Mittwoch, 20. Juni 2012
Tatort vernebelt
Vorfassung in meinem Großen Stockraus von 2009


Ich pflege häufig von unseren „vermischten Motiven“ zu sprechen. Ihre gewaltige Rolle im Leben wird weithin unterschätzt. Sie erklären den Löwenanteil unserer Untaten, Mißverständnisse und Händel, sind jedoch selber nur selten erklärbar. Ein Schulbeispiel ist leicht zur Hand, wohnte doch Vera Sprosse, eine gute Freundin von mir, in der Kommune neben U., die ein kleines Fernsehgerät besaß. Da diese andere Kommunardin leider auch kleine Ohren besaß, stand Vera wiederholt im Begriff, das Miststück aus dem Fenster des Nachbarzimmers zu werfen. Welches denn? Das Fernsehgerät oder Kommu-nardin U., die Nachbarin? Eben hier liegt das Problem.

Auf der anderen Seite von U. wohnte Kommunarde F.. Er versicherte Vera Sprosse, die kleine Sesamstraßen-und-Tatort-öffne-dich-Box sei gar nicht sonderlich laut; ihn störe sie jedenfalls nicht. Allerdings war ihm U. auch kein Dorn im Auge – weil sie etwa durch schwäbische Mundart nervte oder unsittliche Ansinnen zurückwiese. Einen anderen erinnert U. womöglich nur durch ihre Art zu grinsen an eine Politikerin, die er nicht ausstehen kann. Wobei noch die Frage wäre, warum ihm ausgerechnet diese bestimmte Politikerin gegen den Strich geht, denn verkaufen tun sie sich ja alle.

Doch selbst, wer U. schätzte und taub wäre, könnte ihr Fernsehgerät besonders inbrünstig hassen. Es muß ihm lediglich inmitten einer sogenannten anarchistischen Kommune die von Adorno sogenannte Kulturindustrie repräsentieren. De facto freilich dürften in den meisten Fällen mehrere Gesichtspunkte zusammenspielen – Beweggründe, die nach Art, Herkunft, Alter ganz ver-schieden sind, wie ich schon öfter betont habe. Wer wollte jedoch die prozentualen Anteile und das Hauptmotiv bestimmen?

Koestler stellte das hier behandelte Phänomen in seinem Roman Ein Mann springt in die Tiefe anhand des jungen Antifaschisten Peter heraus, der womöglich nicht nur den Nazis oder dem Kapital, sondern auch, von der Kinder-stube her, seinem Vater trotzte. Neben Kommunen sind selbstverständlich Parlamente und Parteien, im Grunde sämtliche Gruppen, sogar die zerstreute Wikipedia-Gemeinde, gute Beobachtungsfelder für das Phänomen der Vermischten Motive. Wer darauf achtet, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, bei vielen Reibereien handele es sich weniger um die Sache, vielmehr um eine günstige Gelegenheit, Taten, Vorschläge, Personen herabzusetzen, um selber in möglichst gutem Licht dazustehen. Das ist fast immer unser Hauptmotiv.

Eine spezielle Verschiebung unterlief Vera Sprosse einmal in ihrer Zusammenarbeit mit Schreinermeister K.. Sie gab sich zunächst notorisch widersetzlich, obwohl K. ein ausgesprochen kooperativer Altkommunarde war, keine Spur rechthaberisch und gängelnd. Aber er war ein Chaot. Und das hatte er zufällig mit ihrem früheren Chef gemeinsam – daher der Trotz. Ihrem Chef wiederum hatte sie in manchen Auflehnungsfällen sicherlich unrecht getan, weil sie ihn beispielsweise mit ihrem Vater verwechselte oder als Inkarnation repressiver Systeme nahm. Kurz und schlecht: Gilt diese Analyse, können Sie nie sicher sein, warum Sie etwas tun (oder unterlassen) – und mit entsprechender Vorsicht sind Ihre Rechtferti-gungsversuche zu genießen. Somit wird es auch zumeist im Dunkeln bleiben, warum der eine, wie Koestler, nach Ruhm, der andere dagegen nach Unscheinbarkeit strebt. Für das zweite Begehren empfehle ich Anschluß an eine anarchistische Kommune.
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