Mittwoch, 20. Juni 2012
Über die Kunst des Winselns um Gnade
Die Keimform nachstehender Auffassung über Hundehaltung findet sich im Bott-Buch, Kapitel VI, Abschnitt 2, gegen Ende.


Ich habe mein Stück Hunde wollt ihr ... bei einem Wett-bewerb eingereicht. Man wird vielleicht sagen: na prima – und warum erzählen Sie uns das? Weil ein Wunder geschah: meine Bewerbung wurde mir anderntags vom Sekretariat der Jury schriftlich bestätigt. Das hat Seltenheitswert. Es ist schon viel, wenn man nach fünf oder sieben Monaten auf eine entsprechende Nachfrage zu hören bekommt: „Der Preis konnte leider nicht an Sie vergeben werden. Aber hätten sie das nicht schon den Medien entnehmen können?“ Schreibe ich dann zurück, ich besäße weder Zeitungsabonnement noch Fernsehgerät und sei von meinem Hausarzt auch vor dem Internet gewarnt worden, wissen diese Leute wenigstens, daß sie ihren Preis einem Kranken verweigert haben.

Nicht-Literaten ist es vielleicht nicht klar: diese Preis-gremien, die über das Schicksal von Kunstwerken und Künstlern entscheiden, sind ganz überwiegend zu ihrem Amt gekommen wie die Amis und die Israelis zu ihren Atombomben: durch Selbstermächtigung. Sie hatten zufällig das Stiftungskapital, weil ein wackerer Verwandter das Dynamit erfunden hatte, oder doch wenigstens das Geld dafür, sich die Mehrheit in den zuständigen Parla-mentsgremien oder sogenannten öffentlich-rechtlichen Anstalten zu verschaffen. Einmal am Hebel, haben sie es natürlich auch nicht nötig, ihre unerforschlichen Rat- beziehungsweise Ausschlüsse mit mehr als Phrasen beziehungsweise Schweigen zu begründen. Sie haben es noch nicht einmal nötig, Ausreden wie die sogenannten „Sachzwänge“ zu bemühen. Sie kosten beim Überfliegen und Verwerfen der 300 bis 1.000 eingereichten Manuskripte ihre Macht aus, und dabei möchten sie nicht gestört werden, zumal sie noch den Hund Gassi führen müssen. Ich wäre nicht verblüfft, wenn 9 von 10 Mitglie-dern unserer Literaturpreisgerichte HundehalterInnen wären. Trifft diese Vermutung zu, erklärt sich auch mein überwältigender Erfolg bei ihnen. „Sie pinkeln ja in jedem dritten Text die Hunde an!“ hielt mir einmal bei einer Lesung eine ältere Dame vor. Ich stellte richtig: „Wenn schon, dann die HalterInnen der Hunde, bitte schön!“ Es half nichts. Sie fuhr verzweifelt fort: „Was haben Sie denn gegen Hunde? Hatten Sie in ihrer Kindheit traumatische Erlebnisse mit ihnen? Dann hülfe vielleicht eine moderne Verhaltenstherapie. Wissen Sie, der Therapeut führt Sie ganz allmählich an den Hund heran, vom Dackel bis zum Dobermann, und früher oder später werden Sie freude-strahlend erkennen: Der tut mir ja gar nichts, der ist ganz lieb!

Ich bin mit Hunden aufgewachsen und kann mich von daher nicht über sie beklagen. Im nordhessischen Städt-chen Gudensberg, wo wir am Ortsrand wohnten, lag die schwarze Schäferhündin Anka nachts in ihrem Zwinger, um meine dreikäsehohen Träume zu bewachen. Tagsüber tollten wir oft durch die Felder. Mein Argwohn gegen Hundehaltung wurde erst geweckt, als ich mich um 40 mit Philosophie und um 50 mit anarchistischen Kommunen befaßte. Mir dämmerte, hier stimmt etwas nicht. Meine Mitkommunarden ekelten sich vor Befehlshabern und Hierarchien, aber ihren Köter maßregelten und züchtigten sie wie andere Leute ihr Kind. Das war ja bei uns verboten, das Kinderzüchtigen. Also boten sich die Hunde an. Und sie hätschelten ihren Köter auch wie andere Leute ihr Kind. Sie befleißigten sich also der Methode Zuckerbrot & Peitsche, die nach allem, was ich gehört und gelesen hatte, in libertär gestimmten Kreisen verpönt, ja sogar verachtet wird. Hier war es plötzlich hoffähig, daß ein Mitwesen in einem fort entweder um Befehle oder aber um Liebe bettelte. Hier nahm man plötzlich an Sklavenhaltung keinen Anstoß. Hier durften plötzlich vierbeinige Verkörperungen der Unterwürfigkeit Tisch und Bett der anarchistischen Kommune teilen. Freilich kann ich es inzwischen, nach 15 Jahren der rotgrünen Restauration, irgendwo auch wieder verstehen. Die Kommunen kämpfen ums Überleben; sie haben wenig Zulauf; man sollte ihnen nicht auch noch die Hunde wegnehmen.

Um das Machtgefühl zu studieren, das aus Hundehaltung erwächst, genügt es eigentlich, die Gesichtszüge eines Amtsgerichtsdieners oder einer Supermarktverkäuferin zu beobachten, deren dänische Dogge gerade das Hinterbein hebt. Sie dürfen ungestraft jeden Laternenpfahl anpinkeln, den Staat! Sie dürfen ungestraft die Haustür anpinkeln, des Nachbarn! Sie dürfen das deutsche Reinheitsgebot unterlaufen und hinscheißen, wo sie wollen! Sie dürfen das Grundgesetz aushebeln, denn wo ein Rottweiler auf einem Feldweg steht, hat die Freizügigkeit ihre Grenzen. Dafür werden sie selber vom Erwerb eines Waffenscheins befreit. Übrigens hat die Freizügigkeit schon dort ihre Grenzen, wo sich der Wächter des Hauses mit einem Gebell an den Maschendraht wirft, das jedem herzschwachen Rentner drei Tage Lebenserwartung raubt.

Der Lieblingseinwand der HundehalterInnen ist bekannt: Ich will ja nicht sagen, Sie hätten das alles an den Haaren herbeigezogen, aber für meinen Langhaardackel gilt das nicht! Grundsätze, die für alle Mitglieder einer Gemein-schaft gelten, sind den HundehalterInnen scheißegal. Ein Grundsatz ist es zum Beispiel, niemanden zu bedrohen. Was sollen wir aber von einem Menschen halten, der uns mit einem Messer in der Hand entgegen kommt? Sollen wir uns da mit dem Gedanken trösten, vielleicht will er nur Kartoffeln schälen oder Spargel stechen? Nein – ich habe in jedem Falle Angst. Denn jeder öffnungsfähige Hunderachen ist ein Messer. Und das Angstmachen ist der beliebteste Volkssport auf Erden. Macht man nicht mit Hunden Angst, dann vor der Hundegrippe. Ein Mensch, der mit seinem Köter umherstolziert, ob angeleint oder nicht, steht jenen Preisgremien in der Selbstermächtigung um keinen Deut nach. Mir bleibt nur übrig, zu reagieren, ob mit Schweißausbruch, Umweg oder Beschimpfung.

Ich verlasse das schlüpfrige Pflaster der Psychologie und betrete die Volkswirtschaft. Man schätze einmal, wieviele Indiokinder von dem Geld, das wir Zivilisierten für Hundehaltung ausgeben, 10 Jahre lang ernährt und auf eine höhere Schule geschickt werden könnten? Freilich, den Indiokindern könnte der Futtermulti Mars Incorpo-rated nicht so leicht Pedigree Pal verkaufen, noch nicht. Für diesen ist es einträglicher, eine sogenannte Expertin zu kaufen, die in einer beliebten Haustierzeitschrift verkün-det, diese und jene Hundesorte sei besonders kinderlieb. Die uns alle Vierteljahre erfreuenden Meldungen, Hund Soundso hätte Kleinkind Soundso totgebissen, seien nur Zeitungsenten. Und was ist denn von jenen Menschen-versuchen zu halten, die an palästinensischen oder afghanischen Kindern angestellt werden, indem sie vor den Augen ihrer Eltern von den Befreiern ihres Landes erschossen werden? Man sperrt diese Kinder zu diesem Zwecke noch nicht einmal in Tierheime oder Labore ein, das wäre viel zu teuer.

Man wird vielleicht einwenden, wer Hundefutterfabriken boykottiere, mache Tausende von armen Menschen arbeitslos. Das Argument wiegt allerdings schwer, gibt es doch in Deutschland seit jenem unseligen Nachkriegstag, da wir die KZs schließen mußten, nichts Verwerflicheres als die Vernichtung von Arbeitsplätzen. Deshalb macht sich auch die sogenannte „Linkspartei“ für fünf Meter breite Offroaders und geschickt lackierte Schützenpanzer von Volkswagen stark. Am liebsten würde sie ihre ehemalige Landsmännin Angela Merkel bitten, das nächste milliardenschwere Rettungspaket ins Ozonloch zu werfen. Dadurch würde das Ozonloch endlich deutlich größer, und dem Aufschwung in unseren Hautkrebskliniken stünde nichts mehr im Wege.

Am meisten fürchte ich freilich den Einwand, ich möge gefälligst etwas weniger bissig schreiben, dann machte ich mir auch nicht so viele Feinde, wogegen meine Aussichten, jemals einen Literaturpreis zu erringen, sicherlich sprung-haft anstiegen. Ich fürchte diesen Einwand, weil er kaum zu entkräften ist. Denn die Sache ist, wie sie der Schrift-steller Hans Henny Jahnn einmal vor der Literaturklasse der Mainzer Akademie beschrieb: Niemand könne plötzlich beschließen, wie Hedwig Courths-Mahler zu schreiben. Denn jeder sei auf sein Naturell festgenagelt, so wie der Hund auf sein Fell.



Siehe auch
Selbsthilfe gegen Hunde im eingangs erwähnten Theaterstück
Im Köfel-Buch Kapitel VI Waffenschein für Hunde
Hundeopfer im nächsten Beitrag dieses Bandes (6)
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