Donnerstag, 21. Juni 2012
Lange schreibt wie er heißt
Erstveröffentlichung 2011 in Nr. 156 der Zeitschrift Die Brücke


In der Bezauberung, die er vor allem im ersten Teil ausübt, dürfte der 1937 erschienene Roman Schwarze Weide kaum zu übertreffen sein. Es war der erste Roman des Nieder-schlesiers und Wahlberliners Horst Lange, Jahrgang 1904. Lange selber übetraf ihn leider auch nie mehr.

Die Schwarze Weide wird aus dem Blickwinkel eines Halbwüchsigen erzählt, dem sich nur unter Verrenkungen bescheinigen ließe, er erwache. Am Beginn des Romans döst er beim Äpfelernten hinterm flirrenden Laub. Das kommende Leben zieht wie die Spinnweben des Altweiber-sommers an ihm vorbei, ohne ihn wirklich berühren zu können. Alle Machenschaften und Verhängnisse, in die ihn seine Sommerfrische auf dem Land verstrickt, sieht er durch diese wehenden Fäden, an denen die Machenschaf-ten und Verhängnisse kleben bleiben. Im Grunde beo-bachtet er nur. Auf dem Land und dessen Gehöften liegt die Schwermut dieses empfindsamen Beobachters. Lange schildert detailreich bis zur Pedanterie, verärgert dadurch aber nicht, weil es der Zähflüssigkeit des Geschehens beziehungsweise der Wahrnehmungsweise seines Helden entspricht. Für einen Maler gibt er auch erstaunlich viel fürs Ohr. Die Soziale Frage bleibt drittrangig, obwohl er die Klassenunterschiede keineswegs übergeht. Was die Menschheit vor allem zu bewegen scheint, ist ein großes Bedürfnis nach Gestraftwerden. Von daher steht die übermächtige, wenn auch zerklüftete Vatergestalt des vierschrötigen Bauern Gotthold Starkloff nicht zufällig im Mittelpunkt des Romangeschehens. Starkloff tyrannisiert – und wird seinerseits von Mörderhand ereilt.

Fotos zeigen den 30- oder 40jährigen Lange als hübschen Mann mit schmalem, aber sinnlichem Gesicht. Die ganze Gestalt hat einen verletztlichen Zug. Lange wuchs in der Männerwelt einer Kaserne am Rande von Liegnitz auf, wo sein Vater als Leutnant Dienst tat. Zwischen ihm und dem Vater habe „stete Spannung“ geherrscht, ist aus einem 1979 veröffentlichten Porträt Langes aus der Feder seiner Frau Oda Schaefer, einer Lyrikerin, zu erfahren. Es gibt einige heftige Streits und mehrere Ausreißversuche des heranwachsenden Lange, so zum Bauhaus nach Weimar oder an die Uni in Berlin – der Alte holt ihn zurück. Auch die gemeinsam mit Oda vorgenommene Übersiedlung von Liegnitz nach Berlin im Mai 1931 nennt sie „die dritte Flucht Horst Langes aus dem Vaterhaus“. Sein Studium (Kunstgeschichte, Literaturgeschichte, Theaterwissen-schaft) hatte Lange in Breslau nicht abgeschlossen; eine Doktorarbeit wurde abgelehnt. Mit Rückenstärkung von Günter Eich, Martin Raschke und dem Verleger V. O. Stomps versucht sich Lange nun als Publizist über Wasser zu halten. Die Arbeit am ersten Roman wird „zum Martyrium“. Doch sie lohnt sich: die Schwarze Weide findet unter Kritikern eine nahezu einhellige rühmende Aufnahme. Selbst der Emigrant Sebastian Haffner stimmt (von England her) in den Chorus ein.

Das heikle Verhältnis unseres halbwüchsigen Ich-Erzählers zum Vater wird im Roman lediglich angedeutet. Die psychologischen Schlachten hat er mit seinem Halb- und Ersatzvater Starkloff sowie mehreren jungen Frauen zu schlagen. Was ihm auch begegnet, es hat bedrohlichen Charakter. Nachkriegswirren und grandiose Unwetter, die ja traditionell als Strafgerichte aufgefaßt werden, tun das Ihre hinzu. Mit der Gutsherrentochter Cora übersteht der Junge ein heftiges Gewitter in einer Schilfhütte nahe der verrufenen Mühle. Krönung des zweiten Teils stellt ein Hochwasser dar, dem unter anderem die ätherische junge Pächterstochter Irene zum Opfer fällt, die den Erzähler ähnlich bestrickt und zugleich abstößt wie einstmals Cora. Beide Unwetter sind meisterhaft mitreißend geschildert. Doch ansonsten fällt der zweite Teil stark gegen den ersten ab. Die Enthüllung der verschlungenen Wege des brünstigen Besatzungsoffiziers Smeddy und von Starkloffs Gegenspieler Smorczak, der sich vom Dorfwirt zum Sektenführer gemausert hat, gerät gar zu langatmig und spitzfindig. Lange lädt wieder alles mit Vorzeichen, Bedeutung und Verhängnis auf, ohne dadurch die Charaktere und ihre Taten (oder Unterlassungen) einleuchtend machen zu können. Statt einer Bloßlegung wohnen wir einem unablässigem Raunen bei. Ab dem unseligen, in der Großstadt spielenden Zwischenspiel, das die beiden Buchteile miteinander verbinden soll, liegt Langes Werk in den Krämpfen von unglaubwürdigen Zufällen. Im Zwischenspiel wohnt der Erzähler zufällig neben Coras Mutter, die dem Gutsherrn schon vor Jahren durchgebrannt war. Im zweiten Teil kehrt er zufällig am Tage eines von Smorczak ausgelösten Massenauflaufs in das niederschlesische Kreistädtchen Nilbau zurück. Zufällig streitet sich der Prediger im Nebenzimmer mit dem gleichfalls zurückgekehrten Smeddy, sodaß der Hotelgast in den Hergang der Mordtat an Starkloff eingeweiht wird. In einer Gärtnerei stößt er zufällig auf das Töchterchen der frühverstorbenen Alma, die ihm damals in der Sommerfrische schöne Augen gemacht hatte. US-Soldat Smeddy stellt sich als deutschstämmig heraus; zufällig trug er dereinst den Mädchennamen Tomscheit der Mutter des Erzählers – was Wunder, wenn Smeddy hartnäckig dessen Wege kreuzt ...

Nach seinem gelungenen Wurf freundet sich Lange mit Kollegen wie Peter Huchel, Werner Bergengruen, Ernst Kreuder, Werner Helwig, Elisabeth Langgässer an. Die Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt tritt zeitweilig als Konkurrentin Oda Schaefers auf. Doch im Mai 1940 muß der anerkannte Autor in seines Erzeugers Fußstapfen treten. Muß er? Jedenfalls läßt er sich einziehen. Sowohl seine nächsten Erzählwerke wie seine 1979 veröffent-lichten Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg verbieten es, Lange den Titel eines Antimilitaristen zu verleihen. Grundsätzlich stellt er den Krieg nie in Frage. Selbst der Rußlandfeldzug scheint für ihn eine Berechtigung zu haben; er wird nur mangelhaft („dilettantisch“!) durchge-führt, nicht rechtzeitig abgebrochen; er mißglückt. Darin fügt sich auch das folgende ein.

Zum einen zeigt sich Lange von den angerichteten Zerstö-rungen nie wirklich erschüttert. „Lebensspuren“ in den abgefackelten oder zerschossenen Bauernhäusern registriert er mitleidlos. Einmal schildert er einen Rund-gang durch ein verlassenes Dorf unbeteiligt wie ein Buch-halter – obszön. Man gewinnt in der Tat den Eindruck, Lange habe kein Mitleid, übrigens auch nicht mit sich selber. Deshalb kommt mir auch seine Entrüstung über die treffend beobachtete Kälte Kafkas doppelzüngig vor. Ich kann mir Lange nicht warmherzig vorstellen. Er scheint jenen dumpfen Regionen verhaftet, die er so oft beschwört – den schlesischen Sümpfen; eben der Kälte. Somit muß ihm zum anderen eine starke Neigung zum Tod bescheinigt werden. Er gesteht sie im Tagebuch indirekt ein, wenn er seinen „Hang zum Unglücklichsein“ erwähnt. Das Leben taugt nichts. Die Materie versklavt uns. Sie hintertreibt das Streben nach Klarheit und Ordnung, die Lange nicht weniger selten beschwört. Sie sind natürlich eine Sache des Geistes (und des Kunstschaffens). Zuviel Klugheit scheint dabei allerdings verderblich zu sein. Langes Einsichten in politökonomische Zusammenhänge und Hintergründe kann ich nur dürftig nennen. Gegen ihn war sogar Freund Kreuder marxistischer Soziologe. Langes Aussage nach der Lektüre von Bergengruens Mittelalter-roman Am Himmel wie auf Erden, dessen Autor sei liebenswert beschränkt, wäre ihm besser im eigenen Halse stecken geblieben. Lange schildert Dinge, weil sie faszinierende Dinge sind. Sie einzuordenen (also zu werten) ist nicht des Ordnungsliebhabers Amt. Und er schildert sie, weil sie stets nach Metaphysik riechen.

Spätestens mit dem Zwischenspiel der Schwarzen Weide mutet uns Lange das Gegenteil von Klarheit zu: Fröm-melei, Mystizismus, Sentimentalität. Als Langes Lektor hätte ich das schwülstige großstädtische Intermezzo vollständig gestrichen und ein paar wesentliche Informa-tionen über die Entwicklung des heranwachsenden Erzählers, der schließlich das Erbe seines ermordeten Halbvaters Starkloff antritt, auf der Anreise des Erben gegeben. Weiter wäre mein Rotstift vor allem in das langatmige Rührstück von der Häuslerstochter Christiane und ihrem gräflichen Verehrer gefahren, der zu Coras Vorfahren zählt. Der Verlust wäre verschmerzbar, gibt doch Lange im Grunde das gleiche Rührstück auch noch um Cora selber und ihre zeitweilige Rivalin Irene. Mit seinem Erzähler liebt Lange ätherische Frauengestalten, die sich bis ins Himmelsgewölk verflüchtigen; auf diese Weise werden sie gleichzeitig makel- und harmlos. Irenes Tod durch Ertrinken nimmt dem Erzähler die Entschei-dung ab: nun kann er sich wieder der stolzen und launischen Cora annähern. Lange beschert uns ein Happyend mit der jungen Gutsherrin, zuzüglich Familien-zusammenführung und Vereinigung der beiden größten Höfe des Dorfes Kaltwasser. Selbst der Krämer Hartmann, fälschlich des Mordes an Starkloff verdächtigt und überführt, ist glücklich: es gefällt ihm inzwischen im Nilbauer Zuchthaus besser als draußen, wo doch nur Krieg und Lug und Trug auf einen lauern.

Viele Indizien untermauern des Lesers Verdacht, im Grunde bewege den erzählenden Knaben und dann jungen Mann das gleiche Untergangsverlangen, das er an den AnhängerInnenscharen des schmierigen Predigers Smorczak beobachtet. Einmal bescheinigt er sich aus-drücklich, wohl „zu schwach und ängstlich“ zu sein, um dem Leben standhalten zu können. Man fühlt sich an die Ausführungen des Erzbischofs aus Bergengruens erwähntem Roman erinnert, dessen üppiges Personal einer über Brandenburg hereinbrechenden „Sündflut“ entgegen sieht. Die Menschen erhofften sich vom Untergang die Auflösung ihrer Verstricktheit in soziale und persönliche Unbilden, denen sie aus eigener Kraft nicht gewachsen seien. Das Verhängnis macht reinen Tisch. Die Flucht in einen weiblichen Schoß dagegen bleibt immer Episode. Nur der Tod erlöst vom Leben. Gewiß mischen sich öfter auch noch andere Motive in die Sehnsucht nach dem Untergang. An dem Lehrersohn und Smorczak-Jünger Haubold beobachtet der Erzähler die Potenzphantasien, die in der Regel die Frucht väterlicher Knute sind. Nach allem, was wir vom Erzähler (und seinem Autor) wissen, handelt es sich um ein Spiegelbild. „Jetzt fühlte er sich bereits als einen Sendboten der Gerechtigkeit; das Außergewöhnliche, das er immer entbehrt hatte, war ihm angetragen worden, und er hielt es gierig fest. Endlich bekam er eine Gelegenheit, sich über sein schäbiges Dasein zu erheben, die alle seine Träume übertraf, vielleicht maß er sich schon eine Bedeutung bei, welche sich durch nichts von der aller romantischen Bücherhelden unterschied, deren Leben er immer bewundert hatte; bald sollten die Augen aller Leute auf ihn gerichtet sein, und sein Name würde von Mund zu Mund gehen.“

Einen starken Kontrast zu solcher Erhöhung geben die Schilderungen des gemeinen Soldaten Lange vom Rußlandfeldzug. Das verlauste, frierende Elend und alle erlittenen Schrecken durch Granaten, Minen oder Bordkanonen stellen sowohl in den Tagebüchern wie in seinem Erzählungsband Die Leuchtkugeln, der 1944 erscheint, den Prospekt der Prosa dar. Verständlicherweise verarbeitet Lange hier auch seine eigene schwere Verwundung, die ihn im Dezember 1941 beim Sprengen von gefrorenen Bäumen ereilt. Splitter dringen ins linke Auge, das später operativ entfernt werden muß. Auf der einen Seite kann sich Landser Lange nun glücklich schätzen, aufgrund vieler Lazarettaufenthalte und schonender Posten in der Etappe vor weiteren Himmel-fahrtkommandos bewahrt zu bleiben. Von seiner ganzen Kompanie (in der Regel 100 bis 150 Leute) überlebten (bei Stalingrad) lediglich drei Männer. Auf der anderen Seite ist er nun halbblind und wird zudem für den Rest seines Lebens von Kopfschmerzen geplagt. Im Verein mit seiner schon immer wackligen Gemütsverfassung hat er dadurch zunehmend Schreib- und Lebensprobleme, was nach Ansicht Oda Schaefers sowohl im Freundeskreis wie seitens der Kritik zu wenig berücksichtigt worden ist. Sie deutet einen beträchtlichen Alkoholkonsum ihres Mannes an. Das Ehepaar wohnt nach dem Krieg zunächst im bayerischen Mittenwald, ab 1950 in München. Hier stirbt Horst Lange auch – „an Blutstürzen durch eine Leberzirrhose“ im Juli 1971.

Ich sagte, die Qualität seiner Erstlingsprosa habe Lange nie wieder erreicht. Noch vor seiner Einberufung verfaßt er Das Lied des Pirols und Ulanenpatrouille. Beide Werke übertreffen Schwarze Weide jedoch in der Weitschweifig-keit. Das 1946 veröffentlichte Romanfragment um den Pirol stelle ich andernorts vor. Den Gipfel seiner Umständ-lichkeit erreicht Lange mit seinem Roman Ulanen-patrouille, der 1940, also zu Kriegszeiten, herauskam. Gleichwohl scheint sich dieses Buch einiger Beliebtheit erfreut zu haben, bevor es durch die Sperrung des Papier-kontingentes für die zweite Auflage faktisch verboten wurde. Diese Tatsache erstaunt. Eher hätte man ein Verbot der Schwarzen Weide erwartet, trägt doch Rattenfänger Smorczak unübersehbar Züge des bellenden Schnauz-bärtchens aus Braunau. Die erste Auflage der Ulanen-patrouille betrug immerhin 29.000 Exemplare. Obwohl kitschverdächtig, erschien der Roman in der renom-mierten Frankfurter Zeitung als Vorabdruck. 1957 verbreitete ihn die Deutsche Buch-Gemeinschaft weiter. In seinem Kriegstagebuch erwähnt Lange mehrmals Kameraden, die seinen Roman kannten und lobten. Da hatten sie zum Ersatz für ihre schmutzstarrende Ernie-drigung den feschen jungen Leutnant Friedrich von G. hoch zu Roß. Der hat sich dem bekannten Konflikt zwischen Pflicht und Neigung lediglich in Herbstmanövern des Jahres 1913 zu stellen. Zufällig führen sie ihn nach Gut Dubrowo, auf dem sich Bronislawa so unglücklich fühlt. Sie hatte ihm einmal in der Garnisonstadt bei der Fuchsjagd schöne Augen gemacht. Die Familie verheiratete sie mit einem greisen, fetten Grafen. Nun läßt der gutaussehende Leutnant einer Nacht mit der gleichfalls gutaussehenden jungen Gräfin im Gutsparkspavillion zuliebe seine Truppe im Stich. Als hätte uns der selten langatmige Zug ins Manöverfeld nicht schon genug gequält, verschlingt allein diese Nacht noch einmal 50 Seiten des Romans. Zur Strafe für seinen unmoralischen Abstecher in den Schoß der Gräfin (die davon prompt geschwängert wird, denn der alte Graf war zeugungs-unfähig) bricht sich der reumütig zur Truppe zurückgalop-pierende Leutnant in einem Dickicht den Hals.

Wie erwähnt, war Lange unter anderen mit Ernst Kreuder befreundet. Im Februar 1946 kommt der südhessische Mühlenbewohner brieflich auf eine Diskussion von Langes Ulanenpatrouille zurück. „Du meintest damals, es sei ganz gleich, ob Du einen Offizier oder einen beliebigen anderen Berufsträger zur Romanperson erwählst. Ich war anderer Meinung. Du wirst es heute auch sein. Auch der Beruf ist eine Angelegenheit der Gesinnung, der Beruf ist schon ein Bekenntnis.“ In der Tat läßt sich in Langes Roman weder ein antimilitaristischer noch ein sozialkritischer Zug entdecken. Eher spielt „das Volk“ eine verachtenswürdige Nebenrolle. Am schlechtesten kommen mal wieder die „Zigeuner“ weg: während sie zu Beginn des Feldzuges mit einer Weissagung für den Leutnant vertreten sind, plündern sie am Romanschluß dessen Leichnam aus. Im Gegensatz zur Schwarzen Weide gestattet sich Lange ein paar Anflüge von Humor, doch das sentimentale Sujet und seine Beschreibungswut verderben alles. Lange liebt lange, gewundene Sätze. Es ist ihm nicht gegeben – etwa wie Tschechow – einen Charakter mit wenigen Strichen vor uns hinzustellen. Während Bronislawa trotz wortreichster Schilderung völlig konturlos bleibt, gibt er den greisen Grafen und dessen schmierigen Neffen Sigismund als Klischee. Lange gelingt es noch nicht einmal, den Zauber der Natur in unseren Herzen zu erwecken. Die Natur bleibt hier Kulisse. Da fragt man sich, wo Lange die Unverfro-renheit hernimmt, auf „volkstümlichen Klassizismus“ zu pochen, zugleich jedoch Kreuders Gesellschaft vom Dachboden schlechtzumachen*, die einen solchen Orden durchaus verdient hätte.

Die vier Erzählungen Die Leuchtkugeln kamen 1944 heraus. Im Tonfall erinnern sie mich an Bücher, die Kreuder um 1960 schrieb. Jedenfalls ist Langes Sammel-band erheblich genießbarer geschrieben als Pirol und Ulanen. Laut Helmut Heißenbüttel erschien die Titelgeschichte 1944 vorab in einer Zeitung. Für Carl Zuckmayer hat Lange mit den Leuchtkugeln „das beste Kriegsbuch“ des Zweiten Weltkrieges, nämlich „das menschlichste“ vorgelegt. Daran wage ich nicht nur verschiedener Kollegen Langes wegen zu zweifeln. Langes Mißachtung des „feindlichen“ Volkes drückt sich zum Beispiel in solch einer Bemerkung aus: „In den Dörfern ringsum gab es genug, was uns sättigte.“ Wieder jede Menge in Flammen stehender Dörfer, die Lange befremdlich „malerisch“ schildert. Immerhin, als die Pioniere für Bauholz eine Scheune abreißen, fällt dem Erzähler auf: „Zu anderen Zeiten hätte ich es wohl bewundert, wie solide und kenntnisreich das hier gebaut war, Holz auf Holz und ohne einen einzigen Nagel – jetzt ärgerte ich mich nur, daß es uns soviel Mühe machte.“ In der zweiten Erzählung gibt er sich sogar der Trauer um ein Bauernhaus hin, in dem sein Zug einquartiert war. Jedoch: „Solch ein schönes Haus, es stand da oben und dauerte mich, mehr als der Bauer und die Alte, mitsamt allen Kindern.“ Das ist starker Tobak, aber immerhin aufrichtig. Sollte es „die moralische Kraft des Soldaten“ bezeugen, „die ihn zu Widerstand und Angriff befähigte“, wie es einmal auf Seite 155 meiner Maschke-Ausgabe heißt, dann Gute Nacht.

Gegen diese Herzlosigkeit gehalten, wirkt Langes Fröm-melei besonders unangenehm. Ohne Höhere Mächte tut er's so wenig wie Bergengruen mit seinem kurfürstlichen Romanpersonal. In den Tagebüchern spricht Lange salbungsvoll vom Verlust des Göttlichen als Grund der Verrohung der modernen Menschheit – als sei das fromme Mittelalter lieblich gewesen. Er leistet sich den Satz: „Die Kraft zur Vergöttlichung ist tot und verkümmert.“ Im Protest gegen diesen verkümmernden Leichnam stellt er sich und alles andere unter „Gottes Wille“. Die Neigung zum Tod ist also korrekt mit Masochismus verbunden. Von diesem starken Zug sieht Organist Hermes aus den Leuchtkugeln auch seine Kriegsbeteiligung getragen. Zu Hause hatte er unter dem sattsam bekannten Widerspruch Kunst – Leben gelitten. Immer wieder sah er sich von jenen Niederen Mächten bedroht, die die Ordnung, die man sich mühsam geschaffen hat, gefährden, indem sie uns „ins Formlose reißen“. Sie tarnen sich gern als Frauen. Als Ausweg winkt notfalls der Krieg. Er wird zur läu-ternden Roßkur. Seine Härte und Erbarmungslosigkeit ermöglicht Hermes die Selbstfindung.

Unheil ist also nicht nur schlecht. Bei Laternenlicht in Brudzewo angekommen, werden die Brüder aus dem Pirol von einem Mädchen mit Handwagen abgeholt. Berthold spannt sich neben dem Mädchen vor die Deichsel. Überall, in der dunklen Bahnhofsallee und dann auf dem Marktplatz, scheinen Bedrohungen zu lauern, von denen man magnetisch angezogen werde. „Man muß ihnen in die Arme laufen, nur darum, weil sie einen erwarten.“ Sie halten Abenteuer, Bewährung, Läuterung – oder den Trost des Todes bereit. Oda Schaefer schreibt, Lange habe die Gefahr geliebt, das Außergewöhnliche, die Probe einer Leistung. Er scheint gefährliche Zusammenstöße geradezu provoziert zu haben. Nicht selten war Alkohol im Spiel. So wurde „Weichei“ Lange, wie man heute sagen würde, mehrmals in Schlägereien verwickelt, darunter auf dem Rußlandfeldzug. Im faschistischen Berlin entgeht er einer durch einen beleidigten Kriegsgerichtsrat beabsichtigten Verhaftung in einem Lokal nur durch eine geistesgegen-wärtige Fluchthilfe durch den Kollegen Erich Kästner. Selbst mit dem verletzten Auge gerät er, noch zu Kriegszeiten, als Urlauber an der Grenze zum Elsaß „in eine gespenstische Schlägerei“, bei der dieses linke Auge noch mehr geschädigt und dadurch für eine operative Entfernung reif wird.

Die Frage, warum sich Lange derart hartnäckig mit Mächten anlegt, die ihn aller Wahrscheinlichkeit nach auf irgendeine Weise strafen würden, ist wohl nur noch eine rhetorische. Schaefer schreibt: „Immer wieder das Herausfordern der Gefahr, das Sichherausschleudern wie durch eine rätselhafte Zentrifugalkraft. Man sagte einmal von ihm, er suche den Tod wie jeder Deutsche – es war etwas anderes, der Dämon, das Nervöse, die Hypersensi-bilität gegen das Subalterne, das sich als beamtenhaft oder militärisch überlegen aufspielte. Höchst gefährliche Situationen beherrschten immer wieder sein Leben.“ Ob dieser „Dämon“ von Langes offensichtlich unverdauter Haßliebe zum Vater oder allgemeiner dem Verdruß daran genährt worden sei, als Säugling ungefragt in das eine oder andere Schicksal gepropft zu werden, lasse ich dahin-gestellt. Nicht selten agieren beide Motive ohnehin als Kumpanen.

* Beide Angaben bei Hans Dieter Schäfer (Hrsg) im Nachwort zu Langes Tagebüchern aus dem Zweiten Weltkrieg, Mainz 1979, S. 308



Siehe auch
Kapitel Das Lied des Pirols, im Beitrag Mitte
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