Mittwoch, 20. Juni 2012
Weiße Rappen
Den freien Versfüßen auf den Fersen

Erstveröffentlichung: online Mai 2012


Wie ich mich durch einen mißratenen Lexikon-Artikel unterrichten lassen konnte, treten auf Erden schon seit ungefähr 170 Jahren literarisch gestimmte Strebsame auf, die ihre LeserInnen mit Prosagedichten beglücken oder aufrütteln, je nach dem. Hier hat sich soeben Günter Grass mit einer Aufsehen erregenden Attacke gegen ein kleines Land eingereiht, das ohnehin bereits zu alttestamenta-rischen Zeiten einen Zustand größtmöglicher Feindselig-keit anstrebte. Hätte er seine Attacke somit auf einem weißen Rappen geritten? Das wäre in der Tat große Kunst. Aus denselben Erwägungen heraus könnte der Gesetzgeber den Lehrberuf des Schlosserschreiners anordnen – und siehe da, die hinter dem Gesetzgeber stehende Industrie hat das Unmögliche bereits vollbracht, sie hat das Automotorrad erfunden, wie mir an jedem Wochende einige jüngere, in Lederzeug gehüllte MitbürgerInnen beweisen, die die umliegenden Feldwege als Rennbahnen auffassen. Warum sollten sie untätig bleiben, während die Nato Bombardierungen als Friedensmissionen und den Schutz afghanischer Mohnfelder als Verteidigung der Menschenrechte ausgibt?

Ich fürchte, ich habe mich wieder einmal auf ein verdammt weites Feld begeben. Also eins nach dem anderen. Das sogenannte Prosagedicht ist ein Phänomen der soge-nannten Modernen Lyrik. Über den hohen Ruf dieser Unterabteilung des Literaturbetriebes, die uns hartnäckig mit sprachlichen Erzeugnissen von hoher Beliebigkeit, gewaltigem Zäsurenschwachsinn und allgemeiner Form-losigkeit beliefert, kann sich ein Freund der Ästhetik eigentlich nur wundern. Was wäre daran Lyrik? Da ihre Produzenten jedoch beteuern, in jeder anderen Gestalt verlören ihre sogenannten Gedichte an Aussage- und Bannkraft, kommen wir nicht umhin, sie achselzuckend der Sphäre von Religion, Aberglaube und Kult zu überantworten. Um die Illusion Fortschritt (1996) zu zerfetzen, zieht der US-Paläontologe Stephen Jay Gould, nebenbei guter Prosaist, das in den Staaten überaus beliebte Baseballspiel heran, das irrwitzige Regeln hat. Diese Regeln ließen sich beim besten Willen nicht vernünftig begründen, doch Millionen glaubten inbrünstig an sie, versichert Gould. In der Sportart „Moderne Lyrik“ verhält es sich lediglich etwas komplizierter, weil sich jeder Lyriker seine eigenen Regeln schafft.

Ist er schlau wie Theo Breuer (Wandler Nr. 19), orakelt er etwas von einer „inneren Gesetzmäßigkeit des Freiverses“, um uns einen Hutmacher aufzubinden, der Schuhe feilbietet. Ein Vers hat mit Freiheit nichts zu tun. Wie zum Beispiel der französische Denker Alain gern betonte, hat es sich bei Lyrik schon immer um gebundene Rede gehandelt. Sie ist nicht frei sondern Form. Wie anders wollte sie sich auch von der Prosa unterscheiden? Denn von den mög-lichen Themen und der möglichen Bezauberung her unterscheiden sich Lyrik und Prosa um keinen Deut. Da wirft man Literaturstars wie Schiller oder Grass „Gedan-kenlyrik“ vor, dabei ist jede Lyrik von gedanklicher Art, sofern sie durchs Gehirn ihres Schöpfers ging. Bei Grass ist man sich darin nicht immer sicher. Und wer umgekehrt der Prosa von Thoreau oder Tschechow „Gefühl“ abspre-chen wollte, kann nur ein Sack voll Grillkohle sein. Ist es uns aber „nur“ um die Anschaulichkeit oder Sinnlichkeit eines Textes zu tun, betrifft es Lyrik und Prosa gleicher-maßen. Auf diesen angeblichen Gegensatz von gefühls-betonter und durchdachter Sprache komme ich noch zurück.

Das Gedicht ist ein Fingerhut

Der Unterschied zwischen Lyrik und Prosa liegt allein im Bindungsgrad. Wer Prosa schreibt, springt ins aufgewühlte Meer. Und es gehört viel Disziplin dazu, hier eine schiff-bare Route zu finden. Langen Atem braucht man auch. Wer dagegen dichtet – nach herkömmlicher Art – schreibt in Kanälen. Von jener Disziplin ist er entlastet. Das Eigenartige und Wohltätige des Gedichts liegt gerade in seiner Enge. Das Gedicht ist ein Handschuh; fast möchte man sagen, ein Fingerhut. Es nimmt nur auf, was paßt. Die strenge Form geht vor; das Maß der Strophen und Verse schreibt vor. Dieser freiwilligen Fesselung einen Höhen-flug abzuringen, darin besteht die spannende, allerdings auch mühsame Arbeit des Dichters. Daß es dazu nicht unbedingt des Endreims bedarf, sieht man von Hölderlin bis Hacks. Aber es ist Arbeit. Wer sie fürchtet, wird sich unter das Dach des postmodernen „erweiterten Kunst-begriffs“ retten, den niemand hartnäckiger verhöhnt hat als der Maler und Lyriker Robert Gernhardt. Dieses Dach ist groß genug, um alle Strohköpfe, Scharlatane und Faulpelze der Welt zu beherbergen. Der Forderung der Nachprüfbarkeit entgehen sie allemal. Denn woran wollte man ihre Ausgeburten, die weder überlieferte Maßstäbe anerkennen noch einen ihnen „inhärenten“ Maßstab entwickeln, messen? Das einzige und das Großartige, worauf sie pochen können, ist die Nochniedagewesenheit ihrer Produkte. Der Kapitalismus mit seinem „Inno-vations“-Zwang, auch Neuigkeitswahn genannt, läßt grüßen.

Dem unreligiösen Freund der Ästhetik drängt sich natür-lich die Frage auf, warum sich im Zuge der Moderne ausgerechnet Maler und Dichter, Bildhauer und Kompo-nisten bereitwillig dazu hergeben, an der Zerstörung der Form mitzuwirken. So weit ich sehe, gibt es dafür mindestens vier Gründe, die sicherlich immer anders zusammenspielen. Den ersten Grund habe ich bereits angedeutet: man möchte nicht veraltet sein. Das Schimpf-wort dafür ist „antiquiert“. Also muß etwas Neues her, sofern man nicht als HinterwäldlerIn gelten möchte. Selbstverständlich wird es immer auch als das Bessere verstanden. Die Wurzel liegt in unserer Vergänglichkeit. So gut wie jeder junge Mensch ist davon überzeugt, er könne dies oder das, am besten sogar alles, besser machen als seine zahlreichen VorgängerInnen. Das Kind überflügelt seine „Alten“, auf die es sowieso schlecht zu sprechen ist.

Was Wunder, wenn unsere „Neuerer“, dies zum zweiten, auch dem allgemeinen Fortschrittswahn aufsitzen. Die Menschheit schreitet unbeirrt auf ihr Heil los, und nicht etwa heillos. Irrtümer oder Rückschritte zieht der Neuerer nicht in Betracht. Ironischerweise bleibt er mit seinem Fortschrittsglauben dem Anspruch des 19. Jahrhunderts verhaftet, man müsse die Wirklichkeit wiedergeben. Denn in der Wirklichkeit wird bekanntlich alles immer kniffliger, vielschichtiger, unübersichtlicher – die Kultur verfeinert sich. Und dabei möchte er mithalten. Doch für mich besteht die Aufgabe der Literatur und Kunst nicht in dieser Nachäffung, sondern gerade umgekehrt darin, dieser bedenklichen Entwicklung, die uns zu Sklaven eines Trommelfeuers aus Trümmern, Splittern, Fetzen macht, klare Gestalten entgegen zu halten. Nur solche sind Quellen wirklicher Erkenntnis und Kraft. Daß sie bei aller Reinheit trotzdem zauberhaft wirken können, sieht man an einem Tagebuch-Eintrag von Jules Renard so gut wie an einem Bläserquintett von Paul Hindemith. Dies liegt ohne Zweifel daran, daß der Mensch und seine Welt unergründ-lich sind. Man braucht sie nicht künstlich zu verrätseln.

Der nächste Grund liegt auf der Hand. Er ist allen Hand-werkern einsichtig genug, um mich hier nicht an ihm aufzuhalten. Er lautet: Es ist leichter, eine Form zu zerstören als eine zu schaffen. Es ist bequemer, ein Pißbecken zur Kunst zu erklären als eine Gestalt zu modellieren. Bei den modernen LyrikerInnen stellt die angebliche Gedichtform das Pißbecken dar, in das sie ein paar Reizworte kotzen. Mondrian gab die Gitter, die manchmal auf den Pißbecken liegen, als Stilleben aus, vor denen in Andacht zu erstarren sei.

Den vierten Grund erblicke ich in dem durchaus alten, unseligen Begehren der KünstlerInnen, ihren ureigenen Ausdruck, ihre ganz persönliche Sprache zu finden. Nach etlichen tausend Jahren emsigen Kunstschaffens ist da natürlich nicht mehr viel zu holen. Folglich weicht der Nachwuchs nur zu gern auf „Sprachen“ aus, die mit Kunst nichts mehr zu tun haben. Sie setzen uns leere Leinwände, flimmernde Bildschirme, Wortsalate vor – in Zeiten des events auch gerne alles zusammen. Sie leiern Telefon-bücher herunter oder verwandeln jedes Ding, das ihnen in die Hände fällt, in Fakirbretter oder Striegelbürsten, weil sie ja, wie ich schon sagte, nichts so lassen können wie es ist. Doch was immer auch, sie erklären es für die jüngste Vervollkommung des Pegasus – und reiten dann 30 Jahre lang überaus einträglich darauf herum. Zugegeben, Grass reitet nicht; er ist wandlungsfähig. Aber sein jüngster weißer Rappe namens Prosagedicht, der sich vor lauter ungelenken Schachtelsätzen die Haxen bricht, wird bis zum letzten Atemzug Dukaten scheißen, weil er einem Marken-Stalle entstammt.

Um noch kurz darauf einzugehen: Blechtrommler Grass imponierte im Laufe seines langen prominenten Lebens nicht unbedingt durch Gradlinigkeit, womit er nebenbei auf den Schlußseufzer meiner Betrachtung verweist. Während er geraume Zeit nach dem Empfang des Nobelpreises (1999) einige SS-Jugendsünden bekannte (2006), hatte er sich 1974, gemeinsam mit Böll, Walser und anderen, gegen den haarsträubenden Freispruch für den NS-Arzt Kurt Borm verwahrt. Während er vom Rande des Sarges aus die TotschlägerInnen aus dem Heiligen Land anprangert, begrüßte er 1999 die Bombardierung Jugoslawiens durch seinen Busenfreund Gerhard Schröder. Um 1970 fanden Klaus-Staeck-Plakate seinen Beifall, die den deutschen Arbeiter ironisch alarmierten, die SPD wolle ihm (dem deutschen Arbeiter, nicht Grass) die Villen im Tessin wegnehmen; im Oktober 2004 verkündete er gemeinsam mit 60 anderen Prominenten in einem Aufruf, das Ausplünderungs- und Ertüchtigungs-programm Hartz IV sei „für den Standort Deutschland überlebensnotwendig“ – wie ja auch Phrasen und Superlative für Schriftsteller unverzichtbar sind. Den Marsmännchen, die die ausgeglühte Erdkugel besichtigen werden, wird sich die Art Grass vom Skelett her als allesfressendes Chamäleon darstellen.

Die Gedanken sind frei und die Verse ohne Gedanken

Ich will nun versuchen, auf „Gedankenlyrik“ und das leidige Grenzproblem (Schlosser/Schreiner) zurückzu-kommen. Was ich bis zum Weltuntergang erbittert bekämpfen werde, das ist neben der Heiligsprechung des Volkes Israel die Vergötterung sogenannter Dichter. Hier sind wahrscheinlich die berüchtigten „Spalter der Arbeiter-klasse“ am Werk. Da die Linke im allgemeinen Hierarchien liebt, macht sie jedenfalls bei der verbreiteten Praxis, einen Keil zwischen die „Dichter“ und alle Nichtdichter zu treiben, emsig mit. Dabei stehen die Dichter – weibliche immer eingeschlossen – ersichtlich umso himmelhöher über den Nichtdichtern, je weniger es von jenen gibt. Für Blätter wie Junge Welt und Ossietzky sind unsere ehr-furchtgebietenden deutschsprachigen Dichter eigentlich nur Heine, Brecht, Hacks, Handke und, wie sich versteht, Johannes Erbrecher. Alle anderen sind nur Schriftsteller. Sie stellen ihre hölzernen Buchstaben auf wie Jägerzäune. Sie verfertigen Berliner Mauern. Nur der (linke) Dichter sitzt auf dem (hohen) Roß und webt an Deutschlands Leichentuch.

Scherz beiseite. Nach landläufiger Vorstellung – die Linke liebt alles Landläufige und Volkstümliche – ist der Dichter fürs Gefühl zuständig. Die Gedanken werden dem Schrift-steller überlassen, der sie durch die Bleiwüsten seiner Prosa schleppt, in welcher Form auch immer, ob Abhand-lung, Kurzgeschichte, Roman. Ja selbst durch Gedichte! Wie ich ja schon durch Schiller und Grass belegt habe. In Wahrheit gibt es selbstverständlich nicht ein sprachliches Erzeugnis, das von Gedanken frei wäre. Die Sprache besteht nur aus Gedanken; andernfalls wäre sie Musik. Es ist sicherlich richtig, daß wir eine von Pflaumenbäumen und Johannisbeersträuchern durchsetzte Rede zumeist anheimelnder finden als eine Rede über Pomologie (das ist die Obstbaukunde). Gleichwohl handelt es sich bei dem bekannten Vers Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen / Das Land in den See um einen durchweg begrifflichen Satz.

Wie F. G. Jünger in Sprache und Denken (1962) ausge-führt hat, sind auch unsere Dingwörter Schemata, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit den gemeinten leibhaftigen Phänomenen haben. Sie sind abstrakt. Sie stellen uns – so Jünger – durch ihre Begrifflichkeit einen „Riegel vor der Zudringlichkeit und Übermacht der Wahrnehmung“ zur Verfügung. Sie helfen uns, die Dinge und Ereignisse zu ordnen, zu klären und so zu bewältigen. Was sich dagegen Kleinfritzchen unter einem Dichter vorstellt, das ist ein Nebelwerfer, ein Schaumschläger – eine taube Nuß, in die ein hilfsbereiter Freund des Dichters, der im Kölner Dom die Altarleuchter putzt, Weihrauchkörnchen geschmuggelt hat. Aber sie haben es faustdick hinter den Ohren, diese Dichter! Sie schwören bei Gott, nur sie sprächen zu uns über Gefühle und zu Herzen gehend. Wie machen sie das denn, ohne Gedan-ken? Ohne Sprache gibt es keine Gefühle. Es gibt dann nur Regungen, von denen wir nichts wissen. Sobald wir eines Gefühls inne werden, ist es durch unser Bewußtsein gegangen. Und nur auf diesem Wege kann es auch, soweit es Schriftstücke angeht, geäußert werden.

Selbstverständlich gibt es Prosa, die ungenießbar ist – viel zu viele. Man muß dazu nicht unbedingt Grass lesen und mästen – versuchen Sie es einmal mit bereits toten Leuten wie Georg Simmel, Rudolf Steiner, ja sogar Kafka. Dessen Prosa ist unerfreulich kalt, naturfern und unsozial, wie ich schon einmal andernorts behauptet habe. Ich glaube, in dieser Hinsicht ist ihm sogar Grass vorzuziehen. Gewiß, gemäß meines Unglaubens an „Willensfreiheit“ können sie allesamt nichts dafür. Sie haben sich ihr Naturell nicht ausgesucht. Aber das heißt noch lange nicht, man müsse sie zu Denkmälern oder gar Vorbildern der Menscheit erheben.

Was eine Prosa packend macht ist, von gewissen drama-turgischen Kunstgriffen einmal abgesehen, vor allem ihr Ausdruck. Das meint jedenfalls George Orwell, der übrigens ein hervorragender Essayist war. Nach ihm hat sich der Ausdruck durch drei Merkmale auszuzeichnen: anschaulich, treffend, persönlich. Prägen Sie sich diese drei Begriffe ein. Sagen Sie sie viermal täglich auf, das ist wichtiger als Zähneputzen. Spielen sie jeden dieser drei Begriffe nach dem Aufsagen anhand verschiedener Beispielsätze, die Sie aus ihrem Gedächtnis kramen oder just neu bilden, durch. Denn Sie werden kaum über Nacht begreifen, was mit ihnen gemeint ist. Falls Sie so dumm sind, SchriftstellerIn werden zu wollen.

Ich gehe hier nur kurz auf das Merkmal persönlich ein, weil es am häufigsten mißverstanden wird. Den Vogel schießen hier die Avantgardisten ab. Es geht nicht darum, mit Neuigkeiten, Tand oder Seelenmüll zu glänzen. Ganz im Gegenteil. Wenn Sie nach einer anschaulichen und treffenden Formulierung suchen, fällt Ihnen zunächst das Naheliegendste ein, und das ist eben der ganze Schrott, der sich in den Zeitungen und auf den Bildschirmen und deshalb in Ihrem Gehirn stapelt. Einen persönlichen Zug gewinnt ein Text, wenn er Ihren Blick auf den Gegenstand (oder gar die ganze Welt) in möglichst geschlossener Konsequenz zeigt. Da können selbst Äpfel und Birnen oder die Pomologie oder ein Pferd wie der zugegeben rare weiße Rappe helfen, die so nur bei Ihnen vorkommen, weil Sie, und damit ihr Text, dafür disponiert waren.

Der schwarze Rappe galoppiert

In meinem Aufsatz über Fotografie und Film Klappe zu, Affe tot, vor etlichen Jahren in der Zeitschrift Die Brücke erschienen, schwang ich mich zu dem verkünderischen Satz auf, mit jeder Grenze, die fiele, rückten wir dem Nichts näher. Das ging selbstverständlich gegen die unübersehbare, Besorgnis erregende historische Tendenz der Verklumpung und Vermanschung, die mit dem Kapitalismus höchstens einen neuen Schärfegrad – und mit dem vielleicht von mir geprägten Begriff der Globalli-sierung ihren eigenen Witz bekommen hat. Sie wird uns zum schwarzen Rappen, also zu immer mehr Tautologien, und schließlich zu jenem Tröpfchen hochkonzentrierter „Ursuppe“ führen, das Gott dereinst vom Himmel fallen ließ, bevor er mit mächtigem Knall furzte. Das Peinliche ist nur: auf der anderen Seite werden meine Schriften von Schimpfkanonaden gegen die Trennungen durchzogen: Arbeit/Freizeit, Schule/Leben, Privatsache/Öffentlicher Dienst, Sachbuch/Belletristik, Erwerbsleben/Ruhestand und dergleichen mehr. Die DDR ist keineswegs an den streckenweise lächerlichen „Fehlern“ zugrunde gegangen, die Friedrich Wolff im jüngsten Ossietzky aufzählt (Heft 11/2012). Grundsätzlich betrachtet, scheiterte sie an fehlender Konsequenz, stellte sie doch nie eine Alternative zum Kapitalismus dar, den sie beneidete und nachäffte. Wolff jedoch beklagt das „psychologische“ Ungeschick der SED-Fürsten bei der Erläuterung ihrer marxistisch-leninistischen Linie und das Fehlen „materieller Anreize“ – man konnte dem Westen in der Durchtriebenheit nicht das Wasser reichen. Und im besonderen scheiterte die DDR am Unwillen, die „Mauern“ zwischen Gebrauchs- und Tauschwert, Bürgern und Politikern, Notwendigkeit und Vergnügen und so weiter einzureißen. Sie war eine gespaltene Gesellschaft.

Aber da haben wir es schon. Jene Konsequenz hätte ja mehr Abgrenzung vom Goldenen Westen erfordert, also gerade das Trennende betont. Im gleichen Selbstwider-spruch halte ich die Verpanschung von Lyrik und Prosa für unzulässig, während ich in meinen „Erzählungen“ emsig Betrachtungen anstelle und in meinen „Betrachtungen“ emsig erzähle. Einerseits fordere ich den allseitig gebil-deten und geschickten Menschen; andererseits winde ich mich angesichts der Bühnenshows zeitgenössischen „Theaters“, die keine Gattung der Kunst und der Über-redung auslassen, in Magenkrämpfen. Ich befürworte anarchistische Kommunen, bei denen „alles unter einem Dach“ lebt und schafft, führe selber das Leben eines Eigenbrötlers, dem Distanz über alles geht, hasse Kauf-häuser und verachte illustrierte Literatur. Und so weiter.

Ich schließe mit einer Behauptung, die ich so schnell nicht beweisen kann: hätte ich auf dieser Webseite 100 Leser-Innen, die ich zudem einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung aussetzen dürfte, käme ich zu 100 völlig unterschiedlichen Gepflogenheiten, was deren Praxis der Grenzziehung angeht. Jeder würde dieselben Phänomene anders nach „dies gehört vereinigt / dies gehört getrennt“ verlesen. In dieser Hinsicht herrscht, ich wette darauf, die reinste Willkür. Somit sollte man von flammenden Worten nie auf die Gesetzgebungskraft ihrer VerkünderInnen schließen.



Siehe auch
Experiment von Günter Eich, vorletzter Absatz des Beitrags
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