Donnerstag, 21. Juni 2012
Übelchen
Vorfassung in meinem Großen Stockraus von 2009


Alles ist relativ. Mögen deshalb die Übel selbst das Ausmaß von VW-Geländewagen, Butterbergen, Atomkraftwerken, Ölteppichen, Hartz VII, Afrika, Schwarzen Löchern haben – alles halb so schlimm, weil sich immer noch größere Übel denken oder beschwören lassen. Schließlich soll das Universum unendlich sein. Somit sind wir mit Hartz IV noch gut bedient.

Da sie rein quantitativ operiert, greift die weltweit beliebte Theorie des Kleineren Übels in allen Bereichen und Gremien. Während sich rechterhand stets ein Buhmann findet, der mit der Kettensäge droht, gehen zur Linken die Hackebeilchen hoch. Diese werden uns dann als Erfolg im Abwehrkampf verkauft, ehe sie zur Kürzung unserer Renten dienen. Seitenwechsel ist erlaubt. Nach diesem Muster geben sich in unseren kapitalistisch verfaßten Demokratien seit vielen Jahrzehnten zwei bis fünf verschieden angestrichene Parteien die Türklinke des Staatsapparates in die Hand. Welche Schweinerei auch wer gerade ausheckt – mit Hilfe der Theorie des Kleineren Übels läßt sie sich rechtfertigen, ohne dem Stimmvieh schon für heute radikale Lösungen zumuten zu müssen. Nach dem marxistischen Gesetz des Umschlags der Quantität in die Qualität, an das zumindest die reformi-stische Linke glaubt, stellen sich die radikalen Lösungen irgendwann ganz von selber ein. Man muß nur emsig Reformen aneinander reihen, die zunächst einmal Linderung bringen. Lenke ich die Entrüstung auf uran-haltige Splittergeschosse, stellen meine herkömmlichen Gewehrkugeln geradezu die Rettung vor jenen dar. Ein ziviler Arbeitsplatz an einem Fließband für Katzenfutter-konserven erhebt mich immerhin weit über das Niveau der Menschenfresserei. Die Grausamen sind die Nazis – während unsere von einem makellos gekleideten Bundesverteidigungsminister befehligten Bomber weltweit „humanitäre Katastrophen“ abwenden. Da unsere demokratischen Parteien ohne Nazis gar zu schlecht aussähen, wissen Verfassungschutz und Polizei, wen sie zu decken und zu züchten haben. So läßt sich stets mit einem Superbuhmann drohen – und sei es mit dessen Verbot.

Wer darauf achtet, taumelt beim Studium der Geschichte von einem Übelchen zum nächsten. Der liberale Zeitzeuge Sebastian Haffner schreibt in seinen Erinnerungen eines Deutschen, die Regierung Brüning (Reichskanzler 1930) sei „im Effekt fast unentrinnbar zur Vorschule dessen“ geworden, „was sie eigentlich bekämpfen“ sollte. Der Kommunist Gustav Regler behauptet (in seinen Erinne-rungen Das Ohr des Malchus) nichts anderes schon von Reichskanzler Wilhelm Marx (1926–28): „Sie nannten ihn das kleinere Übel; es war eine erstaunlich dumme Losung, nicht aggressiv, nur selbstmörderisch. Sie verloren diese Schlacht, wie sie die von Kapp und Cuno verloren hatten.“ Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger und seine Gattin Marta wählen 1932 Hindenburg als das „geringere Übel“, wie Marta in ihren Erinnerungen (Nur eine Frau, 1983) kritiklos erwähnt. Die KPD – mit der beide sympathi-sierten – hatte immerhin zur Wahl von Thälmann aufgerufen, weil jede Stimme für Hindenburg den Krieg wähle. Am 30. Januar 1933 machte dann der neue Reichspräsident Hindenburg Hitler zum Reichskanzler.

Bald darauf – am 16. September 1935 – legt ein gewisser Joseph Goebbels in einer vermutlich intern gehaltenen Rede dar, warum davon abzuraten sei, den Gegner zu sehr in die Enge zu treiben. Brächten wir in der Propaganda zum Ausdruck, die Juden hätten überhaupt nichts mehr zu verlieren – „ja, dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn sie kämpfen. Wenn Sie ihnen aber eine Chance geben, eine geringe Lebensmöglichkeit, dann sagen sich die Juden: Wenn die jetzt im Ausland wieder anfangen zu hetzen, dann wird's noch schlimmer – also, Kinder, seid doch mal still, vielleicht geht's doch!“ Zitat nach Wolf Schneider: Wörter machen Leute, München 1986, Seite 128.


Nachtrag. Das Erschreckendste ist, das Klammern an Goebbels' vielleicht hält sich bis zur Stunde und offenbar bis in alle Ewigkeit. Mag sich Obama als Oberlügner und Schlächter von Muslimen, Rotgrün als Zertrümmerer des Balkans und Zerfetzter des deutschen Eisenbahnnetzes erwiesen haben – im Athen der Jahre 2015/16 dürfen diese vermeintlichen Rettungskräfte erneut in die Regierungsgebäude einziehen und eine Schandtat nach der anderen begehen. Was lernen wir daraus? Das Wasser steht den Kleinen Leuten, auch ihren sogenannten Fürsprechern in Zeitungen und Internetportalen, stets weit genug bis zum Hals, um einen ungetrübten Blick in die Geschichte zu verhindern. Was sie wünschen, ist keine andere Welt, sondern „Soforthilfe“ – die sie erst ein paar Tage später absaufen läßt.
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