Weisheit

Bevor sie aufs vier Meter hohe Seil klettern, stehen die TänzerInnen in ihren bunten, historischen Kostümen wie die Orgelpfeifen vorm Kirchenportal. Der Jüngste ist vier. Auf dem Seil hangelt sich der Knirps, der vermutlich erst vor zwei Jahren laufen lernte, um die Beine seines Vaters. Schon das zeugt nicht unbedingt von außerordentlicher Weisheit. Doch dem Ruf des Clanes dürfte kein Sprößling entkommen. Da die weltberühmten Hochseilartisten Geschwister Weisheit seit Jahrzehnten in Gotha ansässig sind, beehren sie das Waltershäuser Stadtfest 2007, das dadurch natürlich im „Ranking“ der Regionen steigt.

Den Höhepunkt der seiltänzerischen Darbietungen liefert Peter Mario Weisheit im leuchtend roten Trikot. Der durchaus sympathische Mann um 35 läßt sich von einem Auto, das sich vom Marktplatz entfernt, per Seilwinde an einem 42 Meter hohen Gittermasten emporziehen. Nachdem er das Stahlseil ausgeklinkt hat, erklimmt er die folgende, sichtbar schwankende 20 Meter hohe „Stahl-peitsche“ zu Fuß. Sie endet in einer winzigen Plattform, auf der nun der Seilkünstler in 62 Meter Höhe zügig all die hübschen Nummern vollführt, die unsereins noch nicht einmal auf dem Zimmerteppich hinbekommt: zwei- und einarmigen Handstand, Spagat, Kopfstand, Schrauben und dergleichen mehr.

Von meiner Genickstarre einmal abgesehen, droht mir vom bloßen Hingucken das Herz stehen zu bleiben. Ich schwitze. Mit Maulsperre in einen Hauseingang gedrückt, kann ich es nicht fassen, daß einer so etwas macht: freiwillig, in Kirchturmspitzenhöhe, ohne jede Sicherung. Schon ein Gramm Angst wöge zu viel. Schon ein Funke Zaudern und Weisheits rotes Trikot macht die Bekannt-schaft unseres Marktpflasters.

Im Großprogramm – lese ich – fährt der Clan mehrstöckig auf etlichen Motorrädern durch die Luft. So bedient er Sensationslust und verpulvert Energie jeder Art, die Reise nach Tokio eingeschlossen. Zur Krönung bläst Peter Mario auf seiner Peitschenplattform ein makelloses Trompeten-solo, das ich nicht kenne. Ich hätte Brüder zur Sonne oder Glück auf der Steiger kommt geschmettert. Wer sich 620 Meter unter der Erdoberfläche durch Kohleflöze wühlt, spinnt ja wohl auch, selbst wenn George Orwell ihn bewundert.


Johann C. F. GutsMuths

Der Mitstreiter des berühmten Reformpädagogen Salzmann führt 25 Jahre vor dem angeblichen „Turnvater“ Jahn in Schnepfenthal Turn- und Schwimmunterricht ein, schlägt öffentliche Sportplätze und -feste vor, läßt eine Reitbahn bauen, bringt seinen Zöglingen Schlittschuh-laufen und Schießen bei. Schnepfenthal gehört heute zu Waltershausen. Für die Salzmannschule, deren Renom-mee sogar dem realen Sozialismus trotzte, wurden gerade mehrere neue Internatsgebäude gebaut. Ob uns Guts-Muths mit seiner breitgefächerten Gymnastik für die Jugend (1793) Gutes tat, darf bezweifelt werden. Heute joggen sich auch schon die RentnerInnen tot: der fitnesser (mp3, 1.331 KB) .

Kühn von Reck, Barren, Kasten abspringend, ließ ich meine Bandscheiben schon im zarten Knabenalter das Eichenparkett so mancher Turnhalle prüfen. Mit 15 wurde ich im Geräteturnen Schulmeister. Dann trat ich die Balken vor den Weitsprunggruben und ganz allgemein die Aschenbahn. Meine leichtathletischen olympischen Träume verflogen, doch jüngere Versuche, bei „Hexen-schüssen“ weder stehen, sitzen noch liegen zu müssen, macht mir so schnell keiner nach. Der Hexer war ich. Im Geiste der Sozialistin Simone de Beauvoir böte uns letztlich jeder stechende Schmerz, der von den Lenden-wirbeln bis in die Fußspitzen fährt, die Chance, uns „mit unserem Körper zu identifizieren“. Sie bescheinigt diese Chance insbesondere Kraftproben wie Stierkampf und Boxen. Verzärtelte Menschen verunglimpften als Barbarei und Sadismus, was die Masse (der ihren Körper in die Fabriken Schleppenden) als natürlich empfinde.

Das hat die kluge Bürgerstochter vermutlich von den 20 mit Sand gefüllten Putzeimern, die sie allmorgendlich gemeinsam mit Sartre stemmte. Jede wohlmeinende Gymnastik gerinnt unter heilsbringerischen Absichten alsbald zum Ertüchtigungsprogramm. Das Junge Welt-Feuilleton huldigt gleich dem Leistungssport; schließlich stammt dieses Blatt aus der Leistungsgesellschaft DDR. Im Sommer 2008 halten die Kulturredakteure Trauerkleidung für den Fall bereit, der Boykott der sogenannten Olympischen Spiele in Peking seitens des buddhistischen Westens griffe. Insolvenz der Fußballbundesliga würde ihre Kolumne Blutgrätsche zu Fall bringen und sie zum Selbstmord treiben – den der Sport nur auf Raten verübt. In einer Hymne auf den deutschen Boxer Sven Ottke werden „Kampfbörsen in sechsstelliger Höhe“ zur Zierde. Und im Bogen zur Musik: „Muhammad Ali, der größte Boxer aller Zeiten, wird auf einem Sampler gewürdigt.“ Große und Kleine, Disziplinierung, sich mit ihrem Körper identifizierende Massenkaufkraft – dahin trachten Kommunisten. Daß die DDR gerade hopsging, weil sie unbedingt den kapitalistischen Westen nachäffen mußte, geht in ihre diamatgestählten Köpfe nicht hinein.

Wird mir vorgehalten, ich hätte dereinst in der Jungen Welt über Snooker geschrieben, kontere ich: Snooker ist kein Sport. Alle Billards sind Geschicklichkeitsspiele, an denen in beträchtlichem Maße jene „Ahmung“ beteiligt ist, die F. G. Jünger für darstellende oder beschwörende Spiele reserviert. Wer sich unverkrampft über seinen Billardstock beugt, übt statt Liebdienern Höflichkeit. Er identifiziert sich mit seinem Körper, ohne den des Gegners auf sein Queue spießen zu müssen. Die Kugeln werden oft nur geküßt. Kommt Hitze auf, liegt es an der unumgänglichen Tischbeleuchtung, die auch in einem Solarium hängen könnte. Einmal machte ich Ferien im südhessischen Städtchen Lorsch. Bei jedem Rundgang im Klostergarten hegte ich den Traum, meinen Snookertisch (den ich nicht besaß) in der weltberühmten „Königshalle“ aufzustellen. Dieses hübsch in Rot und Weiß gekachelte Torhäuschen aus karolingischer Zeit weist an den Längsseiten nur jeweils zwei Pfeiler auf, sodaß der Wind durchpfeift. Den Lauf der Kugeln hätte der Durchzug schon der Bande wegen nicht beeinträchtigt. Gegen Störungen beim Stoßen durch Gegenlicht von der Marktseite her hätte ich Fichten gepflanzt – günstig für den Weihnachtsmarkt. Der Stadtrat war dagegen.

Damals fuhr ich, im Ried, viel Rad; ansonsten arbeitete ich an einer Broschüre, die ich Bitte noch einmal nannte. Mit dieser höflichen Floskel darf ein Gefoulter den Gegner zum Weiterspielen verurteilen. Meine Broschüre – 20 Seiten in Auflage 10 – gibt eine Einführung in die Regeln und die Taktik des Snookerspiels, die weder schwätzt noch kauderwelscht. Den sehenswerten farbigen Umschlag machte mir (1997) Günter Scherbarth. Keiner sah diesen Umschlag je. Dereinst jedoch zu Alis Größe aufgestiegen, wird man meine Broschüre als Reliquie handeln.


Springreiten

In betuchten Kreisen stellt es für alle, die sich selber den Hals oder aber den Willen ihres Sportgeräts brechen möchten, die Alternative zum Golfspielen dar. Der arme Mensch spielt eher Billard. Während ihn sein Spielgerät – der Billardstock – in der Regel einschließlich Koffer keine 200 Euro kostet, werden die Springpferde unserer Spit-zenreiterInnen zwischen 200.000 und zwei Millionen Euro gehandelt.

Es gibt einen weiteren bemerkenswerten Unterschied. SpringreiterInnen ist es unbenommen, bei einem Turnier mehrmals anzutreten, sofern sie für jeden Wettkampf ein anderes Pferd benutzen. Dagegen darf der Billardspieler nur einmal antreten, sein Queue aber innerhalb der Partien beliebig wechseln. Den Springreiter würde es natürlich zu viel Zeit kosten, im Parcours vor der Mauer oder dem Dreifachen Oxer umzusatteln. Schließlich kommt es bei diesem Sport darauf an, sowohl Abwürfe am Hindernis zu vermeiden wie unter der erlaubten Höchst-zeit zu bleiben oder gar die kürzeste Zeit zu erzielen.

Erstaunlicherweise finden sich immer wieder des Reitens, Rennens, Schwimmens kundige Menschen, denen es eine besondere Genugtuung bereitet, eine schwierige Aufgabe ein paar Sekunden schneller als ein anderer Mensch zu bewältigen – und sei es, sie brächen sich wie erwähnt den Hals, worauf ja in der Tat nicht wenige Zuschauer lauern. Vielleicht liegt das an den tiefen Wurzeln des Geschwindig-keitswahns. Kaum können sie sich auf ihren krummen Beinen halten, sind bekanntlich schon die kleinen Kinder auf die Feststellung erpicht, wer zuerst bis zum Gartentor gerannt ist. Rosen, wilden Löwenmäulchen (sie blühen gelb) und selbst den seltenen Türkenbundlilien ist dieses Verlangen allerdings fremd, obwohl es ihnen keineswegs an Feuer mangelt. Können mehrere ReiterInnen mit „Nullfehlerritten“ (keine Abwürfe) glänzen, wird ein sogenanntes Stechen ausgetragen, in dem es dann – im verkürzten Parcours – noch halsbrecherischer zugeht, weil nun – bei allen fehlerlosen Ritten – die Durchgangszeit über die Plazierung entscheidet.

Sieht der Tribünengast die schäumenden und furzenden Gäule auffällig oft vor Hindernissen bocken („Verweige-rung“), sollte er sich mit dem Gedanken beruhigen, als Pferd täte das vermutlich auch er. Das Pferdeskelett sei von Natur aus weder für das Reitergewicht noch für größere Sprünge noch gar für beides zusammen vorgese-hen, schreibt Gerhard Kapitzke in seinem Buch Das Pferd von A bis Z von 1993. Wie Versuche von Verhaltensfor-schern belegten, sei das Springen dem Pferd zuwider. Wenn das „Sportinstrument“ Pferd inzwischen veranlaßt werden könne, über zwei Meter hohe Hindernisse im Parcours zu überwinden, sei dies kein Gegenargument. „Durch systematische Zuchtwahl, kontinuierliche Aus-bildung und vor allem durch die Angst vor dem 'Raubtier auf dem Rücken' werden Springwunder produziert, die dem Zwang gehorchend das Verlangte tun.“

Wir wußten es ja: des Raubtiers Glück liegt auf des Pferdes Widerrist.


Misfitneßcenter

IG-Chemie-Mitglieder oder Fans von Autorennen dürfte es kaum verblüffen, wenn das hessische Korbach nach dem Rückgewinn der deutschen Ostgebiete ausgerechnet mit dem thüringischen Waltershausen eine „Städtepartner-schaft“ einging: beide werden vom Gummiriesen Conti-nental beherrscht. In Waltershausen hatte sich „die Conti“ 1928 eingekauft, indem sie das Polack-Werk übernahm. Krieg und anschließende Enteigung sorgten dann allerdings für eine unliebsame längere Unterbrechung der profitablen Fahrt. Das hatte man im schönen Waldeck mit seiner auffälligen blutbraunen Lehmscholle und dem berühmten Arolser Barockschloß des SS-Fürsten Josias vermeiden können. Dort mußte weder 1933 noch 1945 etwas umgepflügt werden. Nach Waltershausen kehrte die Conti erst um 2000 zurück, indem sie, dieses Mal in „feindlicher Übernahme“, ihren Konkurrenten Phoenix schluckte.

Der führende Waltershäuser Faschist, ein ehemaliger Offizier, hatte ausgerechnet Adolf Freund gehießen. Vermutlich vertilgte er so manchen heimischen Kloß im Verein mit Thüringens „Gauleiter“ Fritz Sauckel, Weimar, der 1946 ausnahmsweise am Galgen schaukeln mußte. Waltershausens Stadtchronist Sigmar Löffler erwähnt zudem eine Führerin der örtlichen NS-Frauenschaft. Einmal habe sie in einer Versammlung ein überschweng-liches Heil „auf unseren geliebten Sauleiter Gauckel“ ausgebracht – irren ist menschlich, aber nicht immer feministisch.

Da nicht zuletzt der Sport zusammenführt, vermietete „die Conti“ 1933 in beiden Städten überflüssige, durch Säulen bewehrte monumentale Verwaltungsgebäude an die braunen Stadtväter, die darin sogenannte Sportschulen der SS oder der SA unterbrachten. Spätestens damit war der Grundstein zur erwähnten Städtepartnerschaft gelegt. Während der Korbacher Klotz wieder von der Conti selber genutzt wird, hat der Waltershäuser außer einer Zahnarzt-praxis nicht viel zu bieten. Immerhin weist er eine „runde Ecke“ auf, die nordwärts zu mehreren Sportplätzen blickt. Gregor meint, als Bürger, der auf Hartz IV gesetzt worden sei, sollte ich vielleicht erwägen, im Mansardengeschoß das erste deutsche Misfitneßcenter einzurichten. Der misfit ist im Englischen der Außenseiter oder Sonderling. Zu diesem Zwecke könne ich schließlich „Existenzgründerförderung“ beantragen.


Wladimir W. Smirnow

Die überaus erfolgreiche Laufbahn des russischen Fechters ging 1982 unprogrammgemäß bei den Weltmeister-schaften in Rom zu Ende. Bei einer simultanen Attacke im Kampf gegen den Deutschen Matthias Behr (Tauberbi-schofsheim) brach dessen Klinge, doch aufgrund der angesetzten Stoßkraft bohrte sich der immer noch spitze Rest des Degens durch Smirnows Maske sowie durch Smirnows Auge ins Gehirn. Der 28jährige Russe starb eine Woche darauf im Krankenhaus. Behr blieb beim Fechten und in Tauberbischofsheim, zunächst als Nachwuchs-trainer, dann als Leiter des „Olympiastützpunktes“. Selbstverständlich hatte er großen Gram, wie er 2004 Christiane Moravetz von der FAZ schildert. Nun verban-den sich die Ehe- und Berufssorgen, die einer sowieso hat, mit dem stets gegenwärtigen Vorfall in Rom. Doch es stehe ja fest: Beide Waffen waren vor dem Kampf geprüft worden, somit treffe ihn keine Schuld. Der Unfall war Zufall. Allenfalls ließe sich behaupten, er persönlich, Behr, sei damals zum Anlaß dafür „auserwählt“ worden, die Sicherheitsstandards im Fechtsport zu erhöhen, sagt Behr. Es sei wie immer: „Wenn in einer Kurve mal was Schlimmeres passiert auf einer Straße, dann wird sie begradigt.“ Die Autos scheinen sehr wichtig zu sein. In einem anderen Gespräch bekennt Behr, 2002 habe er noch einmal kurz vor dem Selbstmord gestanden, nämlich am Geländer einer Autobahnbrücke. Zurückgeschreckt sei er nur aufgrund des jähen Gedankens, durch seinen Sprung könnten womöglich Dritte, gar Kinder, zu Schaden kommen.* Ein so naheliegender wie ausgezeichneter Gedanke, der leider wenig verbeitet ist.

* Focus, 17. November 2009


Leonid Jengibarow

Ein Durstiger erblickt einen Krug mit Wasser. Allerdings steht der Krug auf einem hochgelegenen Sims: es kostet den Durstigen einige Mühe, an ihn heranzukommen. Mehrmals stürzt der Durstige sogar. Als er den Krug schließlich in Händen hält, malen sich auf seinem Gesicht die Vorfreuden der Labsal aus. Aber da taucht unvermutet ein kleines Mädchen auf, das sich den Krug inständig von ihm erbittet. Tatsächlich läßt sich der Mann erweichen, schließlich könnte das Mädchen noch durstiger sein als er. Das Mädchen nimmt den Krug, geht zu einer Sandkuhle und macht sich daran, den Sand mit Hilfe des ergatterten Wassers anzufeuchten, um schöne Kuchen daraus formen zu können. Der Mann hat es verblüfft verfolgt – und jetzt lächelt er.

Der Mann hieß Leonid Jengibarow, Jahrgang 1935. Man erzählt von ihm, er habe sich zeitlebens wie ein Kind nach Anerkennung, ja Liebe verzehrt. Allerdings wurde er nur 37. Trotz eines vielköpfigen Publikums und zahlreicher Verehrerinnen soll ihm recht einsam zumute gewesen sein, und wahrscheinlich starb er im Sommer 1972 auch entsprechend. Während der 1960er Jahre hatte der Sohn einer russischen Schneiderin und eines armenischen Kochs bereits zur Creme der Clowns des gesamten „Ostblocks“ gezählt. Ursprünglich leidenschaftlicher und erfolgreicher Boxer, hatte er zunächst die Moskauer Sporthochschule besucht, wechselte dann aber auf die Zirkusschule. Laut Natalia Rumjanzewa (Clown und Zeit, Ostberlin 1989) arbeitete er dort so ausgiebig in Fächern wie Jonglieren, Seiltanz und Akrobatik, daß ihn seine Lehrer schon als zukünftigen Parodierclown ansahen. Doch er wurde Pantomimeclown. Ab 1959 war er am Armenischen Staatszirkus engagiert. Fotografien zufolge ohnehin mit eher weichen Gesichtszügen ausgestattet, wandte sich Jengibarow auch in seinem neuen Fach von der Derbheit ab, indem er seinen vorwiegend stummen Nummern die entsprechenden poetischen und philoso-phischen Züge verlieh. In Schminke, Kostüm und Requisiten beschränkte er sich stark. Ein Halstuch zum geringelten T-Shirt und ein Koffer waren schon viel. Das verstörte damals viele Kollegen und Offizielle, aber das Publikum nahm den „Clown mit dem Herbst im Herzen“ beeindruckt an. Offenbar war er insbesondere ein Liebling der Frauen. Jengibarow verdiente gut, war aber nicht fähig oder willens, sein Geld zusammenzuhalten. So überhäufte er etliche Frauen geradezu mit Blumen und anderen Geschenken. Heiraten tat er nicht. Auch durch Prosa-stücke, die er in Zeitschriften veröffentlichen konnte, soll er für sich eingenommen haben. Zudem führte sein Erfolg in der Arena zur Mitwirkung in zahlreichen Filmen. Schließlich hatte er sich vorher schon gern als „Fernschüler Charlie Chaplins“ bezeichnet.

Der Schnitt in seiner Karriere kam 1971. Nachdem sein Partner Belova aus mir unbekannten Gründen für alle Gastspielreisen gesperrt worden war, verließ Jengibarow den Staatszirkus und versuchte sich mit einem eigenen Pantomime-Theater, das er freilich nicht Theater nennen durfte. Möglicherweise gab es auch noch andere Schika-nen. Auf diese Moskauer Bühne brachte der Anhänger des „Prager Frühlings“ (wo er oft gastiert hatte) lediglich eine Inszenierung, genannt „Sternregen“. Im Sommer 1972 trat er ab. Rumjanzewa speist uns diesbezüglich mit der typisch sowjetischen Verlautbarung ab, eines Tages sei Jengibarow nach einer Vorstellung nach Hause gekommen und gestorben. Die meisten Quellen klammern die Todesumstände völlig aus. Die tschechische Wikipedia spricht von einem Herzinfarkt. Ein Argwohn Richtung Selbstmord dürfte ebenfalls gestattet sein. Das Dümmste wäre das kaum gewesen, gibt es doch nichts Peinlicheres als einen alternden Clown, der als Parodist seiner eigenen, schon so lange bewährten Nummern aufzutreten scheint.

Zugabe

Falls Sie ClownschülerIn sind, rate ich Ihnen davon ab, sich früher oder später auch noch als Autor zu versuchen. Das abschreckende Beispiel gibt hier Fritz Karwath, 1925–95. Laut Wikipedia zählte der gelernte Maurer und angelernte Zeltarbeiter bald nach seinem überraschenden Debüt als Spielleiter und Spaßmacher im Circus Renz (um 1950) zu den beliebtesten Clowns der DDR und der mit ihr befreundeten Staaten, was ich auch keineswegs bestreiten will, zumal ich den betreffenden Artikel neulich eigen-händig angelegt habe. (Die Sache mit der Beliebtheit wurde inzwischen allerdings gestrichen.) Karwath – der sich als Clown Caro nannte – muß auch eine (rote) Nase für Details besessen haben, zitiert der Artikel des populären Internet-Mitmach-Lexikons doch aus Karwaths 1989 (in Ostberlin) erschienenen Erinnerungsbuch Ich war ein Clown von Seite 19, wo er von seinen Anfängen im Laientheater während der Schulzeit spricht: „Ich half beim Inszenieren und wirkte als Souffleur. Was ich dabei für Staub schluckte, wird nur der ermessen, der jemals in einem Souffleurkasten gesessen hat. Immer nur Füße vor dem Gesicht, dabei die Hitze, die im Sommer unter so einer Saalbühne herrscht.“

Mehr läßt das Lexikon über Karwaths Werk nicht verlauten. Das hätte die hauseigene Heilige Matrix (Dieter Duhm, Tamera) der Neutralität und der Wissenschaft-lichkeit verletzt. Daher die folgenden Ergänzungen. Im Grunde hätte die fällige Ohrfeige weniger Possenreißer Karwath, vielmehr seine Lektorin verdient. Sie erhob noch nicht einmal dagegen Einspruch, in dem Buch namentlich (als dessen Lektorin) erwähnt zu werden. Ein anderer hätte Karwath zuliebe zumindest einige Längen, manche unbeholfenen Ausdrücke und Sätze, zudem eine gewisse Formlosigkeit getilgt. Bei über 200 Seiten weist das Buch nicht einen Zwischentitel oder wenigstens ein Sternchen auf. Der Text läuft wie ein Esel in der Manege, bis er tot umfällt. Dem entspricht die chronologische Erzählweise. Das ist unheimlich spannend, um ein öfter auftauchendes „sehr“ anzuführen, das der Lektorin nicht mißfiel. Bunt war das Leben im Zirkus und vielfältig die Erlebnisse. Reflexionen sucht man vergeblich. Karwath mag eine Nase für Souffleurkästen oder Orchestergräben gehabt haben – für die Abgründe der Seele oder des Universums nicht. Auch die politischen Verhältnisse werden fraglos hinge-nommen. Zwischen den Erinnerungen des Dramatikers Arthur Miller und Karwaths Erinnerungen besteht – aufgrund dieser zugleich „inhaltlichen“ wie „formalen“ Mängel – ein Unterschied wie, sagen wir einmal, zwischen der Frucht eines Kastanienbaumes und einem plombierten Backenzahn. Aber noch vielen forschenden Leuten wird Karwaths Buch das Zahnfleisch einschnurren lassen, weil Wikipedia sie nicht davor gewarnt hat.


Weites Feld

Bekanntlich wird das Spiel häufig dem „Ernst des Lebens“ gegenüber gestellt. Das ist falsch. Zwar weist F. G. Jünger in seiner betörend geschriebenen Untersuchung Die Spiele von 1953 darauf hin, der Nichtspielende sei nicht unbe-dingt immer ernst, während dem Spiel ein ihm eigener Ernst innewohnen könne, doch den wesentlichen Unter-schied zwischen Spiel und Leben macht er meines Erachtens nicht deutlich genug: Kennzeichen des Spiels sei seine Selbstgenügsamkeit; es könne nicht an Zwecke gebunden werden, die über seine Grenzen und Regeln hinausreichen.

Somit handelt es sich um einen ganz bestimmten Ernst, der dem Spiel – in seinen gehüteten Formen – völlig fremd ist. Er liegt im Unwiderruflichen und Verketteten unseres Lebens. Im Leben vermehrt jeder Augenblick eine Last, die auf uns ruht. Wäre sie ein Tornister, könnten wir sie kurzerhand abwerfen, doch sie ist mit uns verwachsen – gleichsam unser ständig anschwellender Buckel. Hätte dieser zumindest einen Deckel, könnten wir vielleicht den einen oder anderen Augenblick wieder herausfischen, um ihn zu vernichten. Wer wüßte nicht ein Lied davon zu singen, sich jäh unter einer Beschämung zu ducken, die uns vor vielen Jahren traf, oder sich unter Reue zu winden, sobald wir an eine nicht ergriffene Chance erinnert werden, durch die wir vielleicht das Ruder unseres Lebens herumgeworfen hätten? Wer wüßte nicht, daß der Spiel-raum, in dem wir uns noch verändern können, mit jedem Tag enger wird? Daß niemand sich selber entkommt?

Nur das Spiel gewährt uns diese Chance. Hier werden die Karten neu gemischt, wird reiner Tisch gemacht, steigt man mit jeder neuen Partie wie Phönix aus der Asche. Im Gegensatz zum Leben ist es wiederholbar. Und da es bestimmten und es beschränkenden Regeln folgt, ist es auch ungleich überschaubarer als jeder kleinste Abschnitt unsres Lebens. Zumal am Kartenspieltisch hält sich das Unwägbare und Unvorhergesehene – es mag schrecklich oder entzückend sein – in wunderbar engen Grenzen. Da wird nach Regeln gekämpft, die sich jeder Trottel einprägen kann. Da gilt es lediglich, Tröten ins Feld zu werfen, die seit den Pharaonen und Mona Lisen keine Miene verziehen. Und so überall. Ob du Schach, Snooker oder Fußball spielst, du agierst nicht auf einem weiten Feld, das deine treuherzigen oder ausgefuchsten Erwä-gungen zu „Pappelblättern“ degradiert, die „jedem Anhauch der Welt“ preisgegeben sind.

So der französische Denker Alain, der sich in seinem Buch Lebensalter und Anschauung von 1927, Kapitel „Die Spiele“, ausführlich im obigen Sinne geäußert hat. Er unterstreicht darin den folgenden Aspekt. „Spiel kennt kein Erinnern und kein Denkmal: das unterscheidet es von der Kunst. Spiel will durchaus nichts wissen von erreichter Stellung, von Zeugnissen, von Vorrechten, die vergangene Dienste ins Gedächtnis rufen: das unterscheidet es von der Arbeit.“

Bekanntlich kürzt die Arbeit gern ab – versuchen Sie das einmal in einem Snookerturnier! Sobald sie die 15 Roten mit einem Rutsch ihres Armes kurzerhand in die Eck-taschen schieben, wird sie der gestrenge Mann mit den weißen Handschuhen am Schlawittchen packen, um Sie an den nächsten Garderobenhaken zu hängen. Im Spiel werden Fouls geahndet; im Leben belohnt.



Zu Clowns und Zirkus siehe auch
Morellis Geranien-Nummer in Konräteslust, Kapitel 38
Karandasch's Teller-Nummer bei Rembrandt, letzter Absatz
Zwerglied der zirkuspudel (mp3, 957 KB)
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