Donnerstag, 21. Juni 2012
Rot ist das Blut des Adlers
Erstveröffentlichung 2010 in Nr. 154 der Zeitschrift Die Brücke


Für ihren Historikerkollegen Audring war sie „die reichste Frau von Treptow“, was ihr freilich keiner angesehen habe. Fotos zeigen eine bieder gekleidete kleine rundliche Frau, die in jedem Tante-Erna-Laden hinter den Tresen gepaßt hätte. Eine Gegenüberstellung mit ihren beiden wichtigsten weiblichen Romangestalten, den anmutigen Blumen der Prärie mit Namen Queenie Tashina King und Ite-ska-wih, hätte sogar die Stasi als taktlos empfunden. Selbst mit ihrem indianisch umständlichem Familiennamen fällt die Autorin bedauerlich holprig ab. Liselotte Welskopf-Henrich wirkt, als könne sie kein Wässerchen trüben. Doch ihre professionellen Schilderungen von Schießereien, Rodeos und Verfolgungsjagden zu Pferd und per Auto, Wirbelstürmen und Feuersbrünsten machen jeden neidisch, der kein erklärter Hasenfuß ist.

Im ersten Band ihres Hauptwerkes, der zwischen 1966 und 1980 erschienenen Romanpentalogie Das Blut des Adlers, zählen die Schlägereien nach einem Beatkonzert und in der Spelunke Elisha Fields noch vor dem Bronc-sattellos-Durchgang des Rodeos zu den sportlichen Höhepunkten. Queenies Mann Joe King, auch Stein mit Hörnern genannt, trägt meistens zwei Schulterhalfter unter seiner schwarzen Jacke und stets ein Messer im Stiefelschaft. Er war Gangster, bevor er seine Jugendliebe Queenie eroberte und den dornigen Weg zu einem bewunderten Rodeochampion, Büffelzüchter, Familienvater, Stammeshäuptling beschritt. Die Rachsucht der Rassisten, die das Reservat beherrschen, und sein eigenes Mißtrauen beuteln ihn Tag und Nacht. Doch sein Dakotaname verweist auf seine beispiellose Zähigkeit. Seine Schöpferin beschränkte sich auf „Heimatschutz“ durch Deutsche Schäferhunde: ihr Haus in Treptow wurde von einem ganzen Rudel bewacht, das selbst von ihren Freunden gefürchtet war. In der Zähigkeit stand sie ihrem Haupthelden King kaum nach. Zwischen 1951 und 1961 hatte sie bereits das umfangreiche, sechsteilige Jugendbuchwerk Die Söhne der großen Bärin geschrieben. All diese Indianerbücher sind genealogisch und thematisch miteinander verknüpft. Die Pentalogie (5 Bände von insgesamt 2.500 Druckseiten) spielt bereits in den zeitgenössischen Reservaten der USA. Den letzten Band vollendete sie vier Wochen vor ihrem Tod. Sie starb 1979 bei einem Aufenthalt in Garmisch-Partenkirchen mit 77. Sie wurde nicht unpassend auf dem Ostberliner Friedhof Adlershof beigesetzt.

Eine Biografie über die merkwürdige, gleichwohl erfolgreiche DDR-Autorin war überfällig. Der blutjunge Erik Lorenz legte sie 2009 vor. Wie er mitteilt, verkaufte sich allein die deutschsprachige Ausgabe der Söhne bis heute ungefähr 3,5 Millionen mal. Der Stoff wurde auch von der DEFA verfilmt; die Hauptrolle des Harka übernahm Goijko Mitic. Obwohl sie Welskopf-Henrich einigen Verdruß bereitete, wurde diese Verfilmung ein Kassenschlager. Wo blieb das Geld? Was nicht die Hunde oder ihre eigene Taxisucht verschlangen, wanderte vorwiegend in die nordamerikanische Prärie. Nebenbei sind hier alle Beteiligten dem Gott „Automobil“ verfallen: die weißen Yankees sowieso – Reservationsarzt Roger Sligh zum Beispiel, die schillerndste Figur aus Adler-Band III, legt die 300 Schritte von seinem Haus bis zur Klinik nie zu Fuß zurück. Auch die Indianer sind in Autos vernarrt, bringen es allerdings selten zu mehr als schrottreifen Schlitten – und schließlich die DDR-Autorin selber, von der Lorenz mitzuteilen vergißt, ob sie vielleicht so viel Taxi fuhr, weil sie keinen Führerschein besaß. Zum Teil überbrachte Welskopf-Henrich ihre Unterstützung für notleidende oder kämpfende IndianerInnen persönlich, denn sie bereiste ihre Romanschauplätze wiederholt. Als mutige Widerstandskämpferin im „Dritten Reich“ und anerkannte Althistorikerin, die es bis zu einer Professur an der Ostberliner Humboldt-Universität brachte, erlangte sie die Ausreisegenehmigungen ohne Probleme.

Hauptschauplatz ihrer Adler-Romane ist die Pine-Ridge-Reservation im Staat South-Dakota. Sie liegt südöstlich der bekannten Black Hills. Bis zur maßgeblichen Gebirgsstadt Rapid City – bei Welskopf-Henrich New City – fahren Joe oder sein Wahlsohn, Rächer und Nachfolger Hanska mit ihrem Jaguar knapp drei Stunden. Laut Wikipedia zählt dieses 11.000 Quadratkilometer große Reservat der Oglala-Lakota-Indianer noch zur Stunde zu den ärmsten Gebieten der USA. Arbeitslosenrate 85 Prozent. Viele Familien weder Strom noch Telefon. Dafür viel Alkoholkonsum. Die Lebenserwartung um 50 gilt als eine der kürzesten aller Gruppen der westlichen Hemisphäre. Herzstück der Reservation ist ein Ort, der doppelt Geschichte schrieb: Wounded Knee. 1890 beging hier die US-Armee ein Massaker an etwa 200 bis 300 Lakota-Indianern; 1973 wurde ein Hügel dieses Prärieortes durch Aktivisten und UnterstützerInnen des American Indian Movement (AIM) besetzt und über Wochen hinweg verteidigt. Diesen Kampf stellt Welskopf-Henrich ausgiebig im letzten Adler-Band nach.

Wegen der drückenden Entrechtung und Verelendung der dort lebenden IndianerInnen war die Pine-Ridge-Reservation während der ganzen 70er Jahre ein Unruheherd. Diese Bezeichnung schließt auch die Dürren mit ein, von der das ohnehin karge Prärieland immer wieder heimgesucht wird. Das Stöhnen unter der Hitze und der Wassernot zieht sich bei Welskopf-Henrich durch alle fünf Bände. Rancherin, Kunstmalerin und Mutter Queenie verzehrt sich nach einem Wasserhahn, bekommt ihn schließlich auch, doch als ihr Wahlsohn Hanska und Ite-ska-wih die Blockhütte nach dem gewaltsamen Tod des Ehepaars King zurückerobern können, ist der Hahn aufgrund schadhafter Leitungen wieder tot, weshalb es Wasserschleppen heißt „wie in den alten Siedlerzeiten“. Gleichwohl war dieser Landstrich unterhalb der berühmten mondartig verödeten Badlands die geliebte Heimat der Oglala-Lakota-IndianerInnen. Ihr Aufbegehren in den 70er Jahren kostete, je nach Quelle, 60 bis 300 Indianern das Leben, anderen die Freiheit. Lorenz erwähnt die Fälle des bis heute inhaftierten Leonard Peltier und der erschossenen, mit diesem befreundeten AIM-Aktivistin Anna Mae Aquash; allerdings sollte man seine Darstellung mit Vorsicht genießen.*

Sich als wohlabgesicherte Kommunistin unermüdlich gegen das an den nordamerikanischen Ureinwohnern begangene, zum Himmel schreiende Unrecht gewandt zu haben, dürfte Welskopf-Henrich bereits eine Ausnahmestellung sichern. Ihr Verdienst wird noch gemehrt durch den Umstand, daß sie es als ausgezeichnete Schriftstellerin tat. Sie erzählt stets fesselnd, weil sie die gebotenen dramaturgischen Fäden zu ziehen versteht. Wenn jedoch die drei ersten Bände der Adler-Pentalogie besonders eindringlich geraten sind, verdankt sie es ihrer Sorgfalt und Knappheit im Ausdruck. Diese Bände haben ein Klima der Wahrhaftigkeit und Folgerichtigkeit, dem sich wohl kaum ein Literaturfreund entziehen kann. Selbstverständlich hat das Welskopf-Henrich nicht in ihrem wissenschaftlichem Studium gelernt – da erwartet man eher Gräßliches. Vielleicht färbte ihr Gegenstand auf sie ab, denn der Indianer macht nicht viel Worte. Spricht er aber einmal, hat es sofort Bannkraft.

Leider fällt Band IV der Pentalogie stark ab. Man hätte es eher vom letzten Band erwartet, konnte ihn doch Welskopf-Henrich nicht mehr überarbeiten, was auch zu spüren ist. Gleichwohl ist Band IV erheblich mangelhafter geraten. In der Komposition unausgewogen, verwaschen – beinahe formlos. Jenes einheitliche, uns einhüllende Klima fehlt. Dafür endlose Dialoge; das Buch ist überfrachtet mit Diskussionen. Sentimentale Züge. Überflüssige Brücken, ermüdende Einzelheiten. Modisches Politisieren. Gestelzte Wendungen. Sodann: warum Joe in Mahan verdoppelt werden muß, wo er doch in Wahlsohn Hanska einen würdigen Nachfolger finden wird, bleibt schleierhaft. Dieser Mahan ist eine völlig mißglückte Hauptfigur. Als bloßer Abklatsch von Joe – dem er sogar äußerlich zum Verwechseln ähnlich sieht – gewinnt er nie Charakter. Zum Glück fällt das in Band V nicht so stark auf, weil Joe, in Calgary (Kanada) heimtückisch ermordet, inzwischen durch Hanska ersetzt wird. Zwar zählt Mahan zu den Führern im „Ring“ (der Wounded-Knee-BesetzerInnen), doch das Romangeschehen wird von der Unterstützungsarbeit des jungen Hanska und seiner noch jüngeren Gefährtin Ite-ska-wih geprägt.

Biograf Lorenz entgehen nicht nur solche literarischen Unausgewogenheiten. Er hat auch ein schwaches Auge für die Frauenfrage. Das dürfte freilich kein Zufall sein – Welskopf-Henrich hat es in ihren Romanen selber. Am Schattendasein der Indianerin und an „Chauvis“ wie Joe King rüttelt sie nur mit dem kleinen Finger. Häuptlingssohn Joe darf den Befehlshaber in allen Lebenslagen geben. „Mach etwas zu essen.“ Oder: „Tische auf, Queenie.“ Cowboy Robert will Vater Halketts Meinung anführen – Joe unterbricht ihn: „Auf dieser Ranch hier gilt allein, was ich sage.“ Oder Queenie: „Weißt du, Stonehorn, was du von mir verlangst?“ – „Für Geschwätz habe ich keine Zeit.“ Beim Zelten geht Joe mit dem Geschirr zum Fluß, um es abzuwaschen. „Das wäre Queenies Arbeit gewesen“, bemerkt die Erzählerin – er tut es nur, um einen Vorwand zum Beobachten zweier Verdächtiger zu haben. Immerhin, in Band III zeigt die Erzählerin Verständnis für eine Sauftour von Henry und Tom, die beide „patriarchalische Väter“ haben, „von deren Autorität sie sich bedrückt fühlten“. In einer Selbstschulungsgruppe aus dem ersten Band wird das fragwürdige Wörtchen man erörtert. Joe weist darauf hin, wie sehr durch solche verallgemeinerte Rede persönliche Verantwortung zurückgewiesen wird; der patriarchale Zug der Angelegenheit bleibt ausgespart.

Für Luise F. Pusch wäre die Pentalogie eine Fundgrube grammatischer Absurditäten gewesen. Internatsschülerin Victoria „wird ein Dichter“; Mary Booth „Ratsmann für Ökonomie“. Miss Green, Mormonin: „Wie oft sind wir vertrieben worden und mußten mit Frauen und Kindern durch das ganze Land wandern ...“ Um es nicht zu unterschlagen: In Band II räumt Welskopf-Henrich sogar unmißverständlich Joes „Herrschsucht“ ein. Sie erwägt: „Vielleicht war er nicht gewohnt, daß Queenie Angst hatte, und Angst war ihm überhaupt widerwärtig wie eine schleimige Schnecke. Joe war ein Stein mit Hörnern ...“ Ein „weibisches Schmuckstück“ wie das Amulettkettchen seines Erzfeindes Jenny würde er niemals anlegen. Der frührere Gangsterkumpane hat langes blondes Haar und wirkt überhaupt weiblich. Er haßt seinen Gangsterboß, „weil Mike ein voller Mann war, und Jenny war das nicht.“ Da wissen alle Schwulen bescheid.

Joes abschließende Auseinandersetzung mit Engelshaar-Jenny, der ihn nicht aus den Fängen des Verbrechertums lassen möchte, endet mit einer dramatischen Verfolgungsjagd zu Fuß und per Auto. Jennys Auto explodiert dabei. Man muß Welskopf-Henrich allerdings zugute halten, daß sie den hartgesottenen und dunkelhaarigen Ex-Gangster Joe King trotz seiner bevorzugten Kleiderfarbe nicht schwarz malt. Er mag zur Verschlossenheit neigen, ist aber nie hinterhältig. Auch durch seine verständnisvolle Sorge um die Nöte und Sehnsüchte der Kinder und allgemeiner seine uneigennützige Hilfsbereitschaft nimmt er für sich ein. Ähnliches gilt für seine Gefährtin. Ihre Ängstlichkeit ist mit großem Mut gepaart. Die Hand des zudringlichen betrunkenen Nachbarn Harold Booth nagelt Queenie mit einem Küchenmesser an die Hüttenwand. Als er gar versucht sie zu vergewaltigen, erschießt sie ihn. Was sie nie los wird, ist ihre Nachgiebigkeit, wenn nicht gar Unterwürfigkeit gegenüber Joe. Da ist die nächste Generation schon aus anderem Holz geschnitzt: zwischen Hanska und Ite-ska-wih herrscht eine erstaunliche Gleichberechtigung. Insofern ist Welskopf-Henrich mit ihrer letzten tragenden Frauengestalt noch eine Kurskorrektur gelungen.

Über sie selber in ihrer Eigenschaft als Ehefrau, Mutter (eines Jungen), vielleicht sogar Geliebte oder Ränkeschmiedin erfährt man bei Lorenz wenig. Die Ehe wird als konfliktlos hingestellt. Unter ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern ist sie die unangezweifelte Chefin. Die Frage nach den Geschlechterrollen wird nicht angeschnitten. Platz genug, um diesen Gesichtspunkten nachzugehen, hätte Lorenz gehabt, gibt er doch viel zu ausführliche Referate über den Inhalt und die Quellen von Welskopf-Henrichs Romanen, die die Neugier nach eigener Lektüre bei so mancher Leserin, Männer eingeschlossen, eher abtöten könnten. Immerhin weist er nach der Taxi- auch auf die Titelsucht der kleinen Frau hin. Sie habe stets großen Wert auf die Kenntnisnahme ihrer sämtlichen „Titel, Ämter, Würden und Orden“ gelegt. Da wittert man Kinderstubenlücken, die sich für die Angelhaken eines Biografen geradezu anbieten – Lorenz umschifft die Klippe. Die Mutter ist liebevoll. Der Vater, ein Rechtsanwalt, kommt so gut wie nicht vor. Auch in politischer Hinsicht zieht sich Lorenz für mein Empfinden etwas zu galant aus der Affäre. Er stellt die hohe Würdenträgerin als kritische Sozialistin hin, die im Regime oft aneckte. Er führt auch Beispiele an, etwa die Ungarn- und Pragfrage, doch er präsentiert keine nachprüfbaren Belege für Welskopf-Henrichs angebliches Löcken wider den Stachel. Mein Verdacht (ebenfalls unbelegt): Hier ist der Wunsch der Vater des Lorenz'schen Befundes. Es könnte freilich auch mit seiner Jugend (23) zusammenhängen, wenn er als Biograf generell zu wenig unerschrocken umgräbt, nachbohrt und vielleicht Dinge zutage fördert, die ihn selber verblüfft hätten. Doch was er schreibt, schreibt er gut. Er versteht es Sachverhalte darzulegen.

Die Unterbelichtung der Frauenfrage hat genauso DDR-Tradition wie die Verherrlichung von Leidensfähigkeit, Wettkampf und Ruhm, die sich sowohl bei den Prärieindianern wie bei ihrer sie verehrenden Chronistin Welskopf-Henrich findet. Verfolgt ein alter Anarchist, wie sich die Burschen in den Söhnen nach Leistung, Ansehen, Auszeichnung verzehren, sträuben sich ihm alle Haare, falls er noch welche hat. Apropos: auf üppige Haartracht legt der Prärieindianer großen Wert. Laut Lorenz wurde das Kopfhaar sogar gerne künstlich verlängert, bei den Krähen-Indianern teils bis zum Boden. Die Neigung zum Skalpieren ist bekannt. Als Joes Wahlsohn Byron Bighorn – aus dessen kindlicher Perspektive ist Adler-Band II meisterhaft erzählt – vor Schulantritt zum Friseur muß, kommt es schon Kastration und Folter gleich. Die üppige Haartracht gilt eben als Symbol des Stolzes; sie bringt viel Ehre und Ruhm ein. Den Gipfel des Ruhmes stellt in den Söhnen das Opferritual des Sonnentanzes dar, dem sich Donner vom Berge und Stein mit Hörnern alias Harka aus freien Stücken unterziehen. Es ist der brutale Wahnsinn. Den beiden jungen Dakota, die sich bereits vielmals ausgezeichnet haben, wird im Morgengrauen vom Geheimnismann des Zeltdorfes zunächst eine Art Brustlasche verpaßt – durch zwei parallele Schnitte mit dem Messer und anschließendem Durchstich. Durch diese Hautlasche zieht er einen Lederriemen, um ihn dort zu verknoten. Der Riemen ist mehrere Meter lang und am Ende im bemalten Pfahl verankert. An dieser Leine, sie straffend zurückgelehnt, haben die beiden Helden nun dem Lauf der Sonne zu folgen, ohne sie aus den Augen zu lassen.

Das bedeutet ungefähr 17 Stunden zu stehen und immer in die Sonne zu blicken. Gewiß, die Sonne war den Prärieindianern heilig. Deshalb bestand das Tüpfelchen auf der schwarzen Kleidung von Joe und Hanska stets aus einem gelben Halstuch. Schwarz war die Farbe der Menschen im Gegensatz zu anderen Geschöpfen der Natur, wie Welskopf-Henrich im fünften Adler-Band erklärt – somit mehr als nur ein Affront gegen die Weißen. Doch die Sonne verehren, indem man sich von ihr quälen läßt? Wasser wird bei diesem Opferritual nicht gereicht. Man meint, spätestens zum Sonnenuntergang müßten die beiden Knaben tot oder zumindest ohnmächtig sein, doch nun heißt es gar noch, durch Sprünge die Brustlasche aus Haut zu sprengen, um wirklich frei zu sein. Die Blutsbrüder bestehen die Probe. Nach wenigen Tagen sind sie wieder gesund.

Als Laie möchte ich schwören, sie hätten zumindest ihr Augenlicht verloren. Bei Welskopf-Henrich ist davon nicht die Rede. Im letzten Adler-Band** läßt sie Hanska sogar einen jungen Krieger erwähnen, der zwei Tage hindurch in die Sonne gesehen habe, ohne das Augenlicht zu verlieren, „das hat es seit Menschengedenken nicht mehr gegeben“. Auch Joe und Wahlsohn Hanska gehen selbstverständlich durch den Sonnentanz. Die Autorin stellt das grausame Ritual auch nie in Frage.*** Der ganze befremdliche Ehrenkodex der Prärieindianer scheint „voll auf der Linie“ des Adolf-Hennecke-Sozialismus gelegen zu haben. Das Ansehen geht dem Indianer über alles. Schon als Knabe hat er keine Schwächen zu zeigen, etwa Langschläferei. Mädchen werden ja ohnehin nicht als „volle Menschen“ betrachtet, wie Welskopf-Henrich in den Söhnen immerhin zur Kenntnis nimmt. Im vierten Adler-Band hängt der Knabe Hanska bei der Heimkehr von kräftezehrendem Auftrag „halb schlafend im Sattel“, doch er reißt sich gewaltsam hoch, „um nicht etwa Spott zu ernten“. Schließlich ist er schon an den Turngeräten in der Schule „immer der Beste gewesen“, wie die Autorin in Band V bemerkt. Ihre Leidenschaft fürs Rodeo, bei dem es oft genug zu Schwerverletzten und Toten kommt, verwundert da nicht mehr. Im Adler tritt ihre Sucht nach erbarmungslosem Sozialistischen Wettbewerb immerhin abgemildert und differenzierter auf. Noch milder verfährt Biograf Lorenz mit ihr.

Trotz dieser Einwände ist Liselotte Welskopf-Henrich für mich in erster Linie nicht Kommunistin, vielmehr Menschenfreundin. Ich würde es sehr begrüßen, wenn ihre Adler-Pentalogie möglichst bald wieder vollständig lieferbar wäre. Zu den Großtaten ihres Helden Joe King zählt es, die Büffel wieder ins Land zu holen – er besorgt den Grundstock seiner Zucht in Kanada. Als das erste Büffelgrollen über die Kingschen Weiden rollt, kommen Joes 112 Jahre altem Wahlvater John Okute die Tränen. Daß ich das noch erleben darf. Bevor die Weißen mit ihren Schnellfeuergewehren einfielen, tummelten sich 60 Millionen Büffel in der Prärie. Schon im 19. Jahrhundet sind sie nahezu vollständig ausgerottet. Oft bleiben die Kadaver liegen; die Weißen nehmen nur Zungen und Felle mit. Der weiße Farmer und Nachbar Myer senior bringt die verheerende Ehe von Rassismus & Fortschritt und damit die kolonialistische Hybris im letzten Adler-Band auf den Punkt. Hanskas Vorhaltung „Ihr seid später gekommen. Sagte ich schon einmal. 40.000 Jahre später, Großvater“ pariert er mit: „Meinethalben 40.000 Jahre später. Aber in 400 Jahren haben wir euch überrundet.“ In der Prärie lagen die Trainingsplätze der Yankees für Vietnam, Irak, Afghanistan, Jemen und was noch alles kommen wird.

* Lorenz stützt sich auf das 2004 auf deutsch erschienene Buch von Mary Crow Dog und Richard Erdoes Lakota Woman. Dog war eine Freundin von Aquash. Wahrscheinlich ist diese Sicht zumindest einseitig, siehe etwa die Artikel über Aquash in der englischen oder deutschen Wikipedia, außerdem neuerdings meine eigene, gesonderte Darstellung in MO 4 Artikel 137.
** Das helle Gesicht, 1980, in der Beltz-Ausgabe von 2001 auf S. 82
*** Es kam bei sämtlichen Stämmen der Prärie und der Plains vor, jedoch in einigen Varianten. Möglicherweise stellt Welskopf-Henrich es schief und überspitzt dar. Nach Wolfgang Lindig / Mark Münzel (Die Indianer Band 1, 3. Aufl. München 1985, S. 169) wurde es in der Regel im Hochsommer in einer offenbar ungedeckten „Tanzhütte“ abgehalten. Man tanzte, nüchtern und zu Trommeln, oft Tage und Nächte hindurch, bis man, mit „Visionen“ vollgefüllt, ohnmächtig zu Boden sank. Zwar ist auch hier von einem (geschmückten) „Zentralpfosten“ die Rede, nicht dagegen vom hartnäckigen Starren in die Sonne mit abschließender Zerreißprobe an Hautlasche mit Lederriemen. Mit dem letzten, dem Sprengen, lehnte sich Welskopf-Henrich vielleicht an die Okipa-Zeremonie der Mandan an, bei Lindig/Münzel S. 167.

°
°