Donnerstag, 21. Juni 2012
Etwas Kreudertee
Eine Vorfassung befand sich bereits ab 2007 online: auf ernst-kreuder.de. Dort ist sie im Sommer 2016 auf meine Bitte hin entfernt worden. 2012 erschien die Arbeit auch in der Zeitschrift Die Brücke, Nr. 159. Für die folgende Endfassung habe ich noch einige Verbes-serungen vorgenommen und einen neuen Abschnitt angehängt.


Seine Helden sind Randfiguren. Vor dem Wirtschafts-wunder, das ihnen blüht, flüchten sie sich auf Gerümpel-speicher oder in stillgelegte Tunnels. Wo wieder aufgebaut wird, hören sie schon wieder Granaten und Stukas pfeifen. Als gemeiner Flakhelfer hatte Ernst Kreuder den Krieg fünf Jahre lang zur Genüge kennengelernt. Seine Helden beklagen die Verwurstung und Verwüstung der Erde, während „Ökologie“ noch ein Fremdwort ist. Sie predigen das besinnliche, einfache Leben, ohne sich allerdings Purzelbäume zu versagen. Im Pathos durchaus mit Ernst Wiechert vergleichbar, hat ihm Ernst Kreuder, geboren 1903, unbedingt die rote Pappnase der Goldenen 20er Jahre voraus. Dafür erreicht er Wiecherts Magie nicht. Wiechert konnte aus jeder Begegnung – ob mit Menschen, Tieren, Landschaften – Bezauberung schöpfen. Kreuder mag uns ebenfalls bezaubern wollen, bleibt jedoch zumeist in seinen hartnäckigen Bekehrungsversuchen stecken. Dem verblendeten Holzhammerphilosophen Ludwig Klages hält er zeitlebens die Stange. Abdämpfend mischt er etwas Tao in sein Gebräu. Selbst auf dem Dachboden predigt er – und sei es, um mit Waldemar gegen das Predigen zu wettern, während eine Flasche Wermut um den ausrangierten Billardtisch kreist.

Immerhin ist er auch mit Hans Henny Jahnn, Karlheinz Deschner, Karl Krolow befreundet, die ein Gegengewicht setzen. Und er begann seine schriftstellerische Laufbahn als Hilfsredakteur des in München erscheinenden satirischen Wochenblatts Simplicissimus. Im März 1933 seien „die nahezu exklusiven Redaktionsräume“ in der Friedrichstraße von der SA zu Kleinholz verarbeitet worden. Kreuder zieht sich in die südhessische Heimat zurück. Mit seiner frischangetrauten Gemahlin Irene lebt er in einer ehemaligen Wassermühle bei Darmstadt. Er hält die Familie mit „mehr oder minder dämlichen Kurzgeschichten, sogenannten Räuberpistolen“ über Wasser. „Von NS-Bonzen gelegentlich aufgefordert, dem hochschäumenden 'Führer'-Krampf literarisch zu 'huldigen', konnte ich mich mit Ausreden drücken.“ Dem Gestellungsbefehl zur Wehrmacht entzieht er sich nicht. Woher hätte er die Mittel dazu nehmen sollen? Schließlich hieß er nicht Thomas Mann oder Stefan Zweig. Gleichwohl ist Argwohn angebracht. Folgt man Stephan Rauers gründlicher Untersuchung von 2008, neigte der „Innere Emigrant“ Kreuder dazu, seine „oppositionelle“, ja sogar „widerständige“ Rolle im Rückblick allzu farbkräftig zu malen. In Wahrheit hatte Kreuder seinen Kurzgeschich-tenmarkt, veröffentlichte zwei Sammelbände, beteiligte sich hin und wieder an Lesungen, rechnete sich auch gute Chancen aus, Die Unauffindbaren herauszubringen, wie Rauer belegen kann. Wahrscheinlich schwebte dem hessischen Erzähler ein ähnlicher Erfolg vor, wie ihn sein Berliner Kollege und Freund Horst Lange mit dem Roman Schwarze Weide erzielt hatte.

Es kam etwas anders. Erst nach Kriegsende gelang Kreu-der mit seinem „eingeschobenen“ Buch Die Gesellschaft vom Dachboden (1946) ein anhaltend nachklingender Stoß aus einer Kindertrompete. Hier begeben sich ein paar Sonderlinge auf Schatzsuche, Schiffsreise und zahlreiche philosophische Exkurse, als sei es das Normalste von der Welt. Neben dem Gestus der Selbstverständlichkeit fängt dieses eher schmale Buch, das später auch in der ersten deutschen Taschenbuchreihe rororo erschien, seine KäuferInnen mit kurzen, lapidaren Sätzen und leicht antiquierten Kulissen ein. Nach Schätzung eines Marbacher Kenners erlebte es bis heute (2006) allein auf deutsch eine Auflage von mindestens 250.000 Exem-plaren, während Kreuders nachfolgende Bücher, obwohl oft erheblich dickleibiger, durchweg Kleinvieh blieben, das im Keller zu scharren hat. Auch der Büchnerpreis bringt ihn kaum ins Geschäft. Sein 1955 in der Mainzer Akademie vorgetragener Büchner-Essay stochert ertraglos im Dunkeln. An Weihnachten 1972 kommt er selber unter die Erde. Ob er sich mit seinem Mitsterber Günter Eich absprach, werden künftige Biografen zu klären haben.

Vermutlich bestanden beide auf einem Einzelgrab. Das Wort Gesellschaft in jenem Buchtitel grenzt nämlich an Augenwischer- und Fallenstellerei. In der Tat läßt Kreuder den alten Valentin in seinem Brückenpfeiler eine Falle betreiben. Sie ist vor allem für Habgierige gedacht, die nach ihrer Läuterung wieder freigelassen werden. Wie schon im Zuge der ersten Buchseiten deutlich wird, wünschen alle Dachboden-Beteiligten genau das Gegenteil von Gesellschaft. Zumal der Ich-Erzähler Berthold, zufällig der Schriftstellerei verfallen, kann es kaum erwarten, sich in der nächsten Schiffskajüte oder Klosterzelle „einschlie-ßen“, ja gar „verkapseln“ zu dürfen. So versichert er auch dem Meister des blumigen, ausufernden Gebetes Valentin, er sei fast erleichtert darüber, daß sich Herrn Quichows betörende Tochter mit Johannes dem Tänzer abgesetzt habe. Frauen sind Störfeuer.


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Jeder eingefleischte Eigenbrötler pflegt zu den vielen Belästigungen, die er tunlichst zu meiden hat, selbstver-ständlich auch Liebschaften zu zählen, in der Regel also Frauen. Drohen sie ihn nicht aus der Bahn zu werfen, öden sie ihn an. Möchte er diese Anödung verhindern, kommt er nicht umhin, die Beziehung zu „gestalten“, wie es hochstaplerisch heißt. Ständig muß etwas unternommen werden. Man spräche ehrlicher von Beschäftigungs-therapie. Untätigkeit ist so verpönt wie Schweigen – ja, dieses ist geradezu kriminell, wittert der andere doch in jedem Versuch des Verstummens irgendeine Schmähung, einen Vorwurf oder sonst ein Unheil. Nicht mehr mit dem anderen zu sprechen, kommt einer Höllenstrafe gleich. Kreuder nimmt diesbezüglich eine nicht ungeschickte Arbeitsteilung vor. Er bedient sich der Frauen als willfährige Zuhörerinnen. Sie selber haben das Maul zu halten. Während im Dachboden das erwähnte Quichow-Töchterchen an Bertholds Lippen hängt, heißen die Zuhörerinnen in Agimos Asina und Berenice.

Auch die Nachkriegsbegegnung mit einer jungen, scheuen Geliebten, die Kreuder als flaschenbiersüchtiger Mitspieler in seinen Roman Herein ohne anzuklopfen einfließen läßt, ist von der ersten Stunde an das große Zuhören: ein ums andere Mal muß Kreuder ihr Gedichte vorlesen, oder gar ganze Kapitel aus seinen damals entstehenden Unauf-findbaren, sie dürstet danach. Kreuders kurze Erzählung Abend am Seeufer lebt sogar ausschließlich von der Zuhörerin. Der peinliche Witz: sie wäre „dramaturgisch“ überflüssig. Man könnte die Geschichte als Monolog bringen, ohne der Wirkung Abbruch zu tun. Freilich hätte man auch auf sie verzichten können, weil sich die Wirkung auf nebelhafte Frömmelei beläuft.

In anderen Fällen umgeht Kreuder die Hürde schall-schluckenden Nebels, indem er gleich auf die Fernwirkung von Lichtgestalten baut. Er benötigt in seinen männer-bündischen Kreisen weibliche Gestalten, um sie in einer derart großen Entrückung und Erhabenheit aufbauen zu können, daß beide oder alle Beteiligten garantiert voreinander sicher sind. Jessi, die Äugende, Sanfte, Große Blonde, die bei der Suche nach den Unauffindbaren in Gilbert Orlins phantastischer Welt aufsteigt, ist zu kostbar, um im Alltag verschlissen oder übergangen zu werden. Im Alltag kommt die Liebe trotz wiederholter Höhenflüge nie übers Schnöde hinaus, stürzt uns aber gleichwohl in Verwirrung und beugt uns gewaltiger noch (Hölderlin), und damit hält sie uns von der Arbeit, nämlich vom Besinnen und Erzählen ab. Zur Tugend erhoben, auf einen Sockel gestellt, wirkt sie dagegen nachhaltig beflügelnd. „Pat ging quer über den weiten blauen Teppich auf eine große Statue zu, leuchtete sie an. Sie war in der Mitte des Saales aufgestellt, der Kopf und der linke Arm des Torsos, leicht sich beugende, große Frauenfigur, fehlten.“

Einem Täfelchen zufolge handelt es sich bei dieser kopf-losen und lediglich einarmigen Dame um die Sandalen-lösende Aphrodite. Sie behütet ein verlassenes imaginäres Hotel. Bei Kreuder zu Hause, in der ehemaligen Mühle am Odenwald, sah es etwas anders aus – zumindest gepflegter. Um 1980 empfing mich dort einmal sehr freundlich die damals schon hochbetagte, silberhaarige Frau Irene Kreuder. Ich hütete mich ihr vorzuhalten, sie sei gar zu bereitwillig Kreuders rechte Hand gewesen und habe ihm überhaupt jenen „ungestörten Bezirk eines vertrauten, behaglichen Heims“ gewährleistet, den er 1963 in der Frankfurter Rundschau unter dem Titel „Zwischen Schwemme und Klausur“ preist. Denn gar zu behaglich wird es nun auch wieder nicht gewesen sein, wie viele ja aus eigener Erfahrung wissen. Es geht im übrigen auch aus Ulrike Edschmids 1990 erschienenen Buch Dieseits des Schreibtischs mit Lebensgeschichten von Frauen schreibender Männer, darunter Ernst Kreuder, hervor.


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Nach einer bissigen Bemerkung von Anatol France hat in kapitalistisch verfaßten Demokratien jeder das Recht, unter einer Brücke zu schlafen. Kreuder hat in einer hübschen Kurzgeschichte Tunnel zu vermieten. Die Krone gebührt jedoch Waldemar, der auf dem Dachboden in einem mit rotweiß gestreiften Matratzen versteiften alten Kleiderschrank haust, dem Türen und Rückwand fehlen. Kreuder kam aus ärmlichen Verhältnissen. Das Improvi-sieren lag ihm im Blut. Da sich die 20er Jahre eher kalt als gülden anließen, verbringt sein Vater im schäbigen Häuschen am Offenbacher Stadtrand viele Stunden auf dem Küchenherd, wobei ihm das wortkarge und fasten-reiche Überleben wahrscheinlich nur gelingt, weil er auf einem alten Gartenstuhl mit eisernem Gestell sitzt. Angeblich war er einst „als Erfinder im Maschinenbau anerkannt und bei seinen Chefs, die ihn ausnutzten, beliebt“ gewesen, berichtet der Sohn. Schon mit 35 erleidet Ludwig Kreuder einen Schlaganfall. Das kleine Vermögen der Eltern fällt der Inflation zum Opfer. Die Mutter bezieht Sozialhilfe, geht außerdem nähen und putzen. Ernst selber unterzieht sich einer Lehre als Bankkaufmann – bis er sie abbricht, um in Frankfurt Kriminalistik zu studieren. Allerdings landet er weder bei der Kripo noch im Knast. Sofern er nicht in Kiesgruben oder Ziegeleien schafft, hört er nebenbei Philosophie und büffelt fleißig Gedichte von George, Rilke, Trakl. Später kommt ihm zu Ohren, Adorno habe Schulter an Schulter mit ihm studiert. Das färbte leider zu wenig ab.

Hätte sich Vater Kreuder vom Küchenherd gestürzt, wäre ich auch nicht verblüfft. In den Erinnerungen von Stefan Zweig und Sebastian Haffner werden die Begleiterschei-nungen der Inflation, die Deutschland nach der nicht stattgefundenen Revolution in ihren Strudel riß, gut ausgemalt. Während der Zynismus steigt, hagelt es Selbstmorde. Einer bringt sich aus purer Not um; ein anderer, weil er sich um ein paar Milliarden verspeku-lierte. Im bürgerlichen Berliner Hause Haffner war die Not allerdings nicht groß genug, um auch noch das Dienst-mädchen zu entlassen. Reformisten und Heilsarmisten wenden natürlich sofort ein: Ja, weil sie das arme Ding nicht ins Unglück stoßen wollten; sie retteten einen Arbeitsplatz; fast hätten sie sogar ihren Bechstein-Flügel verkauft! Vom Kapital – das die Grafiker der Roten Fahne gern als dicken Mann mit Zigarre und Zylinderhut gaben – ist bei Sebastian Haffner nicht die Rede. Hugo Stinnes? Konzerne und Banken als Superinflationsgewinner? Nie von gehört. Dafür kennen wir die gängige Münze „super“. Ihr spärlicher Gebrauch ist nicht verwerflich. Während Sprößling Arthur zunächst in Gotha die Schule besucht, empfiehlt ihm Johanna Schopenhauer einmal brieflich, sich nicht immer superklüger als seine Lehrer aufzuspie-len. Sogar zu Lichtenbergs Zeiten (um 1775) wanderte der Suppenlativ bereits durch die Küchen, Wirtshäuser, Schlafzimmer. Übertreibung ist ja keineswegs nur der SchriftstellerInnen Geschäft.

„Bis an den Grabesrand werde ich schreiben müssen“, seufzte Kreuder in einem Gespräch mit Angelika Mechtel, das sich in deren Sammelband Alte Schriftsteller von 1972 findet. Das war lediglich insofern aufgebauscht, als Kreuder nur noch wenige Monate zu leben hatte. Während er den Kaffee für seinen niedrigen Blutdruck von Satiren, Kurzgeschichten, Rezensionen in der Presse bezahlt, schreibt er an seinem nächsten Roman, den er ahnungsvoll „Diesseits des Todes“ genannt haben möchte. Darüber setzt sich sein Verleger allerdings jenseits (1973) hinweg. Das Buch erscheint als Der Mann im Bahnwärterhaus, bleibt aber trotzdem ein Ladenhüter.


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Kreuder verfügte über ein Füllhorn an reißerischen oder clownesken Einfällen, doch seine Figuren bleiben stets Sprechtüten. Wer ihre Naturelle oder Charaktere zu erfassen sucht, guckt in die Röhre. Sie bleiben blaß, unanschaulich, fast austauschbar. Bei Kreuder finden auch keine ernst zu nehmenden Entwicklungsprozesse statt, weder in charakterlicher noch in weltanschaulicher Hinsicht. Seine Figuren vertreten stets dieselbe Weltan-schauung – die von Kreuder oder die der Gegenseite. Vor allem lehnt er alles Kriegerische ab, was ihm nach der „Enttabuisierung des Militärischen“ durch den rotgrünen Doppeldecker Schröder/Fischer gar nicht hoch genug angerechnet werden kann. Während sich Kreuders Name im März 1958 unter 40 prominenten Unterzeichnern auf einem bundesweit verbreiteten Plakat gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr findet, bleibt er dem „Klassenkampf“, den die Bechers, Brechts und Hacks' besingen, eher fern. Johlen (im Bahnwärterhaus) die durchgebrannten Irren mit dem Spruchband Mehr Muße! Mehr Mundharmonika spielen! durch den Wald, ist es schon viel. Kreuders Banner ist die Einkehr. Ich hätte es schon fast auf meiner neuerworbenen Hütte gehißt, wäre es mir nicht von Heinz Puknus mit den Worten vergällt worden, Kreuder halte uns dazu an, der „'metaphysischen' Region einer unentstellten tieferen Wirklichkeit“ nachzu-sinnen, „in der das nur zu erahnende 'Geheimnis' alles Weltseins dem still-konzentrierten Erleben gegenwärtig wird.“ So im Artikel eines Literaturlexikons, das sich ausdrücklich kritisch nennt.

Ich sagte, in Kreuders Büchern fänden keine Entwick-lungen statt. Puknus widerspricht zumindest insofern, als er die fortschrittsgläubige Einschätzung verkündet, Kreuder habe sich in seinen Schreibkünsten von Buch zu Buch gesteigert. Für mein Gefühl war es eher umgekehrt. Gewiß ist jedes Buch von Kreuder anders geschrieben, aber gerade das kommt mir als Mangel vor. Kreuder entwickelt keinen Stil. In den Unauffindbaren (1948) wartet er mit vielen spannenden Geschichten oder hübschen Szenen auf, doch sein beschwörender Tonfall, der mal heulsusischer als ein Trümmermann, mal salbungsvoller als Wiechert klingt, verdirbt alles. Mit Hörensagen dagegen (1969) sucht sich der abseitige Kreuder seiner Zeit durch einen schnoddrigen und schludrigen Jargon anzupassen, den Puknus gleich noch um das Technokratische einer „sterilen Stupidität des Apparatedenkens“ bereichert. Gegen sie – lobt Puknus, wenn auch mit anderen Worten – sei Kreuder zu Felde gezogen. Andere Kreuderbücher wiederum, wie etwa Herein ohne anzuklopfen von 1954, haben von allen Stilen etwas. Der Kunstkritiker Karl Scheffler empfahl uns, mit zunehmendem Alter im Ausdruck immer einfacher im Sinne von schlichter zu werden. Hätte sich Kreuder daran gehalten, hätte er 1946 mit seiner Gesellschaft vom Dach-boden bei Rowohlt auch seinen Löffel abgeben müssen. Andererseits wäre es dann nie zu dem interessanten Plan gekommen, irgendeine Odenwaldklinik in ein „Phrase-arium“ umzuwandeln, wie Kreuders Hörensagen-Bande es erwägt. Darin hätte sich vermutlich auch ein Plätzchen für Puknus gefunden.

Vielleicht ließe sich meine vorstehende Kritik an Kreuder auch von einer anderen Warte aus viel einfacher vortragen. In stilistischer oder formaler Hinsicht fährt Kreuder von Buch zu Buch immer raffiniertere Waffen auf – doch das führt bei ihm nicht zum Austragen von Differenzen. Vielmehr schlägt er Welt, Gesellschaft, Person noch im Bahnwärterhaus (1973 posthum) unerschütterlich über seinen klagesmäurischen kosmologischen Leisten. Wenn es auf Schuhgrößen und Ledersorten, die Fältelungen unserer Kleider und Parteifähnchen, auf unsere Liebes-dramen, Karrieren, Seelen nicht ankommt – warum läßt es Kreuder dann nicht sein? Warum bemüht er Figuren, statt in Formeln a lá Wittgenstein, Heidegger, Einstein zu sprechen? Offenbar vermißt er doch etwas. Nur entzieht es sich leider seinem Zugriff. Was ihm so eben noch gelingt, begegnet uns 1959 in Agimos: ein nach Hause kommender Mann wird im Wohnungsflur überrascht; er reißt seine Pistole aus dem Schulterhalfter – und erschießt sein Spiegelbild.


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In seinem Roman Herein ohne anzuklopfen von 1954 verhöhnt Kreuder jenen „lärmenden Betrieb, den sie hinterher Geschichte nennen“. Er hat ihm von Jugend an die Aufforderung zum Träumen und zur müßigen Besin-nung entgegen gehalten. Seine Frau Irene nennt den Erzähler in ihren Gesprächen mit Ulrike Edschmid – wohlwollend – „weltfremd“. Aber er ist auch „ichfremd“, lehnt er es doch zeitlebens hartnäckig ab, sich als Schriftsteller der biografischen Mitgift und der eigenen Verletzbarkeit zu stellen. Die einzige nennenswerte Ausnahme findet sich im erwähnten Roman, wo ein Mitspieler namens Kreuder als Insasse einer Irrenanstalt den „Bericht eines Flaschenbiersüchtigen“ abgibt. Doch im selben Roman beschimpft Kreuder erneut die „realistisch“ orientierte Fraktion seines Berufsstandes. Er verachtet „Realität“ sowohl in objektiver wie subjektiver Hinsicht. Man möchte kaum glauben, daß er 1953 den Büchnerpreis sowohl bekommen wie mit eigenen Händen entgegen genommen hat. Aber dann ging es unbestreitbar bergab.

Über Kreuders fast sensationellen Anfangserfolg in den Nachkriegsjahren und seinen „Einbruch“ in der Gunst des Publikums und der Kritik in den späten 1950er Jahren ist viel gestaunt und gerätselt worden. Wahrscheinlich spielen in beiden Fällen mehrere Aspekte ineinander. Rauer führt die unterschiedlichen Erklärungsversuche an und erörtert sie ausführlich. Beispielsweise sieht ein bei Kreuder-Verteidigern beliebtes Argument in dem verschrobenen Mühlenbewohner „ein Opfer der Gruppe 47“ – so die Überschrift eines Nachrufes von Kreuders Freund Karlheinz Deschner. Dieses Argument wird, wie ich glaube, bereits durch den Hinweis entkräftet, SchriftstellerInnen wie Arno Schmidt, Hans Erich Nossack oder Marlen Haushofer seien der „realistisch“, „politisch“ und wohl auch „marktwirtschaftlich“ orientierten Gruppe 47 ebenfalls ferngestanden, ohne doch, wie Kreuder, in einer zunehmenden Isolierung zu landen. Rauer selber nimmt einen in dieser Konsequenz neuen Blickwinkel ein. Maßgeblich für Kreuders Scheitern sei dessen beharrliche Selbstinszenierung als Erwecker und Opfer gewesen, die genauso beharrlich die Auseinandersetzung mit sich selbst meidet. Kreuder habe den „Stoff des eigenen Lebens, der eigenen Geschichte literarisch nicht bewältigt“, was sich zuletzt drastisch am Mißlingen des großangelegten Romanes Agimos (1959) gezeigt habe. Folgt man dieser Sichtweise, konnte Kreuder seine so stark empfundene literarische Mission nie überzeugend beglaubigen – was um 1947 noch nicht so stark ins Auge fiel. „Dem Werk dienen, und das Werk war im tiefsten Sinne Dienst am Geheimnis“, konnte Kreuder in der Geschichte durchs Fenster noch verhältnismäßig ungestraft schreiben. Zur Gebetsmühle geronnen, nahmen es ihm die Leute übel.

Rauer weist in diesem Zusammenhang wiederholt auf die selten gewürdigte Selbstbezüglichkeit Kreuders hin. Sie zieht sich in der Tat durch sämtliche seiner Bücher. Rauer führt etliche Belege an, die den Verdacht nähren, im Grunde habe Kreuder nur der Prozeß des Schreibens und dessen Endprodukt interessiert – so etwas wie Wirkung, ob auf ihn selber, ob auf Mitmenschen, also gerade nicht.


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Eine Vorfassung dieses Aufsatzes fand 2007 erstaun-licherweise Eingang auf die Webseite des Kreuder-Freundeskreises. Doch dieser Schritt sollte sich im Som-mer 2008 rächen. Vorübergehend ohne Schreibprojekt, war mir die Idee gekommen, mich zusätzlich als Biograf des „vergessenen“ Büchnerpreisträgers zu versuchen. Nun wurde mir jener Aufsatz zum Stolperstein. Der gleichfalls in Südhessen lebende Schriftsteller Peter Härtling hatte mir freundlicherweise die Adresse einer Nichte Kreuders gegeben. Er habe den „wunderlichen und schwierigen“ Odenwäldler noch gut gekannt – „oft saßen wir neben-einander in der Mainzer Akademie, das heißt: er verließ die Sitzungen regelmäßig, weil ihm irgendwas oder irgendjemand 'stank'.“ Wie sich bald darauf herausstellte, stank ich dann auch der Nichte. Nachdem auf mein Anschreiben vom 3. Juli 08 kein Mucks erfolgt war, griff ich zum Telefon. Kaum hatte ich meinen Namen genannt, stürzte ihre Laune spürbar ab. Sie hatte im Netz meinen Aufsatz gelesen, der ihr offensichtlich gegen den Strich ging. Nachdem ich ihr dieses Eingeständnis mühsam entwunden hatte, stellte sie fest, für jegliche weitere Auskünfte sei sie nicht mehr zu haben. Niedergeschlagen bat ich Härtling um einen Ratschlag. Ob ich das Projekt wohl oder übel fallen lassen sollte? Das bejahte er – „da nun die Zeugen wahrscheinlich schweigen.“ Mein Tonfall im Aufsatz sei wohl für jemanden, der ein Andenken hüte, zu ironisch. Er selber wünschte mir trotzdem alles Gute. Da hatte er gut reden – ein verheißungsvolles Buchprojekt, das mir vielleicht zu einem gewissen Namen und etwas Altersruhegeld verholfen hätte, hatte sich zerschlagen.

Gewiß kann ein Mensch, der Ernst Kreuder verehrt, meinen Aufsatz über ihn als ketzerisch empfinden – obwohl ihn Härtling als „zugeneigt-kritisch“ aufgefaßt hatte. Doch ebenso sicher hätte ich eine Biografie über Kreuder nicht mit der Absicht verfaßt, ihn herabzusetzen. Vielmehr hätte ich versucht, diesen Mann in seinen Eigentümlichkeiten und in seiner Widersprüchlichkeit besser zu verstehen. Warum war er so, wie er war? Kreuders Nichte gab mir jedoch nicht die Chance, diese Absicht zu erklären. Offenbar konnte sie sich in Verbin-dung mit meiner Feder (oder Tastatur) nur Schlimmes vorstellen. Und wenn es selbst so wäre? Dürfen Biografen nur Gutes oder Günstiges über ihren Gegenstand verlauten lassen? Müssen sie ihm jene „uneingeschränkte Solidari-tät“ entgegenbringen, die Gerhard Schröder nach 9/11 für George W. Bush bekundete? Selbstverständlich nicht. Ich kann vor Kreuders Eigenbrötler- und Querulantentum meinen Hut ziehen, ohne zu verhehlen, daß mir die schwärmerische Prosa der Unauffindbaren schier die Socken auszieht. Ob ich dies in einer Biografie so geäußert hätte, steht auf einem anderen Blatt.

Die interessantere Frage wäre jedoch, ob ein toter Schrift-steller überhaupt seiner Frau oder seiner Nichte oder seinem Patenonkel gehören darf. Für mein Empfinden gehört er seiner Leserschaft. Andernfalls hätte er nämlich gleich für lediglich die Frau, die Nichte oder den Paten-onkel geschrieben – für diese befangenen Leute, die sich nun, nach einem schönen Wort der Berliner Künstlerin Silke Kruse, in der Rolle der GralshüterInnen gefallen. Dann wären sie schön unter sich geblieben. Für mich bringt sich ein Schriftsteller absichtlich ins Gespräch; er sucht den öffentlichen Diskurs. Dann muß er natürlich auch damit rechnen, daß nicht nur Süßholz geraspelt sondern auch Lärche gehobelt wird. Teilt er aus, muß er auch einstecken können. Der Schriftsteller macht sich angreifbar. Es ist unzulässig, ihn sofort nach seinem Ableben als Ikone hinter einem Ofenschirm zu verbergen. Gerade die Offenlegung bietet die beste Gewähr für Achtung und Fairneß, wie ich aus einigen Jahren des Kommunelebens weiß. Wer das Visier herunterklappt, hat Angst. Aber gerade dann werden Pfeilspitzen auf seiner Rüstung Funken schlagen.



Siehe auch
Kreuders Tod in Siggis Schneisen
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